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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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Regierungsblätter.
nicht anders erwarten ließ, Censurfreiheit für das Blatt forderte, da trug
man Bedenken das Bundesgesetz zu übertreten, obgleich doch schon im
letzten Jahrzehnt die durch Pertz geleitete amtliche Hannoversche Zeitung,
unbehelligt vom Bundestage, lange ohne Censur erschienen war. Die Ver-
handlungen zerschlugen sich; auch was später noch von ähnlichen Plänen auf-
tauchte scheiterte an bureaukratischen Bedenklichkeiten. Man begnügte sich zu-
nächst mit der Unterstützung der Literarischen Zeitung, die unter der Leitung
von K. H. Brandes schon seit einigen Jahren bestand, und bald hieß es in
der gelehrten Welt, leider nicht ohne Grund: wer an diesem Blatte mit arbeite,
könne am sichersten auf Beförderung rechnen. Die Zeitung schrieb maß-
voll, "in festem Vertrauen auf die unbesiegliche und ewige Jugend des
christlich-deutschen Geistes," und sagte wider die Flachheit der modischen
Aufklärer manches treffende Wort; aber ein begeisterndes Ideal vermochte
sie der liberalen Freiheitsschwärmerei nicht entgegenzustellen. Ihr schwer-
fälliger Doctrinarismus konnte weder, wie einst das Politische Wochen-
blatt, den legitimistischen Kreuzfahrersinn aufregen, noch den naturwüch-
sigen monarchischen Instinkt des Volks, den Stolz auf das eiserne Kreuz
und die schwarzweißen Fahnen wachrufen.

Noch weniger bewährte sich nachher der Schwabe Victor Aime Huber,
der auf Radowitz's Empfehlung berufen wurde,*) auch eines von den vielen
Talenten, welche der König an falscher Stelle verbrauchte. Gedankenreich,
ernst, tief-fromm, hatte Huber früher als die meisten Zeitgenossen den
socialen Hintergrund des modernen Parteiwesens, den Zusammenhang der
liberalen Doctrin mit den Interessen des beweglichen Capitals durchschaut.
Aber die fruchtbaren socialpolitischen Ideen, die ihm späterhin verdienten
Ruhm schaffen sollten, waren noch nicht zur Reife gelangt als er nach
Berlin kam; er kannte die preußischen Zustände wenig und fühlte sich in
der Polemik gegen den Liberalismus schon darum unsicher, weil er selbst
die regelmäßige Berufung eines ständisch gegliederten Reichstags wünschte.
Auf dem Berliner Katheder hatte der Unbeholfene ebensowenig Erfolg,
wie mit seiner Zeitschrift Janus, die vom Könige, anfangs sogar ohne
Vorwissen der Minister, freigebig unterstützt wurde, auch von Leo, Gerlach,
Stahl einige Beiträge empfing und gleichwohl nur einen winzigen Leser-
kreis gewann. In Königsberg gab der gelehrte Statistiker F. W. Schubert,
der dem gemäßigten Liberalismus nahe stand, eine conservative Zeitung
heraus; auf den Westen sollte Professor Bercht, ein wohlmeinender, einst
als Demagog verfolgter Patriot, durch seinen Rheinischen Beobachter ein-
wirken. Doch beide Regierungsblätter gediehen nicht, weil das hohe Be-
amtenthum alles Zeitungstreiben tief verachtete und sie weder mit Bei-
trägen noch mit Geldmitteln genugsam unterstützte.

So blieb denn diese Regierung, die so hoch über ihrem Volke zu

*) Thile's Bericht an den König, 6. April 1843.

Regierungsblätter.
nicht anders erwarten ließ, Cenſurfreiheit für das Blatt forderte, da trug
man Bedenken das Bundesgeſetz zu übertreten, obgleich doch ſchon im
letzten Jahrzehnt die durch Pertz geleitete amtliche Hannoverſche Zeitung,
unbehelligt vom Bundestage, lange ohne Cenſur erſchienen war. Die Ver-
handlungen zerſchlugen ſich; auch was ſpäter noch von ähnlichen Plänen auf-
tauchte ſcheiterte an bureaukratiſchen Bedenklichkeiten. Man begnügte ſich zu-
nächſt mit der Unterſtützung der Literariſchen Zeitung, die unter der Leitung
von K. H. Brandes ſchon ſeit einigen Jahren beſtand, und bald hieß es in
der gelehrten Welt, leider nicht ohne Grund: wer an dieſem Blatte mit arbeite,
könne am ſicherſten auf Beförderung rechnen. Die Zeitung ſchrieb maß-
voll, „in feſtem Vertrauen auf die unbeſiegliche und ewige Jugend des
chriſtlich-deutſchen Geiſtes,“ und ſagte wider die Flachheit der modiſchen
Aufklärer manches treffende Wort; aber ein begeiſterndes Ideal vermochte
ſie der liberalen Freiheitsſchwärmerei nicht entgegenzuſtellen. Ihr ſchwer-
fälliger Doctrinarismus konnte weder, wie einſt das Politiſche Wochen-
blatt, den legitimiſtiſchen Kreuzfahrerſinn aufregen, noch den naturwüch-
ſigen monarchiſchen Inſtinkt des Volks, den Stolz auf das eiſerne Kreuz
und die ſchwarzweißen Fahnen wachrufen.

Noch weniger bewährte ſich nachher der Schwabe Victor Aimé Huber,
der auf Radowitz’s Empfehlung berufen wurde,*) auch eines von den vielen
Talenten, welche der König an falſcher Stelle verbrauchte. Gedankenreich,
ernſt, tief-fromm, hatte Huber früher als die meiſten Zeitgenoſſen den
ſocialen Hintergrund des modernen Parteiweſens, den Zuſammenhang der
liberalen Doctrin mit den Intereſſen des beweglichen Capitals durchſchaut.
Aber die fruchtbaren ſocialpolitiſchen Ideen, die ihm ſpäterhin verdienten
Ruhm ſchaffen ſollten, waren noch nicht zur Reife gelangt als er nach
Berlin kam; er kannte die preußiſchen Zuſtände wenig und fühlte ſich in
der Polemik gegen den Liberalismus ſchon darum unſicher, weil er ſelbſt
die regelmäßige Berufung eines ſtändiſch gegliederten Reichstags wünſchte.
Auf dem Berliner Katheder hatte der Unbeholfene ebenſowenig Erfolg,
wie mit ſeiner Zeitſchrift Janus, die vom Könige, anfangs ſogar ohne
Vorwiſſen der Miniſter, freigebig unterſtützt wurde, auch von Leo, Gerlach,
Stahl einige Beiträge empfing und gleichwohl nur einen winzigen Leſer-
kreis gewann. In Königsberg gab der gelehrte Statiſtiker F. W. Schubert,
der dem gemäßigten Liberalismus nahe ſtand, eine conſervative Zeitung
heraus; auf den Weſten ſollte Profeſſor Bercht, ein wohlmeinender, einſt
als Demagog verfolgter Patriot, durch ſeinen Rheiniſchen Beobachter ein-
wirken. Doch beide Regierungsblätter gediehen nicht, weil das hohe Be-
amtenthum alles Zeitungstreiben tief verachtete und ſie weder mit Bei-
trägen noch mit Geldmitteln genugſam unterſtützte.

So blieb denn dieſe Regierung, die ſo hoch über ihrem Volke zu

*) Thile’s Bericht an den König, 6. April 1843.
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[203/0217] Regierungsblätter. nicht anders erwarten ließ, Cenſurfreiheit für das Blatt forderte, da trug man Bedenken das Bundesgeſetz zu übertreten, obgleich doch ſchon im letzten Jahrzehnt die durch Pertz geleitete amtliche Hannoverſche Zeitung, unbehelligt vom Bundestage, lange ohne Cenſur erſchienen war. Die Ver- handlungen zerſchlugen ſich; auch was ſpäter noch von ähnlichen Plänen auf- tauchte ſcheiterte an bureaukratiſchen Bedenklichkeiten. Man begnügte ſich zu- nächſt mit der Unterſtützung der Literariſchen Zeitung, die unter der Leitung von K. H. Brandes ſchon ſeit einigen Jahren beſtand, und bald hieß es in der gelehrten Welt, leider nicht ohne Grund: wer an dieſem Blatte mit arbeite, könne am ſicherſten auf Beförderung rechnen. Die Zeitung ſchrieb maß- voll, „in feſtem Vertrauen auf die unbeſiegliche und ewige Jugend des chriſtlich-deutſchen Geiſtes,“ und ſagte wider die Flachheit der modiſchen Aufklärer manches treffende Wort; aber ein begeiſterndes Ideal vermochte ſie der liberalen Freiheitsſchwärmerei nicht entgegenzuſtellen. Ihr ſchwer- fälliger Doctrinarismus konnte weder, wie einſt das Politiſche Wochen- blatt, den legitimiſtiſchen Kreuzfahrerſinn aufregen, noch den naturwüch- ſigen monarchiſchen Inſtinkt des Volks, den Stolz auf das eiſerne Kreuz und die ſchwarzweißen Fahnen wachrufen. Noch weniger bewährte ſich nachher der Schwabe Victor Aimé Huber, der auf Radowitz’s Empfehlung berufen wurde, *) auch eines von den vielen Talenten, welche der König an falſcher Stelle verbrauchte. Gedankenreich, ernſt, tief-fromm, hatte Huber früher als die meiſten Zeitgenoſſen den ſocialen Hintergrund des modernen Parteiweſens, den Zuſammenhang der liberalen Doctrin mit den Intereſſen des beweglichen Capitals durchſchaut. Aber die fruchtbaren ſocialpolitiſchen Ideen, die ihm ſpäterhin verdienten Ruhm ſchaffen ſollten, waren noch nicht zur Reife gelangt als er nach Berlin kam; er kannte die preußiſchen Zuſtände wenig und fühlte ſich in der Polemik gegen den Liberalismus ſchon darum unſicher, weil er ſelbſt die regelmäßige Berufung eines ſtändiſch gegliederten Reichstags wünſchte. Auf dem Berliner Katheder hatte der Unbeholfene ebenſowenig Erfolg, wie mit ſeiner Zeitſchrift Janus, die vom Könige, anfangs ſogar ohne Vorwiſſen der Miniſter, freigebig unterſtützt wurde, auch von Leo, Gerlach, Stahl einige Beiträge empfing und gleichwohl nur einen winzigen Leſer- kreis gewann. In Königsberg gab der gelehrte Statiſtiker F. W. Schubert, der dem gemäßigten Liberalismus nahe ſtand, eine conſervative Zeitung heraus; auf den Weſten ſollte Profeſſor Bercht, ein wohlmeinender, einſt als Demagog verfolgter Patriot, durch ſeinen Rheiniſchen Beobachter ein- wirken. Doch beide Regierungsblätter gediehen nicht, weil das hohe Be- amtenthum alles Zeitungstreiben tief verachtete und ſie weder mit Bei- trägen noch mit Geldmitteln genugſam unterſtützte. So blieb denn dieſe Regierung, die ſo hoch über ihrem Volke zu *) Thile’s Bericht an den König, 6. April 1843.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 203. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/217>, abgerufen am 17.04.2021.