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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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V. 3. Enttäuschung und Verwirrung.
Dämmerscheine der langen nordischen Sommernächte wie ein grüngoldener
Schleier über dem Meere lag. In sinnigen Worten faßte er jetzt zu-
sammen was er für den Osten wie für den Westen seiner Lande empfand
und trank auf das Wohl der beiden Städte Saarbrücken und Memel.
So wand er sich Rose auf Rose in den Kranz seines Lebens. Er be-
durfte des Glückes; in solchen Tagen poetischer Wanderfreuden sprühte
er von Geist und Leben. Der Eindruck war so blendend, daß selbst der
nüchterne König von Württemberg ganz bezaubert von den rheinischen
Festen heimkam, und der Gesandte aus Stuttgart ehrlich berichtete: "wenn
Seine Majestät überhaupt ein Herz für irgend Jemand auf der Welt
haben, so ist es Euerer Majestät zugewandt."*)

Auch außerhalb des Rheinlandes erwarb sich Friedrich Wilhelm durch
diese Festreden für kurze Zeit wieder die Gunst des Volkes; denn überall
in Deutschland herrschte während des heißen Sommers von 1842 eine
gehobene patriotische Stimmung. Mehr noch als die Freude an dem
großen rheinischen Nationalwerke beschäftigte die deutschen Herzen die ge-
meinsame Theilnahme für das unglückliche Hamburg. Am 5. Mai, als
man grade die neue Eisenbahn nach Bergedorf festlich zu eröffnen dachte,
wurde die Hansestadt von einem ungeheueren Brande heimgesucht. Drei
und einen halben Tag hindurch wütheten die Flammen; an zweitausend
Häuser, mehr als ein Fünftel der Stadt, sanken in Asche, darunter alle
die prächtigen neuen Gebäude des Jungfernstiegs an dem Wasserbecken
der Alster; fast zwanzigtausend Menschen verloren ihr Obdach, den Schaden
schätzte man auf 45 Millionen Thaler. Das grauenhafte Schauspiel
erinnerte an die Sagen des Alterthums. Ein Funkenregen, wie er einst
auf Pompeji herabsank, wurde vom mißgünstigen Winde weithin über
die Stadt getragen; in mächtigen Springquellen stieg der brennende Sprit
aus den großen Weinlagern auf und nieder, das Wasser der Fleete mit
blauen Flämmchen bedeckend; die schreckliche Hitze und ein feiner Staub,
der wie glühendes Mehl in alle Poren drang, benahmen den Menschen
fast die Sinne. Zu Anfang betrugen sich die Behörden schwach und
kopflos; auch die Bürger zeigten die allen Großstädtern bei Feuerlärm
eigenthümliche Gleichgiltigkeit und vertrauten blindlings auf ihre gerühm-
ten Löschanstalten. Die Größe der Gefahr ward erst erkannt, als der
hohe Thurm der Nicolaikirche jählings auf das Kirchendach herabstürzte,
mit seinen umherfliegenden Trümmern alle Häuser ringsum entzündend,
und sein schönes Glockenspiel im Herabfallen wie in wahnsinniger Ver-
zweiflung grelle Mißtöne erklingen ließ. Nun erst erlaubte der Senat,
daß unter der Leitung des verdienten englischen Ingenieurs Lindley ganze
Häuserreihen in die Luft gesprengt oder mit Kanonen zusammengeschossen
wurden, sogar das ehrwürdige Rathhaus, wo der Senat ein halbes Jahr-

*) Rochow's Bericht, 25. Sept. 1842.

V. 3. Enttäuſchung und Verwirrung.
Dämmerſcheine der langen nordiſchen Sommernächte wie ein grüngoldener
Schleier über dem Meere lag. In ſinnigen Worten faßte er jetzt zu-
ſammen was er für den Oſten wie für den Weſten ſeiner Lande empfand
und trank auf das Wohl der beiden Städte Saarbrücken und Memel.
So wand er ſich Roſe auf Roſe in den Kranz ſeines Lebens. Er be-
durfte des Glückes; in ſolchen Tagen poetiſcher Wanderfreuden ſprühte
er von Geiſt und Leben. Der Eindruck war ſo blendend, daß ſelbſt der
nüchterne König von Württemberg ganz bezaubert von den rheiniſchen
Feſten heimkam, und der Geſandte aus Stuttgart ehrlich berichtete: „wenn
Seine Majeſtät überhaupt ein Herz für irgend Jemand auf der Welt
haben, ſo iſt es Euerer Majeſtät zugewandt.“*)

Auch außerhalb des Rheinlandes erwarb ſich Friedrich Wilhelm durch
dieſe Feſtreden für kurze Zeit wieder die Gunſt des Volkes; denn überall
in Deutſchland herrſchte während des heißen Sommers von 1842 eine
gehobene patriotiſche Stimmung. Mehr noch als die Freude an dem
großen rheiniſchen Nationalwerke beſchäftigte die deutſchen Herzen die ge-
meinſame Theilnahme für das unglückliche Hamburg. Am 5. Mai, als
man grade die neue Eiſenbahn nach Bergedorf feſtlich zu eröffnen dachte,
wurde die Hanſeſtadt von einem ungeheueren Brande heimgeſucht. Drei
und einen halben Tag hindurch wütheten die Flammen; an zweitauſend
Häuſer, mehr als ein Fünftel der Stadt, ſanken in Aſche, darunter alle
die prächtigen neuen Gebäude des Jungfernſtiegs an dem Waſſerbecken
der Alſter; faſt zwanzigtauſend Menſchen verloren ihr Obdach, den Schaden
ſchätzte man auf 45 Millionen Thaler. Das grauenhafte Schauſpiel
erinnerte an die Sagen des Alterthums. Ein Funkenregen, wie er einſt
auf Pompeji herabſank, wurde vom mißgünſtigen Winde weithin über
die Stadt getragen; in mächtigen Springquellen ſtieg der brennende Sprit
aus den großen Weinlagern auf und nieder, das Waſſer der Fleete mit
blauen Flämmchen bedeckend; die ſchreckliche Hitze und ein feiner Staub,
der wie glühendes Mehl in alle Poren drang, benahmen den Menſchen
faſt die Sinne. Zu Anfang betrugen ſich die Behörden ſchwach und
kopflos; auch die Bürger zeigten die allen Großſtädtern bei Feuerlärm
eigenthümliche Gleichgiltigkeit und vertrauten blindlings auf ihre gerühm-
ten Löſchanſtalten. Die Größe der Gefahr ward erſt erkannt, als der
hohe Thurm der Nicolaikirche jählings auf das Kirchendach herabſtürzte,
mit ſeinen umherfliegenden Trümmern alle Häuſer ringsum entzündend,
und ſein ſchönes Glockenſpiel im Herabfallen wie in wahnſinniger Ver-
zweiflung grelle Mißtöne erklingen ließ. Nun erſt erlaubte der Senat,
daß unter der Leitung des verdienten engliſchen Ingenieurs Lindley ganze
Häuſerreihen in die Luft geſprengt oder mit Kanonen zuſammengeſchoſſen
wurden, ſogar das ehrwürdige Rathhaus, wo der Senat ein halbes Jahr-

*) Rochow’s Bericht, 25. Sept. 1842.
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[178/0192] V. 3. Enttäuſchung und Verwirrung. Dämmerſcheine der langen nordiſchen Sommernächte wie ein grüngoldener Schleier über dem Meere lag. In ſinnigen Worten faßte er jetzt zu- ſammen was er für den Oſten wie für den Weſten ſeiner Lande empfand und trank auf das Wohl der beiden Städte Saarbrücken und Memel. So wand er ſich Roſe auf Roſe in den Kranz ſeines Lebens. Er be- durfte des Glückes; in ſolchen Tagen poetiſcher Wanderfreuden ſprühte er von Geiſt und Leben. Der Eindruck war ſo blendend, daß ſelbſt der nüchterne König von Württemberg ganz bezaubert von den rheiniſchen Feſten heimkam, und der Geſandte aus Stuttgart ehrlich berichtete: „wenn Seine Majeſtät überhaupt ein Herz für irgend Jemand auf der Welt haben, ſo iſt es Euerer Majeſtät zugewandt.“ *) Auch außerhalb des Rheinlandes erwarb ſich Friedrich Wilhelm durch dieſe Feſtreden für kurze Zeit wieder die Gunſt des Volkes; denn überall in Deutſchland herrſchte während des heißen Sommers von 1842 eine gehobene patriotiſche Stimmung. Mehr noch als die Freude an dem großen rheiniſchen Nationalwerke beſchäftigte die deutſchen Herzen die ge- meinſame Theilnahme für das unglückliche Hamburg. Am 5. Mai, als man grade die neue Eiſenbahn nach Bergedorf feſtlich zu eröffnen dachte, wurde die Hanſeſtadt von einem ungeheueren Brande heimgeſucht. Drei und einen halben Tag hindurch wütheten die Flammen; an zweitauſend Häuſer, mehr als ein Fünftel der Stadt, ſanken in Aſche, darunter alle die prächtigen neuen Gebäude des Jungfernſtiegs an dem Waſſerbecken der Alſter; faſt zwanzigtauſend Menſchen verloren ihr Obdach, den Schaden ſchätzte man auf 45 Millionen Thaler. Das grauenhafte Schauſpiel erinnerte an die Sagen des Alterthums. Ein Funkenregen, wie er einſt auf Pompeji herabſank, wurde vom mißgünſtigen Winde weithin über die Stadt getragen; in mächtigen Springquellen ſtieg der brennende Sprit aus den großen Weinlagern auf und nieder, das Waſſer der Fleete mit blauen Flämmchen bedeckend; die ſchreckliche Hitze und ein feiner Staub, der wie glühendes Mehl in alle Poren drang, benahmen den Menſchen faſt die Sinne. Zu Anfang betrugen ſich die Behörden ſchwach und kopflos; auch die Bürger zeigten die allen Großſtädtern bei Feuerlärm eigenthümliche Gleichgiltigkeit und vertrauten blindlings auf ihre gerühm- ten Löſchanſtalten. Die Größe der Gefahr ward erſt erkannt, als der hohe Thurm der Nicolaikirche jählings auf das Kirchendach herabſtürzte, mit ſeinen umherfliegenden Trümmern alle Häuſer ringsum entzündend, und ſein ſchönes Glockenſpiel im Herabfallen wie in wahnſinniger Ver- zweiflung grelle Mißtöne erklingen ließ. Nun erſt erlaubte der Senat, daß unter der Leitung des verdienten engliſchen Ingenieurs Lindley ganze Häuſerreihen in die Luft geſprengt oder mit Kanonen zuſammengeſchoſſen wurden, ſogar das ehrwürdige Rathhaus, wo der Senat ein halbes Jahr- *) Rochow’s Bericht, 25. Sept. 1842.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 178. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/192>, abgerufen am 13.04.2021.