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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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Schön und Dohna.
menschlichen Tage noch von einem Stück Pergament die Rechte meiner
Krone nehmen. Ich will nicht die Verfassung meines Landes ändern.
Und Alles dies weil ich nicht darf." Darum verlangte er
Schön's "Hilfe gegen das Streben der Dunkelmänner, Juden und Juden-
genossen" und trug ihm auf, das Schreiben den ostpreußischen Freunden
zu zeigen.

Er fühlte jedoch insgeheim, daß Schön diesem Befehle kaum nachkom-
men konnte ohne sich selbst bloszustellen, und ließ daher Abschriften seines
Briefes dem neuen Oberpräsidenten sowie anderen namhaften Männern
der Provinz zugehen. Als ihm nun Bötticher meldete, daß Schön über
"den köstlichen königlichen Brief" beharrlich schwieg,*) da gerieth er in
schweren Zorn. Vergeblich hielt ihm Schön's Schüler Flottwell vor: man
dürfe die Ostpreußen nicht mit dem gewöhnlichen Maßstabe messen, da
dort die Mehrzahl der einsichtigen und zugleich treu ergebenen Männer
"durch die Ideen von Kant wie die Erde von den Strahlen der herbst-
lichen Sonne auf eine wunderbare Weise erleuchtet, erwärmt, ja durch-
glüht würde"**). Neue Kundgebungen Jacoby's und seiner Königsberger
Freunde brachten den Unmuth des Monarchen zum Ausbruch, und er
wiederholte was er zu Schön gesagt noch nachdrücklicher in einem Briefe
an General Dohna (24. Febr. 1843)***). "Ich möchte", schrieb er hier,
"wie aus Roland's Horn einen Ruf an die edlen treuen Männer in
Preußen ergehen lassen, sich um mich wie treue Lehensmänner zu schaaren,
die kleineren Uebel über das anwachsende große, jammerschwangere Uebel
zu vergessen und auf meiner Seite den unblutigen geistigen Kampf zu
kämpfen, der allein aber gewiß den blutigen Kampf unmöglich macht ...
Solch' Unglück ist für Preußen und für Königsberg insbesondere die Existenz
und das Walten jener schnöden Judenclique mit ihrem schwanzläppischen
und albernen Kläffer!! Die freche Rotte legt täglich durch Wort, Schrift
und Bild die Axt an die Wurzel des teutschen Wesens; sie will nicht
(wie ich) Veredlung und freies Nebeneinanderstellen der Stände, die allein
ein teutsches Volk bilden; sie will Zusammensudeln aller Stände ... Ich
würde Gott, meinem Volke und mir selbst lügen, gäbe ich je eine Con-
stitution
, eine Charte und meinem Volke mit ihnen die nothwendigen
Bedingungen zu endlosen Unwahrheiten: erlogene Unfehlbarkeit des Königs,
unwahre Budgets, Lüge des Angriffs und des Vertheidigung, Lüge des
Lobes und des Tadels, Comödie vor und hinter den Kulissen, wie
solches zum Schaden und zum Ekel in den constitutionellen Staaten
zu sehen ist, wo nur eine Wahrheit waltet: die, daß eine Partei sich

*) Bötticher's Bericht an den König, 6. Jan. 1843.
**) Flottwell an König Friedrich Wilhelm, Magdeburg 24. Dec. 1842.
***) Die beiden großen Briefe des Königs an Schön und Dohna sind vollständig
abgedruckt in den "Aufzeichnungen über die Vergangenheit der Familie Dohna" vom
Grafen Siegmar Dohna. Thl. 4. Text-Heft B. Berlin 1885 (Mannscript).

Schön und Dohna.
menſchlichen Tage noch von einem Stück Pergament die Rechte meiner
Krone nehmen. Ich will nicht die Verfaſſung meines Landes ändern.
Und Alles dies weil ich nicht darf.“ Darum verlangte er
Schön’s „Hilfe gegen das Streben der Dunkelmänner, Juden und Juden-
genoſſen“ und trug ihm auf, das Schreiben den oſtpreußiſchen Freunden
zu zeigen.

Er fühlte jedoch insgeheim, daß Schön dieſem Befehle kaum nachkom-
men konnte ohne ſich ſelbſt bloszuſtellen, und ließ daher Abſchriften ſeines
Briefes dem neuen Oberpräſidenten ſowie anderen namhaften Männern
der Provinz zugehen. Als ihm nun Bötticher meldete, daß Schön über
„den köſtlichen königlichen Brief“ beharrlich ſchwieg,*) da gerieth er in
ſchweren Zorn. Vergeblich hielt ihm Schön’s Schüler Flottwell vor: man
dürfe die Oſtpreußen nicht mit dem gewöhnlichen Maßſtabe meſſen, da
dort die Mehrzahl der einſichtigen und zugleich treu ergebenen Männer
„durch die Ideen von Kant wie die Erde von den Strahlen der herbſt-
lichen Sonne auf eine wunderbare Weiſe erleuchtet, erwärmt, ja durch-
glüht würde“**). Neue Kundgebungen Jacoby’s und ſeiner Königsberger
Freunde brachten den Unmuth des Monarchen zum Ausbruch, und er
wiederholte was er zu Schön geſagt noch nachdrücklicher in einem Briefe
an General Dohna (24. Febr. 1843)***). „Ich möchte“, ſchrieb er hier,
„wie aus Roland’s Horn einen Ruf an die edlen treuen Männer in
Preußen ergehen laſſen, ſich um mich wie treue Lehensmänner zu ſchaaren,
die kleineren Uebel über das anwachſende große, jammerſchwangere Uebel
zu vergeſſen und auf meiner Seite den unblutigen geiſtigen Kampf zu
kämpfen, der allein aber gewiß den blutigen Kampf unmöglich macht …
Solch’ Unglück iſt für Preußen und für Königsberg insbeſondere die Exiſtenz
und das Walten jener ſchnöden Judenclique mit ihrem ſchwanzläppiſchen
und albernen Kläffer!! Die freche Rotte legt täglich durch Wort, Schrift
und Bild die Axt an die Wurzel des teutſchen Weſens; ſie will nicht
(wie ich) Veredlung und freies Nebeneinanderſtellen der Stände, die allein
ein teutſches Volk bilden; ſie will Zuſammenſudeln aller Stände … Ich
würde Gott, meinem Volke und mir ſelbſt lügen, gäbe ich je eine Con-
ſtitution
, eine Charte und meinem Volke mit ihnen die nothwendigen
Bedingungen zu endloſen Unwahrheiten: erlogene Unfehlbarkeit des Königs,
unwahre Budgets, Lüge des Angriffs und des Vertheidigung, Lüge des
Lobes und des Tadels, Comödie vor und hinter den Kuliſſen, wie
ſolches zum Schaden und zum Ekel in den conſtitutionellen Staaten
zu ſehen iſt, wo nur eine Wahrheit waltet: die, daß eine Partei ſich

*) Bötticher’s Bericht an den König, 6. Jan. 1843.
**) Flottwell an König Friedrich Wilhelm, Magdeburg 24. Dec. 1842.
***) Die beiden großen Briefe des Königs an Schön und Dohna ſind vollſtändig
abgedruckt in den „Aufzeichnungen über die Vergangenheit der Familie Dohna“ vom
Grafen Siegmar Dohna. Thl. 4. Text-Heft B. Berlin 1885 (Mannſcript).
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[165/0179] Schön und Dohna. menſchlichen Tage noch von einem Stück Pergament die Rechte meiner Krone nehmen. Ich will nicht die Verfaſſung meines Landes ändern. Und Alles dies weil ich nicht darf.“ Darum verlangte er Schön’s „Hilfe gegen das Streben der Dunkelmänner, Juden und Juden- genoſſen“ und trug ihm auf, das Schreiben den oſtpreußiſchen Freunden zu zeigen. Er fühlte jedoch insgeheim, daß Schön dieſem Befehle kaum nachkom- men konnte ohne ſich ſelbſt bloszuſtellen, und ließ daher Abſchriften ſeines Briefes dem neuen Oberpräſidenten ſowie anderen namhaften Männern der Provinz zugehen. Als ihm nun Bötticher meldete, daß Schön über „den köſtlichen königlichen Brief“ beharrlich ſchwieg, *) da gerieth er in ſchweren Zorn. Vergeblich hielt ihm Schön’s Schüler Flottwell vor: man dürfe die Oſtpreußen nicht mit dem gewöhnlichen Maßſtabe meſſen, da dort die Mehrzahl der einſichtigen und zugleich treu ergebenen Männer „durch die Ideen von Kant wie die Erde von den Strahlen der herbſt- lichen Sonne auf eine wunderbare Weiſe erleuchtet, erwärmt, ja durch- glüht würde“ **). Neue Kundgebungen Jacoby’s und ſeiner Königsberger Freunde brachten den Unmuth des Monarchen zum Ausbruch, und er wiederholte was er zu Schön geſagt noch nachdrücklicher in einem Briefe an General Dohna (24. Febr. 1843) ***). „Ich möchte“, ſchrieb er hier, „wie aus Roland’s Horn einen Ruf an die edlen treuen Männer in Preußen ergehen laſſen, ſich um mich wie treue Lehensmänner zu ſchaaren, die kleineren Uebel über das anwachſende große, jammerſchwangere Uebel zu vergeſſen und auf meiner Seite den unblutigen geiſtigen Kampf zu kämpfen, der allein aber gewiß den blutigen Kampf unmöglich macht … Solch’ Unglück iſt für Preußen und für Königsberg insbeſondere die Exiſtenz und das Walten jener ſchnöden Judenclique mit ihrem ſchwanzläppiſchen und albernen Kläffer!! Die freche Rotte legt täglich durch Wort, Schrift und Bild die Axt an die Wurzel des teutſchen Weſens; ſie will nicht (wie ich) Veredlung und freies Nebeneinanderſtellen der Stände, die allein ein teutſches Volk bilden; ſie will Zuſammenſudeln aller Stände … Ich würde Gott, meinem Volke und mir ſelbſt lügen, gäbe ich je eine Con- ſtitution, eine Charte und meinem Volke mit ihnen die nothwendigen Bedingungen zu endloſen Unwahrheiten: erlogene Unfehlbarkeit des Königs, unwahre Budgets, Lüge des Angriffs und des Vertheidigung, Lüge des Lobes und des Tadels, Comödie vor und hinter den Kuliſſen, wie ſolches zum Schaden und zum Ekel in den conſtitutionellen Staaten zu ſehen iſt, wo nur eine Wahrheit waltet: die, daß eine Partei ſich *) Bötticher’s Bericht an den König, 6. Jan. 1843. **) Flottwell an König Friedrich Wilhelm, Magdeburg 24. Dec. 1842. ***) Die beiden großen Briefe des Königs an Schön und Dohna ſind vollſtändig abgedruckt in den „Aufzeichnungen über die Vergangenheit der Familie Dohna“ vom Grafen Siegmar Dohna. Thl. 4. Text-Heft B. Berlin 1885 (Mannſcript).

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 165. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/179>, abgerufen am 12.04.2021.