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Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894.

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V. 2. Die Kriegsgefahr.
Teutschen, König Ludwig von Baiern, der seine Vaterstadt Straßburg noch
als die starke Bundesfestung unseres Südens zu begrüßen hoffte.*) Die
französischen Gesandten in Deutschland fühlten sich wie verrathen und ver-
kauft als sie in diesem gutherzigen, gastfreundlichen Volke auf einmal den
Haß auflodern sahen. Graf Bresson in Berlin, ein bekannter Heißsporn,
gebärdete sich wie ein Unsinniger; er klagte, Frankreich sei erniedrigt,
entehrt, von Europa geächtet,**) und verkroch sich bei dem nächsten Hoffeste,
um nur den König nicht sprechen zu müssen, hinter einem Fenstervorhang,
wo man ihn ruhig stecken ließ. Der Gesandte in München wollte gar
nicht verstehen, was man gegen ihn habe, da doch Frankreich immer
das deutsche Gleichgewicht vertheidigte;***) der in Darmstadt bat um Schutz
für sein Haus, weil er sich durch den Lärm der Presse persönlich bedroht
glaubte.+) Offenbar kam es den Franzosen ganz unerwartet, daß die
Deutschen sich als eine Nation fühlten.

Die öffentliche Meinung hielt sich ganz frei von dem fratzenhaften
Franzosenhasse der Zeiten der alten Burschenschaft. Man wagte nicht
einmal die Wiedereroberung des Elsasses zu fordern, sondern wollte nur
tapfer das deutsche Hausrecht wahren. Major Moltke erwies freilich in
einem beredten Aufsatze über die westliche Grenzfrage, "daß wenn Frank-
reich und Deutschland je mit einander abrechnen, alles Soll auf seiner,
alles Haben auf unserer Seite steht", und sprach die Erwartung aus,
in diesem Falle würde Deutschland "das Schwert nicht eher in die Scheide
stecken bis Frankreich seine ganze Schuld an uns bezahlt" hätte. Solche
Hoffnungen mochten in der Stille von Vielen, zumal von preußischen
Offizieren gehegt werden; in der Presse fanden sie nur sehr selten einen
Widerhall. Mitten während des Krieglärms wurden in Deutschland Samm-
lungen für die Ueberschwemmten zu Lyon veranstaltet, und weil die Em-
pfindung der Nation so einfach war, darum fand sie auch ihren natürlichen
Ausdruck in den schlichten Worten eines Mannes aus dem Volke. Niklas
Becker, ein junger Gerichtsschreiber im preußischen Rheinlande, dichtete in
guter Stunde das Lied:

Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein,
Ob sie wie gier'ge Raben sich heiser darnach schrei'n,
So lang er ruhig wallend sein grünes Kleid noch trägt,
So lang ein Ruder schallend in seine Wogen schlägt.

Als die Kölner im October ihrem neuen Könige huldigten, wurde dies
Lied zum ersten male gesungen, und feurige rheinische Patrioten, die noch
halb unbewußt unter dem Einflusse der französischen Verbildung des letzten
Jahrzehntes standen, schlugen vor, das Gedicht, als ein Gegenstück der

*) Dönhoff's Bericht, München 10. Nov. 1840.
**) Minister Werther an Bülow, 10. Aug. 1840.
***) Dönhoff's Bericht, 9. Dec. 1840.
+) Nach du Thil's Aufzeichnungen.

V. 2. Die Kriegsgefahr.
Teutſchen, König Ludwig von Baiern, der ſeine Vaterſtadt Straßburg noch
als die ſtarke Bundesfeſtung unſeres Südens zu begrüßen hoffte.*) Die
franzöſiſchen Geſandten in Deutſchland fühlten ſich wie verrathen und ver-
kauft als ſie in dieſem gutherzigen, gaſtfreundlichen Volke auf einmal den
Haß auflodern ſahen. Graf Breſſon in Berlin, ein bekannter Heißſporn,
gebärdete ſich wie ein Unſinniger; er klagte, Frankreich ſei erniedrigt,
entehrt, von Europa geächtet,**) und verkroch ſich bei dem nächſten Hoffeſte,
um nur den König nicht ſprechen zu müſſen, hinter einem Fenſtervorhang,
wo man ihn ruhig ſtecken ließ. Der Geſandte in München wollte gar
nicht verſtehen, was man gegen ihn habe, da doch Frankreich immer
das deutſche Gleichgewicht vertheidigte;***) der in Darmſtadt bat um Schutz
für ſein Haus, weil er ſich durch den Lärm der Preſſe perſönlich bedroht
glaubte.†) Offenbar kam es den Franzoſen ganz unerwartet, daß die
Deutſchen ſich als eine Nation fühlten.

Die öffentliche Meinung hielt ſich ganz frei von dem fratzenhaften
Franzoſenhaſſe der Zeiten der alten Burſchenſchaft. Man wagte nicht
einmal die Wiedereroberung des Elſaſſes zu fordern, ſondern wollte nur
tapfer das deutſche Hausrecht wahren. Major Moltke erwies freilich in
einem beredten Aufſatze über die weſtliche Grenzfrage, „daß wenn Frank-
reich und Deutſchland je mit einander abrechnen, alles Soll auf ſeiner,
alles Haben auf unſerer Seite ſteht“, und ſprach die Erwartung aus,
in dieſem Falle würde Deutſchland „das Schwert nicht eher in die Scheide
ſtecken bis Frankreich ſeine ganze Schuld an uns bezahlt“ hätte. Solche
Hoffnungen mochten in der Stille von Vielen, zumal von preußiſchen
Offizieren gehegt werden; in der Preſſe fanden ſie nur ſehr ſelten einen
Widerhall. Mitten während des Krieglärms wurden in Deutſchland Samm-
lungen für die Ueberſchwemmten zu Lyon veranſtaltet, und weil die Em-
pfindung der Nation ſo einfach war, darum fand ſie auch ihren natürlichen
Ausdruck in den ſchlichten Worten eines Mannes aus dem Volke. Niklas
Becker, ein junger Gerichtsſchreiber im preußiſchen Rheinlande, dichtete in
guter Stunde das Lied:

Sie ſollen ihn nicht haben, den freien deutſchen Rhein,
Ob ſie wie gier’ge Raben ſich heiſer darnach ſchrei’n,
So lang er ruhig wallend ſein grünes Kleid noch trägt,
So lang ein Ruder ſchallend in ſeine Wogen ſchlägt.

Als die Kölner im October ihrem neuen Könige huldigten, wurde dies
Lied zum erſten male geſungen, und feurige rheiniſche Patrioten, die noch
halb unbewußt unter dem Einfluſſe der franzöſiſchen Verbildung des letzten
Jahrzehntes ſtanden, ſchlugen vor, das Gedicht, als ein Gegenſtück der

*) Dönhoff’s Bericht, München 10. Nov. 1840.
**) Miniſter Werther an Bülow, 10. Aug. 1840.
***) Dönhoff’s Bericht, 9. Dec. 1840.
†) Nach du Thil’s Aufzeichnungen.
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[86/0100] V. 2. Die Kriegsgefahr. Teutſchen, König Ludwig von Baiern, der ſeine Vaterſtadt Straßburg noch als die ſtarke Bundesfeſtung unſeres Südens zu begrüßen hoffte. *) Die franzöſiſchen Geſandten in Deutſchland fühlten ſich wie verrathen und ver- kauft als ſie in dieſem gutherzigen, gaſtfreundlichen Volke auf einmal den Haß auflodern ſahen. Graf Breſſon in Berlin, ein bekannter Heißſporn, gebärdete ſich wie ein Unſinniger; er klagte, Frankreich ſei erniedrigt, entehrt, von Europa geächtet, **) und verkroch ſich bei dem nächſten Hoffeſte, um nur den König nicht ſprechen zu müſſen, hinter einem Fenſtervorhang, wo man ihn ruhig ſtecken ließ. Der Geſandte in München wollte gar nicht verſtehen, was man gegen ihn habe, da doch Frankreich immer das deutſche Gleichgewicht vertheidigte; ***) der in Darmſtadt bat um Schutz für ſein Haus, weil er ſich durch den Lärm der Preſſe perſönlich bedroht glaubte. †) Offenbar kam es den Franzoſen ganz unerwartet, daß die Deutſchen ſich als eine Nation fühlten. Die öffentliche Meinung hielt ſich ganz frei von dem fratzenhaften Franzoſenhaſſe der Zeiten der alten Burſchenſchaft. Man wagte nicht einmal die Wiedereroberung des Elſaſſes zu fordern, ſondern wollte nur tapfer das deutſche Hausrecht wahren. Major Moltke erwies freilich in einem beredten Aufſatze über die weſtliche Grenzfrage, „daß wenn Frank- reich und Deutſchland je mit einander abrechnen, alles Soll auf ſeiner, alles Haben auf unſerer Seite ſteht“, und ſprach die Erwartung aus, in dieſem Falle würde Deutſchland „das Schwert nicht eher in die Scheide ſtecken bis Frankreich ſeine ganze Schuld an uns bezahlt“ hätte. Solche Hoffnungen mochten in der Stille von Vielen, zumal von preußiſchen Offizieren gehegt werden; in der Preſſe fanden ſie nur ſehr ſelten einen Widerhall. Mitten während des Krieglärms wurden in Deutſchland Samm- lungen für die Ueberſchwemmten zu Lyon veranſtaltet, und weil die Em- pfindung der Nation ſo einfach war, darum fand ſie auch ihren natürlichen Ausdruck in den ſchlichten Worten eines Mannes aus dem Volke. Niklas Becker, ein junger Gerichtsſchreiber im preußiſchen Rheinlande, dichtete in guter Stunde das Lied: Sie ſollen ihn nicht haben, den freien deutſchen Rhein, Ob ſie wie gier’ge Raben ſich heiſer darnach ſchrei’n, So lang er ruhig wallend ſein grünes Kleid noch trägt, So lang ein Ruder ſchallend in ſeine Wogen ſchlägt. Als die Kölner im October ihrem neuen Könige huldigten, wurde dies Lied zum erſten male geſungen, und feurige rheiniſche Patrioten, die noch halb unbewußt unter dem Einfluſſe der franzöſiſchen Verbildung des letzten Jahrzehntes ſtanden, ſchlugen vor, das Gedicht, als ein Gegenſtück der *) Dönhoff’s Bericht, München 10. Nov. 1840. **) Miniſter Werther an Bülow, 10. Aug. 1840. ***) Dönhoff’s Bericht, 9. Dec. 1840. †) Nach du Thil’s Aufzeichnungen.

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Zitationshilfe: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. Bd. 5: Bis zur März-Revolution. Leipzig, 1894, S. 86. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/treitschke_geschichte05_1894/100>, abgerufen am 17.04.2021.