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Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Es ist ein so reiner Jubel, ein so überirdisches Jauchzen, und dabei ein so feines und innig rührendes Gefühl in diesem Klange des Ergötzens und Uebermuthes, daß ich entzückt zuhöre und zugleich darüber denke und grüble. Denn, mein zarter Engel, es giebt Fälle und Stimmungen, wo man über einen Menschen, den man schon lange, lange kennt, erschrickt, sich zuweilen entsetzt, wenn er ein Lachen aufschlägt, das ihm recht von Herzen geht, und das wir bis dahin noch nicht von ihm vernommen haben. Selbst bei zarten Mädchen, und die mir bis dahin gefielen, ist mir dergleichen wohl begegnet. Wie in manchem Herzen unerkannt ein süßer Engel schlummert, der nur auf den Genius wartet, der ihn erwecken soll, so schläft oft in graziösen und liebenswerthen Menschen doch im tiefen Hintergrund ein ganz gemeiner Sinn, der dann aus seinen Träumen auffährt, wenn ihm einmal das Komische mit voller Kraft in des Gemüthes verborgenstes Gemach dringt. Unser Instinct fühlt dann, daß in diesem Wesen etwas liege, wovor wir uns hüten müssen. O wie bedeutungsvoll, wie charakteristisch ist das Lachen der Menschen! Das deinige, mein Herz, möchte ich einmal poetisch beschreiben können.

Hüten wir uns aber, erinnerte sie, nicht unbillig zu werden. Das allzu genaue Beobachten der Menschen kann leicht zur Menschenfeindlichkeit führen.

Daß jener junge, leichtsinnige Buchhändler, fuhr Heinrich fort, Bankerott gemacht hat und mit meinem

Es ist ein so reiner Jubel, ein so überirdisches Jauchzen, und dabei ein so feines und innig rührendes Gefühl in diesem Klange des Ergötzens und Uebermuthes, daß ich entzückt zuhöre und zugleich darüber denke und grüble. Denn, mein zarter Engel, es giebt Fälle und Stimmungen, wo man über einen Menschen, den man schon lange, lange kennt, erschrickt, sich zuweilen entsetzt, wenn er ein Lachen aufschlägt, das ihm recht von Herzen geht, und das wir bis dahin noch nicht von ihm vernommen haben. Selbst bei zarten Mädchen, und die mir bis dahin gefielen, ist mir dergleichen wohl begegnet. Wie in manchem Herzen unerkannt ein süßer Engel schlummert, der nur auf den Genius wartet, der ihn erwecken soll, so schläft oft in graziösen und liebenswerthen Menschen doch im tiefen Hintergrund ein ganz gemeiner Sinn, der dann aus seinen Träumen auffährt, wenn ihm einmal das Komische mit voller Kraft in des Gemüthes verborgenstes Gemach dringt. Unser Instinct fühlt dann, daß in diesem Wesen etwas liege, wovor wir uns hüten müssen. O wie bedeutungsvoll, wie charakteristisch ist das Lachen der Menschen! Das deinige, mein Herz, möchte ich einmal poetisch beschreiben können.

Hüten wir uns aber, erinnerte sie, nicht unbillig zu werden. Das allzu genaue Beobachten der Menschen kann leicht zur Menschenfeindlichkeit führen.

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[0022] Es ist ein so reiner Jubel, ein so überirdisches Jauchzen, und dabei ein so feines und innig rührendes Gefühl in diesem Klange des Ergötzens und Uebermuthes, daß ich entzückt zuhöre und zugleich darüber denke und grüble. Denn, mein zarter Engel, es giebt Fälle und Stimmungen, wo man über einen Menschen, den man schon lange, lange kennt, erschrickt, sich zuweilen entsetzt, wenn er ein Lachen aufschlägt, das ihm recht von Herzen geht, und das wir bis dahin noch nicht von ihm vernommen haben. Selbst bei zarten Mädchen, und die mir bis dahin gefielen, ist mir dergleichen wohl begegnet. Wie in manchem Herzen unerkannt ein süßer Engel schlummert, der nur auf den Genius wartet, der ihn erwecken soll, so schläft oft in graziösen und liebenswerthen Menschen doch im tiefen Hintergrund ein ganz gemeiner Sinn, der dann aus seinen Träumen auffährt, wenn ihm einmal das Komische mit voller Kraft in des Gemüthes verborgenstes Gemach dringt. Unser Instinct fühlt dann, daß in diesem Wesen etwas liege, wovor wir uns hüten müssen. O wie bedeutungsvoll, wie charakteristisch ist das Lachen der Menschen! Das deinige, mein Herz, möchte ich einmal poetisch beschreiben können. Hüten wir uns aber, erinnerte sie, nicht unbillig zu werden. Das allzu genaue Beobachten der Menschen kann leicht zur Menschenfeindlichkeit führen. Daß jener junge, leichtsinnige Buchhändler, fuhr Heinrich fort, Bankerott gemacht hat und mit meinem

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:30:27Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:30:27Z)

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_ueberfluss_1910/22>, abgerufen am 09.08.2022.