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Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Zwei Briefe erhielt ich von ihm aus jenem fernen Welttheile, antwortete Heinrich; nachher erfuhr ich von einem unverbürgten Gerücht, er sei daselbst an der Cholera gestorben. So war er mir entrückt, mein Vater war nicht mehr, ich war gänzlich, auch in Ansehung meines Vermögens, auf mich selbst angewiesen. Doch genoß ich die Gunst meines Gesandten, bei meinem Hofe war ich nicht unbeliebt, ich durfte auf mächtige Beschützer rechnen -- und alles das ist verschwunden.

Ja wohl, sagte Clara, du hast mir Alles aufgeopfert, und ich bin ebenfalls von den Meinigen auf immer ausgestoßen.

Um so mehr muß uns die Liebe Alles ersetzen, sagte der Gatte, und so ist es auch; denn unsre Flitterwochen, wie die prosaischen Menschen sie nennen, haben sich doch nun schon weit über ein Jahr hinaus erstreckt.

Aber dein schönes Buch, sagte Clara, deine herrliche Dichtung! Hätten wir nur wenigstens eine Abschrift davon behalten können. Wie möchten wir uns daran ergötzen in diesen langen Winterabenden! -- Ja freilich, setzte sie seufzend hinzu, müßten uns dann auch Lichter zu Gebote stehen.

Laß gut sein, Clärchen, tröstete der Mann; wir schwatzen, und das ist noch besser; ich höre den Ton deiner Stimme, du singst mir ein Lied, oder du schlägst gar ein himmlisches Gelächter auf. Diese Lachtöne habe ich noch niemals im Leben, als nur von dir vernommen.

Zwei Briefe erhielt ich von ihm aus jenem fernen Welttheile, antwortete Heinrich; nachher erfuhr ich von einem unverbürgten Gerücht, er sei daselbst an der Cholera gestorben. So war er mir entrückt, mein Vater war nicht mehr, ich war gänzlich, auch in Ansehung meines Vermögens, auf mich selbst angewiesen. Doch genoß ich die Gunst meines Gesandten, bei meinem Hofe war ich nicht unbeliebt, ich durfte auf mächtige Beschützer rechnen — und alles das ist verschwunden.

Ja wohl, sagte Clara, du hast mir Alles aufgeopfert, und ich bin ebenfalls von den Meinigen auf immer ausgestoßen.

Um so mehr muß uns die Liebe Alles ersetzen, sagte der Gatte, und so ist es auch; denn unsre Flitterwochen, wie die prosaischen Menschen sie nennen, haben sich doch nun schon weit über ein Jahr hinaus erstreckt.

Aber dein schönes Buch, sagte Clara, deine herrliche Dichtung! Hätten wir nur wenigstens eine Abschrift davon behalten können. Wie möchten wir uns daran ergötzen in diesen langen Winterabenden! — Ja freilich, setzte sie seufzend hinzu, müßten uns dann auch Lichter zu Gebote stehen.

Laß gut sein, Clärchen, tröstete der Mann; wir schwatzen, und das ist noch besser; ich höre den Ton deiner Stimme, du singst mir ein Lied, oder du schlägst gar ein himmlisches Gelächter auf. Diese Lachtöne habe ich noch niemals im Leben, als nur von dir vernommen.

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[0021] Zwei Briefe erhielt ich von ihm aus jenem fernen Welttheile, antwortete Heinrich; nachher erfuhr ich von einem unverbürgten Gerücht, er sei daselbst an der Cholera gestorben. So war er mir entrückt, mein Vater war nicht mehr, ich war gänzlich, auch in Ansehung meines Vermögens, auf mich selbst angewiesen. Doch genoß ich die Gunst meines Gesandten, bei meinem Hofe war ich nicht unbeliebt, ich durfte auf mächtige Beschützer rechnen — und alles das ist verschwunden. Ja wohl, sagte Clara, du hast mir Alles aufgeopfert, und ich bin ebenfalls von den Meinigen auf immer ausgestoßen. Um so mehr muß uns die Liebe Alles ersetzen, sagte der Gatte, und so ist es auch; denn unsre Flitterwochen, wie die prosaischen Menschen sie nennen, haben sich doch nun schon weit über ein Jahr hinaus erstreckt. Aber dein schönes Buch, sagte Clara, deine herrliche Dichtung! Hätten wir nur wenigstens eine Abschrift davon behalten können. Wie möchten wir uns daran ergötzen in diesen langen Winterabenden! — Ja freilich, setzte sie seufzend hinzu, müßten uns dann auch Lichter zu Gebote stehen. Laß gut sein, Clärchen, tröstete der Mann; wir schwatzen, und das ist noch besser; ich höre den Ton deiner Stimme, du singst mir ein Lied, oder du schlägst gar ein himmlisches Gelächter auf. Diese Lachtöne habe ich noch niemals im Leben, als nur von dir vernommen.

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:30:27Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:30:27Z)

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_ueberfluss_1910/21>, abgerufen am 09.08.2022.