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Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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jenen künstlichen Sprung versuchen wollen. O dein Vater!

Clara sah ihn mit mitleidvollen Augen an, deren Blick er nicht zu widerstehen vermochte. Ja wohl Vater, sagte er halb verdrossen, mit dem einzigen Laut ist sehr viel gesagt. Und was will ich denn auch? Du warst ja doch im Stande, ihn aufzugeben, so sehr du ihn liebtest.

Beide waren ernsthaft geworden. Ich will weiter studiren, sagte dann der junge Mann.

Er nahm das Tagebuch wieder vor und schlug ein Blatt zurück. Er las laut: Heut verkaufte ich dem geizigen Buchhändler mein seltenes Exemplar des Chaucer, jene alte kostbare Ausgabe von Caxton. Mein Freund, der liebe, edle Andreas Vandelmeer, hatte sie mir zu meinem Geburtstage, den wir in der Jugend auf der Universität feierten, geschenkt. Er hatte sie eigens aus London verschrieben, sehr theuer bezahlt und sie dann nach seinem eigensinnigen Geschmack herrlich und reich mit vielen gothischen Verzierungen einbinden lassen. Der alte Geizhals, so wenig er mir auch gegeben hat, hat sie gewiß sogleich nach London geschickt, um mehr als das Zehnfache wieder zu erhalten. Hätte ich nur wenigstens das Blatt herausgeschnitten, auf welchem ich die Geschichte dieser Schenkung erzählt und zugleich diese unsre Wohnung verzeichnet hatte. Das geht nun mit nach London oder in die Bibliothek eines reichen Mannes. Ich bin darüber verdrießlich.

jenen künstlichen Sprung versuchen wollen. O dein Vater!

Clara sah ihn mit mitleidvollen Augen an, deren Blick er nicht zu widerstehen vermochte. Ja wohl Vater, sagte er halb verdrossen, mit dem einzigen Laut ist sehr viel gesagt. Und was will ich denn auch? Du warst ja doch im Stande, ihn aufzugeben, so sehr du ihn liebtest.

Beide waren ernsthaft geworden. Ich will weiter studiren, sagte dann der junge Mann.

Er nahm das Tagebuch wieder vor und schlug ein Blatt zurück. Er las laut: Heut verkaufte ich dem geizigen Buchhändler mein seltenes Exemplar des Chaucer, jene alte kostbare Ausgabe von Caxton. Mein Freund, der liebe, edle Andreas Vandelmeer, hatte sie mir zu meinem Geburtstage, den wir in der Jugend auf der Universität feierten, geschenkt. Er hatte sie eigens aus London verschrieben, sehr theuer bezahlt und sie dann nach seinem eigensinnigen Geschmack herrlich und reich mit vielen gothischen Verzierungen einbinden lassen. Der alte Geizhals, so wenig er mir auch gegeben hat, hat sie gewiß sogleich nach London geschickt, um mehr als das Zehnfache wieder zu erhalten. Hätte ich nur wenigstens das Blatt herausgeschnitten, auf welchem ich die Geschichte dieser Schenkung erzählt und zugleich diese unsre Wohnung verzeichnet hatte. Das geht nun mit nach London oder in die Bibliothek eines reichen Mannes. Ich bin darüber verdrießlich.

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[0018] jenen künstlichen Sprung versuchen wollen. O dein Vater! Clara sah ihn mit mitleidvollen Augen an, deren Blick er nicht zu widerstehen vermochte. Ja wohl Vater, sagte er halb verdrossen, mit dem einzigen Laut ist sehr viel gesagt. Und was will ich denn auch? Du warst ja doch im Stande, ihn aufzugeben, so sehr du ihn liebtest. Beide waren ernsthaft geworden. Ich will weiter studiren, sagte dann der junge Mann. Er nahm das Tagebuch wieder vor und schlug ein Blatt zurück. Er las laut: Heut verkaufte ich dem geizigen Buchhändler mein seltenes Exemplar des Chaucer, jene alte kostbare Ausgabe von Caxton. Mein Freund, der liebe, edle Andreas Vandelmeer, hatte sie mir zu meinem Geburtstage, den wir in der Jugend auf der Universität feierten, geschenkt. Er hatte sie eigens aus London verschrieben, sehr theuer bezahlt und sie dann nach seinem eigensinnigen Geschmack herrlich und reich mit vielen gothischen Verzierungen einbinden lassen. Der alte Geizhals, so wenig er mir auch gegeben hat, hat sie gewiß sogleich nach London geschickt, um mehr als das Zehnfache wieder zu erhalten. Hätte ich nur wenigstens das Blatt herausgeschnitten, auf welchem ich die Geschichte dieser Schenkung erzählt und zugleich diese unsre Wohnung verzeichnet hatte. Das geht nun mit nach London oder in die Bibliothek eines reichen Mannes. Ich bin darüber verdrießlich.

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Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:30:27Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:30:27Z)

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: Des Lebens Überfluß. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–86. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_ueberfluss_1910/18>, abgerufen am 09.08.2022.