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Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 2. Berlin u. a., 1796.

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Gerichte er an dieser Tafel findet, der wählt
klug aus und kostet von jedem, wenn die Nach-
barn hungrig vom Tische gehn, indem sie auf ei-
ne Lieblingsspeise warteten, die nicht aufgetra-
gen wurde. -- Und ist es nicht so leicht, den
Küchenzettel von diesem Leben zu erhalten?

Du wirst mir schon nach diesem Tone mei-
nes Briefes glauben, daß ich völlig getröstet bin,
ich glaube jetzt, oder bilde mir es ein, alle Par-
thien dieses Lebens überblicken zu können, daß
mich keine Anlage dieses seltsam geordneten
Parks überrascht, daß ich es weiß, wenn ich
durch krumme Labyrinthe auf meine Fußstapfen
zurückgekehrt bin, und den Zaun recht gut be-
merke, der sich hinter Gebüsche verstecken soll.
Ich bin sogar seitdem in eine muthwillige Lau-
ne gefallen, in einen gewissen humoristischen
Rausch, in welchem mir die Freuden und Leiden
dieses Lebens weder wünschenswürdig noch ver-
abscheuungswerth erscheinen, es ist alles um mich
her ein breiter, mühsam erfundener Scherz, der,
wenn man ihn zu genau beobachtet und anato-
mirt, nüchtern erscheint: aber wenn man sich
auf dieser Maskerade dem Lachen und der gu-
ten Laune gutwillig hingiebt, so verfliegt der

Gerichte er an dieſer Tafel findet, der waͤhlt
klug aus und koſtet von jedem, wenn die Nach-
barn hungrig vom Tiſche gehn, indem ſie auf ei-
ne Lieblingsſpeiſe warteten, die nicht aufgetra-
gen wurde. — Und iſt es nicht ſo leicht, den
Kuͤchenzettel von dieſem Leben zu erhalten?

Du wirſt mir ſchon nach dieſem Tone mei-
nes Briefes glauben, daß ich voͤllig getroͤſtet bin,
ich glaube jetzt, oder bilde mir es ein, alle Par-
thien dieſes Lebens uͤberblicken zu koͤnnen, daß
mich keine Anlage dieſes ſeltſam geordneten
Parks uͤberraſcht, daß ich es weiß, wenn ich
durch krumme Labyrinthe auf meine Fußſtapfen
zuruͤckgekehrt bin, und den Zaun recht gut be-
merke, der ſich hinter Gebuͤſche verſtecken ſoll.
Ich bin ſogar ſeitdem in eine muthwillige Lau-
ne gefallen, in einen gewiſſen humoriſtiſchen
Rauſch, in welchem mir die Freuden und Leiden
dieſes Lebens weder wuͤnſchenswuͤrdig noch ver-
abſcheuungswerth erſcheinen, es iſt alles um mich
her ein breiter, muͤhſam erfundener Scherz, der,
wenn man ihn zu genau beobachtet und anato-
mirt, nuͤchtern erſcheint: aber wenn man ſich
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[15/0021] Gerichte er an dieſer Tafel findet, der waͤhlt klug aus und koſtet von jedem, wenn die Nach- barn hungrig vom Tiſche gehn, indem ſie auf ei- ne Lieblingsſpeiſe warteten, die nicht aufgetra- gen wurde. — Und iſt es nicht ſo leicht, den Kuͤchenzettel von dieſem Leben zu erhalten? Du wirſt mir ſchon nach dieſem Tone mei- nes Briefes glauben, daß ich voͤllig getroͤſtet bin, ich glaube jetzt, oder bilde mir es ein, alle Par- thien dieſes Lebens uͤberblicken zu koͤnnen, daß mich keine Anlage dieſes ſeltſam geordneten Parks uͤberraſcht, daß ich es weiß, wenn ich durch krumme Labyrinthe auf meine Fußſtapfen zuruͤckgekehrt bin, und den Zaun recht gut be- merke, der ſich hinter Gebuͤſche verſtecken ſoll. Ich bin ſogar ſeitdem in eine muthwillige Lau- ne gefallen, in einen gewiſſen humoriſtiſchen Rauſch, in welchem mir die Freuden und Leiden dieſes Lebens weder wuͤnſchenswuͤrdig noch ver- abſcheuungswerth erſcheinen, es iſt alles um mich her ein breiter, muͤhſam erfundener Scherz, der, wenn man ihn zu genau beobachtet und anato- mirt, nuͤchtern erſcheint: aber wenn man ſich auf dieſer Maskerade dem Lachen und der gu- ten Laune gutwillig hingiebt, ſo verfliegt der

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Zitationshilfe: Tieck, Ludwig: William Lovell. Bd. 2. Berlin u. a., 1796, S. 15. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tieck_lovell02_1796/21>, abgerufen am 17.04.2024.