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Thomasius, Christian: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre. Halle (Saale), 1691.

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Das 3. Hauptstück von der
Empfindlichkeiten bestünde/ wie wir solches
oben erkläret haben/ die übrigen Gedancken
aber alle gehöreten zu dem Willen. Und sol-
chergestalt gehörete auch zu dem Willen/ wenn
ich was meditiren will.

68. Aber diese Meinung ist nicht accurat,
weil die Vernunfft des Menschen auch viel
thut/ und der menschliche Wille auch viel lei-
det Dannenhero ist der andre Unterscheid
besser/ der Verstand des Menschen ist das
Thun oder Leiden der Seelen/ soferne dieselbe
das Wesen oder Beschaffenheit der Dinge be-
trachtet und erkennet. Der Wille aber ist
das Thun oder Leiden der Seele/ soferne die-
selbe etwas durch Bewegung der euserlichen
Gliedmassen zu thun gedencket. Und auf
diese Weise gehöret die Resolution des Men-
schen von vergangenen und abwesenden Din-
gen/ etwas nachzudencken/ zu dem Verstande.

69. Von dem Willen des Menschen wer-
den wir an einem andern Ort weitläufftiger
handeln. Was aber den Verstand betrifft/
ist nöthig/ noch etwas von dessen Wirckungen
zu melden.

70. Und zwar wollen wir uns nicht bemü-
hen zu erforschen ob zwey/ drey oder vier

ope-

Das 3. Hauptſtuͤck von der
Empfindlichkeiten beſtuͤnde/ wie wir ſolches
oben erklaͤret haben/ die uͤbrigen Gedancken
aber alle gehoͤreten zu dem Willen. Und ſol-
chergeſtalt gehoͤrete auch zu dem Willen/ wenn
ich was meditiren will.

68. Aber dieſe Meinung iſt nicht accurat,
weil die Vernunfft des Menſchen auch viel
thut/ und der menſchliche Wille auch viel lei-
det Dannenhero iſt der andre Unterſcheid
beſſer/ der Verſtand des Menſchen iſt das
Thun oder Leiden der Seelen/ ſoferne dieſelbe
das Weſen oder Beſchaffenheit der Dinge be-
trachtet und erkennet. Der Wille aber iſt
das Thun oder Leiden der Seele/ ſoferne die-
ſelbe etwas durch Bewegung der euſerlichen
Gliedmaſſen zu thun gedencket. Und auf
dieſe Weiſe gehoͤret die Reſolution des Men-
ſchen von vergangenen und abweſenden Din-
gen/ etwas nachzudencken/ zu dem Verſtande.

69. Von dem Willen des Menſchen wer-
den wir an einem andern Ort weitlaͤufftiger
handeln. Was aber den Verſtand betrifft/
iſt noͤthig/ noch etwas von deſſen Wirckungen
zu melden.

70. Und zwar wollen wir uns nicht bemuͤ-
hen zu erforſchen ob zwey/ drey oder vier

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[114/0132] Das 3. Hauptſtuͤck von der Empfindlichkeiten beſtuͤnde/ wie wir ſolches oben erklaͤret haben/ die uͤbrigen Gedancken aber alle gehoͤreten zu dem Willen. Und ſol- chergeſtalt gehoͤrete auch zu dem Willen/ wenn ich was meditiren will. 68. Aber dieſe Meinung iſt nicht accurat, weil die Vernunfft des Menſchen auch viel thut/ und der menſchliche Wille auch viel lei- det Dannenhero iſt der andre Unterſcheid beſſer/ der Verſtand des Menſchen iſt das Thun oder Leiden der Seelen/ ſoferne dieſelbe das Weſen oder Beſchaffenheit der Dinge be- trachtet und erkennet. Der Wille aber iſt das Thun oder Leiden der Seele/ ſoferne die- ſelbe etwas durch Bewegung der euſerlichen Gliedmaſſen zu thun gedencket. Und auf dieſe Weiſe gehoͤret die Reſolution des Men- ſchen von vergangenen und abweſenden Din- gen/ etwas nachzudencken/ zu dem Verſtande. 69. Von dem Willen des Menſchen wer- den wir an einem andern Ort weitlaͤufftiger handeln. Was aber den Verſtand betrifft/ iſt noͤthig/ noch etwas von deſſen Wirckungen zu melden. 70. Und zwar wollen wir uns nicht bemuͤ- hen zu erforſchen ob zwey/ drey oder vier ope-

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Zitationshilfe: Thomasius, Christian: Einleitung zu der Vernunfft-Lehre. Halle (Saale), 1691, S. 114. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/thomasius_einleitungvernufftlehre_1691/132>, abgerufen am 15.04.2024.