"Nebenideen denken? ob es nicht evident sey, daß eini- "ge besondere Grundsätze, einige allgemeine Axiome, ei- "nige Erfahrungssätze und einige Schlußkenntnisse "zuverlässig auf unveränderlicher Naturnothwendigkeit "beruhen?" bey dieser Frage, sage ich, scheidet sich ei- gentlich der Skepticismus von der Lehre, die etwas behauptet; sowohl von der wahren Philosophie, als von der falschen Vernünfteley, und von der ihr ent- gegenstehenden Schwärmerey des gemeinen Verstan- des. Diese drey letztern fangen von gemeinschaftlichen Grundsätzen an, aber zwey gerathen von dem rechten Wege ab. Da mit der falschen Vernünfteley auch noch dieß verbunden ist, daß die Evidenz der Empfin- dungen, und mit der Schwärmerey, daß die Evidenz der Raisonnements aus allgemeinen Begriffen abgeläugnet wird, so vereinigen sie sich an einer Seite wieder mit dem Skepticismus.
Mit dem Zweifler über ein allgemeines Merkmal der Evidenz zu streiten, halte ich für eine unnütze Be- mühung. Es ist besser, es so zu machen, wie die Phi- losophen es zum Theil gethan haben: Sie setzen nem- lich die Grundsätze hin, die sie als evident ansehen, und behaupten von diesen insbesonders, daß sie es sind. Der Skeptiker kann alsdenn auch bey jedem Axiom für sich erinnern, was er daran auszusetzen habe. Und da hat der Dogmatiker so viel für sich, daß es doch einige Ge- meinsätze sowohl, als einzelne Empfindungen giebt, die in der Maaße subjektivisch nothwendige Urtheile des Ver- standes sind, daß alles Bemühen, sie entweder unmittel- bar zu läugnen, oder durch Raisonnements sie umzusto- ßen, ein vergebliches Bestreben gegen die Natur ist. Nur Unsinn oder Unvermögen des Verstandes müßte der Grund seyn, wenn sie im Ernst jemanden als falsch, oder auch nur als zweifelhaft vorkommen könnten.
V. Ver-
VIII. Verſuch. Von der Beziehung
„Nebenideen denken? ob es nicht evident ſey, daß eini- „ge beſondere Grundſaͤtze, einige allgemeine Axiome, ei- „nige Erfahrungsſaͤtze und einige Schlußkenntniſſe „zuverlaͤſſig auf unveraͤnderlicher Naturnothwendigkeit „beruhen?‟ bey dieſer Frage, ſage ich, ſcheidet ſich ei- gentlich der Skepticismus von der Lehre, die etwas behauptet; ſowohl von der wahren Philoſophie, als von der falſchen Vernuͤnfteley, und von der ihr ent- gegenſtehenden Schwaͤrmerey des gemeinen Verſtan- des. Dieſe drey letztern fangen von gemeinſchaftlichen Grundſaͤtzen an, aber zwey gerathen von dem rechten Wege ab. Da mit der falſchen Vernuͤnfteley auch noch dieß verbunden iſt, daß die Evidenz der Empfin- dungen, und mit der Schwaͤrmerey, daß die Evidenz der Raiſonnements aus allgemeinen Begriffen abgelaͤugnet wird, ſo vereinigen ſie ſich an einer Seite wieder mit dem Skepticismus.
Mit dem Zweifler uͤber ein allgemeines Merkmal der Evidenz zu ſtreiten, halte ich fuͤr eine unnuͤtze Be- muͤhung. Es iſt beſſer, es ſo zu machen, wie die Phi- loſophen es zum Theil gethan haben: Sie ſetzen nem- lich die Grundſaͤtze hin, die ſie als evident anſehen, und behaupten von dieſen insbeſonders, daß ſie es ſind. Der Skeptiker kann alsdenn auch bey jedem Axiom fuͤr ſich erinnern, was er daran auszuſetzen habe. Und da hat der Dogmatiker ſo viel fuͤr ſich, daß es doch einige Ge- meinſaͤtze ſowohl, als einzelne Empfindungen giebt, die in der Maaße ſubjektiviſch nothwendige Urtheile des Ver- ſtandes ſind, daß alles Bemuͤhen, ſie entweder unmittel- bar zu laͤugnen, oder durch Raiſonnements ſie umzuſto- ßen, ein vergebliches Beſtreben gegen die Natur iſt. Nur Unſinn oder Unvermoͤgen des Verſtandes muͤßte der Grund ſeyn, wenn ſie im Ernſt jemanden als falſch, oder auch nur als zweifelhaft vorkommen koͤnnten.
V. Ver-
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VIII. Verſuch. Von der Beziehung
„Nebenideen denken? ob es nicht evident ſey, daß eini-
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„nige Erfahrungsſaͤtze und einige Schlußkenntniſſe
„zuverlaͤſſig auf unveraͤnderlicher Naturnothwendigkeit
„beruhen?‟ bey dieſer Frage, ſage ich, ſcheidet ſich ei-
gentlich der Skepticismus von der Lehre, die etwas
behauptet; ſowohl von der wahren Philoſophie, als
von der falſchen Vernuͤnfteley, und von der ihr ent-
gegenſtehenden Schwaͤrmerey des gemeinen Verſtan-
des. Dieſe drey letztern fangen von gemeinſchaftlichen
Grundſaͤtzen an, aber zwey gerathen von dem rechten
Wege ab. Da mit der falſchen Vernuͤnfteley auch noch
dieß verbunden iſt, daß die Evidenz der Empfin-
dungen, und mit der Schwaͤrmerey, daß die Evidenz
der Raiſonnements aus allgemeinen Begriffen
abgelaͤugnet wird, ſo vereinigen ſie ſich an einer Seite
wieder mit dem Skepticismus.
Mit dem Zweifler uͤber ein allgemeines Merkmal
der Evidenz zu ſtreiten, halte ich fuͤr eine unnuͤtze Be-
muͤhung. Es iſt beſſer, es ſo zu machen, wie die Phi-
loſophen es zum Theil gethan haben: Sie ſetzen nem-
lich die Grundſaͤtze hin, die ſie als evident anſehen, und
behaupten von dieſen insbeſonders, daß ſie es ſind. Der
Skeptiker kann alsdenn auch bey jedem Axiom fuͤr ſich
erinnern, was er daran auszuſetzen habe. Und da hat
der Dogmatiker ſo viel fuͤr ſich, daß es doch einige Ge-
meinſaͤtze ſowohl, als einzelne Empfindungen giebt, die
in der Maaße ſubjektiviſch nothwendige Urtheile des Ver-
ſtandes ſind, daß alles Bemuͤhen, ſie entweder unmittel-
bar zu laͤugnen, oder durch Raiſonnements ſie umzuſto-
ßen, ein vergebliches Beſtreben gegen die Natur iſt.
Nur Unſinn oder Unvermoͤgen des Verſtandes muͤßte
der Grund ſeyn, wenn ſie im Ernſt jemanden als falſch,
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Tetens, Johann Nicolas: Philosophische Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwickelung. Bd. 1. Leipzig, 1777, S. 586. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/tetens_versuche01_1777/646>, abgerufen am 23.11.2024.
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