Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 2. Tübingen, 1836.Neuntes Kapitel. §. 91. steriösen gehört bei der Heilung des Tauben auch dasanablepsas eis ton ouranon esenaxe (7, 34.). Denn wozu hier seufzen? über das Elend des Menschengeschlechts 22), das Jesu aus viel traurigeren Fällen längst bekannt sein musste? oder wollen wir durch die Erklärung, dass jener Ausdruck nichts weiter, als stilles Beten oder lautes Spre- chen bedeute 23), der Schwierigkeit ausweichen? Wer den Markus kennt, wird vielmehr den übertreibenden Er- zähler darin erkennen, dass er Jesu eine tiefe Gemüths- bewegung bei einem Anlass zuschreibt, der eine solche gar nicht hervorbringen konnte, aber von derselben begleitet sich nur um so geheimnissvoller ausnahm. Ganz vorzüg- lich aber scheint mir etwas Mysteriöses darin zu liegen, dass Markus das gebietende Wort, mit welchem Jesus die Ohren des Tauben aufthut, in seiner ursprünglichen syri- schen Form: ephphatha, wiedergiebt, wie bei der Erweckung der Tochter des Jairus nur unser Evangelist (5, 41.) das talitha koumi hat. Man sagt wohl, diess seien nichts we- niger als Zauberformeln gewesen 24); allein, dass Markus diese Machtworte so gerne in der seinen Lesern, denen er sie ja erklären muss, fremden Ursprache wiedergiebt, be- weist doch, dass er eben dieser ihrer ursprünglichen Form eine besondere Bedeutung beigelegt haben muss, welche dem Zusammenhang zufolge nur eine magische scheint ge- wesen sein zu können. Diese Neigung zum Mysteriösen können wir rückwärts blickend nun auch in der Anwen- dung jener äusseren Mittel finden, welche zum Erfolg in keinem Verhältniss stehen; denn eben darin besteht ja das Mysterium, dass mit einer inadäquaten, endlichen Form ein unendlicher Inhalt, mit einem scheinbar unwirksamen Mittel die kräftigste Wirkung sich verbindet. 22) so nach Euthymius Fritzsche, in Marc. p. 304. 23) Ersteres Kuinöl, Lezteres Schott. 24) Hess, Gesch. Jesu, 1, S. 391. Anm. 1.
Neuntes Kapitel. §. 91. steriösen gehört bei der Heilung des Tauben auch dasἀναβλέψας εἰς τὸν οὐρανὸν ἐςέναξε (7, 34.). Denn wozu hier seufzen? über das Elend des Menschengeschlechts 22), das Jesu aus viel traurigeren Fällen längst bekannt sein muſste? oder wollen wir durch die Erklärung, daſs jener Ausdruck nichts weiter, als stilles Beten oder lautes Spre- chen bedeute 23), der Schwierigkeit ausweichen? Wer den Markus kennt, wird vielmehr den übertreibenden Er- zähler darin erkennen, daſs er Jesu eine tiefe Gemüths- bewegung bei einem Anlaſs zuschreibt, der eine solche gar nicht hervorbringen konnte, aber von derselben begleitet sich nur um so geheimniſsvoller ausnahm. Ganz vorzüg- lich aber scheint mir etwas Mysteriöses darin zu liegen, daſs Markus das gebietende Wort, mit welchem Jesus die Ohren des Tauben aufthut, in seiner ursprünglichen syri- schen Form: ἐφφαϑὰ, wiedergiebt, wie bei der Erweckung der Tochter des Jairus nur unser Evangelist (5, 41.) das ταλιϑὰ κοῦμι hat. Man sagt wohl, dieſs seien nichts we- niger als Zauberformeln gewesen 24); allein, daſs Markus diese Machtworte so gerne in der seinen Lesern, denen er sie ja erklären muſs, fremden Ursprache wiedergiebt, be- weist doch, daſs er eben dieser ihrer ursprünglichen Form eine besondere Bedeutung beigelegt haben muſs, welche dem Zusammenhang zufolge nur eine magische scheint ge- wesen sein zu können. Diese Neigung zum Mysteriösen können wir rückwärts blickend nun auch in der Anwen- dung jener äusseren Mittel finden, welche zum Erfolg in keinem Verhältniſs stehen; denn eben darin besteht ja das Mysterium, daſs mit einer inadäquaten, endlichen Form ein unendlicher Inhalt, mit einem scheinbar unwirksamen Mittel die kräftigste Wirkung sich verbindet. 22) so nach Euthymius Fritzsche, in Marc. p. 304. 23) Ersteres Kuinöl, Lezteres Schott. 24) Hess, Gesch. Jesu, 1, S. 391. Anm. 1.
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Neuntes Kapitel. §. 91.
steriösen gehört bei der Heilung des Tauben auch das
ἀναβλέψας εἰς τὸν οὐρανὸν ἐςέναξε (7, 34.). Denn wozu
hier seufzen? über das Elend des Menschengeschlechts 22),
das Jesu aus viel traurigeren Fällen längst bekannt sein
muſste? oder wollen wir durch die Erklärung, daſs jener
Ausdruck nichts weiter, als stilles Beten oder lautes Spre-
chen bedeute 23), der Schwierigkeit ausweichen? Wer
den Markus kennt, wird vielmehr den übertreibenden Er-
zähler darin erkennen, daſs er Jesu eine tiefe Gemüths-
bewegung bei einem Anlaſs zuschreibt, der eine solche gar
nicht hervorbringen konnte, aber von derselben begleitet
sich nur um so geheimniſsvoller ausnahm. Ganz vorzüg-
lich aber scheint mir etwas Mysteriöses darin zu liegen,
daſs Markus das gebietende Wort, mit welchem Jesus die
Ohren des Tauben aufthut, in seiner ursprünglichen syri-
schen Form: ἐφφαϑὰ, wiedergiebt, wie bei der Erweckung
der Tochter des Jairus nur unser Evangelist (5, 41.) das
ταλιϑὰ κοῦμι hat. Man sagt wohl, dieſs seien nichts we-
niger als Zauberformeln gewesen 24); allein, daſs Markus
diese Machtworte so gerne in der seinen Lesern, denen er
sie ja erklären muſs, fremden Ursprache wiedergiebt, be-
weist doch, daſs er eben dieser ihrer ursprünglichen Form
eine besondere Bedeutung beigelegt haben muſs, welche
dem Zusammenhang zufolge nur eine magische scheint ge-
wesen sein zu können. Diese Neigung zum Mysteriösen
können wir rückwärts blickend nun auch in der Anwen-
dung jener äusseren Mittel finden, welche zum Erfolg in
keinem Verhältniſs stehen; denn eben darin besteht ja
das Mysterium, daſs mit einer inadäquaten, endlichen Form
ein unendlicher Inhalt, mit einem scheinbar unwirksamen
Mittel die kräftigste Wirkung sich verbindet.
22) so nach Euthymius Fritzsche, in Marc. p. 304.
23) Ersteres Kuinöl, Lezteres Schott.
24) Hess, Gesch. Jesu, 1, S. 391. Anm. 1.
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