Strauß, David Friedrich: Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet. Bd. 2. Tübingen, 1836.Dritter Abschnitt. den sanken. Desswegen haben Andere die Ordnung derScenen in der Art umgekehrt, dass zuerst Judas, voran- tretend, Jesum durch den Kuss bezeichnet, dann aber, noch ehe der Haufe in den Garten eindringen konnte, Je- sus zu ihnen hinaustretend sich zu erkennen gegeben ha- be 3). Allein, wenn ihn Judas bereits durch den Kuss be- zeichnet, und er den Zweck des Kusses so gut verstanden hatte, wie es sich in seiner Erwiederung auf denselben Luc. V. 48. ausspricht: so brauchte er sich nicht noch be- sonders zu erkennen zu geben, da er schon kenntlich ge- macht war; es zum Schutze der Jünger zu thun, wer eben- so überflüssig, da er an dem verrätherischen Kusse mer- ken musste, es sei darauf abgesehen, ihn aus seinem Ge- folge herauszufangen; that er es bloss um seinen Muth zu zeigen, so war diess fast etwas schauspielerisch; überhaupt aber kommt dadurch, dass Jesus zwischen den Judaskuss und das gewiss unmittelbar darauf erfolgte Eindringen der Schaar hinein dieser noch mit Fragen und Anreden entge- gengetreten sein soll, in sein Benehmen eine Hast und Eil- fertigkeit, welche ihm unter diesen Umständen so übel an- steht, dass die Evangelisten schwerlich beabsichtigen, ihm eine solche zuzuschreiben. Man sollte demnach anerken- nen, dass von den beiden Darstellungen keine darauf be- rechnet ist, durch die andere ergänzt zu werden 4), indem jede die Art, wie Jesus erkannt wurde, und wie Judas dabei thätig war, auf andere Weise fasst. Dass Judas 3) Lücke, 2, S. 599. Hase, a. a. O. Olshausen, 2, S. 435. 4) Wie mag Lücke die Auslassung des Judaskusses im johan-
neischen Evangelium daraus erklären, dass er gar zu bekannt gewesen sei, und wie hiezu als Analogie das anführen, dass Johannes auch die Verhandlung des Verräthers mit dem Syn- edrium übergehe? da zwar diese Verhandlung als etwas hinter der Scene Vorgegangenes wohl übergangen werden konnte, keineswegs aber etwas, das, wie jener Kuss, so ganz im Vordergrund und Mitteipunkt der Handlung gesche- hen war. Dritter Abschnitt. den sanken. Deſswegen haben Andere die Ordnung derScenen in der Art umgekehrt, daſs zuerst Judas, voran- tretend, Jesum durch den Kuſs bezeichnet, dann aber, noch ehe der Haufe in den Garten eindringen konnte, Je- sus zu ihnen hinaustretend sich zu erkennen gegeben ha- be 3). Allein, wenn ihn Judas bereits durch den Kuſs be- zeichnet, und er den Zweck des Kusses so gut verstanden hatte, wie es sich in seiner Erwiederung auf denselben Luc. V. 48. ausspricht: so brauchte er sich nicht noch be- sonders zu erkennen zu geben, da er schon kenntlich ge- macht war; es zum Schutze der Jünger zu thun, wer eben- so überflüssig, da er an dem verrätherischen Kusse mer- ken muſste, es sei darauf abgesehen, ihn aus seinem Ge- folge herauszufangen; that er es bloſs um seinen Muth zu zeigen, so war dieſs fast etwas schauspielerisch; überhaupt aber kommt dadurch, daſs Jesus zwischen den Judaskuſs und das gewiſs unmittelbar darauf erfolgte Eindringen der Schaar hinein dieser noch mit Fragen und Anreden entge- gengetreten sein soll, in sein Benehmen eine Hast und Eil- fertigkeit, welche ihm unter diesen Umständen so übel an- steht, daſs die Evangelisten schwerlich beabsichtigen, ihm eine solche zuzuschreiben. Man sollte demnach anerken- nen, daſs von den beiden Darstellungen keine darauf be- rechnet ist, durch die andere ergänzt zu werden 4), indem jede die Art, wie Jesus erkannt wurde, und wie Judas dabei thätig war, auf andere Weise faſst. Daſs Judas 3) Lücke, 2, S. 599. Hase, a. a. O. Olshausen, 2, S. 435. 4) Wie mag Lücke die Auslassung des Judaskusses im johan-
neischen Evangelium daraus erklären, dass er gar zu bekannt gewesen sei, und wie hiezu als Analogie das anführen, dass Johannes auch die Verhandlung des Verräthers mit dem Syn- edrium übergehe? da zwar diese Verhandlung als etwas hinter der Scene Vorgegangenes wohl übergangen werden konnte, keineswegs aber etwas, das, wie jener Kuss, so ganz im Vordergrund und Mitteipunkt der Handlung gesche- hen war. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0493" n="474"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Dritter Abschnitt</hi>.</fw><lb/> den sanken. Deſswegen haben Andere die Ordnung der<lb/> Scenen in der Art umgekehrt, daſs zuerst Judas, voran-<lb/> tretend, Jesum durch den Kuſs bezeichnet, dann aber,<lb/> noch ehe der Haufe in den Garten eindringen konnte, Je-<lb/> sus zu ihnen hinaustretend sich zu erkennen gegeben ha-<lb/> be <note place="foot" n="3)"><hi rendition="#k">Lücke</hi>, 2, S. 599. <hi rendition="#k">Hase</hi>, a. a. O. <hi rendition="#k">Olshausen</hi>, 2, S. 435.</note>. Allein, wenn ihn Judas bereits durch den Kuſs be-<lb/> zeichnet, und er den Zweck des Kusses so gut verstanden<lb/> hatte, wie es sich in seiner Erwiederung auf denselben<lb/> Luc. V. 48. ausspricht: so brauchte er sich nicht noch be-<lb/> sonders zu erkennen zu geben, da er schon kenntlich ge-<lb/> macht war; es zum Schutze der Jünger zu thun, wer eben-<lb/> so überflüssig, da er an dem verrätherischen Kusse mer-<lb/> ken muſste, es sei darauf abgesehen, ihn aus seinem Ge-<lb/> folge herauszufangen; that er es bloſs um seinen Muth zu<lb/> zeigen, so war dieſs fast etwas schauspielerisch; überhaupt<lb/> aber kommt dadurch, daſs Jesus zwischen den Judaskuſs<lb/> und das gewiſs unmittelbar darauf erfolgte Eindringen der<lb/> Schaar hinein dieser noch mit Fragen und Anreden entge-<lb/> gengetreten sein soll, in sein Benehmen eine Hast und Eil-<lb/> fertigkeit, welche ihm unter diesen Umständen so übel an-<lb/> steht, daſs die Evangelisten schwerlich beabsichtigen, ihm<lb/> eine solche zuzuschreiben. Man sollte demnach anerken-<lb/> nen, daſs von den beiden Darstellungen keine darauf be-<lb/> rechnet ist, durch die andere ergänzt zu werden <note place="foot" n="4)">Wie mag <hi rendition="#k">Lücke</hi> die Auslassung des Judaskusses im johan-<lb/> neischen Evangelium daraus erklären, dass er gar zu bekannt<lb/> gewesen sei, und wie hiezu als Analogie das anführen, dass<lb/> Johannes auch die Verhandlung des Verräthers mit dem Syn-<lb/> edrium übergehe? da zwar diese Verhandlung als etwas<lb/> hinter der Scene Vorgegangenes wohl übergangen werden<lb/> konnte, keineswegs aber etwas, das, wie jener Kuss, so<lb/> ganz im Vordergrund und Mitteipunkt der Handlung gesche-<lb/> hen war.</note>, indem<lb/> jede die Art, wie Jesus erkannt wurde, und wie Judas<lb/> dabei thätig war, auf andere Weise faſst. Daſs Judas<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [474/0493]
Dritter Abschnitt.
den sanken. Deſswegen haben Andere die Ordnung der
Scenen in der Art umgekehrt, daſs zuerst Judas, voran-
tretend, Jesum durch den Kuſs bezeichnet, dann aber,
noch ehe der Haufe in den Garten eindringen konnte, Je-
sus zu ihnen hinaustretend sich zu erkennen gegeben ha-
be 3). Allein, wenn ihn Judas bereits durch den Kuſs be-
zeichnet, und er den Zweck des Kusses so gut verstanden
hatte, wie es sich in seiner Erwiederung auf denselben
Luc. V. 48. ausspricht: so brauchte er sich nicht noch be-
sonders zu erkennen zu geben, da er schon kenntlich ge-
macht war; es zum Schutze der Jünger zu thun, wer eben-
so überflüssig, da er an dem verrätherischen Kusse mer-
ken muſste, es sei darauf abgesehen, ihn aus seinem Ge-
folge herauszufangen; that er es bloſs um seinen Muth zu
zeigen, so war dieſs fast etwas schauspielerisch; überhaupt
aber kommt dadurch, daſs Jesus zwischen den Judaskuſs
und das gewiſs unmittelbar darauf erfolgte Eindringen der
Schaar hinein dieser noch mit Fragen und Anreden entge-
gengetreten sein soll, in sein Benehmen eine Hast und Eil-
fertigkeit, welche ihm unter diesen Umständen so übel an-
steht, daſs die Evangelisten schwerlich beabsichtigen, ihm
eine solche zuzuschreiben. Man sollte demnach anerken-
nen, daſs von den beiden Darstellungen keine darauf be-
rechnet ist, durch die andere ergänzt zu werden 4), indem
jede die Art, wie Jesus erkannt wurde, und wie Judas
dabei thätig war, auf andere Weise faſst. Daſs Judas
3) Lücke, 2, S. 599. Hase, a. a. O. Olshausen, 2, S. 435.
4) Wie mag Lücke die Auslassung des Judaskusses im johan-
neischen Evangelium daraus erklären, dass er gar zu bekannt
gewesen sei, und wie hiezu als Analogie das anführen, dass
Johannes auch die Verhandlung des Verräthers mit dem Syn-
edrium übergehe? da zwar diese Verhandlung als etwas
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konnte, keineswegs aber etwas, das, wie jener Kuss, so
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