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Storm, Theodor: Eine Malerarbeit. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 9. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 257–304. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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, den er umgebunden hatte, schwebte wie ein Dach über den dünnen Beinen.

Heisa! Freue dich, Christel! hörte ich einen Jungen einem alten Weibe zurufen, das sich mit einem Korb voll Wäsche über die Straße schleppte. Die Schildkröten laufen herum, heute Nacht giebt's Regen! Und Beide schlugen ein schallendes Gelächter auf.

Nachdem ich die sämmtlichen Damen und Kinder hatte vom Wagen herabheben helfen, nahm ich von meinen Verwandten Abschied und ging in Brunken's Wohnung. Aber ich erfuhr nur, daß er dort gewesen und sogleich, ohne Bescheid zurückzulassen, wieder fortgegangen sei. Nicht besser ging es mir ein paar Tage darauf; es hieß, Brunken habe sagen lassen, er sei auf den Dörfern in der Umgegend, um dort Studien zu machen; einiges Geräth und Farben zum Aquarellmalen hatte er sich nachkommen lassen. Nach etwa vier Wochen erhielt ich aber einen Brief von ihm aus einer größeren Stadt des mittleren Deutschlands, worin er mir erzählte, daß er dort seinen bleibenden Aufenthalt nehmen werde; der Brief enthielt zugleich die Bitte, ihm seine Habseligkeiten dorthin nachzuschicken. Ich besorgte das Alles, und seitdem verging eine lange Zeit, während welcher jede Beziehung zwischen uns aufgehört hatte.

, den er umgebunden hatte, schwebte wie ein Dach über den dünnen Beinen.

Heisa! Freue dich, Christel! hörte ich einen Jungen einem alten Weibe zurufen, das sich mit einem Korb voll Wäsche über die Straße schleppte. Die Schildkröten laufen herum, heute Nacht giebt's Regen! Und Beide schlugen ein schallendes Gelächter auf.

Nachdem ich die sämmtlichen Damen und Kinder hatte vom Wagen herabheben helfen, nahm ich von meinen Verwandten Abschied und ging in Brunken's Wohnung. Aber ich erfuhr nur, daß er dort gewesen und sogleich, ohne Bescheid zurückzulassen, wieder fortgegangen sei. Nicht besser ging es mir ein paar Tage darauf; es hieß, Brunken habe sagen lassen, er sei auf den Dörfern in der Umgegend, um dort Studien zu machen; einiges Geräth und Farben zum Aquarellmalen hatte er sich nachkommen lassen. Nach etwa vier Wochen erhielt ich aber einen Brief von ihm aus einer größeren Stadt des mittleren Deutschlands, worin er mir erzählte, daß er dort seinen bleibenden Aufenthalt nehmen werde; der Brief enthielt zugleich die Bitte, ihm seine Habseligkeiten dorthin nachzuschicken. Ich besorgte das Alles, und seitdem verging eine lange Zeit, während welcher jede Beziehung zwischen uns aufgehört hatte.

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[0028] , den er umgebunden hatte, schwebte wie ein Dach über den dünnen Beinen. Heisa! Freue dich, Christel! hörte ich einen Jungen einem alten Weibe zurufen, das sich mit einem Korb voll Wäsche über die Straße schleppte. Die Schildkröten laufen herum, heute Nacht giebt's Regen! Und Beide schlugen ein schallendes Gelächter auf. Nachdem ich die sämmtlichen Damen und Kinder hatte vom Wagen herabheben helfen, nahm ich von meinen Verwandten Abschied und ging in Brunken's Wohnung. Aber ich erfuhr nur, daß er dort gewesen und sogleich, ohne Bescheid zurückzulassen, wieder fortgegangen sei. Nicht besser ging es mir ein paar Tage darauf; es hieß, Brunken habe sagen lassen, er sei auf den Dörfern in der Umgegend, um dort Studien zu machen; einiges Geräth und Farben zum Aquarellmalen hatte er sich nachkommen lassen. Nach etwa vier Wochen erhielt ich aber einen Brief von ihm aus einer größeren Stadt des mittleren Deutschlands, worin er mir erzählte, daß er dort seinen bleibenden Aufenthalt nehmen werde; der Brief enthielt zugleich die Bitte, ihm seine Habseligkeiten dorthin nachzuschicken. Ich besorgte das Alles, und seitdem verging eine lange Zeit, während welcher jede Beziehung zwischen uns aufgehört hatte.

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-16T12:17:45Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-16T12:17:45Z)

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Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: nein; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




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Zitationshilfe: Storm, Theodor: Eine Malerarbeit. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 9. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 257–304. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/storm_malerarbeit_1910/28>, abgerufen am 14.04.2021.