Nachdem Carl Braun es früher so entschieden getadelt, dass ich mich auf die Vergangenheit stütze, und er selbst sich aber jetzt auf die Geschichte des Puerperalfiebers beruft, so bin ich in der grössten Verlegenheit, da ich nicht weiss, ob Carl Braun sich eines Widerspruches schuldig machte, oder ob er vielleicht der Ueberzeugung ist, dass die Geschichte des Kind- bettfiebers von der Zukunft des Puerperalfiebers handelt. Doch wir wollen diesen Zweifel ungelöst lassen, da wir wichtigere Zweifel zu lösen haben. Ich bin mit Carl Braun vollkommen einverstanden, dass Puerperalfieber-Epidemien überverschie- dene Länder, Städte, Dörfer des flachen Landes und hoher Ge- birge ausgebreitet vorkommen, dass man Puerperalfieber in den verschiedensten Kreisen der Gesellschaft erblickt, und wie denn nicht? Carl Braun bildet jährlich 150 bis 200 Geburtshelfer, und wie gründlich die Schüler C. Braun's das Puerperalfieber zu verhüten verstehen, das beweisen die in sechs Jahren vor- gekommenen 367 verhütbaren Infectionsfälle von aussen. Das beweisen die 717 verhütbaren Infectionsfälle von aussen, welche während der vierjährigen Assistenz Gustav Braun's, Carl Braun's Schüler, vorgekommen sind. Dr. Spaeth bildete an der Hebammenschule jährlich 260 bis 300 Hebammen, und wie gründlich die Schülerinnen Dr. Spaeth's das Puerperal- tieber zu verhüten verstehen, das beweiset die 12 % Sterb- lichkeit im Monate März 1852. Dr. Spaeth theilt wohl seinem Freunde Chiari vertraulich mit, wie das Puerperalfieber ent- steht; aber was man einem Freunde vertraulich mittheilt, das theilt man doch Schülerinnen nicht mit.
So werden Infectoren gebildet für verschiedene Länder, Städte, Dörfer des flachen Landes, für hohe Gebirge, für die verschiedenen Kreise der Gesellschaft.
Ueber die Puerperalfieber-Epidemien, welche ausserhalb der Gebärhäuser vorkommen, haben wir uns in dieser Schrift an betreffender Stelle ausgesprochen. (Siehe Seite 178, Zeile 5 von unten.)
Auch das Argument, welches wir für unsere Ansicht aus
Nachdem Carl Braun es früher so entschieden getadelt, dass ich mich auf die Vergangenheit stütze, und er selbst sich aber jetzt auf die Geschichte des Puerperalfiebers beruft, so bin ich in der grössten Verlegenheit, da ich nicht weiss, ob Carl Braun sich eines Widerspruches schuldig machte, oder ob er vielleicht der Ueberzeugung ist, dass die Geschichte des Kind- bettfiebers von der Zukunft des Puerperalfiebers handelt. Doch wir wollen diesen Zweifel ungelöst lassen, da wir wichtigere Zweifel zu lösen haben. Ich bin mit Carl Braun vollkommen einverstanden, dass Puerperalfieber-Epidemien überverschie- dene Länder, Städte, Dörfer des flachen Landes und hoher Ge- birge ausgebreitet vorkommen, dass man Puerperalfieber in den verschiedensten Kreisen der Gesellschaft erblickt, und wie denn nicht? Carl Braun bildet jährlich 150 bis 200 Geburtshelfer, und wie gründlich die Schüler C. Braun’s das Puerperalfieber zu verhüten verstehen, das beweisen die in sechs Jahren vor- gekommenen 367 verhütbaren Infectionsfälle von aussen. Das beweisen die 717 verhütbaren Infectionsfälle von aussen, welche während der vierjährigen Assistenz Gustav Braun’s, Carl Braun’s Schüler, vorgekommen sind. Dr. Spaeth bildete an der Hebammenschule jährlich 260 bis 300 Hebammen, und wie gründlich die Schülerinnen Dr. Spaeth’s das Puerperal- tieber zu verhüten verstehen, das beweiset die 12 % Sterb- lichkeit im Monate März 1852. Dr. Spaeth theilt wohl seinem Freunde Chiari vertraulich mit, wie das Puerperalfieber ent- steht; aber was man einem Freunde vertraulich mittheilt, das theilt man doch Schülerinnen nicht mit.
So werden Infectoren gebildet für verschiedene Länder, Städte, Dörfer des flachen Landes, für hohe Gebirge, für die verschiedenen Kreise der Gesellschaft.
Ueber die Puerperalfieber-Epidemien, welche ausserhalb der Gebärhäuser vorkommen, haben wir uns in dieser Schrift an betreffender Stelle ausgesprochen. (Siehe Seite 178, Zeile 5 von unten.)
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Nachdem Carl Braun es früher so entschieden getadelt,
dass ich mich auf die Vergangenheit stütze, und er selbst sich
aber jetzt auf die Geschichte des Puerperalfiebers beruft, so
bin ich in der grössten Verlegenheit, da ich nicht weiss, ob Carl
Braun sich eines Widerspruches schuldig machte, oder ob er
vielleicht der Ueberzeugung ist, dass die Geschichte des Kind-
bettfiebers von der Zukunft des Puerperalfiebers handelt. Doch
wir wollen diesen Zweifel ungelöst lassen, da wir wichtigere
Zweifel zu lösen haben. Ich bin mit Carl Braun vollkommen
einverstanden, dass Puerperalfieber-Epidemien überverschie-
dene Länder, Städte, Dörfer des flachen Landes und hoher Ge-
birge ausgebreitet vorkommen, dass man Puerperalfieber in den
verschiedensten Kreisen der Gesellschaft erblickt, und wie denn
nicht? Carl Braun bildet jährlich 150 bis 200 Geburtshelfer,
und wie gründlich die Schüler C. Braun’s das Puerperalfieber
zu verhüten verstehen, das beweisen die in sechs Jahren vor-
gekommenen 367 verhütbaren Infectionsfälle von aussen.
Das beweisen die 717 verhütbaren Infectionsfälle von aussen,
welche während der vierjährigen Assistenz Gustav Braun’s,
Carl Braun’s Schüler, vorgekommen sind. Dr. Spaeth bildete
an der Hebammenschule jährlich 260 bis 300 Hebammen, und
wie gründlich die Schülerinnen Dr. Spaeth’s das Puerperal-
tieber zu verhüten verstehen, das beweiset die 12 % Sterb-
lichkeit im Monate März 1852. Dr. Spaeth theilt wohl seinem
Freunde Chiari vertraulich mit, wie das Puerperalfieber ent-
steht; aber was man einem Freunde vertraulich mittheilt, das
theilt man doch Schülerinnen nicht mit.
So werden Infectoren gebildet für verschiedene Länder,
Städte, Dörfer des flachen Landes, für hohe Gebirge, für die
verschiedenen Kreise der Gesellschaft.
Ueber die Puerperalfieber-Epidemien, welche ausserhalb
der Gebärhäuser vorkommen, haben wir uns in dieser Schrift
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5 von unten.)
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Semmelweis, Ignaz Philipp: Die Ätiologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers. Pest u. a., 1861, S. 501. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/semmelweis_kindbettfieber_1861/513>, abgerufen am 22.11.2024.
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