ben und den Schutt mit 21 Centimeter breiten Hacken herunterzuharken. In dieser neuen Ausgrabung finde ich vier aus irdenen, 48 bis 57 Centimeter langen und 17 bis 30 Centimeter dicken Röhren zusammengesetzte Wasser- leitungen, in welchen das Wasser aus einer Entfernung von 11/2 deutschen Meilen vom obern Thymbrius hergeleitet wurde. Letzterer heisst jetzt Kemar, vom griechischen Wort kamara (Gewölbe), weil eine Wasserleitung aus römischer Zeit in grossen Bogen über seinen untern Lauf hinweg- geht, die einst Ilium mit Trinkwasser aus dem obern Theile des Flusses versorgte. Für die Pergamos aber waren besondere Wasserleitungen nöthig, da dieselbe höher liegt als die Stadt.
Ich finde in dieser Ausgrabung eine ungeheuere Menge sehr grosser, 1 bis 2 Meter hoher und 75 Centi- meter dicker irdener Weinbehälter (pithoi), sowie eine Menge Bruchstücke von korinthischen Säulen und andern herrlich sculptirten Marmorblöcken. Alle diese Marmor- blöcke müssen jedenfalls zu jenem grossartigen Gebäude gehört haben, dessen südliche Wand von 87,7 Meter Länge ich bereits aufgegraben habe. Dieselbe besteht aus mit vielem steinharten Cement zusammengesetzten kleinen Steinen und ruht auf grossen schönbehauenen Kalksteinen. Die Richtung dieser Wand und folglich des ganzen Gebäudes ist Ostsüdost halb Ost, und drei Inschriften, die ich in den Ruinen desselben fand und in deren einer gesagt ist, dass sie im "ieron", d. h. im Tempel aufgestellt wurde, lassen gar keinen Zweifel, dass dies der Tempel der ilischen Minerva, der "polioukhos thea" war, denn nur dieses Heiligthum konnte wegen seiner über alle andern Tempel hervorragenden Grösse
wasserleitung; trümmer des minervatempels.
ben und den Schutt mit 21 Centimeter breiten Hacken herunterzuharken. In dieser neuen Ausgrabung finde ich vier aus irdenen, 48 bis 57 Centimeter langen und 17 bis 30 Centimeter dicken Röhren zusammengesetzte Wasser- leitungen, in welchen das Wasser aus einer Entfernung von 1½ deutschen Meilen vom obern Thymbrius hergeleitet wurde. Letzterer heisst jetzt Kemar, vom griechischen Wort καμάϱα (Gewölbe), weil eine Wasserleitung aus römischer Zeit in grossen Bogen über seinen untern Lauf hinweg- geht, die einst Ilium mit Trinkwasser aus dem obern Theile des Flusses versorgte. Für die Pergamos aber waren besondere Wasserleitungen nöthig, da dieselbe höher liegt als die Stadt.
Ich finde in dieser Ausgrabung eine ungeheuere Menge sehr grosser, 1 bis 2 Meter hoher und 75 Centi- meter dicker irdener Weinbehälter (πίϑοι), sowie eine Menge Bruchstücke von korinthischen Säulen und andern herrlich sculptirten Marmorblöcken. Alle diese Marmor- blöcke müssen jedenfalls zu jenem grossartigen Gebäude gehört haben, dessen südliche Wand von 87,7 Meter Länge ich bereits aufgegraben habe. Dieselbe besteht aus mit vielem steinharten Cement zusammengesetzten kleinen Steinen und ruht auf grossen schönbehauenen Kalksteinen. Die Richtung dieser Wand und folglich des ganzen Gebäudes ist Ostsüdost halb Ost, und drei Inschriften, die ich in den Ruinen desselben fand und in deren einer gesagt ist, dass sie im „ἱεϱόν“, d. h. im Tempel aufgestellt wurde, lassen gar keinen Zweifel, dass dies der Tempel der ilischen Minerva, der „πολιοῦχος ϑεά“ war, denn nur dieses Heiligthum konnte wegen seiner über alle andern Tempel hervorragenden Grösse
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wasserleitung; trümmer des minervatempels.
ben und den Schutt mit 21 Centimeter breiten Hacken
herunterzuharken. In dieser neuen Ausgrabung finde ich
vier aus irdenen, 48 bis 57 Centimeter langen und 17 bis
30 Centimeter dicken Röhren zusammengesetzte Wasser-
leitungen, in welchen das Wasser aus einer Entfernung von
1½ deutschen Meilen vom obern Thymbrius hergeleitet
wurde. Letzterer heisst jetzt Kemar, vom griechischen Wort
καμάϱα (Gewölbe), weil eine Wasserleitung aus römischer
Zeit in grossen Bogen über seinen untern Lauf hinweg-
geht, die einst Ilium mit Trinkwasser aus dem obern
Theile des Flusses versorgte. Für die Pergamos aber
waren besondere Wasserleitungen nöthig, da dieselbe
höher liegt als die Stadt.
Ich finde in dieser Ausgrabung eine ungeheuere
Menge sehr grosser, 1 bis 2 Meter hoher und 75 Centi-
meter dicker irdener Weinbehälter (πίϑοι), sowie eine
Menge Bruchstücke von korinthischen Säulen und andern
herrlich sculptirten Marmorblöcken. Alle diese Marmor-
blöcke müssen jedenfalls zu jenem grossartigen Gebäude
gehört haben, dessen südliche Wand von 87,7 Meter
Länge ich bereits aufgegraben habe. Dieselbe besteht
aus mit vielem steinharten Cement zusammengesetzten
kleinen Steinen und ruht auf grossen schönbehauenen
Kalksteinen. Die Richtung dieser Wand und folglich
des ganzen Gebäudes ist Ostsüdost halb Ost, und drei
Inschriften, die ich in den Ruinen desselben fand und
in deren einer gesagt ist, dass sie im „ἱεϱόν“, d. h. im
Tempel aufgestellt wurde, lassen gar keinen Zweifel,
dass dies der Tempel der ilischen Minerva, der „πολιοῦχος
ϑεά“ war, denn nur dieses Heiligthum konnte wegen
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Schliemann, Heinrich: Trojanische Alterthümer. Bericht über die Ausgrabungen in Troja. Leipzig, 1874, S. 200. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/schliemann_trojanische_1874/266>, abgerufen am 16.02.2025.
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