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Sailer, Johann Michael: Kurzgefaßte Erinnerungen an junge Prediger. München, 1791.

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trauen auf Gott ermuntern, aber auch bestimmt er-
klären, dass unser Vertrauen auf Gott nie freymüthig
werden könne, so lange uns unser Herz Vorwürfe
macht (I. Joh. III. 20. 21.); wird nach der schönen Pa-
storalvorschrift: (Diess lehre, diess schärfe ihnen ein:
Wer aber anders lehrt, und den gesunden Lehren un-
sers Herrn Jesu Christi, und dem Unterrichte, der die
Gottseligkeit zum Zwecke hat, kein Gehör giebt, der ist
aufgeblasen, ob er gleich nichts weiss, und kränkelt an
Grübeley und Wortgezänke, woraus Neid. Entzweyung,
Lästerung, Argwohn und allerley Streitgeschwätze sol-
cher Menschen entstehen, die die Wahrheit nicht haben,
und aus der Gottseligkeit eine Kram- und Gewinnstsache
machen
I. Timoth. VI. 3-6.), kein ander Christenthum
lehren, als das die Wurzel der Gottseligkeit, und
keine andere Gottseligkeit, als die die Frucht des
Christenthums
ist, und also überall und durchaus
auf die Hauptsache dringen, und nur das einschärfen,
was entweder zum Wesen des Christenthums und der
Gottseligkeit als Bestandtheil gehört, oder mit dem-
selben in einer wohlthätigen Verbindung steht.

Der Prediger ist viertens: ein Zeuge der Wahr-
heit vor Menschen, die nur das sind, was sie sind, ihre
bestimmten Fassungskräfte, ihre bestimmten Bedürfnisse
und ihre bestimmten Erwartungen mitbringen.

Die Wahrheit, die er ihnen vorträgt, muss also
1) ihren Fassungskräften angemessen seyn. Er
hat, wie Paulus Milch für den schwachen, und stärke-
re Speise für den starken Magen. (I. Cor. III. 1.) Er

hat,

trauen auf Gott ermuntern, aber auch beſtimmt er-
klären, daſs unſer Vertrauen auf Gott nie freymüthig
werden könne, ſo lange uns unſer Herz Vorwürfe
macht (I. Joh. III. 20. 21.); wird nach der ſchönen Pa-
ſtoralvorſchrift: (Dieſs lehre, dieſs ſchärfe ihnen ein:
Wer aber anders lehrt, und den geſunden Lehren un-
ſers Herrn Jeſu Chriſti, und dem Unterrichte, der die
Gottſeligkeit zum Zwecke hat, kein Gehör giebt, der iſt
aufgeblaſen, ob er gleich nichts weiſs, und kränkelt an
Grübeley und Wortgezänke, woraus Neid. Entzweyung,
Läſterung, Argwohn und allerley Streitgeſchwätze ſol-
cher Menſchen entſtehen, die die Wahrheit nicht haben,
und aus der Gottſeligkeit eine Kram- und Gewinnſtſache
machen
I. Timoth. VI. 3-6.), kein ander Chriſtenthum
lehren, als das die Wurzel der Gottſeligkeit, und
keine andere Gottſeligkeit, als die die Frucht des
Chriſtenthums
iſt, und alſo überall und durchaus
auf die Hauptſache dringen, und nur das einſchärfen,
was entweder zum Weſen des Chriſtenthums und der
Gottſeligkeit als Beſtandtheil gehört, oder mit dem-
ſelben in einer wohlthätigen Verbindung ſteht.

Der Prediger iſt viertens: ein Zeuge der Wahr-
heit vor Menſchen, die nur das ſind, was ſie ſind, ihre
beſtimmten Faſſungskräfte, ihre beſtimmten Bedürfniſſe
und ihre beſtimmten Erwartungen mitbringen.

Die Wahrheit, die er ihnen vorträgt, muſs alſo
1) ihren Faſſungskräften angemeſſen ſeyn. Er
hat, wie Paulus Milch für den ſchwachen, und ſtärke-
re Speiſe für den ſtarken Magen. (I. Cor. III. 1.) Er

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[13/0027] trauen auf Gott ermuntern, aber auch beſtimmt er- klären, daſs unſer Vertrauen auf Gott nie freymüthig werden könne, ſo lange uns unſer Herz Vorwürfe macht (I. Joh. III. 20. 21.); wird nach der ſchönen Pa- ſtoralvorſchrift: (Dieſs lehre, dieſs ſchärfe ihnen ein: Wer aber anders lehrt, und den geſunden Lehren un- ſers Herrn Jeſu Chriſti, und dem Unterrichte, der die Gottſeligkeit zum Zwecke hat, kein Gehör giebt, der iſt aufgeblaſen, ob er gleich nichts weiſs, und kränkelt an Grübeley und Wortgezänke, woraus Neid. Entzweyung, Läſterung, Argwohn und allerley Streitgeſchwätze ſol- cher Menſchen entſtehen, die die Wahrheit nicht haben, und aus der Gottſeligkeit eine Kram- und Gewinnſtſache machen I. Timoth. VI. 3-6.), kein ander Chriſtenthum lehren, als das die Wurzel der Gottſeligkeit, und keine andere Gottſeligkeit, als die die Frucht des Chriſtenthums iſt, und alſo überall und durchaus auf die Hauptſache dringen, und nur das einſchärfen, was entweder zum Weſen des Chriſtenthums und der Gottſeligkeit als Beſtandtheil gehört, oder mit dem- ſelben in einer wohlthätigen Verbindung ſteht. Der Prediger iſt viertens: ein Zeuge der Wahr- heit vor Menſchen, die nur das ſind, was ſie ſind, ihre beſtimmten Faſſungskräfte, ihre beſtimmten Bedürfniſſe und ihre beſtimmten Erwartungen mitbringen. Die Wahrheit, die er ihnen vorträgt, muſs alſo 1) ihren Faſſungskräften angemeſſen ſeyn. Er hat, wie Paulus Milch für den ſchwachen, und ſtärke- re Speiſe für den ſtarken Magen. (I. Cor. III. 1.) Er hat,

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Zitationshilfe: Sailer, Johann Michael: Kurzgefaßte Erinnerungen an junge Prediger. München, 1791, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/sailer_prediger_1791/27>, abgerufen am 07.05.2021.