berg im sächs. Erzgebirge, worüber mir Herr Rülke daselbst unter Bei- fügung einer sehr guten Zeichnung Folgendes schreibt:
"Der Stamm unserer Linde besteht aus 6 knorrigen, bemoosten Hauptästen, welche sich in einer Höhe von 3 bis 5 Ellen horizontal fort- strecken und die sämmtlich keinen Zweifel darüber zulassen, daß man es hier nicht mit einem gewöhnlichen Baum, und nicht mit Aesten, wohl aber mit einem umgekehrten Wurzelstock, mit einem verkehrt eingesetzten Baum zu thun hat. Die Pfahlwurzel, die mit den andern schon erwähnten dicht verwachsen ist, steigt von der Erde aus gerade empor, trennt sich vom Wurzelstock in einer Höhe von ca. 4 Ellen, und ragt nun selbständig bis zu einer Höhe von 50 Ellen empor. Kurz über deren Austritt aus dem Wurzelstamme, ohngefähr 41/2 Ellen über der Erde, beträgt deren Umfang 73/4 Ellen. Etwa 6 Ellen höher theilt sich der Hauptstamm in 2 Theile. Die wieder von diesen ausgehenden Nebenäste, haben alle mehr den Charakter von Wurzeln als von Aesten. Aus den 6 horizontel sich hinstreckenden Hauptwurzelästen erhebt sich hin und wieder ein nach der Höhe aufstrebender glatter Stamm. Einer deren, der stärkste, die der Stamm besitzt, bildet mit der schon beschriebenen Pfahlwurzel die Krone des Baumes. Der Hauptstamm hat einen Umfang von 13 Ellen. Das Blätterdach be- deckt eine Fläche von 34 Ellen im Durchmesser. -- Am Wurzelstock sind einige Aeste ausgesägt und die Schnittflächen mit Lehm verstrichen; im übrigen ist der Baum ganz gesund. Vom Stamm-Ende in den Boden eintretende Wurzelanfänge sind ganz unbedeutend, was bei der Stärke des Stammes auch für den umgekehrten Stand des Baumes spricht.
Darüber daß die Linde ein Alter von über 300 Jahren hat, sind alle Sachverständigen einig. Eine Schätzung des kubischen Inhalts konute ich mir nicht verschaffen.
Die Linde ruht gegenwärtig auf Gestänge, welches von 23 Säulen getragen wird, die in Entfernungen von ca. 7 Ellen auseinander stehen."
In dieser Beschreibung ist etwas hervorzuheben vergessen worden, was ich aus der mir noch lebhaft vorschwebenden Erinnerung und nach der sehr genauen Zeichnung hinzufüge und was allerdings der Linde das täuschende Ansehen eines umgekehrten Baumes giebt: daß nämlich die Hauptäste (also die muthmaßlichen einstigen Wurzeln) mit einer senkrecht breit gedrückten Basis von dem unförmlich kurzen und dicken Stamm ab-
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berg im ſächſ. Erzgebirge, worüber mir Herr Rülke daſelbſt unter Bei- fügung einer ſehr guten Zeichnung Folgendes ſchreibt:
„Der Stamm unſerer Linde beſteht aus 6 knorrigen, bemooſten Hauptäſten, welche ſich in einer Höhe von 3 bis 5 Ellen horizontal fort- ſtrecken und die ſämmtlich keinen Zweifel darüber zulaſſen, daß man es hier nicht mit einem gewöhnlichen Baum, und nicht mit Aeſten, wohl aber mit einem umgekehrten Wurzelſtock, mit einem verkehrt eingeſetzten Baum zu thun hat. Die Pfahlwurzel, die mit den andern ſchon erwähnten dicht verwachſen iſt, ſteigt von der Erde aus gerade empor, trennt ſich vom Wurzelſtock in einer Höhe von ca. 4 Ellen, und ragt nun ſelbſtändig bis zu einer Höhe von 50 Ellen empor. Kurz über deren Austritt aus dem Wurzelſtamme, ohngefähr 4½ Ellen über der Erde, beträgt deren Umfang 7¾ Ellen. Etwa 6 Ellen höher theilt ſich der Hauptſtamm in 2 Theile. Die wieder von dieſen ausgehenden Nebenäſte, haben alle mehr den Charakter von Wurzeln als von Aeſten. Aus den 6 horizontel ſich hinſtreckenden Hauptwurzeläſten erhebt ſich hin und wieder ein nach der Höhe aufſtrebender glatter Stamm. Einer deren, der ſtärkſte, die der Stamm beſitzt, bildet mit der ſchon beſchriebenen Pfahlwurzel die Krone des Baumes. Der Hauptſtamm hat einen Umfang von 13 Ellen. Das Blätterdach be- deckt eine Fläche von 34 Ellen im Durchmeſſer. — Am Wurzelſtock ſind einige Aeſte ausgeſägt und die Schnittflächen mit Lehm verſtrichen; im übrigen iſt der Baum ganz geſund. Vom Stamm-Ende in den Boden eintretende Wurzelanfänge ſind ganz unbedeutend, was bei der Stärke des Stammes auch für den umgekehrten Stand des Baumes ſpricht.
Darüber daß die Linde ein Alter von über 300 Jahren hat, ſind alle Sachverſtändigen einig. Eine Schätzung des kubiſchen Inhalts konute ich mir nicht verſchaffen.
Die Linde ruht gegenwärtig auf Geſtänge, welches von 23 Säulen getragen wird, die in Entfernungen von ca. 7 Ellen auseinander ſtehen.“
In dieſer Beſchreibung iſt etwas hervorzuheben vergeſſen worden, was ich aus der mir noch lebhaft vorſchwebenden Erinnerung und nach der ſehr genauen Zeichnung hinzufüge und was allerdings der Linde das täuſchende Anſehen eines umgekehrten Baumes giebt: daß nämlich die Hauptäſte (alſo die muthmaßlichen einſtigen Wurzeln) mit einer ſenkrecht breit gedrückten Baſis von dem unförmlich kurzen und dicken Stamm ab-
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berg im ſächſ. Erzgebirge, worüber mir Herr Rülke daſelbſt unter Bei-
fügung einer ſehr guten Zeichnung Folgendes ſchreibt:
„Der Stamm unſerer Linde beſteht aus 6 knorrigen, bemooſten
Hauptäſten, welche ſich in einer Höhe von 3 bis 5 Ellen horizontal fort-
ſtrecken und die ſämmtlich keinen Zweifel darüber zulaſſen, daß man es
hier nicht mit einem gewöhnlichen Baum, und nicht mit Aeſten, wohl aber
mit einem umgekehrten Wurzelſtock, mit einem verkehrt eingeſetzten Baum
zu thun hat. Die Pfahlwurzel, die mit den andern ſchon erwähnten
dicht verwachſen iſt, ſteigt von der Erde aus gerade empor, trennt ſich
vom Wurzelſtock in einer Höhe von ca. 4 Ellen, und ragt nun ſelbſtändig
bis zu einer Höhe von 50 Ellen empor. Kurz über deren Austritt aus
dem Wurzelſtamme, ohngefähr 4½ Ellen über der Erde, beträgt deren
Umfang 7¾ Ellen. Etwa 6 Ellen höher theilt ſich der Hauptſtamm in
2 Theile. Die wieder von dieſen ausgehenden Nebenäſte, haben alle mehr
den Charakter von Wurzeln als von Aeſten. Aus den 6 horizontel ſich
hinſtreckenden Hauptwurzeläſten erhebt ſich hin und wieder ein nach der Höhe
aufſtrebender glatter Stamm. Einer deren, der ſtärkſte, die der Stamm
beſitzt, bildet mit der ſchon beſchriebenen Pfahlwurzel die Krone des Baumes.
Der Hauptſtamm hat einen Umfang von 13 Ellen. Das Blätterdach be-
deckt eine Fläche von 34 Ellen im Durchmeſſer. — Am Wurzelſtock ſind einige
Aeſte ausgeſägt und die Schnittflächen mit Lehm verſtrichen; im übrigen
iſt der Baum ganz geſund. Vom Stamm-Ende in den Boden eintretende
Wurzelanfänge ſind ganz unbedeutend, was bei der Stärke des Stammes
auch für den umgekehrten Stand des Baumes ſpricht.
Darüber daß die Linde ein Alter von über 300 Jahren hat, ſind
alle Sachverſtändigen einig. Eine Schätzung des kubiſchen Inhalts konute
ich mir nicht verſchaffen.
Die Linde ruht gegenwärtig auf Geſtänge, welches von 23 Säulen
getragen wird, die in Entfernungen von ca. 7 Ellen auseinander ſtehen.“
In dieſer Beſchreibung iſt etwas hervorzuheben vergeſſen worden,
was ich aus der mir noch lebhaft vorſchwebenden Erinnerung und nach
der ſehr genauen Zeichnung hinzufüge und was allerdings der Linde das
täuſchende Anſehen eines umgekehrten Baumes giebt: daß nämlich die
Hauptäſte (alſo die muthmaßlichen einſtigen Wurzeln) mit einer ſenkrecht
breit gedrückten Baſis von dem unförmlich kurzen und dicken Stamm ab-
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Roßmäßler, Emil Adolf: Der Wald. Leipzig u. a., 1863, S. 547. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rossmaessler_wald_1863/603>, abgerufen am 22.12.2024.
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