Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 8. Göttingen, 1753.

Bild:
<< vorherige Seite



gethan hat. - - Da du gleich einem Haushunde
dich begnügest, an einem Knochen zu nagen, den
man dir vorwirft, so kannst du auch von den Ver-
gnügungen der Jagd nichts wissen, wo wir das
Wild durch unwegsames Gesträuche verfolgen.
Jch will mich bemühen, dich dazu aufzumun-
tern, und du wirst doppelte und dreifache Ursa-
chen haben, mir zu danken, so wol deines ge-
genwärtigen Vergnügens wegen, als in Anse-
hung deiner Aussichten jenseits der Sterne.

So weit hatte ich geschrieben, bloß um mich
zu beschäftigen, ehe ich bei meiner Schönen vor-
gelassen ward. Aber nun kann ich dir sagen,
daß ich mich in meiner Muthmassung nicht be-
trogen hatte, sie würde entschlossen seyn, sich al-
lein wohin zu begeben, und mich zu verlassen.
Denn sie hat mir weitläuftig genug gesagt,
daß dies ihre Entschliessung wäre. Weißt du
warum? weil ich, um offenherzig mit mir zu
seyn, je mehr sie von mir und meiner Aufführung
sähe, ihr immer weniger gefiele.

Das gieng mir durch die Seele! - - zwar
weinte ich nicht; - - wäre ich ein Weibsbild
gewesen, ich würde geweint haben, und das recht-
schaffen. Aber ich zog ein weißes feines Schnupf-
tuch hervor. Das stand mir zu Gebote, aber
nicht meine Thränen.

Sie hat an meinen Versicherungen, an mei-
nen Geständnissen, an meinen Gelübden etwas
auszusetzen. Jch darf keinem Bedienten flu-
chen, (das einzige Vorrecht, wobei man einen

Herrn



gethan hat. ‒ ‒ Da du gleich einem Haushunde
dich begnuͤgeſt, an einem Knochen zu nagen, den
man dir vorwirft, ſo kannſt du auch von den Ver-
gnuͤgungen der Jagd nichts wiſſen, wo wir das
Wild durch unwegſames Geſtraͤuche verfolgen.
Jch will mich bemuͤhen, dich dazu aufzumun-
tern, und du wirſt doppelte und dreifache Urſa-
chen haben, mir zu danken, ſo wol deines ge-
genwaͤrtigen Vergnuͤgens wegen, als in Anſe-
hung deiner Ausſichten jenſeits der Sterne.

So weit hatte ich geſchrieben, bloß um mich
zu beſchaͤftigen, ehe ich bei meiner Schoͤnen vor-
gelaſſen ward. Aber nun kann ich dir ſagen,
daß ich mich in meiner Muthmaſſung nicht be-
trogen hatte, ſie wuͤrde entſchloſſen ſeyn, ſich al-
lein wohin zu begeben, und mich zu verlaſſen.
Denn ſie hat mir weitlaͤuftig genug geſagt,
daß dies ihre Entſchlieſſung waͤre. Weißt du
warum? weil ich, um offenherzig mit mir zu
ſeyn, je mehr ſie von mir und meiner Auffuͤhrung
ſaͤhe, ihr immer weniger gefiele.

Das gieng mir durch die Seele! ‒ ‒ zwar
weinte ich nicht; ‒ ‒ waͤre ich ein Weibsbild
geweſen, ich wuͤrde geweint haben, und das recht-
ſchaffen. Aber ich zog ein weißes feines Schnupf-
tuch hervor. Das ſtand mir zu Gebote, aber
nicht meine Thraͤnen.

Sie hat an meinen Verſicherungen, an mei-
nen Geſtaͤndniſſen, an meinen Geluͤbden etwas
auszuſetzen. Jch darf keinem Bedienten flu-
chen, (das einzige Vorrecht, wobei man einen

Herrn
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0044" n="36"/><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
gethan hat. &#x2012; &#x2012; Da du gleich einem Haushunde<lb/>
dich begnu&#x0364;ge&#x017F;t, an einem Knochen zu nagen, den<lb/>
man dir vorwirft, &#x017F;o kann&#x017F;t du auch von den Ver-<lb/>
gnu&#x0364;gungen der Jagd nichts wi&#x017F;&#x017F;en, wo wir das<lb/>
Wild durch unweg&#x017F;ames Ge&#x017F;tra&#x0364;uche verfolgen.<lb/>
Jch will mich bemu&#x0364;hen, dich dazu aufzumun-<lb/>
tern, und du wir&#x017F;t doppelte und dreifache Ur&#x017F;a-<lb/>
chen haben, mir zu danken, &#x017F;o wol deines ge-<lb/>
genwa&#x0364;rtigen Vergnu&#x0364;gens wegen, als in An&#x017F;e-<lb/>
hung deiner Aus&#x017F;ichten jen&#x017F;eits der Sterne.</p><lb/>
          <p>So weit hatte ich ge&#x017F;chrieben, bloß um mich<lb/>
zu be&#x017F;cha&#x0364;ftigen, ehe ich bei meiner Scho&#x0364;nen vor-<lb/>
gela&#x017F;&#x017F;en ward. Aber nun kann ich dir &#x017F;agen,<lb/>
daß ich mich in meiner Muthma&#x017F;&#x017F;ung nicht be-<lb/>
trogen hatte, &#x017F;ie wu&#x0364;rde ent&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en &#x017F;eyn, &#x017F;ich al-<lb/>
lein wohin zu begeben, und mich zu verla&#x017F;&#x017F;en.<lb/>
Denn &#x017F;ie hat mir weitla&#x0364;uftig genug ge&#x017F;agt,<lb/>
daß dies ihre Ent&#x017F;chlie&#x017F;&#x017F;ung wa&#x0364;re. Weißt du<lb/>
warum? weil ich, um offenherzig mit mir zu<lb/>
&#x017F;eyn, je mehr &#x017F;ie von mir und meiner Auffu&#x0364;hrung<lb/>
&#x017F;a&#x0364;he, ihr immer weniger gefiele.</p><lb/>
          <p>Das gieng mir durch die Seele! &#x2012; &#x2012; zwar<lb/>
weinte ich nicht; &#x2012; &#x2012; wa&#x0364;re ich ein <hi rendition="#fr">Weibsbild</hi><lb/>
gewe&#x017F;en, ich wu&#x0364;rde geweint haben, und das recht-<lb/>
&#x017F;chaffen. Aber ich zog ein weißes feines Schnupf-<lb/>
tuch hervor. Das &#x017F;tand mir zu Gebote, aber<lb/>
nicht meine <hi rendition="#fr">Thra&#x0364;nen.</hi></p><lb/>
          <p>Sie hat an meinen Ver&#x017F;icherungen, an mei-<lb/>
nen Ge&#x017F;ta&#x0364;ndni&#x017F;&#x017F;en, an meinen Gelu&#x0364;bden etwas<lb/>
auszu&#x017F;etzen. Jch darf keinem Bedienten flu-<lb/>
chen, (das einzige Vorrecht, wobei man einen<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Herrn</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[36/0044] gethan hat. ‒ ‒ Da du gleich einem Haushunde dich begnuͤgeſt, an einem Knochen zu nagen, den man dir vorwirft, ſo kannſt du auch von den Ver- gnuͤgungen der Jagd nichts wiſſen, wo wir das Wild durch unwegſames Geſtraͤuche verfolgen. Jch will mich bemuͤhen, dich dazu aufzumun- tern, und du wirſt doppelte und dreifache Urſa- chen haben, mir zu danken, ſo wol deines ge- genwaͤrtigen Vergnuͤgens wegen, als in Anſe- hung deiner Ausſichten jenſeits der Sterne. So weit hatte ich geſchrieben, bloß um mich zu beſchaͤftigen, ehe ich bei meiner Schoͤnen vor- gelaſſen ward. Aber nun kann ich dir ſagen, daß ich mich in meiner Muthmaſſung nicht be- trogen hatte, ſie wuͤrde entſchloſſen ſeyn, ſich al- lein wohin zu begeben, und mich zu verlaſſen. Denn ſie hat mir weitlaͤuftig genug geſagt, daß dies ihre Entſchlieſſung waͤre. Weißt du warum? weil ich, um offenherzig mit mir zu ſeyn, je mehr ſie von mir und meiner Auffuͤhrung ſaͤhe, ihr immer weniger gefiele. Das gieng mir durch die Seele! ‒ ‒ zwar weinte ich nicht; ‒ ‒ waͤre ich ein Weibsbild geweſen, ich wuͤrde geweint haben, und das recht- ſchaffen. Aber ich zog ein weißes feines Schnupf- tuch hervor. Das ſtand mir zu Gebote, aber nicht meine Thraͤnen. Sie hat an meinen Verſicherungen, an mei- nen Geſtaͤndniſſen, an meinen Geluͤbden etwas auszuſetzen. Jch darf keinem Bedienten flu- chen, (das einzige Vorrecht, wobei man einen Herrn

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa08_1753
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa08_1753/44
Zitationshilfe: [Richardson, Samuel]: Clarissa. Bd. 8. Göttingen, 1753, S. 36. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/richardson_clarissa08_1753/44>, abgerufen am 17.05.2021.