Diese ernsten und eifrigen Bestrebungen, auch in unserm engeren Vaterlande das Kunstgewerbe durch Sammlungen und Unterricht zu heben und damit die nationale Arbeit und Wohlfahrt zu fördern, zeigte sich erst, als bereits mehrere der Nachbarländer mit gutem und erfolg- reichem Beispiel vorangegangen waren. Wir holten in Deutschland das Versäumte jedoch bald nach und sehen bereits jetzt die Früchte der grösseren Energie, welche unsere Regierungen im Verein mit vielen Interessierten an den Tag legten. Man beachte nur, was bei- spielsweise in der Textilindustrie und insbesondere in der Stickerei geleistet wird, oder man vergleiche die stilvollen Formen und Ver- zierungen, welche die heutigen Erzeugnisse unserer Gold- und Silber- schmiede auszeichnen, mit den vielen plumpen und geschmacklosen der vorausgegangenen Periode.
Schlechte Modelle, häufig vorgeführt und nachgemacht, verderben den Geschmack ebensogut, wie in moralischem Sinne böse Beispiele gute Sitten. Mustergiltige Formen und Verzierungen sind daher vor allem auch im Kunstgewerbe nöthig, um den Geschmack zu läutern und den geläuterten weiter zu bilden. Man griff, um sie zu gewinnen, auf die Leistungen des Kunstgewerbes im Mittelalter zurück und weiter auf die Antike; man suchte und fand sie aber auch im fernen Orient, bei Arabern, Persern und Indiern, und selbst über die Grenzen der arischen Länder hinaus, bei den mongolischen Völkern des chine- sischen Culturkreises, vornehmlich den Chinesen und Japanern. Die mannichfaltigen Erzeugnisse des japanischen Kunstgewerbes insbeson- dere, welche fast mit jedem Schiff nach Europa und Nordamerika kom- men und bis in die kleinsten Binnenstädte gelangen, haben auf Ge- schmack und Richtung in verschiedenen Zweigen der westeuropäischen Kunstindustrie einen bedeutenden Einfluss geübt, der sich auf den Kunstgewerbe-Ausstellungen der letzten 16 Jahre, namentlich auf der grossen Pariser Ausstellung von 1878 in überraschender Weise zeigte. Viel ist darüber, sowie über Geschichte und Eigenart des japanischen Kunstgewerbes schon geschrieben worden, so dass es fast überflüssig erscheinen könnte, wenn ich es noch versuche, in den nachfolgenden Abhandlungen den Gegenstand ausführlich und nach einer vielleicht etwas abweichenden Methode zu erörtern. Hierzu bestimmt mich je- doch sowohl die Pflicht, als auch das Bewusstsein, dass ich mehr An- lass und Gelegenheit hatte, mich mit dem Studium des japanischen Kunsthandwerks vielseitig zu befassen, als dies bei den meisten bis- herigen Beurteilern der Fall war.
Die Architectur, bei den arischen Völkern die vornehmste und einflussreichste Stütze des Kunstgewerbes, hat sich im chinesischen
III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
Diese ernsten und eifrigen Bestrebungen, auch in unserm engeren Vaterlande das Kunstgewerbe durch Sammlungen und Unterricht zu heben und damit die nationale Arbeit und Wohlfahrt zu fördern, zeigte sich erst, als bereits mehrere der Nachbarländer mit gutem und erfolg- reichem Beispiel vorangegangen waren. Wir holten in Deutschland das Versäumte jedoch bald nach und sehen bereits jetzt die Früchte der grösseren Energie, welche unsere Regierungen im Verein mit vielen Interessierten an den Tag legten. Man beachte nur, was bei- spielsweise in der Textilindustrie und insbesondere in der Stickerei geleistet wird, oder man vergleiche die stilvollen Formen und Ver- zierungen, welche die heutigen Erzeugnisse unserer Gold- und Silber- schmiede auszeichnen, mit den vielen plumpen und geschmacklosen der vorausgegangenen Periode.
Schlechte Modelle, häufig vorgeführt und nachgemacht, verderben den Geschmack ebensogut, wie in moralischem Sinne böse Beispiele gute Sitten. Mustergiltige Formen und Verzierungen sind daher vor allem auch im Kunstgewerbe nöthig, um den Geschmack zu läutern und den geläuterten weiter zu bilden. Man griff, um sie zu gewinnen, auf die Leistungen des Kunstgewerbes im Mittelalter zurück und weiter auf die Antike; man suchte und fand sie aber auch im fernen Orient, bei Arabern, Persern und Indiern, und selbst über die Grenzen der arischen Länder hinaus, bei den mongolischen Völkern des chine- sischen Culturkreises, vornehmlich den Chinesen und Japanern. Die mannichfaltigen Erzeugnisse des japanischen Kunstgewerbes insbeson- dere, welche fast mit jedem Schiff nach Europa und Nordamerika kom- men und bis in die kleinsten Binnenstädte gelangen, haben auf Ge- schmack und Richtung in verschiedenen Zweigen der westeuropäischen Kunstindustrie einen bedeutenden Einfluss geübt, der sich auf den Kunstgewerbe-Ausstellungen der letzten 16 Jahre, namentlich auf der grossen Pariser Ausstellung von 1878 in überraschender Weise zeigte. Viel ist darüber, sowie über Geschichte und Eigenart des japanischen Kunstgewerbes schon geschrieben worden, so dass es fast überflüssig erscheinen könnte, wenn ich es noch versuche, in den nachfolgenden Abhandlungen den Gegenstand ausführlich und nach einer vielleicht etwas abweichenden Methode zu erörtern. Hierzu bestimmt mich je- doch sowohl die Pflicht, als auch das Bewusstsein, dass ich mehr An- lass und Gelegenheit hatte, mich mit dem Studium des japanischen Kunsthandwerks vielseitig zu befassen, als dies bei den meisten bis- herigen Beurteilern der Fall war.
Die Architectur, bei den arischen Völkern die vornehmste und einflussreichste Stütze des Kunstgewerbes, hat sich im chinesischen
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III. Kunstgewerbe und Verwandtes.
Diese ernsten und eifrigen Bestrebungen, auch in unserm engeren
Vaterlande das Kunstgewerbe durch Sammlungen und Unterricht zu
heben und damit die nationale Arbeit und Wohlfahrt zu fördern, zeigte
sich erst, als bereits mehrere der Nachbarländer mit gutem und erfolg-
reichem Beispiel vorangegangen waren. Wir holten in Deutschland
das Versäumte jedoch bald nach und sehen bereits jetzt die Früchte
der grösseren Energie, welche unsere Regierungen im Verein mit
vielen Interessierten an den Tag legten. Man beachte nur, was bei-
spielsweise in der Textilindustrie und insbesondere in der Stickerei
geleistet wird, oder man vergleiche die stilvollen Formen und Ver-
zierungen, welche die heutigen Erzeugnisse unserer Gold- und Silber-
schmiede auszeichnen, mit den vielen plumpen und geschmacklosen
der vorausgegangenen Periode.
Schlechte Modelle, häufig vorgeführt und nachgemacht, verderben
den Geschmack ebensogut, wie in moralischem Sinne böse Beispiele
gute Sitten. Mustergiltige Formen und Verzierungen sind daher vor
allem auch im Kunstgewerbe nöthig, um den Geschmack zu läutern
und den geläuterten weiter zu bilden. Man griff, um sie zu gewinnen,
auf die Leistungen des Kunstgewerbes im Mittelalter zurück und
weiter auf die Antike; man suchte und fand sie aber auch im fernen
Orient, bei Arabern, Persern und Indiern, und selbst über die Grenzen
der arischen Länder hinaus, bei den mongolischen Völkern des chine-
sischen Culturkreises, vornehmlich den Chinesen und Japanern. Die
mannichfaltigen Erzeugnisse des japanischen Kunstgewerbes insbeson-
dere, welche fast mit jedem Schiff nach Europa und Nordamerika kom-
men und bis in die kleinsten Binnenstädte gelangen, haben auf Ge-
schmack und Richtung in verschiedenen Zweigen der westeuropäischen
Kunstindustrie einen bedeutenden Einfluss geübt, der sich auf den
Kunstgewerbe-Ausstellungen der letzten 16 Jahre, namentlich auf der
grossen Pariser Ausstellung von 1878 in überraschender Weise zeigte.
Viel ist darüber, sowie über Geschichte und Eigenart des japanischen
Kunstgewerbes schon geschrieben worden, so dass es fast überflüssig
erscheinen könnte, wenn ich es noch versuche, in den nachfolgenden
Abhandlungen den Gegenstand ausführlich und nach einer vielleicht
etwas abweichenden Methode zu erörtern. Hierzu bestimmt mich je-
doch sowohl die Pflicht, als auch das Bewusstsein, dass ich mehr An-
lass und Gelegenheit hatte, mich mit dem Studium des japanischen
Kunsthandwerks vielseitig zu befassen, als dies bei den meisten bis-
herigen Beurteilern der Fall war.
Die Architectur, bei den arischen Völkern die vornehmste und
einflussreichste Stütze des Kunstgewerbes, hat sich im chinesischen
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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 2. Leipzig, 1886, S. 374. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan02_1886/398>, abgerufen am 22.11.2024.
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