In der mythologischen Menagerie der Japaner lebt nach den Einen in der Tiefe des Meeres ein riesiger Fisch, der in seinem Zorne wider die Küsten schlägt und dadurch die Erde erbeben macht; nach Anderer Ansicht ist es ein subterraner Molch, dessen Kopf im Norden von Hondo sich befindet, während der Schwanz zwischen den beiden Hauptstädten liegt, welcher die Erdbeben hervorruft. Diese Lage des Ungeheuers wurde angenommen, weil die Erfahrung gelehrt hat, dass Erdbeben im nördlichen Japan seltener und weniger heftig auftreten, als im mittleren Theile von Hondo, in welchem wiederholt durch dieselben weittragende Verwüstungen hervorgerufen wurden. Nach Kaempfer sind die Go-to frei von diesen Naturerscheinungen. Wie weit dies begründet ist, konnte ich nicht zuverlässig ermitteln.
In den Zeitschriften der Asiatic Society und der deutschen Ge- sellschaft in Japan haben Brunton, respective Naumann nach Japa- nischen Quellen Zusammenstellungen aller Erdbeben des Landes ge- macht, von denen man sichere Kunde hat. Wir entnehmen denselben folgende nähere Angaben über eine Anzahl der verheerendsten Er- schütterungen, welche darin aufgezählt sind:
Am 14. des 10. Monats 685 trat eine der fürchterlichsten Er- schütterungen ein. Berge stürzten, das Wasser der Flüsse überfluthete das Land, öffentliche Gebäude, Bauernhäuser, Tempel stürzten zu- sammen, und Tausende von Menschen und Thieren fanden einen schnellen Tod. Die Bäder der Provinz Idzu wurden zerstört. In der Provinz Tosa fand eine plötzliche Submersion statt. Ein Areal von 5 Millionen tsubo (1653 ha) versank urplötzlich in den Schooss der Fluthen. Auch im folgenden Jahre richtete ein Erdbeben grossen Schaden an. Diesmal, heisst es, kamen die Stösse aus Westen.
Im 5. Monat des Jahres 844 richtete eine Erderschütterung grossen Schaden in der Provinz Higo an, besonders in den Districten Ama- kusa, Yazushiro und Ashinokita. Viele öffentliche Gebäude und Reis- felder eines Flächenraumes von 29000 tsubo (9,6 ha) gingen zu Grunde. Ueber 570 Dörfer verschwanden vom Erdboden, und 1500 Menschen büssten ihr Leben ein. Bergstürze ereigneten sich an 280 Stellen, und 40 Menschen fanden unter Felstrümmern ihren Tod.
war. Von drei Stössen, welche auf dem meteorologischen Observatorium wahrge- nommen wurden, hat der längste 11/2 Minuten gedauert. Leute, welche zur Zeit der Erschütterung wach waren, wollen ein dumpfes unterirdisches Rollen gehört haben. In Yokohama scheint die Erschütterung ungleich heftiger aufgetreten zu sein, denn sie hat hier die Dächer theilweise ihrer Ziegel-Bedeckung beraubt, Mauern und viele Schornsteine eingestürzt, so dass der Schaden an den Häusern der fremden Colonie allein auf über $ 20000 veranschlagt wird". E. S.
Wirkungen subterraner Kräfte.
In der mythologischen Menagerie der Japaner lebt nach den Einen in der Tiefe des Meeres ein riesiger Fisch, der in seinem Zorne wider die Küsten schlägt und dadurch die Erde erbeben macht; nach Anderer Ansicht ist es ein subterraner Molch, dessen Kopf im Norden von Hondo sich befindet, während der Schwanz zwischen den beiden Hauptstädten liegt, welcher die Erdbeben hervorruft. Diese Lage des Ungeheuers wurde angenommen, weil die Erfahrung gelehrt hat, dass Erdbeben im nördlichen Japan seltener und weniger heftig auftreten, als im mittleren Theile von Hondo, in welchem wiederholt durch dieselben weittragende Verwüstungen hervorgerufen wurden. Nach Kaempfer sind die Go-tô frei von diesen Naturerscheinungen. Wie weit dies begründet ist, konnte ich nicht zuverlässig ermitteln.
In den Zeitschriften der Asiatic Society und der deutschen Ge- sellschaft in Japan haben Brunton, respective Naumann nach Japa- nischen Quellen Zusammenstellungen aller Erdbeben des Landes ge- macht, von denen man sichere Kunde hat. Wir entnehmen denselben folgende nähere Angaben über eine Anzahl der verheerendsten Er- schütterungen, welche darin aufgezählt sind:
Am 14. des 10. Monats 685 trat eine der fürchterlichsten Er- schütterungen ein. Berge stürzten, das Wasser der Flüsse überfluthete das Land, öffentliche Gebäude, Bauernhäuser, Tempel stürzten zu- sammen, und Tausende von Menschen und Thieren fanden einen schnellen Tod. Die Bäder der Provinz Idzu wurden zerstört. In der Provinz Tosa fand eine plötzliche Submersion statt. Ein Areal von 5 Millionen tsubo (1653 ha) versank urplötzlich in den Schooss der Fluthen. Auch im folgenden Jahre richtete ein Erdbeben grossen Schaden an. Diesmal, heisst es, kamen die Stösse aus Westen.
Im 5. Monat des Jahres 844 richtete eine Erderschütterung grossen Schaden in der Provinz Higo an, besonders in den Districten Ama- kusa, Yazushiro und Ashinokita. Viele öffentliche Gebäude und Reis- felder eines Flächenraumes von 29000 tsubo (9,6 ha) gingen zu Grunde. Ueber 570 Dörfer verschwanden vom Erdboden, und 1500 Menschen büssten ihr Leben ein. Bergstürze ereigneten sich an 280 Stellen, und 40 Menschen fanden unter Felstrümmern ihren Tod.
war. Von drei Stössen, welche auf dem meteorologischen Observatorium wahrge- nommen wurden, hat der längste 1½ Minuten gedauert. Leute, welche zur Zeit der Erschütterung wach waren, wollen ein dumpfes unterirdisches Rollen gehört haben. In Yokohama scheint die Erschütterung ungleich heftiger aufgetreten zu sein, denn sie hat hier die Dächer theilweise ihrer Ziegel-Bedeckung beraubt, Mauern und viele Schornsteine eingestürzt, so dass der Schaden an den Häusern der fremden Colonie allein auf über $ 20000 veranschlagt wird«. E. S.
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Wirkungen subterraner Kräfte.
In der mythologischen Menagerie der Japaner lebt nach den Einen
in der Tiefe des Meeres ein riesiger Fisch, der in seinem Zorne wider
die Küsten schlägt und dadurch die Erde erbeben macht; nach Anderer
Ansicht ist es ein subterraner Molch, dessen Kopf im Norden von Hondo
sich befindet, während der Schwanz zwischen den beiden Hauptstädten
liegt, welcher die Erdbeben hervorruft. Diese Lage des Ungeheuers
wurde angenommen, weil die Erfahrung gelehrt hat, dass Erdbeben im
nördlichen Japan seltener und weniger heftig auftreten, als im mittleren
Theile von Hondo, in welchem wiederholt durch dieselben weittragende
Verwüstungen hervorgerufen wurden. Nach Kaempfer sind die
Go-tô frei von diesen Naturerscheinungen. Wie weit dies begründet
ist, konnte ich nicht zuverlässig ermitteln.
In den Zeitschriften der Asiatic Society und der deutschen Ge-
sellschaft in Japan haben Brunton, respective Naumann nach Japa-
nischen Quellen Zusammenstellungen aller Erdbeben des Landes ge-
macht, von denen man sichere Kunde hat. Wir entnehmen denselben
folgende nähere Angaben über eine Anzahl der verheerendsten Er-
schütterungen, welche darin aufgezählt sind:
Am 14. des 10. Monats 685 trat eine der fürchterlichsten Er-
schütterungen ein. Berge stürzten, das Wasser der Flüsse überfluthete
das Land, öffentliche Gebäude, Bauernhäuser, Tempel stürzten zu-
sammen, und Tausende von Menschen und Thieren fanden einen
schnellen Tod. Die Bäder der Provinz Idzu wurden zerstört. In der
Provinz Tosa fand eine plötzliche Submersion statt. Ein Areal von
5 Millionen tsubo (1653 ha) versank urplötzlich in den Schooss der
Fluthen. Auch im folgenden Jahre richtete ein Erdbeben grossen
Schaden an. Diesmal, heisst es, kamen die Stösse aus Westen.
Im 5. Monat des Jahres 844 richtete eine Erderschütterung grossen
Schaden in der Provinz Higo an, besonders in den Districten Ama-
kusa, Yazushiro und Ashinokita. Viele öffentliche Gebäude und Reis-
felder eines Flächenraumes von 29000 tsubo (9,6 ha) gingen zu Grunde.
Ueber 570 Dörfer verschwanden vom Erdboden, und 1500 Menschen
büssten ihr Leben ein. Bergstürze ereigneten sich an 280 Stellen,
und 40 Menschen fanden unter Felstrümmern ihren Tod.
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*) war. Von drei Stössen, welche auf dem meteorologischen Observatorium wahrge-
nommen wurden, hat der längste 1½ Minuten gedauert. Leute, welche zur Zeit der
Erschütterung wach waren, wollen ein dumpfes unterirdisches Rollen gehört haben.
In Yokohama scheint die Erschütterung ungleich heftiger aufgetreten zu sein,
denn sie hat hier die Dächer theilweise ihrer Ziegel-Bedeckung beraubt, Mauern
und viele Schornsteine eingestürzt, so dass der Schaden an den Häusern der fremden
Colonie allein auf über $ 20000 veranschlagt wird«. E. S.
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Rein, Johann Justus: Japan nach Reisen und Studien. Bd. 1. Leipzig, 1881, S. 59. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/rein_japan01_1881/79>, abgerufen am 24.11.2024.
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