Ranke, Leopold von: Die römischen Päpste. Bd. 2. Berlin, 1836.Jesuitische Bewegungen. Entwickelung fand auf der katholischen Seite Statt. Woirgend eine Hinneigung zu den Begriffen auch der milde- sten Protestanten, auch nur eine schärfere Auffassung der augustinischen Vorstellungsweise zum Vorschein kam, z. B. bei Bajus in Löwen, ward sie bekämpft und unterdrückt. Besonders die Jesuiten zeigten sich hierin eifrig. Das in dem tridentinischen Concilium aufgestellte Lehrsystem, das ja selbst nicht ohne den Einfluß ihrer Mitbrüder Lai- nez und Salmeron zu Stande gekommen, vertheidigten sie gegen jede Abweichung nach der verworfenen und verlasse- nen Seite hin. Und selbst dieß System that ihrem pole- mischen Eifer nicht immer Genüge. Im Jahre 1588 trat Luis Molina zu Evora mit einem Buche hervor, in wel- chem er jene Streitfragen neuerdings vornahm und die noch immer übrig gebliebenen Schwierigkeiten auf eine neue Weise zu beseitigen versuchte 1). Seine vornehmste Absicht bei diesem Unternehmen war, dem freien Willen des Menschen noch einen größern Spielraum zu vindiciren, als der thomistische oder der tridentinische Lehrbegriff annahm. In Trident hatte man das Werk der Heiligung vorzüglich auf die inhärirende Gerechtigkeit Christi begründet, welche uns eingegossen die Liebe hervorrufe, zu allen Tugenden und guten Werken leite, und endlich die Rechtfertigung her- vorbringe. Einen bedeutenden Schritt weiter geht Molina. Er behauptet, der freie Wille könne ohne Hülfe der Gnade 1) Liberi arbitrii cum gratiae donis concordia. In den
Streitigkeiten hat man immer für nöthig gehalten die Ausgaben von Lissabon 1588, von Antwerpen 1595 und von Venedig sorgfältig zu unterscheiden, weil sie alle von einander abweichen. Jeſuitiſche Bewegungen. Entwickelung fand auf der katholiſchen Seite Statt. Woirgend eine Hinneigung zu den Begriffen auch der milde- ſten Proteſtanten, auch nur eine ſchaͤrfere Auffaſſung der auguſtiniſchen Vorſtellungsweiſe zum Vorſchein kam, z. B. bei Bajus in Loͤwen, ward ſie bekaͤmpft und unterdruͤckt. Beſonders die Jeſuiten zeigten ſich hierin eifrig. Das in dem tridentiniſchen Concilium aufgeſtellte Lehrſyſtem, das ja ſelbſt nicht ohne den Einfluß ihrer Mitbruͤder Lai- nez und Salmeron zu Stande gekommen, vertheidigten ſie gegen jede Abweichung nach der verworfenen und verlaſſe- nen Seite hin. Und ſelbſt dieß Syſtem that ihrem pole- miſchen Eifer nicht immer Genuͤge. Im Jahre 1588 trat Luis Molina zu Evora mit einem Buche hervor, in wel- chem er jene Streitfragen neuerdings vornahm und die noch immer uͤbrig gebliebenen Schwierigkeiten auf eine neue Weiſe zu beſeitigen verſuchte 1). Seine vornehmſte Abſicht bei dieſem Unternehmen war, dem freien Willen des Menſchen noch einen groͤßern Spielraum zu vindiciren, als der thomiſtiſche oder der tridentiniſche Lehrbegriff annahm. In Trident hatte man das Werk der Heiligung vorzuͤglich auf die inhaͤrirende Gerechtigkeit Chriſti begruͤndet, welche uns eingegoſſen die Liebe hervorrufe, zu allen Tugenden und guten Werken leite, und endlich die Rechtfertigung her- vorbringe. Einen bedeutenden Schritt weiter geht Molina. Er behauptet, der freie Wille koͤnne ohne Huͤlfe der Gnade 1) Liberi arbitrii cum gratiae donis concordia. In den
Streitigkeiten hat man immer fuͤr noͤthig gehalten die Ausgaben von Liſſabon 1588, von Antwerpen 1595 und von Venedig ſorgfaͤltig zu unterſcheiden, weil ſie alle von einander abweichen. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <p><pb facs="#f0307" n="295"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Jeſuitiſche Bewegungen</hi>.</fw><lb/> Entwickelung fand auf der katholiſchen Seite Statt. Wo<lb/> irgend eine Hinneigung zu den Begriffen auch der milde-<lb/> ſten Proteſtanten, auch nur eine ſchaͤrfere Auffaſſung der<lb/> auguſtiniſchen Vorſtellungsweiſe zum Vorſchein kam, z. B.<lb/> bei Bajus in Loͤwen, ward ſie bekaͤmpft und unterdruͤckt.<lb/> Beſonders die Jeſuiten zeigten ſich hierin eifrig. Das<lb/> in dem tridentiniſchen Concilium aufgeſtellte Lehrſyſtem,<lb/> das ja ſelbſt nicht ohne den Einfluß ihrer Mitbruͤder Lai-<lb/> nez und Salmeron zu Stande gekommen, vertheidigten ſie<lb/> gegen jede Abweichung nach der verworfenen und verlaſſe-<lb/> nen Seite hin. Und ſelbſt dieß Syſtem that ihrem pole-<lb/> miſchen Eifer nicht immer Genuͤge. Im Jahre 1588 trat<lb/> Luis Molina zu Evora mit einem Buche hervor, in wel-<lb/> chem er jene Streitfragen neuerdings vornahm und die<lb/> noch immer uͤbrig gebliebenen Schwierigkeiten auf eine<lb/> neue Weiſe zu beſeitigen verſuchte <note place="foot" n="1)"><hi rendition="#aq">Liberi arbitrii cum gratiae donis concordia.</hi> In den<lb/> Streitigkeiten hat man immer fuͤr noͤthig gehalten die Ausgaben von<lb/> Liſſabon 1588, von Antwerpen 1595 und von Venedig ſorgfaͤltig zu<lb/> unterſcheiden, weil ſie alle von einander abweichen.</note>. Seine vornehmſte<lb/> Abſicht bei dieſem Unternehmen war, dem freien Willen des<lb/> Menſchen noch einen groͤßern Spielraum zu vindiciren, als<lb/> der thomiſtiſche oder der tridentiniſche Lehrbegriff annahm.<lb/> In Trident hatte man das Werk der Heiligung vorzuͤglich<lb/> auf die inhaͤrirende Gerechtigkeit Chriſti begruͤndet, welche<lb/> uns eingegoſſen die Liebe hervorrufe, zu allen Tugenden<lb/> und guten Werken leite, und endlich die Rechtfertigung her-<lb/> vorbringe. Einen bedeutenden Schritt weiter geht Molina.<lb/> Er behauptet, der freie Wille koͤnne ohne Huͤlfe der Gnade<lb/></p> </div> </div> </body> </text> </TEI> [295/0307]
Jeſuitiſche Bewegungen.
Entwickelung fand auf der katholiſchen Seite Statt. Wo
irgend eine Hinneigung zu den Begriffen auch der milde-
ſten Proteſtanten, auch nur eine ſchaͤrfere Auffaſſung der
auguſtiniſchen Vorſtellungsweiſe zum Vorſchein kam, z. B.
bei Bajus in Loͤwen, ward ſie bekaͤmpft und unterdruͤckt.
Beſonders die Jeſuiten zeigten ſich hierin eifrig. Das
in dem tridentiniſchen Concilium aufgeſtellte Lehrſyſtem,
das ja ſelbſt nicht ohne den Einfluß ihrer Mitbruͤder Lai-
nez und Salmeron zu Stande gekommen, vertheidigten ſie
gegen jede Abweichung nach der verworfenen und verlaſſe-
nen Seite hin. Und ſelbſt dieß Syſtem that ihrem pole-
miſchen Eifer nicht immer Genuͤge. Im Jahre 1588 trat
Luis Molina zu Evora mit einem Buche hervor, in wel-
chem er jene Streitfragen neuerdings vornahm und die
noch immer uͤbrig gebliebenen Schwierigkeiten auf eine
neue Weiſe zu beſeitigen verſuchte 1). Seine vornehmſte
Abſicht bei dieſem Unternehmen war, dem freien Willen des
Menſchen noch einen groͤßern Spielraum zu vindiciren, als
der thomiſtiſche oder der tridentiniſche Lehrbegriff annahm.
In Trident hatte man das Werk der Heiligung vorzuͤglich
auf die inhaͤrirende Gerechtigkeit Chriſti begruͤndet, welche
uns eingegoſſen die Liebe hervorrufe, zu allen Tugenden
und guten Werken leite, und endlich die Rechtfertigung her-
vorbringe. Einen bedeutenden Schritt weiter geht Molina.
Er behauptet, der freie Wille koͤnne ohne Huͤlfe der Gnade
1) Liberi arbitrii cum gratiae donis concordia. In den
Streitigkeiten hat man immer fuͤr noͤthig gehalten die Ausgaben von
Liſſabon 1588, von Antwerpen 1595 und von Venedig ſorgfaͤltig zu
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