Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. Bd. 4. Frankfurt (Main) u. a., 1787.

Bild:
<< vorherige Seite

Sie sprach in diesem Ton noch lange fort.

Es trieb dem guten Menschen den Schweiß in
die Fingerspitzen; aber endlich nahm er den Reißaus.

Als die Frage zum Drittenmal wieder kam,
was er denn in aller Welt auch verstehe und könne
den Buben zu lehren? Antwortete er: Muß ich ih-
nen denn alles sagen, was ich kann?

Sie erwiederte, fang er nur einmal an etwas
zu sagen.

Auf dieses hin sagte er, nun dann -- ich kann
Kühe und Ochsen mästen -- ich kann zu Acker trei-
ben, und ansäen; ich kann Wassermatten und Klee-
felder anlegen -- ich verstehe den Waldbau, wie
den Bergbau -- ich kann mit den Bauern rechnen
wie mit den Herren; und was man mir anver-
traut, dem lieg ich früh und spät ob.

Diese Antwort sprengte die Dame von der
Bank auf -- So ein Maul habe ich in meinem
Leben nicht gesehen für einen Idioten, sagte sie
beym Weggehen zur Aglee. Diese erwiederte ihr,
sagen sie ihm nicht so, er ist ihrer Meister worden.



Sie ſprach in dieſem Ton noch lange fort.

Es trieb dem guten Menſchen den Schweiß in
die Fingerſpitzen; aber endlich nahm er den Reißaus.

Als die Frage zum Drittenmal wieder kam,
was er denn in aller Welt auch verſtehe und koͤnne
den Buben zu lehren? Antwortete er: Muß ich ih-
nen denn alles ſagen, was ich kann?

Sie erwiederte, fang er nur einmal an etwas
zu ſagen.

Auf dieſes hin ſagte er, nun dann — ich kann
Kuͤhe und Ochſen maͤſten — ich kann zu Acker trei-
ben, und anſaͤen; ich kann Waſſermatten und Klee-
felder anlegen — ich verſtehe den Waldbau, wie
den Bergbau — ich kann mit den Bauern rechnen
wie mit den Herren; und was man mir anver-
traut, dem lieg ich fruͤh und ſpaͤt ob.

Dieſe Antwort ſprengte die Dame von der
Bank auf — So ein Maul habe ich in meinem
Leben nicht geſehen fuͤr einen Idioten, ſagte ſie
beym Weggehen zur Aglee. Dieſe erwiederte ihr,
ſagen ſie ihm nicht ſo, er iſt ihrer Meiſter worden.



<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0026" n="8"/>
        <p>Sie &#x017F;prach in die&#x017F;em Ton noch lange fort.</p><lb/>
        <p>Es trieb dem guten Men&#x017F;chen den Schweiß in<lb/>
die Finger&#x017F;pitzen; aber endlich nahm er den Reißaus.</p><lb/>
        <p>Als die Frage zum Drittenmal wieder kam,<lb/>
was er denn in aller Welt auch ver&#x017F;tehe und ko&#x0364;nne<lb/>
den Buben zu lehren? Antwortete er: Muß ich ih-<lb/>
nen denn alles &#x017F;agen, was ich kann?</p><lb/>
        <p>Sie erwiederte, fang er nur einmal an etwas<lb/>
zu &#x017F;agen.</p><lb/>
        <p>Auf die&#x017F;es hin &#x017F;agte er, nun dann &#x2014; ich kann<lb/>
Ku&#x0364;he und Och&#x017F;en ma&#x0364;&#x017F;ten &#x2014; ich kann zu Acker trei-<lb/>
ben, und an&#x017F;a&#x0364;en; ich kann Wa&#x017F;&#x017F;ermatten und Klee-<lb/>
felder anlegen &#x2014; ich ver&#x017F;tehe den Waldbau, wie<lb/>
den Bergbau &#x2014; ich kann mit den Bauern rechnen<lb/>
wie mit den Herren; und was man mir anver-<lb/>
traut, dem lieg ich fru&#x0364;h und &#x017F;pa&#x0364;t ob.</p><lb/>
        <p>Die&#x017F;e Antwort &#x017F;prengte die Dame von der<lb/>
Bank auf &#x2014; So ein Maul habe ich in meinem<lb/>
Leben nicht ge&#x017F;ehen fu&#x0364;r einen Idioten, &#x017F;agte &#x017F;ie<lb/>
beym Weggehen zur Aglee. Die&#x017F;e erwiederte ihr,<lb/>
&#x017F;agen &#x017F;ie ihm nicht &#x017F;o, er i&#x017F;t ihrer Mei&#x017F;ter worden.</p>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[8/0026] Sie ſprach in dieſem Ton noch lange fort. Es trieb dem guten Menſchen den Schweiß in die Fingerſpitzen; aber endlich nahm er den Reißaus. Als die Frage zum Drittenmal wieder kam, was er denn in aller Welt auch verſtehe und koͤnne den Buben zu lehren? Antwortete er: Muß ich ih- nen denn alles ſagen, was ich kann? Sie erwiederte, fang er nur einmal an etwas zu ſagen. Auf dieſes hin ſagte er, nun dann — ich kann Kuͤhe und Ochſen maͤſten — ich kann zu Acker trei- ben, und anſaͤen; ich kann Waſſermatten und Klee- felder anlegen — ich verſtehe den Waldbau, wie den Bergbau — ich kann mit den Bauern rechnen wie mit den Herren; und was man mir anver- traut, dem lieg ich fruͤh und ſpaͤt ob. Dieſe Antwort ſprengte die Dame von der Bank auf — So ein Maul habe ich in meinem Leben nicht geſehen fuͤr einen Idioten, ſagte ſie beym Weggehen zur Aglee. Dieſe erwiederte ihr, ſagen ſie ihm nicht ſo, er iſt ihrer Meiſter worden.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard04_1787
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard04_1787/26
Zitationshilfe: [Pestalozzi, Johann Heinrich]: Lienhard und Gertrud. Bd. 4. Frankfurt (Main) u. a., 1787, S. 8. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/pestalozzi_lienhard04_1787/26>, abgerufen am 14.05.2021.