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Talvj, Volkslieder der Serben, 1825

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mächtigern Reichen erklärt schon viel. Dennoch sehen wir
den schwankenden Bau sich durch manches Jahrhundert erhal-
ten, so lange nur von außen, und wär' es von der kräftig-
sten Hand, an ihm gerüttelt wird; aber kaum, daß er sich
durch den stolzen Sinn eines einzigen gewaltigen Mannes
unnatürlich erhöht, aber mit unbefestigten Stützen, vor un-
sern Augen erhebt, als fast im nämlichen Moment das Ver-
derben aus seinem Innern herausbricht, und er plötzlich zu-
sammenstürzt. Von da an ist es nur noch der Kampf um eine
Ruine.

Nicht das beschränkte Land allein, welches wir unter
dem Namen Serbien kennen, ist die Heimath dieser Lieder.
Die Sprache, in welcher sie gedichtet und gesungen, erstreckt
sich, in nur wenig abweichenden Dialekten, über Boßnien,
die Herzegowina, Montenegro und Dalmatien; über Sla-
vonien und den südöstlichen Theil von Croatien +). Sie ist
ferner das Eigenthum vieler Tausende, die von Semlin
an, am linken Donauufer herauf bis nach St. Andre bey
Ofen, drey Diözesen stark, angesiedelt sind. So gehört sie
denn mehreren Millionen an, von denen über die Hälfte dem
griechischen Cultus zugethan; in Boßnien großentheils dem
Islam; eine geringere Anzahl eben dort, in Dalmatien,
Croatien und Slavonien hält sich zur lateinischen Kirche.

Beynah alle diese, durch die Natur hochbegünstigten
Länder, von den ansehnlichen Strömen Donau, Sawa,
Drina, Morava, Werbas, Wardar und andern mehr,
umgränzt und durchschnitten; mit fruchtbaren Ebnen ge-
segnet, mit wildreichen Wäldern geschmückt, von metall-
spendenden Gebirgen vielfach durchkreuzt, machten einst das
serbische Reich aus. Zur Zeit seines höchsten Glanzes aber
dehnte es sich über Macedonien und einen großen Theil von

+) Gränz- oder Militair-Croatien.

mächtigern Reichen erklärt schon viel. Dennoch sehen wir
den schwankenden Bau sich durch manches Jahrhundert erhal-
ten, so lange nur von außen, und wär' es von der kräftig-
sten Hand, an ihm gerüttelt wird; aber kaum, daß er sich
durch den stolzen Sinn eines einzigen gewaltigen Mannes
unnatürlich erhöht, aber mit unbefestigten Stützen, vor un-
sern Augen erhebt, als fast im nämlichen Moment das Ver-
derben aus seinem Innern herausbricht, und er plötzlich zu-
sammenstürzt. Von da an ist es nur noch der Kampf um eine
Ruine.

Nicht das beschränkte Land allein, welches wir unter
dem Namen Serbien kennen, ist die Heimath dieser Lieder.
Die Sprache, in welcher sie gedichtet und gesungen, erstreckt
sich, in nur wenig abweichenden Dialekten, über Boßnien,
die Herzegowina, Montenegro und Dalmatien; über Sla-
vonien und den südöstlichen Theil von Croatien †). Sie ist
ferner das Eigenthum vieler Tausende, die von Semlin
an, am linken Donauufer herauf bis nach St. Andre bey
Ofen, drey Diözesen stark, angesiedelt sind. So gehört sie
denn mehreren Millionen an, von denen über die Hälfte dem
griechischen Cultus zugethan; in Boßnien großentheils dem
Islam; eine geringere Anzahl eben dort, in Dalmatien,
Croatien und Slavonien hält sich zur lateinischen Kirche.

Beynah alle diese, durch die Natur hochbegünstigten
Länder, von den ansehnlichen Strömen Donau, Sawa,
Drina, Morava, Werbas, Wardar und andern mehr,
umgränzt und durchschnitten; mit fruchtbaren Ebnen ge-
segnet, mit wildreichen Wäldern geschmückt, von metall-
spendenden Gebirgen vielfach durchkreuzt, machten einst das
serbische Reich aus. Zur Zeit seines höchsten Glanzes aber
dehnte es sich über Macedonien und einen großen Theil von

†) Gränz- oder Militair-Croatien.
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[II/0022] mächtigern Reichen erklärt schon viel. Dennoch sehen wir den schwankenden Bau sich durch manches Jahrhundert erhal- ten, so lange nur von außen, und wär' es von der kräftig- sten Hand, an ihm gerüttelt wird; aber kaum, daß er sich durch den stolzen Sinn eines einzigen gewaltigen Mannes unnatürlich erhöht, aber mit unbefestigten Stützen, vor un- sern Augen erhebt, als fast im nämlichen Moment das Ver- derben aus seinem Innern herausbricht, und er plötzlich zu- sammenstürzt. Von da an ist es nur noch der Kampf um eine Ruine. Nicht das beschränkte Land allein, welches wir unter dem Namen Serbien kennen, ist die Heimath dieser Lieder. Die Sprache, in welcher sie gedichtet und gesungen, erstreckt sich, in nur wenig abweichenden Dialekten, über Boßnien, die Herzegowina, Montenegro und Dalmatien; über Sla- vonien und den südöstlichen Theil von Croatien †). Sie ist ferner das Eigenthum vieler Tausende, die von Semlin an, am linken Donauufer herauf bis nach St. Andre bey Ofen, drey Diözesen stark, angesiedelt sind. So gehört sie denn mehreren Millionen an, von denen über die Hälfte dem griechischen Cultus zugethan; in Boßnien großentheils dem Islam; eine geringere Anzahl eben dort, in Dalmatien, Croatien und Slavonien hält sich zur lateinischen Kirche. Beynah alle diese, durch die Natur hochbegünstigten Länder, von den ansehnlichen Strömen Donau, Sawa, Drina, Morava, Werbas, Wardar und andern mehr, umgränzt und durchschnitten; mit fruchtbaren Ebnen ge- segnet, mit wildreichen Wäldern geschmückt, von metall- spendenden Gebirgen vielfach durchkreuzt, machten einst das serbische Reich aus. Zur Zeit seines höchsten Glanzes aber dehnte es sich über Macedonien und einen großen Theil von †) Gränz- oder Militair-Croatien.

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Zitationshilfe: Talvj, Volkslieder der Serben, 1825, S. II. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_volkslieder_1825/22>, abgerufen am 11.05.2021.