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Neue Rheinische Zeitung. Nr. 275. Köln, 18. April 1849.

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Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 275. Köln, Mittwoch, den 18. April 1849

Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. - Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Hovas, 3 Rue Jean Jacques Rcusseau.

Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet. - Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis. - Nur frankirte Briefe werden angenommen. - Expedition in Aachen bei Ernst ter Meer; in Düsseldorf bei F. W. Schmitz, Burgplatz; in Köln Unter Hutmacher Nro. 17.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Hr. Bodelschwingh.) Meschede. (Reklamationen der Landwehrmänner. - Eine bestrafte Handbewegung.) Berlin. (Klatsch.) Breslau. (Die diplomatische Komödie der europäischen Tamerlane. - Freies Passiren der Kölner Wagenschmiere. -Hrn. Schütte's und der Polizei entente cordiale.) Wien. (Vermischtes. - Depesche an Hrn. v. Schmerling.) Königsberg. (Die Russenfurcht.) Aus Schleswig-Holstein. (Vom Kriegsschauplatze.) Kassel. (Landständisches.) Frankfurt. (Kaiser-Vereinbarung.)

Schweiz. Genf. (Willich. - Der preußische Gesandte und Herr von Roeder.)

Italien. (Die Lage Genua's - Tagebuch über den Kampf.) Rom. (Ministerium. - Demonstration für Mazzini.) Florenz. (Truppenbewegung.)

Ungarn. (Vom Kriegsschauplatze. - Bauernkrieg in der Bukowina.)

Franz. Republik. Paris. (Die Wahlmanöver. - Vermischtes.)

Deutschland.
* Köln, 17. April.

Die Augsburger allg. Ztg. enthält folgenden Artikel "vom Rhein":

"Ein altes spanisches Sprüchwort sagt: "El rio pasado, el santo olvidade - hat man über den Fluß gesetzt, so ist der vorher angerufene Heilige vergessen." - Dasselbe fiel mir heute Morgen unwillkürlich ein als die Zeitung die Nachricht brachte daß Herr von Bodelschwingh die ganze Märzrevolution auf einen Straßenkampf reduciren will. Denn unmittelbar nach jenem Straßenkampf trifft der flüchtige Exminister in Wunschdorf, wo die Bremer Eisenbahn in die Köln-Berliner einmündet, mit dem ehemaligen Bürgermeister Bremens, Joh. Smidt, zufällig in ein und demselben Wagen zusammen, der sie nach Köln führen soll. Ob Smidt die nunmehr gefallene Größe nicht kennen wollte oder wirklich nicht kannte, wage ich nicht zu entscheiden; aber er antwortete auf Bodelschwinghs schüchterne Frage: "Kennen Sie mich nicht mehr?" ein sehr natürlich durchgeführtes "Nein!" Als darauf ersterer sich nennt und hinzufügt:"Nun, ich weiß auch wohl woher Sie kommen, Sie sind wie ich auf der Flucht vor der Revolution!" entgegnet Smidt, der sich bereits mit der neuen Zeit gesetzt hatte, abermals mit behäbigem Händereiben ein ganz vergnügtes "Nein!" er sei auf der Reise nach Frankfurt. Worauf dann der Ex-Minister die bittersten Vorwürfe auf die schon hinreichend belasteten Schultern seines Reisegefährten lädt, der auch durch seine Weserzeitung zu der Revolution beigetragen. Bodelschwingh sprach während der ganzen Zeit nur von der Revolution. Jetzt wird der ihn damals rettende Heilige so sehr betrogen, daß man ihm nur die Rettung aus einem Straßenkampf schuldet!"

Hr. Bodelschwingh hat übrigens Recht, wenn er jetzt dem Berliner Märzkampf den Charakter einer Revolution abstreitet. Wäre im vorigjährigen März eine Revolution gemacht worden, so säße Hr. Bodelschwingh nicht in der Kammer und spänne lange Reden, sondern im Zuchthause und spänne Wolle, so lange bis er den unter seine Finanzverwaltung fallenden Antheil an den 135 Millionen herbeigeschafft, welche von der alten Regierung ungesetzlicher Weise verschleudert, verschwendet, in die Taschen des adligen Raubgesindels geflossen und sonst wie aus den Staatskassen verschwunden sind.

319 Meschede.

(Verspätet.) Das hiesige Landwehrbataillon ist einberufen und bereits nach Schleswig-Holstein gegen den Reichsfeind abmarschirt. Von allen Reklamationen ist auch keine einzige berücksichtigt worden. Bekanntlich liegt es den Landräthen ob, die als Grund solcher Reklamationen aufgeführten Thatsachen und Familienverhältnisse zu untersuchen und demnach die Gesuche zu begutachten. Der hiesige Landrath Böse hat sich nun zu diesem Zwecke pflichtgemäß alle erdenkliche Mühe gegeben; er ist in dem Kreise umhergegangen und hat sich persönlich von den Verhältnissen überzeugt. Nach seiner eignen Erklärung hat er als Resultat dieser Untersuchung gegen 40 Reklamationen in Schutz genommen, da er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Reklamanten in ihren Verhältnissen durchaus nicht zu entbehren waren. Allein die hohe Militärkommission hat alles besser durchschaut: die Reklamanten mußten mit, wenn auch Weib und Kind, Vater und Mutter daheim Noth leiden und die Geschäfte stille stehen oder verfallen. Ist es da ein Wunder, wenn man den Landrath selbst sich darüber beschweren hört, daß man ihm die Pflicht auferlegt, mühsame und zeitraubende Erkundigungen einzuziehen, während doch von vornherein feststeht, daß alle diese Bemühungen ohne allen Zweck sind? - Ein reicher hiesiger Bürger, ist als untauglich zurückgeblieben. Man erzählt sich, daß er trotz des Widerspruchs des Kompagniearztes, der ausdrücklich die Krankheit besagten Bürgers als eine simulirte bezeichnet hatte, von dem Bataillonsarzte für invalide erklärt worden. Für den reichen Herrn hat natürlich ein armer Teufel den Kopf in's Loch stecken müssen. - Schließlich gedenke ich eines charakteristischen Vorfalls. Ein Landwehrmann, Bürger von geachteter Familie, geht spazierend und eine Cigarre rauchend, also außerdienstlich, an einem Landwehroffizier vorbei, und begeht das furchtbare Verbrechen diesen nicht zu sehen, oder doch wenigstens nicht sofort seine Cigarre zu entfernen und Front zu machen. Da fährt denn der Offizier mit einer Stentorstimme auf den armen Schächer los mit den Worten: "Weiß er Lump's Verfluchter denn nicht, daß er den Sauzahn aus dem Rachen zu ziehen hat, wenn sein Vorgesetzter an ihm vorbeikommt?"

Unwillkührlich ballte sich nach einer solchen Anrede die Hand des Landwehrmannes, der an die Sitten im herrlichen Kriegsheer nicht mehr gewohnt, einen Augenblick sich wieder als Mensch und Bürger fühlen mochte; aber er ließ auch sofort die Hand wieder sinken. Das Verbrechen dieser Handbewegung mußte gesühnt werden. Der Hr. Landwehroffizier, dessen Namen uns leider entfallen ist, machte seiner Entrüstung durch Denunziation Luft. Schon am folgenden Tage wird der Verbrecher von dem Kriegsgericht zu 15 Jahren Festung verurtheilt und anstatt gegen den Reichsfeind, nach Wesel hinter die Eisen geschickt.

* Berlin, 15. April.

Die Wahlen der Abtheilungen für die Kommission, welche den Rodbertus'schen Antrag, die Anerkennung der deutschen Verfassung betreffend, begutachten soll, und sich morgen zum ersten Mal zu einer Sitzung versammeln wird, sind der Majorität nach im Sinne der Rechten ausgefallen. Die oppositionellen Abtheilungen wählen entweder Mitglieder des linken Centrums oder auch der äußersten Rechten. Die demokratische Linke nämlich ist nicht gewillt, den Antrag des Herrn Rodbertus zu unterstützen, sie ist der Ansicht, daß eine Anerkennung der deutschen Verfassung unter diesen Umständen nutzlos sein würde und nicht über die Gränzen der Theorie hinaus etwas wirken könnte. Diese Partei wird deshalb wahrscheinlich wieder eine motivirte Tagesordnung vorschlagen, welche dahin lautet, daß unter dem Ministerium Manteuffel dergleichen Anträge durchaus nutzlos seien.

Vor mehreren Tagen ist unter die Mitglieder der zweiten Kammer eine Denkschrift über das besondere Rechtsverhältniß der preußischen Oberlausitz vertheilt worden. Die Verfasser dieses interessanten Machwerks, Mitglieder des ständischen Ausschusses der Oberlausitz, stützen sich auf ihre alte Verfassung. Hauptsächlich erwähnen sie den Vertrag der Stände mit dem König Johann von Böhmen im Jahre 1319, in welchem besonders das Steuerbewilligungsrecht im ausgedehntesten Maße anerkannt ist. Alle seine Nachfolger stellten vor der Huldigung Reversalien über die Anerkennung der verfassungsmäßigen Rechte der Oberlausitz aus. So Johann Georg I. von Sachsen und zuletzt noch Friedrich August v. Sachsen 1810. Als sie endlich an Preußen fielen, erklärte Friedrich Wilhelm III., er wolle die ständische Verfassung erhalten und sie der allgemeinen anschließen. Die Steuern wurden nur von 5 zu 5 Jahren bewilligt und auf diesem Rechte beruhen die jetzt bestehenden Grundsteuern. Die Oberlausitz würde bei der gleichmäßigen Vertheilung dieser Steuer, ohne Entschädigung, 71,389 Thlr. mehr geben wie bisher. Das wäre, sagt die Denkschrift, ein Eingriff in die Verfassung sowohl als in das Eigenthum!!! Die Oberlausitzer appelliren deshalb an die Pflicht der Krone und den Beruf der Kammern das Recht (!!) zu schützen und zu vertreten, und an das Rechtsgefühl der Nation. (!!) Wir erfahren noch das interessante Faktum, daß der jetzige König zuerst 1842 das Steuerbewilligungsrecht derselben nicht anerkennen wollte. Das Ganze sieht aus, wie eine geschickte Carricatur der Rechtsbodenpolitik, welcher sich Hr. v. Vinke und Comp. mit so großer Begeisterung hingegeben.

Seit dem 1. April sind in den Provinzen Polizeigerichte eingerichtet worden. Man hat die Bürgermeister der kleinen Städte unbegreiflich und ungeschickt genug zu Polizeianwälten bestimmt, eine Stellung, welche mit ihrer anderweitigen des Oberhauptes der Stadt ganz unvereinbar ist. Der Bürgermeister kann sich unmöglich dazu hergeben, die kleinen Vergehen zu denunciren, welche dem Urtheilsspruch des Polizeirichters zu unterliegen pflegen. Mehrere derselben haben auch ernstlich gegen eine solche Zumuthung protestirt.

Während den Verhandlungen über das Plakatgesetz vertheilte Herr v. Bodelschwingh unter die Mitglieder der Rechten eine Masse Plakate aus dem vergangenen Sommer zur Ansicht und zur Stärkung ihrer Feindschaft gegen diese Erzeugnisse unserer Litteratur.

Durch die Abgg. Stein, Görz-Wrisberg, Temme wird in den nächsten Tagen ein dringender Antrag eingereicht werden auf Aufhebung der besondern militärischen Gerichtsbarkeit. Man hatte in der Parteiversammlung zuerst den Antrag gestellt, die Kammer möge eine Kommission ernennen, um zu untersuchen, welche Erfolge denn die gerichtlichen Requisitionen über die verschiedentlichen Soldaten-Excesse herbeigeführt haben. Es würde sich natürlich ergeben haben, daß der größte Theil dieser Untersuchungen, theils niedergeschlagen wurde, theils zu keinem Resultat führen konnte, weil ja alle diese Excesse zur größern Ehre des constitutionellen Königthums geschehen waren. Die Majorität der Fraktion erklärte sich aber gegen diesen und für den obigen Antrag.

Wie gefährlich es ist, wenn sich der General Wrangel nach Jemand erkundigt, zeigt folgender Beitrag zur Charakteristik unserer Polizei. Der Assessor Lipke, betheiligt bei der demokratischen Bewegung, war vor Kurzem aus Paris hierher zurückgekehrt, ohne irgend eine polizeiliche Anfechtung zu erleiden. Da erinnert man sich bei dem Oberkonstabler daran, daß der General Wrangel Befehl gegeben habe, wenn der Assessor Lipke zurückkäme es ihm sogleich zu melden. Hinkeldey denkt natürlich, daß Wrangel den Unglücklichen für eine besondere Bestrafung sich vorbehalten habe und erfreuet Hrn. Lipke durch eine Verhaftung auf offner Straße, welche zwar ohne Folgen blieb, da er sogleich auf der Versicherung sich wieder zu stellen freigelassen wurde, ihm jedoch Gelegenheit zu energischen Protestaktionen gab.

Es charakterisirt unsere Börsenmänner, daß nachdem der Bucher'sche Bericht über die Aufhebung des Belagerungszustandes bekannt geworden war, sämmtliche Kurse etwas zurückgingen.

Das ganze Interesse von Berlin wird jetzt fast ganz allein von dem ungarischen Krieg in Anspruch genommen. Man glaubt nicht in wie banger Erwartung man hier täglich auf neue Nachrichten harrt, weil man weiß, daß bei Buda-Pesth für unsere Sache gekämpft, und daß sie mit den Magyaren entweder siegt oder besiegt wird. Was helfen, hörten wir schlichte Handwerker sagen, alle Siege der Linken, wenn die Ungarn geschlagen werden.

Die erste Kammer scheint auszuruhen auf den Lorbeeren ihrer kleinen Faustkämpfe, welche die geehrten Peers vergebens wegzuleugnen suchen. Sie mögen sich damit trösten, daß auch das Oberhaus in London dergleichen Scenen gesehen hat, und an das Wort Sheridan's denken, daß alle Versammlungen Augenblicke haben, in welchen sie zum süßen Pöbel hinabsinken.

Die Artikel der "Neuen Rheinischen Ztg.""die schlesische Milliarde"werden durch die demokratische Partei dieser Provinz bekanntlich durch besondere Abdrücke verbreitet. Wir hören nun, daß die schlesischen Bauern, durch diese Aufsätze, zum Schrecken ihrer Gutsherren, sehr aufmerksam gemacht sind. Sie gehen auf die Gründe, welche jene zu einer Rückzahlung verpflichten sehr gelehrig ein und wir dürften in den nächsten Tagen schon, dahin zielende Petitionen zu erwarten haben.

- Als der Herzog von Coburg, jetzt Sieger von Eckernförde, zum Kriegsschauplatz hier durchreiste und bei Sr. Maj. Audienz hatte, ließ die offenkundige Zuneigung unseres Königs zu dem aimablen Herrscher von Dänemark ihn gütig genug aussprechen, der Herzog möge doch recht schonend verahren. Der Herzog erwiderte, er kenne, wenn er in den Krieg gehe, keine Schonung. "Wenn es aber mein besonderer Wunsch ist." - "Auch dann nicht! Auch ich, " sagte der Coburger, "bin ein gekröntes Haupt!"

15 Breslau, 14. April.

Die Breslauerin, in welcher der Spree-Literat Mundt jetzt leitende Grütze und Miserere's ablagert, und ihr ungesalzener Abklatsch, die Oder-Zeitung, haben unsere gute Stadt gestern Abend in nicht geringen Kriegsalarm versetzt, indem sie statt der erwarteten magyarischen Siegesbotschaft eine sogenannte Kriegserklärung zwischen Oesterreich und Preußen improvisirten und heftig austrompeten ließen. Das kommt daher. Die olympische Bornirtheit der deutschen Reichs-Hottentotten zu Frankfurt am Main und ihrer literarischen Reichsherolde konnten durch gar nichts empfindlicher getroffen und gallsüchtiger gemacht werden, als durch den letzten russisch-österreichisch-preußischen Fußtritt. - In ihrer geträumten Vaterlands-Unfehlbarkeit und Unüberwindlichkeit zu stumpfsinnig, das absolutistische Kommißpulver zur rechten Zeit zu riechen, mußten sie es von der heiligen Allianz erst recht kosackisch-derb unter die Nase gerieben bekommen, bevor ihre Nervenstränge befähigt wurden, den Teufelsgeruch der assa foetida gewahr zu werden. - Endlich merkten sie zwar den Tritt, aber waren weit entfernt, die Drähte zu erkennen, an welchen das Kaiser- und Königs-Spiel nun mit diplomatisch-entrüsteten Noten fortgeleitet wird. Der Bierverstand hält es nämlich für unmöglich, daß über den kriegerischsten zur Unterhaltung des Michelthums bestimmten Noten das intimste Einverständniß sämmtlicher europäischen Tamerlane schwebt, und dennoch ist nichts gewisser. Wie ich höre, soll unter dem Vorwande eines österreichisch-preußischen Kriegs, namentlich in Schlesien noch mehr, als es bereits geschehen und geschieht, gerüstet werden. Damit verhält es sich aber also. Das Standrechts-Reich der Frau Sophie und Genossen wird von den Magyaren jetzt allen Ernstes in seiner letzten Existenz bedroht. Der Untergang dieses Reichs, das wissen alle europäischen Tamerlane, würde zuletzt auch ihr Todesstoß werden, und die neufabrizirte deutsche Reichs-Majestät, obwohl sie gern im Trüben kaiserlich fischen möchte, darf dabei am wenigsten zuschauen. Jene herausfordernde Standrechts-Note gibt den besten Vorwand zu rüsten, und "Mein herrliches Kriegsheer" an den Gränzen Schlesiens in die Nähe der Kossuth-Husaren zu bringen.

Wie überall, so hält auch hier der russische Knuten-Genius seine Apostel. Dieselben spioniren wie Luchse in Bierkellern, Konditoreien u. s. w. nach Demokraten herum, und senden ihre Proskriptionslisten an Abramovitsch nach Warschau zu demnächstigem Gebrauche.

Die N. Rh. Ztg. (Nr. 270) ist gestern wieder ausgeblieben. Man versichert, daß die Schuld an der Quarantäne-Anstalt zu Berlin liege. Der Kölner "Rechtsboden" darf mit seiner leitenden Wagenschmiere dagegen frei durchpassiren und kommt regelmäßig hier angefahren.

Die Polizei schmuggelt den Schütte auch in Berlin unter die Demokratie und läßt ihn das wesentlich gefühlte Bedürfniß eines demokratischen Blattes erfüllen, indem sie ihn an dessen Spitze zu bringen sucht.

Schütte lebt vom Oberconstabler Hinckeldey und Wrangel und Manteuffel unangefochten in Berlin, während ganz unbekannte Demokraten sofort ausgewiesen oder an der Hinreise nach Berlin verhindert werden. Herzliches Einverständniß des "Revolutionärs" Schütte und der Manteuffelschen Polizei, das jedenfalls eben so rührend als belehrend ist.

* Wien, 13. April.

Seitdem die sichere Nachricht hier eingetroffen, daß die Magyaren die Stadt Waitzen eingenommen und den Jelachich auf's rechte Donau-Ufer gedrängt haben, ist die Aufregung unter den Wienern noch bedeutend gestiegen und um so mehr verlangt man nach einigen Details über die nun schon über 6 Tage andaurenden Kämpfe. Aber kein Bülletin erscheint. Die offiziellen Standrechtsbestien sind stumm gleich den Fischen. Von hier gehen täglich Verstärkungen nach Ungarn ab, während wir neue Truppen hereinbekommen. Die hiesige Besatzung ist jetzt im Verhältniß zu früher, sehr schwach. - Den hiesigen Buchhändlern war bekanntlich das Verbot zugegangen, die ihnen von Leipzig aus geschickten Bücherballen zu öffnen, ohne die Gegenwart eines Kommissärs. Das Buchhändlergremium wendete sich an das Ministerium. Dieses gab den Bescheid, daß während des Ausnahmezustands die Anordnung des Stadthauptmanns in Kraft bleiben müsse. Heute ist nun die Eröffnung der Bücherballen erfolgt und nur die Zeitschrift "der Leuchtthurm" wurde konfiszirt.

- Dem "Const. Bl. a. B." wird aus Wien geschrieben:

"Gestern sowohl als heute sind Truppen von hier nach Ungarn abgegangen, welche theils auf der Eisenbahn, theils auf Dampfbooten bis Preßburg befördert werden. Heute soll auch

Neue Rheinische Zeitung
Organ der Demokratie.
No 275. Köln, Mittwoch, den 18. April 1849

Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. ‒ Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Hovas, 3 Rue Jean Jacques Rcusseau.

Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet. ‒ Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis. ‒ Nur frankirte Briefe werden angenommen. ‒ Expedition in Aachen bei Ernst ter Meer; in Düsseldorf bei F. W. Schmitz, Burgplatz; in Köln Unter Hutmacher Nro. 17.

Uebersicht.

Deutschland. Köln. (Hr. Bodelschwingh.) Meschede. (Reklamationen der Landwehrmänner. ‒ Eine bestrafte Handbewegung.) Berlin. (Klatsch.) Breslau. (Die diplomatische Komödie der europäischen Tamerlane. ‒ Freies Passiren der Kölner Wagenschmiere. ‒Hrn. Schütte's und der Polizei entente cordiale.) Wien. (Vermischtes. ‒ Depesche an Hrn. v. Schmerling.) Königsberg. (Die Russenfurcht.) Aus Schleswig-Holstein. (Vom Kriegsschauplatze.) Kassel. (Landständisches.) Frankfurt. (Kaiser-Vereinbarung.)

Schweiz. Genf. (Willich. ‒ Der preußische Gesandte und Herr von Roeder.)

Italien. (Die Lage Genua's ‒ Tagebuch über den Kampf.) Rom. (Ministerium. ‒ Demonstration für Mazzini.) Florenz. (Truppenbewegung.)

Ungarn. (Vom Kriegsschauplatze. ‒ Bauernkrieg in der Bukowina.)

Franz. Republik. Paris. (Die Wahlmanöver. ‒ Vermischtes.)

Deutschland.
* Köln, 17. April.

Die Augsburger allg. Ztg. enthält folgenden Artikel „vom Rhein“:

„Ein altes spanisches Sprüchwort sagt: „El rio pasado, el santo olvidade ‒ hat man über den Fluß gesetzt, so ist der vorher angerufene Heilige vergessen.“ ‒ Dasselbe fiel mir heute Morgen unwillkürlich ein als die Zeitung die Nachricht brachte daß Herr von Bodelschwingh die ganze Märzrevolution auf einen Straßenkampf reduciren will. Denn unmittelbar nach jenem Straßenkampf trifft der flüchtige Exminister in Wunschdorf, wo die Bremer Eisenbahn in die Köln-Berliner einmündet, mit dem ehemaligen Bürgermeister Bremens, Joh. Smidt, zufällig in ein und demselben Wagen zusammen, der sie nach Köln führen soll. Ob Smidt die nunmehr gefallene Größe nicht kennen wollte oder wirklich nicht kannte, wage ich nicht zu entscheiden; aber er antwortete auf Bodelschwinghs schüchterne Frage: „Kennen Sie mich nicht mehr?“ ein sehr natürlich durchgeführtes „Nein!“ Als darauf ersterer sich nennt und hinzufügt:„Nun, ich weiß auch wohl woher Sie kommen, Sie sind wie ich auf der Flucht vor der Revolution!“ entgegnet Smidt, der sich bereits mit der neuen Zeit gesetzt hatte, abermals mit behäbigem Händereiben ein ganz vergnügtes „Nein!“ er sei auf der Reise nach Frankfurt. Worauf dann der Ex-Minister die bittersten Vorwürfe auf die schon hinreichend belasteten Schultern seines Reisegefährten lädt, der auch durch seine Weserzeitung zu der Revolution beigetragen. Bodelschwingh sprach während der ganzen Zeit nur von der Revolution. Jetzt wird der ihn damals rettende Heilige so sehr betrogen, daß man ihm nur die Rettung aus einem Straßenkampf schuldet!“

Hr. Bodelschwingh hat übrigens Recht, wenn er jetzt dem Berliner Märzkampf den Charakter einer Revolution abstreitet. Wäre im vorigjährigen März eine Revolution gemacht worden, so säße Hr. Bodelschwingh nicht in der Kammer und spänne lange Reden, sondern im Zuchthause und spänne Wolle, so lange bis er den unter seine Finanzverwaltung fallenden Antheil an den 135 Millionen herbeigeschafft, welche von der alten Regierung ungesetzlicher Weise verschleudert, verschwendet, in die Taschen des adligen Raubgesindels geflossen und sonst wie aus den Staatskassen verschwunden sind.

319 Meschede.

(Verspätet.) Das hiesige Landwehrbataillon ist einberufen und bereits nach Schleswig-Holstein gegen den Reichsfeind abmarschirt. Von allen Reklamationen ist auch keine einzige berücksichtigt worden. Bekanntlich liegt es den Landräthen ob, die als Grund solcher Reklamationen aufgeführten Thatsachen und Familienverhältnisse zu untersuchen und demnach die Gesuche zu begutachten. Der hiesige Landrath Böse hat sich nun zu diesem Zwecke pflichtgemäß alle erdenkliche Mühe gegeben; er ist in dem Kreise umhergegangen und hat sich persönlich von den Verhältnissen überzeugt. Nach seiner eignen Erklärung hat er als Resultat dieser Untersuchung gegen 40 Reklamationen in Schutz genommen, da er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Reklamanten in ihren Verhältnissen durchaus nicht zu entbehren waren. Allein die hohe Militärkommission hat alles besser durchschaut: die Reklamanten mußten mit, wenn auch Weib und Kind, Vater und Mutter daheim Noth leiden und die Geschäfte stille stehen oder verfallen. Ist es da ein Wunder, wenn man den Landrath selbst sich darüber beschweren hört, daß man ihm die Pflicht auferlegt, mühsame und zeitraubende Erkundigungen einzuziehen, während doch von vornherein feststeht, daß alle diese Bemühungen ohne allen Zweck sind? ‒ Ein reicher hiesiger Bürger, ist als untauglich zurückgeblieben. Man erzählt sich, daß er trotz des Widerspruchs des Kompagniearztes, der ausdrücklich die Krankheit besagten Bürgers als eine simulirte bezeichnet hatte, von dem Bataillonsarzte für invalide erklärt worden. Für den reichen Herrn hat natürlich ein armer Teufel den Kopf in's Loch stecken müssen. ‒ Schließlich gedenke ich eines charakteristischen Vorfalls. Ein Landwehrmann, Bürger von geachteter Familie, geht spazierend und eine Cigarre rauchend, also außerdienstlich, an einem Landwehroffizier vorbei, und begeht das furchtbare Verbrechen diesen nicht zu sehen, oder doch wenigstens nicht sofort seine Cigarre zu entfernen und Front zu machen. Da fährt denn der Offizier mit einer Stentorstimme auf den armen Schächer los mit den Worten: „Weiß er Lump's Verfluchter denn nicht, daß er den Sauzahn aus dem Rachen zu ziehen hat, wenn sein Vorgesetzter an ihm vorbeikommt?“

Unwillkührlich ballte sich nach einer solchen Anrede die Hand des Landwehrmannes, der an die Sitten im herrlichen Kriegsheer nicht mehr gewohnt, einen Augenblick sich wieder als Mensch und Bürger fühlen mochte; aber er ließ auch sofort die Hand wieder sinken. Das Verbrechen dieser Handbewegung mußte gesühnt werden. Der Hr. Landwehroffizier, dessen Namen uns leider entfallen ist, machte seiner Entrüstung durch Denunziation Luft. Schon am folgenden Tage wird der Verbrecher von dem Kriegsgericht zu 15 Jahren Festung verurtheilt und anstatt gegen den Reichsfeind, nach Wesel hinter die Eisen geschickt.

* Berlin, 15. April.

Die Wahlen der Abtheilungen für die Kommission, welche den Rodbertus'schen Antrag, die Anerkennung der deutschen Verfassung betreffend, begutachten soll, und sich morgen zum ersten Mal zu einer Sitzung versammeln wird, sind der Majorität nach im Sinne der Rechten ausgefallen. Die oppositionellen Abtheilungen wählen entweder Mitglieder des linken Centrums oder auch der äußersten Rechten. Die demokratische Linke nämlich ist nicht gewillt, den Antrag des Herrn Rodbertus zu unterstützen, sie ist der Ansicht, daß eine Anerkennung der deutschen Verfassung unter diesen Umständen nutzlos sein würde und nicht über die Gränzen der Theorie hinaus etwas wirken könnte. Diese Partei wird deshalb wahrscheinlich wieder eine motivirte Tagesordnung vorschlagen, welche dahin lautet, daß unter dem Ministerium Manteuffel dergleichen Anträge durchaus nutzlos seien.

Vor mehreren Tagen ist unter die Mitglieder der zweiten Kammer eine Denkschrift über das besondere Rechtsverhältniß der preußischen Oberlausitz vertheilt worden. Die Verfasser dieses interessanten Machwerks, Mitglieder des ständischen Ausschusses der Oberlausitz, stützen sich auf ihre alte Verfassung. Hauptsächlich erwähnen sie den Vertrag der Stände mit dem König Johann von Böhmen im Jahre 1319, in welchem besonders das Steuerbewilligungsrecht im ausgedehntesten Maße anerkannt ist. Alle seine Nachfolger stellten vor der Huldigung Reversalien über die Anerkennung der verfassungsmäßigen Rechte der Oberlausitz aus. So Johann Georg I. von Sachsen und zuletzt noch Friedrich August v. Sachsen 1810. Als sie endlich an Preußen fielen, erklärte Friedrich Wilhelm III., er wolle die ständische Verfassung erhalten und sie der allgemeinen anschließen. Die Steuern wurden nur von 5 zu 5 Jahren bewilligt und auf diesem Rechte beruhen die jetzt bestehenden Grundsteuern. Die Oberlausitz würde bei der gleichmäßigen Vertheilung dieser Steuer, ohne Entschädigung, 71,389 Thlr. mehr geben wie bisher. Das wäre, sagt die Denkschrift, ein Eingriff in die Verfassung sowohl als in das Eigenthum!!! Die Oberlausitzer appelliren deshalb an die Pflicht der Krone und den Beruf der Kammern das Recht (!!) zu schützen und zu vertreten, und an das Rechtsgefühl der Nation. (!!) Wir erfahren noch das interessante Faktum, daß der jetzige König zuerst 1842 das Steuerbewilligungsrecht derselben nicht anerkennen wollte. Das Ganze sieht aus, wie eine geschickte Carricatur der Rechtsbodenpolitik, welcher sich Hr. v. Vinke und Comp. mit so großer Begeisterung hingegeben.

Seit dem 1. April sind in den Provinzen Polizeigerichte eingerichtet worden. Man hat die Bürgermeister der kleinen Städte unbegreiflich und ungeschickt genug zu Polizeianwälten bestimmt, eine Stellung, welche mit ihrer anderweitigen des Oberhauptes der Stadt ganz unvereinbar ist. Der Bürgermeister kann sich unmöglich dazu hergeben, die kleinen Vergehen zu denunciren, welche dem Urtheilsspruch des Polizeirichters zu unterliegen pflegen. Mehrere derselben haben auch ernstlich gegen eine solche Zumuthung protestirt.

Während den Verhandlungen über das Plakatgesetz vertheilte Herr v. Bodelschwingh unter die Mitglieder der Rechten eine Masse Plakate aus dem vergangenen Sommer zur Ansicht und zur Stärkung ihrer Feindschaft gegen diese Erzeugnisse unserer Litteratur.

Durch die Abgg. Stein, Görz-Wrisberg, Temme wird in den nächsten Tagen ein dringender Antrag eingereicht werden auf Aufhebung der besondern militärischen Gerichtsbarkeit. Man hatte in der Parteiversammlung zuerst den Antrag gestellt, die Kammer möge eine Kommission ernennen, um zu untersuchen, welche Erfolge denn die gerichtlichen Requisitionen über die verschiedentlichen Soldaten-Excesse herbeigeführt haben. Es würde sich natürlich ergeben haben, daß der größte Theil dieser Untersuchungen, theils niedergeschlagen wurde, theils zu keinem Resultat führen konnte, weil ja alle diese Excesse zur größern Ehre des constitutionellen Königthums geschehen waren. Die Majorität der Fraktion erklärte sich aber gegen diesen und für den obigen Antrag.

Wie gefährlich es ist, wenn sich der General Wrangel nach Jemand erkundigt, zeigt folgender Beitrag zur Charakteristik unserer Polizei. Der Assessor Lipke, betheiligt bei der demokratischen Bewegung, war vor Kurzem aus Paris hierher zurückgekehrt, ohne irgend eine polizeiliche Anfechtung zu erleiden. Da erinnert man sich bei dem Oberkonstabler daran, daß der General Wrangel Befehl gegeben habe, wenn der Assessor Lipke zurückkäme es ihm sogleich zu melden. Hinkeldey denkt natürlich, daß Wrangel den Unglücklichen für eine besondere Bestrafung sich vorbehalten habe und erfreuet Hrn. Lipke durch eine Verhaftung auf offner Straße, welche zwar ohne Folgen blieb, da er sogleich auf der Versicherung sich wieder zu stellen freigelassen wurde, ihm jedoch Gelegenheit zu energischen Protestaktionen gab.

Es charakterisirt unsere Börsenmänner, daß nachdem der Bucher'sche Bericht über die Aufhebung des Belagerungszustandes bekannt geworden war, sämmtliche Kurse etwas zurückgingen.

Das ganze Interesse von Berlin wird jetzt fast ganz allein von dem ungarischen Krieg in Anspruch genommen. Man glaubt nicht in wie banger Erwartung man hier täglich auf neue Nachrichten harrt, weil man weiß, daß bei Buda-Pesth für unsere Sache gekämpft, und daß sie mit den Magyaren entweder siegt oder besiegt wird. Was helfen, hörten wir schlichte Handwerker sagen, alle Siege der Linken, wenn die Ungarn geschlagen werden.

Die erste Kammer scheint auszuruhen auf den Lorbeeren ihrer kleinen Faustkämpfe, welche die geehrten Peers vergebens wegzuleugnen suchen. Sie mögen sich damit trösten, daß auch das Oberhaus in London dergleichen Scenen gesehen hat, und an das Wort Sheridan's denken, daß alle Versammlungen Augenblicke haben, in welchen sie zum süßen Pöbel hinabsinken.

Die Artikel der „Neuen Rheinischen Ztg.“„die schlesische Milliarde“werden durch die demokratische Partei dieser Provinz bekanntlich durch besondere Abdrücke verbreitet. Wir hören nun, daß die schlesischen Bauern, durch diese Aufsätze, zum Schrecken ihrer Gutsherren, sehr aufmerksam gemacht sind. Sie gehen auf die Gründe, welche jene zu einer Rückzahlung verpflichten sehr gelehrig ein und wir dürften in den nächsten Tagen schon, dahin zielende Petitionen zu erwarten haben.

‒ Als der Herzog von Coburg, jetzt Sieger von Eckernförde, zum Kriegsschauplatz hier durchreiste und bei Sr. Maj. Audienz hatte, ließ die offenkundige Zuneigung unseres Königs zu dem aimablen Herrscher von Dänemark ihn gütig genug aussprechen, der Herzog möge doch recht schonend verahren. Der Herzog erwiderte, er kenne, wenn er in den Krieg gehe, keine Schonung. „Wenn es aber mein besonderer Wunsch ist.“ ‒ „Auch dann nicht! Auch ich, “ sagte der Coburger, „bin ein gekröntes Haupt!“

15 Breslau, 14. April.

Die Breslauerin, in welcher der Spree-Literat Mundt jetzt leitende Grütze und Miserere's ablagert, und ihr ungesalzener Abklatsch, die Oder-Zeitung, haben unsere gute Stadt gestern Abend in nicht geringen Kriegsalarm versetzt, indem sie statt der erwarteten magyarischen Siegesbotschaft eine sogenannte Kriegserklärung zwischen Oesterreich und Preußen improvisirten und heftig austrompeten ließen. Das kommt daher. Die olympische Bornirtheit der deutschen Reichs-Hottentotten zu Frankfurt am Main und ihrer literarischen Reichsherolde konnten durch gar nichts empfindlicher getroffen und gallsüchtiger gemacht werden, als durch den letzten russisch-österreichisch-preußischen Fußtritt. ‒ In ihrer geträumten Vaterlands-Unfehlbarkeit und Unüberwindlichkeit zu stumpfsinnig, das absolutistische Kommißpulver zur rechten Zeit zu riechen, mußten sie es von der heiligen Allianz erst recht kosackisch-derb unter die Nase gerieben bekommen, bevor ihre Nervenstränge befähigt wurden, den Teufelsgeruch der assa foetida gewahr zu werden. ‒ Endlich merkten sie zwar den Tritt, aber waren weit entfernt, die Drähte zu erkennen, an welchen das Kaiser- und Königs-Spiel nun mit diplomatisch-entrüsteten Noten fortgeleitet wird. Der Bierverstand hält es nämlich für unmöglich, daß über den kriegerischsten zur Unterhaltung des Michelthums bestimmten Noten das intimste Einverständniß sämmtlicher europäischen Tamerlane schwebt, und dennoch ist nichts gewisser. Wie ich höre, soll unter dem Vorwande eines österreichisch-preußischen Kriegs, namentlich in Schlesien noch mehr, als es bereits geschehen und geschieht, gerüstet werden. Damit verhält es sich aber also. Das Standrechts-Reich der Frau Sophie und Genossen wird von den Magyaren jetzt allen Ernstes in seiner letzten Existenz bedroht. Der Untergang dieses Reichs, das wissen alle europäischen Tamerlane, würde zuletzt auch ihr Todesstoß werden, und die neufabrizirte deutsche Reichs-Majestät, obwohl sie gern im Trüben kaiserlich fischen möchte, darf dabei am wenigsten zuschauen. Jene herausfordernde Standrechts-Note gibt den besten Vorwand zu rüsten, und „Mein herrliches Kriegsheer“ an den Gränzen Schlesiens in die Nähe der Kossuth-Husaren zu bringen.

Wie überall, so hält auch hier der russische Knuten-Genius seine Apostel. Dieselben spioniren wie Luchse in Bierkellern, Konditoreien u. s. w. nach Demokraten herum, und senden ihre Proskriptionslisten an Abramovitsch nach Warschau zu demnächstigem Gebrauche.

Die N. Rh. Ztg. (Nr. 270) ist gestern wieder ausgeblieben. Man versichert, daß die Schuld an der Quarantäne-Anstalt zu Berlin liege. Der Kölner „Rechtsboden“ darf mit seiner leitenden Wagenschmiere dagegen frei durchpassiren und kommt regelmäßig hier angefahren.

Die Polizei schmuggelt den Schütte auch in Berlin unter die Demokratie und läßt ihn das wesentlich gefühlte Bedürfniß eines demokratischen Blattes erfüllen, indem sie ihn an dessen Spitze zu bringen sucht.

Schütte lebt vom Oberconstabler Hinckeldey und Wrangel und Manteuffel unangefochten in Berlin, während ganz unbekannte Demokraten sofort ausgewiesen oder an der Hinreise nach Berlin verhindert werden. Herzliches Einverständniß des „Revolutionärs“ Schütte und der Manteuffelschen Polizei, das jedenfalls eben so rührend als belehrend ist.

* Wien, 13. April.

Seitdem die sichere Nachricht hier eingetroffen, daß die Magyaren die Stadt Waitzen eingenommen und den Jelachich auf's rechte Donau-Ufer gedrängt haben, ist die Aufregung unter den Wienern noch bedeutend gestiegen und um so mehr verlangt man nach einigen Details über die nun schon über 6 Tage andaurenden Kämpfe. Aber kein Bülletin erscheint. Die offiziellen Standrechtsbestien sind stumm gleich den Fischen. Von hier gehen täglich Verstärkungen nach Ungarn ab, während wir neue Truppen hereinbekommen. Die hiesige Besatzung ist jetzt im Verhältniß zu früher, sehr schwach. ‒ Den hiesigen Buchhändlern war bekanntlich das Verbot zugegangen, die ihnen von Leipzig aus geschickten Bücherballen zu öffnen, ohne die Gegenwart eines Kommissärs. Das Buchhändlergremium wendete sich an das Ministerium. Dieses gab den Bescheid, daß während des Ausnahmezustands die Anordnung des Stadthauptmanns in Kraft bleiben müsse. Heute ist nun die Eröffnung der Bücherballen erfolgt und nur die Zeitschrift „der Leuchtthurm“ wurde konfiszirt.

‒ Dem „Const. Bl. a. B.“ wird aus Wien geschrieben:

„Gestern sowohl als heute sind Truppen von hier nach Ungarn abgegangen, welche theils auf der Eisenbahn, theils auf Dampfbooten bis Preßburg befördert werden. Heute soll auch

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        <titlePart type="main">Neue Rheinische Zeitung</titlePart>
        <titlePart type="sub">Organ der Demokratie.</titlePart>
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          <docDate>No 275. Köln, Mittwoch, den 18. April 1849</docDate>
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        <p>Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. &#x2012; Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Hovas, 3 Rue Jean Jacques Rcusseau.</p>
        <p>Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet. &#x2012; Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis. &#x2012; Nur frankirte Briefe werden angenommen. &#x2012; Expedition in Aachen bei <hi rendition="#g">Ernst ter Meer;</hi> in Düsseldorf bei F. W. <hi rendition="#g">Schmitz,</hi> Burgplatz; in Köln Unter Hutmacher Nro. 17.</p>
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        <head>Uebersicht.</head>
        <p><hi rendition="#g">Deutschland.</hi> Köln. (Hr. Bodelschwingh.) Meschede. (Reklamationen der Landwehrmänner. &#x2012; Eine bestrafte Handbewegung.) Berlin. (Klatsch.) Breslau. (Die diplomatische Komödie der europäischen Tamerlane. &#x2012; Freies Passiren der Kölner Wagenschmiere. &#x2012;Hrn. Schütte's und der Polizei entente cordiale.) Wien. (Vermischtes. &#x2012; Depesche an Hrn. v. Schmerling.) Königsberg. (Die Russenfurcht.) Aus Schleswig-Holstein. (Vom Kriegsschauplatze.) Kassel. (Landständisches.) Frankfurt. (Kaiser-Vereinbarung.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Schweiz.</hi> Genf. (Willich. &#x2012; Der preußische Gesandte und Herr von Roeder.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Italien.</hi> (Die Lage Genua's &#x2012; Tagebuch über den Kampf.) Rom. (Ministerium. &#x2012; Demonstration für Mazzini.) Florenz. (Truppenbewegung.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Ungarn.</hi> (Vom Kriegsschauplatze. &#x2012; Bauernkrieg in der Bukowina.)</p>
        <p><hi rendition="#g">Franz. Republik.</hi> Paris. (Die Wahlmanöver. &#x2012; Vermischtes.)</p>
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        <head>Deutschland.</head>
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          <head><bibl><author>*</author></bibl> Köln, 17. April.</head>
          <p>Die Augsburger allg. Ztg. enthält folgenden Artikel &#x201E;vom Rhein&#x201C;:</p>
          <p>&#x201E;Ein altes spanisches Sprüchwort sagt: &#x201E;El rio pasado, el santo olvidade &#x2012; hat man über den Fluß gesetzt, so ist der vorher angerufene Heilige vergessen.&#x201C; &#x2012; Dasselbe fiel mir heute Morgen unwillkürlich ein als die Zeitung die Nachricht brachte daß Herr von Bodelschwingh die ganze Märzrevolution auf einen Straßenkampf reduciren will. Denn unmittelbar nach jenem Straßenkampf trifft der flüchtige Exminister in Wunschdorf, wo die Bremer Eisenbahn in die Köln-Berliner einmündet, mit dem ehemaligen Bürgermeister Bremens, Joh. Smidt, zufällig in ein und demselben Wagen zusammen, der sie nach Köln führen soll. Ob Smidt die nunmehr gefallene Größe nicht kennen wollte oder wirklich nicht kannte, wage ich nicht zu entscheiden; aber er antwortete auf Bodelschwinghs schüchterne Frage: &#x201E;Kennen Sie mich nicht mehr?&#x201C; ein sehr natürlich durchgeführtes &#x201E;Nein!&#x201C; Als darauf ersterer sich nennt und hinzufügt:&#x201E;Nun, ich weiß auch wohl woher Sie kommen, Sie sind <hi rendition="#g">wie ich auf der Flucht vor der Revolution!</hi>&#x201C; entgegnet Smidt, der sich bereits mit der neuen Zeit <hi rendition="#g">gesetzt</hi> hatte, abermals mit behäbigem Händereiben ein ganz vergnügtes &#x201E;Nein!&#x201C; er sei auf der Reise nach Frankfurt. Worauf dann der Ex-Minister die bittersten Vorwürfe auf die schon hinreichend belasteten Schultern seines Reisegefährten lädt, der auch durch seine Weserzeitung zu der Revolution beigetragen. Bodelschwingh sprach während der ganzen Zeit nur von der Revolution. Jetzt wird der ihn damals rettende Heilige so sehr betrogen, daß man ihm nur die Rettung aus einem Straßenkampf schuldet!&#x201C;</p>
          <p>Hr. Bodelschwingh hat übrigens Recht, wenn er jetzt dem Berliner Märzkampf den Charakter einer Revolution abstreitet. Wäre im vorigjährigen März eine Revolution gemacht worden, so säße Hr. Bodelschwingh nicht in der Kammer und spänne lange Reden, sondern im <hi rendition="#g">Zuchthause</hi> und spänne Wolle, so lange bis er den unter seine Finanzverwaltung fallenden Antheil an den 135 Millionen herbeigeschafft, welche von der alten Regierung ungesetzlicher Weise verschleudert, verschwendet, in die Taschen des adligen Raubgesindels geflossen und sonst wie aus den Staatskassen verschwunden sind.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar275_002" type="jArticle">
          <head><bibl><author>319</author></bibl> Meschede.</head>
          <p>(Verspätet.) Das hiesige Landwehrbataillon ist einberufen und bereits nach Schleswig-Holstein gegen den Reichsfeind abmarschirt. Von allen Reklamationen ist auch keine einzige berücksichtigt worden. Bekanntlich liegt es den Landräthen ob, die als Grund solcher Reklamationen aufgeführten Thatsachen und Familienverhältnisse zu untersuchen und demnach die Gesuche zu begutachten. Der hiesige Landrath Böse hat sich nun zu diesem Zwecke pflichtgemäß alle erdenkliche Mühe gegeben; er ist in dem Kreise umhergegangen und hat sich persönlich von den Verhältnissen überzeugt. Nach seiner eignen Erklärung hat er als Resultat dieser Untersuchung gegen 40 Reklamationen in Schutz genommen, da er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Reklamanten in ihren Verhältnissen durchaus nicht zu entbehren waren. Allein die hohe Militärkommission hat alles besser durchschaut: die Reklamanten mußten mit, wenn auch Weib und Kind, Vater und Mutter daheim Noth leiden und die Geschäfte stille stehen oder verfallen. Ist es da ein Wunder, wenn man den Landrath selbst sich darüber beschweren hört, daß man ihm die Pflicht auferlegt, mühsame und zeitraubende Erkundigungen einzuziehen, während doch von vornherein feststeht, daß alle diese Bemühungen ohne allen Zweck sind? &#x2012; Ein reicher hiesiger Bürger, ist als untauglich zurückgeblieben. Man erzählt sich, daß er trotz des Widerspruchs des Kompagniearztes, der ausdrücklich die Krankheit besagten Bürgers als eine simulirte bezeichnet hatte, von dem Bataillonsarzte für invalide erklärt worden. Für den reichen Herrn hat natürlich ein armer Teufel den Kopf in's Loch stecken müssen. &#x2012; Schließlich gedenke ich eines charakteristischen Vorfalls. Ein Landwehrmann, Bürger von geachteter Familie, geht spazierend und eine Cigarre rauchend, also außerdienstlich, an einem Landwehroffizier vorbei, und begeht das furchtbare Verbrechen diesen nicht zu sehen, oder doch wenigstens nicht sofort seine Cigarre zu entfernen und Front zu machen. Da fährt denn der Offizier mit einer Stentorstimme auf den armen Schächer los mit den Worten: &#x201E;Weiß er Lump's Verfluchter denn nicht, daß er den Sauzahn aus dem Rachen zu ziehen hat, wenn sein Vorgesetzter an ihm vorbeikommt?&#x201C;</p>
          <p>Unwillkührlich ballte sich nach einer solchen Anrede die Hand des Landwehrmannes, der an die Sitten im herrlichen Kriegsheer nicht mehr gewohnt, einen Augenblick sich wieder als Mensch und Bürger fühlen mochte; aber er ließ auch sofort die Hand wieder sinken. Das Verbrechen dieser Handbewegung mußte gesühnt werden. Der Hr. Landwehroffizier, dessen Namen uns leider entfallen ist, machte seiner Entrüstung durch Denunziation Luft. Schon am folgenden Tage wird der Verbrecher von dem Kriegsgericht zu <hi rendition="#g">15 Jahren Festung</hi> verurtheilt und anstatt gegen den Reichsfeind, nach Wesel hinter die Eisen geschickt.</p>
        </div>
        <div xml:id="ar275_003" type="jArticle">
          <head><bibl><author>*</author></bibl> Berlin, 15. April.</head>
          <p>Die Wahlen der Abtheilungen für die Kommission, welche den Rodbertus'schen Antrag, die Anerkennung der deutschen Verfassung betreffend, begutachten soll, und sich morgen zum ersten Mal zu einer Sitzung versammeln wird, sind der Majorität nach im Sinne der Rechten ausgefallen. Die oppositionellen Abtheilungen wählen entweder Mitglieder des linken Centrums oder auch der äußersten Rechten. Die demokratische Linke nämlich ist nicht gewillt, den Antrag des Herrn Rodbertus zu unterstützen, sie ist der Ansicht, daß eine Anerkennung der deutschen Verfassung unter diesen Umständen nutzlos sein würde und nicht über die Gränzen der Theorie hinaus etwas wirken könnte. Diese Partei wird deshalb wahrscheinlich wieder eine motivirte Tagesordnung vorschlagen, welche dahin lautet, daß unter dem Ministerium Manteuffel dergleichen Anträge durchaus nutzlos seien.</p>
          <p>Vor mehreren Tagen ist unter die Mitglieder der zweiten Kammer eine Denkschrift über das besondere Rechtsverhältniß der preußischen Oberlausitz vertheilt worden. Die Verfasser dieses interessanten Machwerks, Mitglieder des ständischen Ausschusses der Oberlausitz, stützen sich auf ihre alte Verfassung. Hauptsächlich erwähnen sie den Vertrag der Stände mit dem König Johann von Böhmen im Jahre 1319, in welchem besonders das Steuerbewilligungsrecht im ausgedehntesten Maße anerkannt ist. Alle seine Nachfolger stellten vor der Huldigung Reversalien über die Anerkennung der verfassungsmäßigen Rechte der Oberlausitz aus. So Johann Georg I. von Sachsen und zuletzt noch Friedrich August v. Sachsen 1810. Als sie endlich an Preußen fielen, erklärte Friedrich Wilhelm III., er wolle die ständische Verfassung erhalten und sie der allgemeinen anschließen. Die Steuern wurden nur von 5 zu 5 Jahren bewilligt und auf diesem Rechte beruhen die jetzt bestehenden Grundsteuern. Die Oberlausitz würde bei der gleichmäßigen Vertheilung dieser Steuer, ohne Entschädigung, 71,389 Thlr. mehr geben wie bisher. Das wäre, sagt die Denkschrift, ein Eingriff in die Verfassung sowohl als in das Eigenthum!!! Die Oberlausitzer appelliren deshalb an die Pflicht der Krone und den Beruf der Kammern das Recht (!!) zu schützen und zu vertreten, und an das Rechtsgefühl der Nation. (!!) Wir erfahren noch das interessante Faktum, daß der jetzige König zuerst 1842 das Steuerbewilligungsrecht derselben nicht anerkennen wollte. Das Ganze sieht aus, wie eine geschickte Carricatur der Rechtsbodenpolitik, welcher sich Hr. v. Vinke und Comp. mit so großer Begeisterung hingegeben.</p>
          <p>Seit dem 1. April sind in den Provinzen Polizeigerichte eingerichtet worden. Man hat die Bürgermeister der kleinen Städte unbegreiflich und ungeschickt genug zu Polizeianwälten bestimmt, eine Stellung, welche mit ihrer anderweitigen des Oberhauptes der Stadt ganz unvereinbar ist. Der Bürgermeister kann sich unmöglich dazu hergeben, die kleinen Vergehen zu denunciren, welche dem Urtheilsspruch des Polizeirichters zu unterliegen pflegen. Mehrere derselben haben auch ernstlich gegen eine solche Zumuthung protestirt.</p>
          <p>Während den Verhandlungen über das Plakatgesetz vertheilte Herr v. Bodelschwingh unter die Mitglieder der Rechten eine Masse Plakate aus dem vergangenen Sommer zur Ansicht und zur Stärkung ihrer Feindschaft gegen diese Erzeugnisse unserer Litteratur.</p>
          <p>Durch die Abgg. Stein, Görz-Wrisberg, Temme wird in den nächsten Tagen ein dringender Antrag eingereicht werden auf Aufhebung der besondern militärischen Gerichtsbarkeit. Man hatte in der Parteiversammlung zuerst den Antrag gestellt, die Kammer möge eine Kommission ernennen, um zu untersuchen, welche Erfolge denn die gerichtlichen Requisitionen über die verschiedentlichen Soldaten-Excesse herbeigeführt haben. Es würde sich natürlich ergeben haben, daß der größte Theil dieser Untersuchungen, theils niedergeschlagen wurde, theils zu keinem Resultat führen konnte, weil ja alle diese Excesse zur größern Ehre des constitutionellen Königthums geschehen waren. Die Majorität der Fraktion erklärte sich aber gegen diesen und für den obigen Antrag.</p>
          <p>Wie gefährlich es ist, wenn sich der General Wrangel nach Jemand erkundigt, zeigt folgender Beitrag zur Charakteristik unserer Polizei. Der Assessor Lipke, betheiligt bei der demokratischen Bewegung, war vor Kurzem aus Paris hierher zurückgekehrt, ohne irgend eine polizeiliche Anfechtung zu erleiden. Da erinnert man sich bei dem Oberkonstabler daran, daß der General Wrangel Befehl gegeben habe, wenn der Assessor Lipke zurückkäme es ihm sogleich zu melden. Hinkeldey denkt natürlich, daß Wrangel den Unglücklichen für eine besondere Bestrafung sich vorbehalten habe und erfreuet Hrn. Lipke durch eine Verhaftung auf offner Straße, welche zwar ohne Folgen blieb, da er sogleich auf der Versicherung sich wieder zu stellen freigelassen wurde, ihm jedoch Gelegenheit zu energischen Protestaktionen gab.</p>
          <p>Es charakterisirt unsere Börsenmänner, daß nachdem der Bucher'sche Bericht über die Aufhebung des Belagerungszustandes bekannt geworden war, sämmtliche Kurse etwas zurückgingen.</p>
          <p>Das ganze Interesse von Berlin wird jetzt fast ganz allein von dem ungarischen Krieg in Anspruch genommen. Man glaubt nicht in wie banger Erwartung man hier täglich auf neue Nachrichten harrt, weil man weiß, daß bei Buda-Pesth für unsere Sache gekämpft, und daß sie mit den Magyaren entweder siegt oder besiegt wird. Was helfen, hörten wir schlichte Handwerker sagen, alle Siege der Linken, wenn die Ungarn geschlagen werden.</p>
          <p>Die erste Kammer scheint auszuruhen auf den Lorbeeren ihrer kleinen Faustkämpfe, welche die geehrten Peers vergebens wegzuleugnen suchen. Sie mögen sich damit trösten, daß auch das Oberhaus in London dergleichen Scenen gesehen hat, und an das Wort Sheridan's denken, daß alle Versammlungen Augenblicke haben, in welchen sie zum süßen Pöbel hinabsinken.</p>
          <p>Die Artikel der &#x201E;Neuen Rheinischen Ztg.&#x201C;&#x201E;die schlesische Milliarde&#x201C;werden durch die demokratische Partei dieser Provinz bekanntlich durch besondere Abdrücke verbreitet. Wir hören nun, daß die schlesischen Bauern, durch diese Aufsätze, zum Schrecken ihrer Gutsherren, sehr aufmerksam gemacht sind. Sie gehen auf die Gründe, welche jene zu einer Rückzahlung verpflichten sehr gelehrig ein und wir dürften in den nächsten Tagen schon, dahin zielende Petitionen zu erwarten haben.</p>
          <p>&#x2012; Als der Herzog von Coburg, jetzt Sieger von Eckernförde, zum Kriegsschauplatz hier durchreiste und bei Sr. Maj. Audienz hatte, ließ die offenkundige Zuneigung unseres Königs zu dem aimablen Herrscher von Dänemark ihn gütig genug aussprechen, der Herzog möge doch recht schonend verahren. Der Herzog erwiderte, er kenne, wenn er in den Krieg gehe, keine Schonung. &#x201E;Wenn es aber mein besonderer Wunsch ist.&#x201C; &#x2012; &#x201E;Auch dann nicht! Auch ich, &#x201C; sagte der Coburger, &#x201E;bin ein gekröntes Haupt!&#x201C;</p>
        </div>
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          <head><bibl><author>15</author></bibl> Breslau, 14. April.</head>
          <p>Die Breslauerin, in welcher der Spree-Literat <hi rendition="#g">Mundt</hi> jetzt leitende Grütze und Miserere's ablagert, und ihr ungesalzener Abklatsch, die Oder-Zeitung, haben unsere gute Stadt gestern Abend in nicht geringen Kriegsalarm versetzt, indem sie statt der erwarteten magyarischen Siegesbotschaft eine sogenannte Kriegserklärung zwischen Oesterreich und Preußen improvisirten und heftig austrompeten ließen. Das kommt daher. Die olympische Bornirtheit der deutschen Reichs-Hottentotten zu Frankfurt am Main und ihrer literarischen Reichsherolde konnten durch gar nichts empfindlicher getroffen und gallsüchtiger gemacht werden, als durch den letzten russisch-österreichisch-preußischen Fußtritt. &#x2012; In ihrer geträumten Vaterlands-Unfehlbarkeit und Unüberwindlichkeit zu stumpfsinnig, das absolutistische Kommißpulver zur rechten Zeit zu riechen, mußten sie es von der heiligen Allianz erst recht kosackisch-derb unter die Nase gerieben bekommen, bevor ihre Nervenstränge befähigt wurden, den Teufelsgeruch der assa foetida gewahr zu werden. &#x2012; Endlich merkten sie zwar den Tritt, aber waren weit entfernt, die Drähte zu erkennen, an welchen das Kaiser- und Königs-Spiel nun mit diplomatisch-entrüsteten Noten fortgeleitet wird. Der Bierverstand hält es nämlich für unmöglich, daß über den kriegerischsten zur Unterhaltung des Michelthums bestimmten Noten das intimste Einverständniß sämmtlicher europäischen Tamerlane schwebt, und dennoch ist nichts gewisser. Wie ich höre, soll unter dem Vorwande eines österreichisch-preußischen Kriegs, namentlich in Schlesien noch mehr, als es bereits geschehen und geschieht, gerüstet werden. Damit verhält es sich aber also. Das Standrechts-Reich der Frau Sophie und Genossen wird von den Magyaren jetzt allen Ernstes in seiner letzten Existenz bedroht. Der Untergang dieses Reichs, das wissen alle europäischen Tamerlane, würde zuletzt auch <hi rendition="#g">ihr</hi> Todesstoß werden, und die neufabrizirte deutsche Reichs-Majestät, obwohl sie gern im Trüben kaiserlich fischen möchte, darf dabei am wenigsten zuschauen. Jene herausfordernde Standrechts-Note gibt den besten Vorwand zu rüsten, und &#x201E;Mein herrliches Kriegsheer&#x201C; an den Gränzen Schlesiens in die Nähe der Kossuth-Husaren zu bringen.</p>
          <p>Wie überall, so hält auch hier der russische Knuten-Genius seine Apostel. Dieselben spioniren wie Luchse in Bierkellern, Konditoreien u. s. w. nach Demokraten herum, und senden ihre Proskriptionslisten an Abramovitsch nach Warschau zu demnächstigem Gebrauche.</p>
          <p>Die N. Rh. Ztg. (Nr. 270) ist gestern wieder ausgeblieben. Man versichert, daß die Schuld an der Quarantäne-Anstalt zu Berlin liege. Der Kölner &#x201E;<hi rendition="#g">Rechtsboden</hi>&#x201C; darf mit seiner leitenden Wagenschmiere dagegen frei durchpassiren und kommt regelmäßig hier angefahren.</p>
          <p>Die Polizei schmuggelt den Schütte auch in Berlin unter die Demokratie und läßt ihn das wesentlich gefühlte Bedürfniß eines demokratischen Blattes erfüllen, indem sie ihn an dessen Spitze zu bringen sucht.</p>
          <p>Schütte lebt vom Oberconstabler Hinckeldey und Wrangel und Manteuffel unangefochten in Berlin, während ganz unbekannte Demokraten sofort ausgewiesen oder an der Hinreise nach Berlin verhindert werden. Herzliches Einverständniß des &#x201E;Revolutionärs&#x201C; Schütte und der Manteuffelschen Polizei, das jedenfalls eben so rührend als belehrend ist.</p>
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          <head><bibl><author>*</author></bibl> Wien, 13. April.</head>
          <p>Seitdem die sichere Nachricht hier eingetroffen, daß die Magyaren die Stadt <hi rendition="#g">Waitzen</hi> eingenommen und den Jelachich auf's rechte Donau-Ufer gedrängt haben, ist die Aufregung unter den Wienern noch bedeutend gestiegen und um so mehr verlangt man nach einigen Details über die nun schon über 6 Tage andaurenden Kämpfe. Aber kein Bülletin erscheint. Die offiziellen Standrechtsbestien sind stumm gleich den Fischen. Von hier gehen täglich Verstärkungen nach Ungarn ab, während wir neue Truppen hereinbekommen. Die hiesige Besatzung ist jetzt im Verhältniß zu früher, sehr schwach. &#x2012; Den hiesigen Buchhändlern war bekanntlich das Verbot zugegangen, die ihnen von Leipzig aus geschickten Bücherballen zu öffnen, ohne die Gegenwart eines Kommissärs. Das Buchhändlergremium wendete sich an das Ministerium. Dieses gab den Bescheid, daß während des Ausnahmezustands die Anordnung des Stadthauptmanns in Kraft bleiben müsse. Heute ist nun die Eröffnung der Bücherballen erfolgt und nur die Zeitschrift &#x201E;der Leuchtthurm&#x201C; wurde konfiszirt.</p>
          <p>&#x2012; Dem &#x201E;Const. Bl. a. B.&#x201C; wird aus Wien geschrieben:</p>
          <p>&#x201E;Gestern sowohl als heute sind Truppen von hier nach Ungarn abgegangen, welche theils auf der Eisenbahn, theils auf Dampfbooten bis Preßburg befördert werden. Heute soll auch
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[1551/0001] Neue Rheinische Zeitung Organ der Demokratie. No 275. Köln, Mittwoch, den 18. April 1849 Vierteljähriger Abonnementspreis in Köln 1 Thlr. 7 1/2 Sgr., bei allen preußischen Postanstalten 1 Thlr. 17 Sgr. ‒ Im Auslande wende man sich: in Belgien an die betreffenden Postanstalten; in London an W. Thomas, 21 Catherine-Street, Strand; in Paris an W. Thomas, 38 Rue Vivienne, und an A. Hovas, 3 Rue Jean Jacques Rcusseau. Insertionen werden mit 18 Pf. die Petitzeile oder deren Raum berechnet. ‒ Auskunft, Annahme und Abgabe chiffrirter Briefe gratis. ‒ Nur frankirte Briefe werden angenommen. ‒ Expedition in Aachen bei Ernst ter Meer; in Düsseldorf bei F. W. Schmitz, Burgplatz; in Köln Unter Hutmacher Nro. 17. Uebersicht. Deutschland. Köln. (Hr. Bodelschwingh.) Meschede. (Reklamationen der Landwehrmänner. ‒ Eine bestrafte Handbewegung.) Berlin. (Klatsch.) Breslau. (Die diplomatische Komödie der europäischen Tamerlane. ‒ Freies Passiren der Kölner Wagenschmiere. ‒Hrn. Schütte's und der Polizei entente cordiale.) Wien. (Vermischtes. ‒ Depesche an Hrn. v. Schmerling.) Königsberg. (Die Russenfurcht.) Aus Schleswig-Holstein. (Vom Kriegsschauplatze.) Kassel. (Landständisches.) Frankfurt. (Kaiser-Vereinbarung.) Schweiz. Genf. (Willich. ‒ Der preußische Gesandte und Herr von Roeder.) Italien. (Die Lage Genua's ‒ Tagebuch über den Kampf.) Rom. (Ministerium. ‒ Demonstration für Mazzini.) Florenz. (Truppenbewegung.) Ungarn. (Vom Kriegsschauplatze. ‒ Bauernkrieg in der Bukowina.) Franz. Republik. Paris. (Die Wahlmanöver. ‒ Vermischtes.) Deutschland. * Köln, 17. April. Die Augsburger allg. Ztg. enthält folgenden Artikel „vom Rhein“: „Ein altes spanisches Sprüchwort sagt: „El rio pasado, el santo olvidade ‒ hat man über den Fluß gesetzt, so ist der vorher angerufene Heilige vergessen.“ ‒ Dasselbe fiel mir heute Morgen unwillkürlich ein als die Zeitung die Nachricht brachte daß Herr von Bodelschwingh die ganze Märzrevolution auf einen Straßenkampf reduciren will. Denn unmittelbar nach jenem Straßenkampf trifft der flüchtige Exminister in Wunschdorf, wo die Bremer Eisenbahn in die Köln-Berliner einmündet, mit dem ehemaligen Bürgermeister Bremens, Joh. Smidt, zufällig in ein und demselben Wagen zusammen, der sie nach Köln führen soll. Ob Smidt die nunmehr gefallene Größe nicht kennen wollte oder wirklich nicht kannte, wage ich nicht zu entscheiden; aber er antwortete auf Bodelschwinghs schüchterne Frage: „Kennen Sie mich nicht mehr?“ ein sehr natürlich durchgeführtes „Nein!“ Als darauf ersterer sich nennt und hinzufügt:„Nun, ich weiß auch wohl woher Sie kommen, Sie sind wie ich auf der Flucht vor der Revolution!“ entgegnet Smidt, der sich bereits mit der neuen Zeit gesetzt hatte, abermals mit behäbigem Händereiben ein ganz vergnügtes „Nein!“ er sei auf der Reise nach Frankfurt. Worauf dann der Ex-Minister die bittersten Vorwürfe auf die schon hinreichend belasteten Schultern seines Reisegefährten lädt, der auch durch seine Weserzeitung zu der Revolution beigetragen. Bodelschwingh sprach während der ganzen Zeit nur von der Revolution. Jetzt wird der ihn damals rettende Heilige so sehr betrogen, daß man ihm nur die Rettung aus einem Straßenkampf schuldet!“ Hr. Bodelschwingh hat übrigens Recht, wenn er jetzt dem Berliner Märzkampf den Charakter einer Revolution abstreitet. Wäre im vorigjährigen März eine Revolution gemacht worden, so säße Hr. Bodelschwingh nicht in der Kammer und spänne lange Reden, sondern im Zuchthause und spänne Wolle, so lange bis er den unter seine Finanzverwaltung fallenden Antheil an den 135 Millionen herbeigeschafft, welche von der alten Regierung ungesetzlicher Weise verschleudert, verschwendet, in die Taschen des adligen Raubgesindels geflossen und sonst wie aus den Staatskassen verschwunden sind. 319 Meschede. (Verspätet.) Das hiesige Landwehrbataillon ist einberufen und bereits nach Schleswig-Holstein gegen den Reichsfeind abmarschirt. Von allen Reklamationen ist auch keine einzige berücksichtigt worden. Bekanntlich liegt es den Landräthen ob, die als Grund solcher Reklamationen aufgeführten Thatsachen und Familienverhältnisse zu untersuchen und demnach die Gesuche zu begutachten. Der hiesige Landrath Böse hat sich nun zu diesem Zwecke pflichtgemäß alle erdenkliche Mühe gegeben; er ist in dem Kreise umhergegangen und hat sich persönlich von den Verhältnissen überzeugt. Nach seiner eignen Erklärung hat er als Resultat dieser Untersuchung gegen 40 Reklamationen in Schutz genommen, da er die Ueberzeugung gewonnen, daß die Reklamanten in ihren Verhältnissen durchaus nicht zu entbehren waren. Allein die hohe Militärkommission hat alles besser durchschaut: die Reklamanten mußten mit, wenn auch Weib und Kind, Vater und Mutter daheim Noth leiden und die Geschäfte stille stehen oder verfallen. Ist es da ein Wunder, wenn man den Landrath selbst sich darüber beschweren hört, daß man ihm die Pflicht auferlegt, mühsame und zeitraubende Erkundigungen einzuziehen, während doch von vornherein feststeht, daß alle diese Bemühungen ohne allen Zweck sind? ‒ Ein reicher hiesiger Bürger, ist als untauglich zurückgeblieben. Man erzählt sich, daß er trotz des Widerspruchs des Kompagniearztes, der ausdrücklich die Krankheit besagten Bürgers als eine simulirte bezeichnet hatte, von dem Bataillonsarzte für invalide erklärt worden. Für den reichen Herrn hat natürlich ein armer Teufel den Kopf in's Loch stecken müssen. ‒ Schließlich gedenke ich eines charakteristischen Vorfalls. Ein Landwehrmann, Bürger von geachteter Familie, geht spazierend und eine Cigarre rauchend, also außerdienstlich, an einem Landwehroffizier vorbei, und begeht das furchtbare Verbrechen diesen nicht zu sehen, oder doch wenigstens nicht sofort seine Cigarre zu entfernen und Front zu machen. Da fährt denn der Offizier mit einer Stentorstimme auf den armen Schächer los mit den Worten: „Weiß er Lump's Verfluchter denn nicht, daß er den Sauzahn aus dem Rachen zu ziehen hat, wenn sein Vorgesetzter an ihm vorbeikommt?“ Unwillkührlich ballte sich nach einer solchen Anrede die Hand des Landwehrmannes, der an die Sitten im herrlichen Kriegsheer nicht mehr gewohnt, einen Augenblick sich wieder als Mensch und Bürger fühlen mochte; aber er ließ auch sofort die Hand wieder sinken. Das Verbrechen dieser Handbewegung mußte gesühnt werden. Der Hr. Landwehroffizier, dessen Namen uns leider entfallen ist, machte seiner Entrüstung durch Denunziation Luft. Schon am folgenden Tage wird der Verbrecher von dem Kriegsgericht zu 15 Jahren Festung verurtheilt und anstatt gegen den Reichsfeind, nach Wesel hinter die Eisen geschickt. * Berlin, 15. April. Die Wahlen der Abtheilungen für die Kommission, welche den Rodbertus'schen Antrag, die Anerkennung der deutschen Verfassung betreffend, begutachten soll, und sich morgen zum ersten Mal zu einer Sitzung versammeln wird, sind der Majorität nach im Sinne der Rechten ausgefallen. Die oppositionellen Abtheilungen wählen entweder Mitglieder des linken Centrums oder auch der äußersten Rechten. Die demokratische Linke nämlich ist nicht gewillt, den Antrag des Herrn Rodbertus zu unterstützen, sie ist der Ansicht, daß eine Anerkennung der deutschen Verfassung unter diesen Umständen nutzlos sein würde und nicht über die Gränzen der Theorie hinaus etwas wirken könnte. Diese Partei wird deshalb wahrscheinlich wieder eine motivirte Tagesordnung vorschlagen, welche dahin lautet, daß unter dem Ministerium Manteuffel dergleichen Anträge durchaus nutzlos seien. Vor mehreren Tagen ist unter die Mitglieder der zweiten Kammer eine Denkschrift über das besondere Rechtsverhältniß der preußischen Oberlausitz vertheilt worden. Die Verfasser dieses interessanten Machwerks, Mitglieder des ständischen Ausschusses der Oberlausitz, stützen sich auf ihre alte Verfassung. Hauptsächlich erwähnen sie den Vertrag der Stände mit dem König Johann von Böhmen im Jahre 1319, in welchem besonders das Steuerbewilligungsrecht im ausgedehntesten Maße anerkannt ist. Alle seine Nachfolger stellten vor der Huldigung Reversalien über die Anerkennung der verfassungsmäßigen Rechte der Oberlausitz aus. So Johann Georg I. von Sachsen und zuletzt noch Friedrich August v. Sachsen 1810. Als sie endlich an Preußen fielen, erklärte Friedrich Wilhelm III., er wolle die ständische Verfassung erhalten und sie der allgemeinen anschließen. Die Steuern wurden nur von 5 zu 5 Jahren bewilligt und auf diesem Rechte beruhen die jetzt bestehenden Grundsteuern. Die Oberlausitz würde bei der gleichmäßigen Vertheilung dieser Steuer, ohne Entschädigung, 71,389 Thlr. mehr geben wie bisher. Das wäre, sagt die Denkschrift, ein Eingriff in die Verfassung sowohl als in das Eigenthum!!! Die Oberlausitzer appelliren deshalb an die Pflicht der Krone und den Beruf der Kammern das Recht (!!) zu schützen und zu vertreten, und an das Rechtsgefühl der Nation. (!!) Wir erfahren noch das interessante Faktum, daß der jetzige König zuerst 1842 das Steuerbewilligungsrecht derselben nicht anerkennen wollte. Das Ganze sieht aus, wie eine geschickte Carricatur der Rechtsbodenpolitik, welcher sich Hr. v. Vinke und Comp. mit so großer Begeisterung hingegeben. Seit dem 1. April sind in den Provinzen Polizeigerichte eingerichtet worden. Man hat die Bürgermeister der kleinen Städte unbegreiflich und ungeschickt genug zu Polizeianwälten bestimmt, eine Stellung, welche mit ihrer anderweitigen des Oberhauptes der Stadt ganz unvereinbar ist. Der Bürgermeister kann sich unmöglich dazu hergeben, die kleinen Vergehen zu denunciren, welche dem Urtheilsspruch des Polizeirichters zu unterliegen pflegen. Mehrere derselben haben auch ernstlich gegen eine solche Zumuthung protestirt. Während den Verhandlungen über das Plakatgesetz vertheilte Herr v. Bodelschwingh unter die Mitglieder der Rechten eine Masse Plakate aus dem vergangenen Sommer zur Ansicht und zur Stärkung ihrer Feindschaft gegen diese Erzeugnisse unserer Litteratur. Durch die Abgg. Stein, Görz-Wrisberg, Temme wird in den nächsten Tagen ein dringender Antrag eingereicht werden auf Aufhebung der besondern militärischen Gerichtsbarkeit. Man hatte in der Parteiversammlung zuerst den Antrag gestellt, die Kammer möge eine Kommission ernennen, um zu untersuchen, welche Erfolge denn die gerichtlichen Requisitionen über die verschiedentlichen Soldaten-Excesse herbeigeführt haben. Es würde sich natürlich ergeben haben, daß der größte Theil dieser Untersuchungen, theils niedergeschlagen wurde, theils zu keinem Resultat führen konnte, weil ja alle diese Excesse zur größern Ehre des constitutionellen Königthums geschehen waren. Die Majorität der Fraktion erklärte sich aber gegen diesen und für den obigen Antrag. Wie gefährlich es ist, wenn sich der General Wrangel nach Jemand erkundigt, zeigt folgender Beitrag zur Charakteristik unserer Polizei. Der Assessor Lipke, betheiligt bei der demokratischen Bewegung, war vor Kurzem aus Paris hierher zurückgekehrt, ohne irgend eine polizeiliche Anfechtung zu erleiden. Da erinnert man sich bei dem Oberkonstabler daran, daß der General Wrangel Befehl gegeben habe, wenn der Assessor Lipke zurückkäme es ihm sogleich zu melden. Hinkeldey denkt natürlich, daß Wrangel den Unglücklichen für eine besondere Bestrafung sich vorbehalten habe und erfreuet Hrn. Lipke durch eine Verhaftung auf offner Straße, welche zwar ohne Folgen blieb, da er sogleich auf der Versicherung sich wieder zu stellen freigelassen wurde, ihm jedoch Gelegenheit zu energischen Protestaktionen gab. Es charakterisirt unsere Börsenmänner, daß nachdem der Bucher'sche Bericht über die Aufhebung des Belagerungszustandes bekannt geworden war, sämmtliche Kurse etwas zurückgingen. Das ganze Interesse von Berlin wird jetzt fast ganz allein von dem ungarischen Krieg in Anspruch genommen. Man glaubt nicht in wie banger Erwartung man hier täglich auf neue Nachrichten harrt, weil man weiß, daß bei Buda-Pesth für unsere Sache gekämpft, und daß sie mit den Magyaren entweder siegt oder besiegt wird. Was helfen, hörten wir schlichte Handwerker sagen, alle Siege der Linken, wenn die Ungarn geschlagen werden. Die erste Kammer scheint auszuruhen auf den Lorbeeren ihrer kleinen Faustkämpfe, welche die geehrten Peers vergebens wegzuleugnen suchen. Sie mögen sich damit trösten, daß auch das Oberhaus in London dergleichen Scenen gesehen hat, und an das Wort Sheridan's denken, daß alle Versammlungen Augenblicke haben, in welchen sie zum süßen Pöbel hinabsinken. Die Artikel der „Neuen Rheinischen Ztg.“„die schlesische Milliarde“werden durch die demokratische Partei dieser Provinz bekanntlich durch besondere Abdrücke verbreitet. Wir hören nun, daß die schlesischen Bauern, durch diese Aufsätze, zum Schrecken ihrer Gutsherren, sehr aufmerksam gemacht sind. Sie gehen auf die Gründe, welche jene zu einer Rückzahlung verpflichten sehr gelehrig ein und wir dürften in den nächsten Tagen schon, dahin zielende Petitionen zu erwarten haben. ‒ Als der Herzog von Coburg, jetzt Sieger von Eckernförde, zum Kriegsschauplatz hier durchreiste und bei Sr. Maj. Audienz hatte, ließ die offenkundige Zuneigung unseres Königs zu dem aimablen Herrscher von Dänemark ihn gütig genug aussprechen, der Herzog möge doch recht schonend verahren. Der Herzog erwiderte, er kenne, wenn er in den Krieg gehe, keine Schonung. „Wenn es aber mein besonderer Wunsch ist.“ ‒ „Auch dann nicht! Auch ich, “ sagte der Coburger, „bin ein gekröntes Haupt!“ 15 Breslau, 14. April. Die Breslauerin, in welcher der Spree-Literat Mundt jetzt leitende Grütze und Miserere's ablagert, und ihr ungesalzener Abklatsch, die Oder-Zeitung, haben unsere gute Stadt gestern Abend in nicht geringen Kriegsalarm versetzt, indem sie statt der erwarteten magyarischen Siegesbotschaft eine sogenannte Kriegserklärung zwischen Oesterreich und Preußen improvisirten und heftig austrompeten ließen. Das kommt daher. Die olympische Bornirtheit der deutschen Reichs-Hottentotten zu Frankfurt am Main und ihrer literarischen Reichsherolde konnten durch gar nichts empfindlicher getroffen und gallsüchtiger gemacht werden, als durch den letzten russisch-österreichisch-preußischen Fußtritt. ‒ In ihrer geträumten Vaterlands-Unfehlbarkeit und Unüberwindlichkeit zu stumpfsinnig, das absolutistische Kommißpulver zur rechten Zeit zu riechen, mußten sie es von der heiligen Allianz erst recht kosackisch-derb unter die Nase gerieben bekommen, bevor ihre Nervenstränge befähigt wurden, den Teufelsgeruch der assa foetida gewahr zu werden. ‒ Endlich merkten sie zwar den Tritt, aber waren weit entfernt, die Drähte zu erkennen, an welchen das Kaiser- und Königs-Spiel nun mit diplomatisch-entrüsteten Noten fortgeleitet wird. Der Bierverstand hält es nämlich für unmöglich, daß über den kriegerischsten zur Unterhaltung des Michelthums bestimmten Noten das intimste Einverständniß sämmtlicher europäischen Tamerlane schwebt, und dennoch ist nichts gewisser. Wie ich höre, soll unter dem Vorwande eines österreichisch-preußischen Kriegs, namentlich in Schlesien noch mehr, als es bereits geschehen und geschieht, gerüstet werden. Damit verhält es sich aber also. Das Standrechts-Reich der Frau Sophie und Genossen wird von den Magyaren jetzt allen Ernstes in seiner letzten Existenz bedroht. Der Untergang dieses Reichs, das wissen alle europäischen Tamerlane, würde zuletzt auch ihr Todesstoß werden, und die neufabrizirte deutsche Reichs-Majestät, obwohl sie gern im Trüben kaiserlich fischen möchte, darf dabei am wenigsten zuschauen. Jene herausfordernde Standrechts-Note gibt den besten Vorwand zu rüsten, und „Mein herrliches Kriegsheer“ an den Gränzen Schlesiens in die Nähe der Kossuth-Husaren zu bringen. Wie überall, so hält auch hier der russische Knuten-Genius seine Apostel. Dieselben spioniren wie Luchse in Bierkellern, Konditoreien u. s. w. nach Demokraten herum, und senden ihre Proskriptionslisten an Abramovitsch nach Warschau zu demnächstigem Gebrauche. Die N. Rh. Ztg. (Nr. 270) ist gestern wieder ausgeblieben. Man versichert, daß die Schuld an der Quarantäne-Anstalt zu Berlin liege. Der Kölner „Rechtsboden“ darf mit seiner leitenden Wagenschmiere dagegen frei durchpassiren und kommt regelmäßig hier angefahren. Die Polizei schmuggelt den Schütte auch in Berlin unter die Demokratie und läßt ihn das wesentlich gefühlte Bedürfniß eines demokratischen Blattes erfüllen, indem sie ihn an dessen Spitze zu bringen sucht. Schütte lebt vom Oberconstabler Hinckeldey und Wrangel und Manteuffel unangefochten in Berlin, während ganz unbekannte Demokraten sofort ausgewiesen oder an der Hinreise nach Berlin verhindert werden. Herzliches Einverständniß des „Revolutionärs“ Schütte und der Manteuffelschen Polizei, das jedenfalls eben so rührend als belehrend ist. * Wien, 13. April. Seitdem die sichere Nachricht hier eingetroffen, daß die Magyaren die Stadt Waitzen eingenommen und den Jelachich auf's rechte Donau-Ufer gedrängt haben, ist die Aufregung unter den Wienern noch bedeutend gestiegen und um so mehr verlangt man nach einigen Details über die nun schon über 6 Tage andaurenden Kämpfe. Aber kein Bülletin erscheint. Die offiziellen Standrechtsbestien sind stumm gleich den Fischen. Von hier gehen täglich Verstärkungen nach Ungarn ab, während wir neue Truppen hereinbekommen. Die hiesige Besatzung ist jetzt im Verhältniß zu früher, sehr schwach. ‒ Den hiesigen Buchhändlern war bekanntlich das Verbot zugegangen, die ihnen von Leipzig aus geschickten Bücherballen zu öffnen, ohne die Gegenwart eines Kommissärs. Das Buchhändlergremium wendete sich an das Ministerium. Dieses gab den Bescheid, daß während des Ausnahmezustands die Anordnung des Stadthauptmanns in Kraft bleiben müsse. Heute ist nun die Eröffnung der Bücherballen erfolgt und nur die Zeitschrift „der Leuchtthurm“ wurde konfiszirt. ‒ Dem „Const. Bl. a. B.“ wird aus Wien geschrieben: „Gestern sowohl als heute sind Truppen von hier nach Ungarn abgegangen, welche theils auf der Eisenbahn, theils auf Dampfbooten bis Preßburg befördert werden. Heute soll auch

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Die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Ausgabe: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Bd. 2 (Nummer 184 bis Nummer 301) Köln, 1. Januar 1849 bis 19. Mai 1849. Glashütten im Taunus, Verlag Detlev Auvermann KG 1973.




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Zitationshilfe: Neue Rheinische Zeitung. Nr. 275. Köln, 18. April 1849, S. 1551. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_nrhz275_1849/1>, abgerufen am 18.05.2022.