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Die Bayerische Presse. Nr. 272. Würzburg, 13. November 1850.

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[Spaltenumbruch] kunst unverdrossen nachgetreten, um die gegenwär-
tige Krisis zu vermeiden. Noch vor einem Mo-
nate hätte die leiseste Bereitwilligkeit Preußens
vielleicht uns entwaffnet. Preußen hat mit un-
glaublicher Verblendung auf einer Bahn verharrt,
von der es erkennen mußte, daß sie zum Kriege
führt. Preußen ließ alle Fragen bis auf jenen
Punkt gelangen, wo sie gelöst oder zerhauen wer-
den müssen. Preußen hat Oesterreich und den
deutschen Bund bis dahin gebracht, sich zu bewaff-
nen. Mit 600,000 Mann auf den Beinen, kann
man nicht warten und die Kräfte des Landes auf-
zehren, um zuzusehen, wie eine berechnende Diplo-
matie die Sache auf die lange Bank zieht. Die
Truppen stehen sich mit gespanntem Hahne gegen-
über; die Sache ist dringend, sie duldet keinen
Aufschub. Jede Stunde kann den Zusammenstoß
herbeiführen; das Schicksal Deutschlands darf
nicht der Entscheidung des Zufalls anheimgestellt
werden. Wir fragen: Will Preußen die Union
aufgeben, will es sich auf den Standpunkt der
Bundesakte stellen? Ja oder Nein? Nicht wir,
die Verhältnisse stellen die Frage so kategorisch
hin. Und man zögere nicht mit der Antwort. Die
Heersäulen bewegen sich und können auf einander
treffen, ehe dies Ja oder Nein ausgesprochen ist.

   

Wien, 8. Nov. Wir haben seit acht Tagen
an die Möglichkeit des Krieges geglaubt, heute
glauben wir fast nicht mehr an die Möglichkeit
des Friedens. Diese ernsten Worte sprechen wir
nicht ohne Betrübniß aus. Es mag auch Denen
geziemen, welche, wie wir, das Bewußtsein ha-
ben, daß Oesterreichs Sache eine gerechte und
billige ist, die eine freudige Zuversicht in die ge-
prüfte Kraft seines Heeres und in das bewährte
Genie seiner Feldherren setzen, darüber Schmerz
zu fühlen, daß ein Kampf zwischen Stammesge-
nossen entbrennen muß. Wir leihen demselben
wahrscheinlich heute zum letzten Male Worte. So
wie der erste Schuß fällt, wird kein Oesterreicher
Zeit und Lust haben, den Gefühlen des Bedau-
erns Raum zu geben. Er wird dann keinen an-
deren Wunsch hegen, als den, die erklärten Feinde
seines Landes niederzuwerfen und sie unschädlich
zu machen. -- Es bleibt Oesterreich jetzt wenig
mehr übrig, als der Welt die Gerechtigkeit seiner
Sache darzulegen. Seit fast zwei Jahren hat
Preußen sich bestrebt, Oesterreich aus der Stel-
lung, welche es kraft historischer Rechte, kraft allgemei-
ner europäischer Verträge in Deutschland einnahm,
zu verdrängen. Diesem Angriffe auf sein gutes Recht
hat dieses Land bisher nur defensive Maßregeln
entgegengesetzt. Die meisten der deutschen Mächte,
welche Preußen bei seinem Vornehmen unterstütz-
ten, haben sich bereits von demselben abgewandt.
Das Gebäude seiner Größe, welches Preußen auf
einem Boden, der ihm nicht gehörte, aufführte, ist
schnell zusammengebröckelt Die Ueberreste der-
selben sind werthlos, und die Erhaltung derselben
unmöglich geworden. Oesterreich hatte sich mit
Geduld und Mäßigung gewappnet. Er hatte das
Recht, schon vor langer Zeit gewaffnet gegen die
ungerechtfertigten Uebergriffe Preußens aufzutreten.
Es hat nicht Gebrauch von demselben gemacht,
weil es glaubte, daß selbst ohne Anwendung äu-
ßerer Gewalt die widerrechtliche Schöpfung Preu-
ßens einstürzen müßte. Preußen, das nicht länger
vermag, die Union zu erhalten, hatte den Plan
gefaßt, die Union uns zu verhandeln. Oesterreich
sollte ihm Rechte dafür bewilligen, daß es sein Un-
recht aufgab. Wir sollen Preußens Macht auf recht-
mäßige Weise vergrößern, blos, weil es versprechen
wollte, sich künftighin nicht auf unrechtmäßige
Weise zu vergrößern. Man wollte die Union
aufgeben, da sie weder rechtlich, noch factisch
haltbar war -- gegen eine gute Bezahlung. Das
Aufgeben eines unrechtmäßigen und verunglückten
Eroberungsplanes sollte als eine Concession gel-
ten, für welche man von unserer Seite Gegen-
Concessionen erwarten wollte. Wenn es die "Ehre"
Preußens verlangte, durch die Gründung einer
deutschen Union Oesterreich aus Deutschland zu
drängen, so mag seine "Ehre" es vielleicht ver-
langen, mit gewaffneter Hand die Union aufrecht
[Spaltenumbruch] zu halten. Ein Unrecht mag das andere als
Consequenz nach sich ziehen. Die Union an uns
zu verhandeln, kann aber keine "Ehre," welcher
Sorte sie auch sei, gebieten. Die "Ehre Preu-
ßens " hat leider diesem Staat auch geboten, ge-
gen den Willen des Kurfürsten von Hessen und
gegen den Protest von dessen Bundesgenossen in
sein Land einen Einfall zu machen. Die Gründe,
welche von preußischer Seite zur Rechtfertigung
dieses Schrittes angeführt worden sind, würden auch
einen Einfall in Hannover, in das Großherzogthum
Hessen und in andere deutsche Staaten rechtfertigen kön-
nen. Es würden somit die deutschen Staaten, welche
sich Preußen nicht anschließen wollen, noch ab-
hängiger von dem Willen jenes Staates sein, als
selbst die Staaten, welchen sich ihm angeschlossen
haben Wenn Preußens "Ehre" es verlangt, ge-
gen den Willen der Landesherren seine Heere in
solche deutsche Staaten einmarschiren zu lassen,
welche mit Oesterreich verbündet sind, was würde
in solchem Falle aus Oesterreichs Ehre werden?
Wenn ein Staat seine Ehre darein setzt, ehren-
haft und ehrlich zu handeln, so kann, darf und
wird Oesterreich dieselbe unangetaftet lassen. Wenn
es aber das seine Ehre nennt, zu erobern, Ver-
trage zu brechen und seine Willkühr zum Gesetze
für andere zu erheben, so muß diese "Ehre" zu-
vor unserem Schwerte Rechenschaft geben, bevor
ihr eine Gasse geöffnet werden kann. Ohne den
Wunsch größer zu werden, als es ist, mehr Macht
zu erringen, als es bereits besitzt, steht Oesterreich
jetzt gewaffnet da, zur Abwehr gegen diejenigen,
welche ihm das Seine rauben wollen. Wenn
Preußen Willens ist, zu erklären, was Oesterreich
erklärt, daß es bestehende Verträge achten, und
keine Vergrößerung auf unerlaubtem Wege an-
streben will, so wird der Frieden in Deutschland
dauernd hergestellt werden. Wo nicht, nicht.
Oesterreich fordert nicht mehr, als es geben will.
Es fordert nicht mehr, als das Recht fordert.
Was das Recht aber fordert, das auch zu fordern,
ist Oesterreich zur Stunde bereit. Seine Heere
haben ihre Schwerter aus der Scheide gezogen,
aber sie noch nicht zum Schlage gehoben. Sie
müssen aber auf diejenigen niederfallen, welche
Willkühr und Gewalt ihr Recht und ihre Ehre
nennen.

   

Wien, 8. Nov. Der vielgenannte türkische
Heerführer Omer Pascha war früher Kadet=Feld-
webel bei Erzherzog Stephan Jnfanterie und an
der Tour zum Fähndrich. Sein Name als Christ
war Latas. Damals verwundete ( wir glauben zu
Klagenfurt ) einer der Kadeten des Regiments, ein
Jtaliener, mehrere seiner Kameraden, und Latas
selbst bekam zwei Messerstiche in die Hand; denn
Latas vertheitigte jenen deutschen Kadeten, den
der Jtaliener wegen eines Liebeshandels ermorden
wollte und am Ende auch erstach. Latas wurde
deshalb von der Liste der zu Avancirenden gestri-
chen. Dazu verlor sein Vater, ein Grenzoffizier,
seinen Posten. Diese zwei Umstände verleideten
dem jungen Latas seine Stellung so sehr, daß er
nach Bosnien desertirte und Türke wurde.

Berlin, 8 Nov. Die heutige Sitzung des
Königlichen Obertribunals brachte die endgültige
Entscheidung in der Untersuchungssache wider den
ehemaligen Bürgermeister Zimmermann aus Span-
dau, welcher Mitglied der Nationalversammlung
zu Frankfurt a. M. gewesen und demnächst in
dem Rumpfparlamente zu Stuttgart mitgetagt
hatte. Auf Grund dieser Vorgänge ward er un-
ter die Anklage des versuchten Hochverraths ec.
gestellt. Die Geschwornen sprachen den Angeklag-
ten schuldig und der Gerichtshof verurtheilte ihn
zu zwölfjähriger Freiheitsstrafe. Der Angeklagte
legte hiergegen die Nichtigkeitsbeschwerde ein. Der
Spruch des Obertribunals fiel dahin aus, die
Nichtigkeitsbeschwerde zu verwerfen.

   

Berlin, 9. Nov. Unter den deutschen politi-
schen Flüchtlingen an der französischen Grenze
zeigt sich seit kurzem eine auffallende Bewegung.
Viele Flüchtlinge, die in das Jnnere von Frank-
reich gebracht waren, sind in das Elsaß zurückge-
kehrt; andere halten sich in Straßburg und der
Umgegend heimlich auf und suchen auf jede Weise
[Spaltenumbruch] die Wachsamkeit der französischen Behörden zu
täuschen. Gleiche Wahrnehmungen wurden im
Kanton Basel gemacht. Es ist nicht unwahr-
scheinlich, daß die Flüchtlinge die jetzigen Ver-
hältnisse in Kurhessen zu einer neuen Schilderhe-
bung zu benutzen versuchen möchten.

   

Berlin, 9. Nov. Das C.=B. schreibt: "Der
russische Gesandte, Baron von Budberg, hat an
Hrn. v. Manteuffel als den jetzigen interimisti-
schen Minister des Auswärtigen die Anfrage ge-
richtet: welche Bedeutung die Mobilmachung der
gesammten Armee unterzulegen sei? -- Hr. v.
Manteuffel hat hierauf eine sehr entschiedene Ant-
wort gegeben und insbesondere hervorgehoben, daß
Preußen, angelangt an diesem entscheidenden Punkte,
sich nicht durch auswärtige Einflüsse behindern
lassen könne und seine Wehrkraft gegen die pro-
vocirenden Anmaßungen ins Feld führen werde;
er wünsche, daß das russische Cabinet hiervon
Kenntniß erhalte."

Berlin, 10. Nov. Unsere auswärtigen Be-
ziehungen stellen sich, namentlich was die Allianz
mit England betrifft, immer günstiger. Frank-
reich, oder doch die französische Regierung, scheint
sich immer mehr der österreich. russischen Politik
zuzuneigen. So meldet eine Privatdepesche, daß
die französische Regierung damit umgehe, offiziell
sich für das Recht Oesterreichs und des Bundes-
tags in der kurhessischen Frage zu erklären. --
Herr v. Radowitz hat erklärt, daß er in Rück-
sicht auf die Zeitverhältnisse sein mehrerwähntes
Memoire nicht veröffentlichen werde.

Berlin, 10. Nov. Das C. B. sucht die Flucht
Kinkel's durch folgende Phrase in politisches Dun-
kel zu hüllen: "Nach Allem, was man über die
näheren Umstände seiner Entweichung erfährt, ge-
winnt es den Anschein, als sei dieselbe von einer
Seite her begünstigt worden, auf welcher das Mit-
gefühl mit den Kerkerleiden des unglücklichen Dich-
ters nicht schwächer empfunden wurde, als das
Gebot der strengen Pflichterfüllung gegen den mit
den Waffen in der Hand ergriffenen Revolutionär.
Es gibt wohl Wenige, die nicht eben so gern dem
Entflohenen das Gelingen seiner Flucht, als den
Behörden die Befreiung von der traurigen Last
der Bewachung gönnen." -- Ueber die Art und
Weise, in welcher die Flucht ermöglicht worden,
hört man noch immer nichts Directes. Man er-
zählt, daß es von außenher gelungen sei, eine
vollständige Offiziers = Uniform mit Helm und
Schärpe in Kinkel's Zelle zu schaffen. Mit die-
ser bekleidet, soll der Gefangene unter dem An-
schein eines Offiziers der Ronde unangefochten
das Zuchthaus verlassen und das Fuhrwerk, das
für ihn bereit stand, erreicht haben. Zur Zelle
existirten zwei Schlüssel, von denen der eine in
einem Schrank aufbewahrt wurde. Dieser soll
erbrochen und mancherlei Anstalt getroffen worden
sein, um auf falsche Spur der Art der Flucht zu
leiten. Nach der "Voss. Z." soll ein Wärter be-
reits arretirt sein. -- Bekanntlich wurden schon
früher bedeutende Geldsummen von der Demokra-
tie zusammengebracht, um bei Gelegenheit des
Transports Kinkel's nach und von Köln dessen
gewaltsame Befreiung zu versuchen, was die Ein-
schlagung eines andern Weges durch die Eskorte
zur Folge hatte. Man will wissen, daß für die
jetzige Flucht eine sehr bedeutende Geldsumme,
man sagt ca. 30,000 Thlr., beschafft worden sei.
So viel steht fest, daß die Ermöglichung der Flucht
ein neuer Beweis für das Zusammenhalten der
Revolutionspartei und für das Fortbestehen der
geheimen und ausgedehnten Verbindungen dersel-
ben ist.

England.

London, 7. November. Das heutige Ta-
gesereigniß ist ein von den hiesigen Blättern ver-
öffentlichtes Schreiben Lord John Russels an den
Lord=Bischoff v. Durham. Jm Verlauf des
Schreibens werden die Schritte des heiligen
Stuhls als unvereinbar bezeichnet mit der Su-
prematie der Königin, mit den Rechten der angli-
kanischen Bischöfe und Geistlichkeit und mit der
geistigen Unabhängigkeit der Nation, die sogar in

[Spaltenumbruch] kunst unverdrossen nachgetreten, um die gegenwär-
tige Krisis zu vermeiden. Noch vor einem Mo-
nate hätte die leiseste Bereitwilligkeit Preußens
vielleicht uns entwaffnet. Preußen hat mit un-
glaublicher Verblendung auf einer Bahn verharrt,
von der es erkennen mußte, daß sie zum Kriege
führt. Preußen ließ alle Fragen bis auf jenen
Punkt gelangen, wo sie gelöst oder zerhauen wer-
den müssen. Preußen hat Oesterreich und den
deutschen Bund bis dahin gebracht, sich zu bewaff-
nen. Mit 600,000 Mann auf den Beinen, kann
man nicht warten und die Kräfte des Landes auf-
zehren, um zuzusehen, wie eine berechnende Diplo-
matie die Sache auf die lange Bank zieht. Die
Truppen stehen sich mit gespanntem Hahne gegen-
über; die Sache ist dringend, sie duldet keinen
Aufschub. Jede Stunde kann den Zusammenstoß
herbeiführen; das Schicksal Deutschlands darf
nicht der Entscheidung des Zufalls anheimgestellt
werden. Wir fragen: Will Preußen die Union
aufgeben, will es sich auf den Standpunkt der
Bundesakte stellen? Ja oder Nein? Nicht wir,
die Verhältnisse stellen die Frage so kategorisch
hin. Und man zögere nicht mit der Antwort. Die
Heersäulen bewegen sich und können auf einander
treffen, ehe dies Ja oder Nein ausgesprochen ist.

   

Wien, 8. Nov. Wir haben seit acht Tagen
an die Möglichkeit des Krieges geglaubt, heute
glauben wir fast nicht mehr an die Möglichkeit
des Friedens. Diese ernsten Worte sprechen wir
nicht ohne Betrübniß aus. Es mag auch Denen
geziemen, welche, wie wir, das Bewußtsein ha-
ben, daß Oesterreichs Sache eine gerechte und
billige ist, die eine freudige Zuversicht in die ge-
prüfte Kraft seines Heeres und in das bewährte
Genie seiner Feldherren setzen, darüber Schmerz
zu fühlen, daß ein Kampf zwischen Stammesge-
nossen entbrennen muß. Wir leihen demselben
wahrscheinlich heute zum letzten Male Worte. So
wie der erste Schuß fällt, wird kein Oesterreicher
Zeit und Lust haben, den Gefühlen des Bedau-
erns Raum zu geben. Er wird dann keinen an-
deren Wunsch hegen, als den, die erklärten Feinde
seines Landes niederzuwerfen und sie unschädlich
zu machen. -- Es bleibt Oesterreich jetzt wenig
mehr übrig, als der Welt die Gerechtigkeit seiner
Sache darzulegen. Seit fast zwei Jahren hat
Preußen sich bestrebt, Oesterreich aus der Stel-
lung, welche es kraft historischer Rechte, kraft allgemei-
ner europäischer Verträge in Deutschland einnahm,
zu verdrängen. Diesem Angriffe auf sein gutes Recht
hat dieses Land bisher nur defensive Maßregeln
entgegengesetzt. Die meisten der deutschen Mächte,
welche Preußen bei seinem Vornehmen unterstütz-
ten, haben sich bereits von demselben abgewandt.
Das Gebäude seiner Größe, welches Preußen auf
einem Boden, der ihm nicht gehörte, aufführte, ist
schnell zusammengebröckelt Die Ueberreste der-
selben sind werthlos, und die Erhaltung derselben
unmöglich geworden. Oesterreich hatte sich mit
Geduld und Mäßigung gewappnet. Er hatte das
Recht, schon vor langer Zeit gewaffnet gegen die
ungerechtfertigten Uebergriffe Preußens aufzutreten.
Es hat nicht Gebrauch von demselben gemacht,
weil es glaubte, daß selbst ohne Anwendung äu-
ßerer Gewalt die widerrechtliche Schöpfung Preu-
ßens einstürzen müßte. Preußen, das nicht länger
vermag, die Union zu erhalten, hatte den Plan
gefaßt, die Union uns zu verhandeln. Oesterreich
sollte ihm Rechte dafür bewilligen, daß es sein Un-
recht aufgab. Wir sollen Preußens Macht auf recht-
mäßige Weise vergrößern, blos, weil es versprechen
wollte, sich künftighin nicht auf unrechtmäßige
Weise zu vergrößern. Man wollte die Union
aufgeben, da sie weder rechtlich, noch factisch
haltbar war -- gegen eine gute Bezahlung. Das
Aufgeben eines unrechtmäßigen und verunglückten
Eroberungsplanes sollte als eine Concession gel-
ten, für welche man von unserer Seite Gegen-
Concessionen erwarten wollte. Wenn es die „Ehre“
Preußens verlangte, durch die Gründung einer
deutschen Union Oesterreich aus Deutschland zu
drängen, so mag seine „Ehre“ es vielleicht ver-
langen, mit gewaffneter Hand die Union aufrecht
[Spaltenumbruch] zu halten. Ein Unrecht mag das andere als
Consequenz nach sich ziehen. Die Union an uns
zu verhandeln, kann aber keine „Ehre,“ welcher
Sorte sie auch sei, gebieten. Die „Ehre Preu-
ßens “ hat leider diesem Staat auch geboten, ge-
gen den Willen des Kurfürsten von Hessen und
gegen den Protest von dessen Bundesgenossen in
sein Land einen Einfall zu machen. Die Gründe,
welche von preußischer Seite zur Rechtfertigung
dieses Schrittes angeführt worden sind, würden auch
einen Einfall in Hannover, in das Großherzogthum
Hessen und in andere deutsche Staaten rechtfertigen kön-
nen. Es würden somit die deutschen Staaten, welche
sich Preußen nicht anschließen wollen, noch ab-
hängiger von dem Willen jenes Staates sein, als
selbst die Staaten, welchen sich ihm angeschlossen
haben Wenn Preußens „Ehre“ es verlangt, ge-
gen den Willen der Landesherren seine Heere in
solche deutsche Staaten einmarschiren zu lassen,
welche mit Oesterreich verbündet sind, was würde
in solchem Falle aus Oesterreichs Ehre werden?
Wenn ein Staat seine Ehre darein setzt, ehren-
haft und ehrlich zu handeln, so kann, darf und
wird Oesterreich dieselbe unangetaftet lassen. Wenn
es aber das seine Ehre nennt, zu erobern, Ver-
trage zu brechen und seine Willkühr zum Gesetze
für andere zu erheben, so muß diese „Ehre“ zu-
vor unserem Schwerte Rechenschaft geben, bevor
ihr eine Gasse geöffnet werden kann. Ohne den
Wunsch größer zu werden, als es ist, mehr Macht
zu erringen, als es bereits besitzt, steht Oesterreich
jetzt gewaffnet da, zur Abwehr gegen diejenigen,
welche ihm das Seine rauben wollen. Wenn
Preußen Willens ist, zu erklären, was Oesterreich
erklärt, daß es bestehende Verträge achten, und
keine Vergrößerung auf unerlaubtem Wege an-
streben will, so wird der Frieden in Deutschland
dauernd hergestellt werden. Wo nicht, nicht.
Oesterreich fordert nicht mehr, als es geben will.
Es fordert nicht mehr, als das Recht fordert.
Was das Recht aber fordert, das auch zu fordern,
ist Oesterreich zur Stunde bereit. Seine Heere
haben ihre Schwerter aus der Scheide gezogen,
aber sie noch nicht zum Schlage gehoben. Sie
müssen aber auf diejenigen niederfallen, welche
Willkühr und Gewalt ihr Recht und ihre Ehre
nennen.

   

Wien, 8. Nov. Der vielgenannte türkische
Heerführer Omer Pascha war früher Kadet=Feld-
webel bei Erzherzog Stephan Jnfanterie und an
der Tour zum Fähndrich. Sein Name als Christ
war Latas. Damals verwundete ( wir glauben zu
Klagenfurt ) einer der Kadeten des Regiments, ein
Jtaliener, mehrere seiner Kameraden, und Latas
selbst bekam zwei Messerstiche in die Hand; denn
Latas vertheitigte jenen deutschen Kadeten, den
der Jtaliener wegen eines Liebeshandels ermorden
wollte und am Ende auch erstach. Latas wurde
deshalb von der Liste der zu Avancirenden gestri-
chen. Dazu verlor sein Vater, ein Grenzoffizier,
seinen Posten. Diese zwei Umstände verleideten
dem jungen Latas seine Stellung so sehr, daß er
nach Bosnien desertirte und Türke wurde.

Berlin, 8 Nov. Die heutige Sitzung des
Königlichen Obertribunals brachte die endgültige
Entscheidung in der Untersuchungssache wider den
ehemaligen Bürgermeister Zimmermann aus Span-
dau, welcher Mitglied der Nationalversammlung
zu Frankfurt a. M. gewesen und demnächst in
dem Rumpfparlamente zu Stuttgart mitgetagt
hatte. Auf Grund dieser Vorgänge ward er un-
ter die Anklage des versuchten Hochverraths ec.
gestellt. Die Geschwornen sprachen den Angeklag-
ten schuldig und der Gerichtshof verurtheilte ihn
zu zwölfjähriger Freiheitsstrafe. Der Angeklagte
legte hiergegen die Nichtigkeitsbeschwerde ein. Der
Spruch des Obertribunals fiel dahin aus, die
Nichtigkeitsbeschwerde zu verwerfen.

   

Berlin, 9. Nov. Unter den deutschen politi-
schen Flüchtlingen an der französischen Grenze
zeigt sich seit kurzem eine auffallende Bewegung.
Viele Flüchtlinge, die in das Jnnere von Frank-
reich gebracht waren, sind in das Elsaß zurückge-
kehrt; andere halten sich in Straßburg und der
Umgegend heimlich auf und suchen auf jede Weise
[Spaltenumbruch] die Wachsamkeit der französischen Behörden zu
täuschen. Gleiche Wahrnehmungen wurden im
Kanton Basel gemacht. Es ist nicht unwahr-
scheinlich, daß die Flüchtlinge die jetzigen Ver-
hältnisse in Kurhessen zu einer neuen Schilderhe-
bung zu benutzen versuchen möchten.

   

Berlin, 9. Nov. Das C.=B. schreibt: „Der
russische Gesandte, Baron von Budberg, hat an
Hrn. v. Manteuffel als den jetzigen interimisti-
schen Minister des Auswärtigen die Anfrage ge-
richtet: welche Bedeutung die Mobilmachung der
gesammten Armee unterzulegen sei? -- Hr. v.
Manteuffel hat hierauf eine sehr entschiedene Ant-
wort gegeben und insbesondere hervorgehoben, daß
Preußen, angelangt an diesem entscheidenden Punkte,
sich nicht durch auswärtige Einflüsse behindern
lassen könne und seine Wehrkraft gegen die pro-
vocirenden Anmaßungen ins Feld führen werde;
er wünsche, daß das russische Cabinet hiervon
Kenntniß erhalte.“

Berlin, 10. Nov. Unsere auswärtigen Be-
ziehungen stellen sich, namentlich was die Allianz
mit England betrifft, immer günstiger. Frank-
reich, oder doch die französische Regierung, scheint
sich immer mehr der österreich. russischen Politik
zuzuneigen. So meldet eine Privatdepesche, daß
die französische Regierung damit umgehe, offiziell
sich für das Recht Oesterreichs und des Bundes-
tags in der kurhessischen Frage zu erklären. --
Herr v. Radowitz hat erklärt, daß er in Rück-
sicht auf die Zeitverhältnisse sein mehrerwähntes
Memoire nicht veröffentlichen werde.

Berlin, 10. Nov. Das C. B. sucht die Flucht
Kinkel's durch folgende Phrase in politisches Dun-
kel zu hüllen: „Nach Allem, was man über die
näheren Umstände seiner Entweichung erfährt, ge-
winnt es den Anschein, als sei dieselbe von einer
Seite her begünstigt worden, auf welcher das Mit-
gefühl mit den Kerkerleiden des unglücklichen Dich-
ters nicht schwächer empfunden wurde, als das
Gebot der strengen Pflichterfüllung gegen den mit
den Waffen in der Hand ergriffenen Revolutionär.
Es gibt wohl Wenige, die nicht eben so gern dem
Entflohenen das Gelingen seiner Flucht, als den
Behörden die Befreiung von der traurigen Last
der Bewachung gönnen.“ -- Ueber die Art und
Weise, in welcher die Flucht ermöglicht worden,
hört man noch immer nichts Directes. Man er-
zählt, daß es von außenher gelungen sei, eine
vollständige Offiziers = Uniform mit Helm und
Schärpe in Kinkel's Zelle zu schaffen. Mit die-
ser bekleidet, soll der Gefangene unter dem An-
schein eines Offiziers der Ronde unangefochten
das Zuchthaus verlassen und das Fuhrwerk, das
für ihn bereit stand, erreicht haben. Zur Zelle
existirten zwei Schlüssel, von denen der eine in
einem Schrank aufbewahrt wurde. Dieser soll
erbrochen und mancherlei Anstalt getroffen worden
sein, um auf falsche Spur der Art der Flucht zu
leiten. Nach der „Voss. Z.“ soll ein Wärter be-
reits arretirt sein. -- Bekanntlich wurden schon
früher bedeutende Geldsummen von der Demokra-
tie zusammengebracht, um bei Gelegenheit des
Transports Kinkel's nach und von Köln dessen
gewaltsame Befreiung zu versuchen, was die Ein-
schlagung eines andern Weges durch die Eskorte
zur Folge hatte. Man will wissen, daß für die
jetzige Flucht eine sehr bedeutende Geldsumme,
man sagt ca. 30,000 Thlr., beschafft worden sei.
So viel steht fest, daß die Ermöglichung der Flucht
ein neuer Beweis für das Zusammenhalten der
Revolutionspartei und für das Fortbestehen der
geheimen und ausgedehnten Verbindungen dersel-
ben ist.

England.

London, 7. November. Das heutige Ta-
gesereigniß ist ein von den hiesigen Blättern ver-
öffentlichtes Schreiben Lord John Russels an den
Lord=Bischoff v. Durham. Jm Verlauf des
Schreibens werden die Schritte des heiligen
Stuhls als unvereinbar bezeichnet mit der Su-
prematie der Königin, mit den Rechten der angli-
kanischen Bischöfe und Geistlichkeit und mit der
geistigen Unabhängigkeit der Nation, die sogar in

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[0003] kunst unverdrossen nachgetreten, um die gegenwär- tige Krisis zu vermeiden. Noch vor einem Mo- nate hätte die leiseste Bereitwilligkeit Preußens vielleicht uns entwaffnet. Preußen hat mit un- glaublicher Verblendung auf einer Bahn verharrt, von der es erkennen mußte, daß sie zum Kriege führt. Preußen ließ alle Fragen bis auf jenen Punkt gelangen, wo sie gelöst oder zerhauen wer- den müssen. Preußen hat Oesterreich und den deutschen Bund bis dahin gebracht, sich zu bewaff- nen. Mit 600,000 Mann auf den Beinen, kann man nicht warten und die Kräfte des Landes auf- zehren, um zuzusehen, wie eine berechnende Diplo- matie die Sache auf die lange Bank zieht. Die Truppen stehen sich mit gespanntem Hahne gegen- über; die Sache ist dringend, sie duldet keinen Aufschub. Jede Stunde kann den Zusammenstoß herbeiführen; das Schicksal Deutschlands darf nicht der Entscheidung des Zufalls anheimgestellt werden. Wir fragen: Will Preußen die Union aufgeben, will es sich auf den Standpunkt der Bundesakte stellen? Ja oder Nein? Nicht wir, die Verhältnisse stellen die Frage so kategorisch hin. Und man zögere nicht mit der Antwort. Die Heersäulen bewegen sich und können auf einander treffen, ehe dies Ja oder Nein ausgesprochen ist. ( O. C. ) Wien, 8. Nov. Wir haben seit acht Tagen an die Möglichkeit des Krieges geglaubt, heute glauben wir fast nicht mehr an die Möglichkeit des Friedens. Diese ernsten Worte sprechen wir nicht ohne Betrübniß aus. Es mag auch Denen geziemen, welche, wie wir, das Bewußtsein ha- ben, daß Oesterreichs Sache eine gerechte und billige ist, die eine freudige Zuversicht in die ge- prüfte Kraft seines Heeres und in das bewährte Genie seiner Feldherren setzen, darüber Schmerz zu fühlen, daß ein Kampf zwischen Stammesge- nossen entbrennen muß. Wir leihen demselben wahrscheinlich heute zum letzten Male Worte. So wie der erste Schuß fällt, wird kein Oesterreicher Zeit und Lust haben, den Gefühlen des Bedau- erns Raum zu geben. Er wird dann keinen an- deren Wunsch hegen, als den, die erklärten Feinde seines Landes niederzuwerfen und sie unschädlich zu machen. -- Es bleibt Oesterreich jetzt wenig mehr übrig, als der Welt die Gerechtigkeit seiner Sache darzulegen. Seit fast zwei Jahren hat Preußen sich bestrebt, Oesterreich aus der Stel- lung, welche es kraft historischer Rechte, kraft allgemei- ner europäischer Verträge in Deutschland einnahm, zu verdrängen. Diesem Angriffe auf sein gutes Recht hat dieses Land bisher nur defensive Maßregeln entgegengesetzt. Die meisten der deutschen Mächte, welche Preußen bei seinem Vornehmen unterstütz- ten, haben sich bereits von demselben abgewandt. Das Gebäude seiner Größe, welches Preußen auf einem Boden, der ihm nicht gehörte, aufführte, ist schnell zusammengebröckelt Die Ueberreste der- selben sind werthlos, und die Erhaltung derselben unmöglich geworden. Oesterreich hatte sich mit Geduld und Mäßigung gewappnet. Er hatte das Recht, schon vor langer Zeit gewaffnet gegen die ungerechtfertigten Uebergriffe Preußens aufzutreten. Es hat nicht Gebrauch von demselben gemacht, weil es glaubte, daß selbst ohne Anwendung äu- ßerer Gewalt die widerrechtliche Schöpfung Preu- ßens einstürzen müßte. Preußen, das nicht länger vermag, die Union zu erhalten, hatte den Plan gefaßt, die Union uns zu verhandeln. Oesterreich sollte ihm Rechte dafür bewilligen, daß es sein Un- recht aufgab. Wir sollen Preußens Macht auf recht- mäßige Weise vergrößern, blos, weil es versprechen wollte, sich künftighin nicht auf unrechtmäßige Weise zu vergrößern. Man wollte die Union aufgeben, da sie weder rechtlich, noch factisch haltbar war -- gegen eine gute Bezahlung. Das Aufgeben eines unrechtmäßigen und verunglückten Eroberungsplanes sollte als eine Concession gel- ten, für welche man von unserer Seite Gegen- Concessionen erwarten wollte. Wenn es die „Ehre“ Preußens verlangte, durch die Gründung einer deutschen Union Oesterreich aus Deutschland zu drängen, so mag seine „Ehre“ es vielleicht ver- langen, mit gewaffneter Hand die Union aufrecht zu halten. Ein Unrecht mag das andere als Consequenz nach sich ziehen. Die Union an uns zu verhandeln, kann aber keine „Ehre,“ welcher Sorte sie auch sei, gebieten. Die „Ehre Preu- ßens “ hat leider diesem Staat auch geboten, ge- gen den Willen des Kurfürsten von Hessen und gegen den Protest von dessen Bundesgenossen in sein Land einen Einfall zu machen. Die Gründe, welche von preußischer Seite zur Rechtfertigung dieses Schrittes angeführt worden sind, würden auch einen Einfall in Hannover, in das Großherzogthum Hessen und in andere deutsche Staaten rechtfertigen kön- nen. Es würden somit die deutschen Staaten, welche sich Preußen nicht anschließen wollen, noch ab- hängiger von dem Willen jenes Staates sein, als selbst die Staaten, welchen sich ihm angeschlossen haben Wenn Preußens „Ehre“ es verlangt, ge- gen den Willen der Landesherren seine Heere in solche deutsche Staaten einmarschiren zu lassen, welche mit Oesterreich verbündet sind, was würde in solchem Falle aus Oesterreichs Ehre werden? Wenn ein Staat seine Ehre darein setzt, ehren- haft und ehrlich zu handeln, so kann, darf und wird Oesterreich dieselbe unangetaftet lassen. Wenn es aber das seine Ehre nennt, zu erobern, Ver- trage zu brechen und seine Willkühr zum Gesetze für andere zu erheben, so muß diese „Ehre“ zu- vor unserem Schwerte Rechenschaft geben, bevor ihr eine Gasse geöffnet werden kann. Ohne den Wunsch größer zu werden, als es ist, mehr Macht zu erringen, als es bereits besitzt, steht Oesterreich jetzt gewaffnet da, zur Abwehr gegen diejenigen, welche ihm das Seine rauben wollen. Wenn Preußen Willens ist, zu erklären, was Oesterreich erklärt, daß es bestehende Verträge achten, und keine Vergrößerung auf unerlaubtem Wege an- streben will, so wird der Frieden in Deutschland dauernd hergestellt werden. Wo nicht, nicht. Oesterreich fordert nicht mehr, als es geben will. Es fordert nicht mehr, als das Recht fordert. Was das Recht aber fordert, das auch zu fordern, ist Oesterreich zur Stunde bereit. Seine Heere haben ihre Schwerter aus der Scheide gezogen, aber sie noch nicht zum Schlage gehoben. Sie müssen aber auf diejenigen niederfallen, welche Willkühr und Gewalt ihr Recht und ihre Ehre nennen. ( Ll. ) Wien, 8. Nov. Der vielgenannte türkische Heerführer Omer Pascha war früher Kadet=Feld- webel bei Erzherzog Stephan Jnfanterie und an der Tour zum Fähndrich. Sein Name als Christ war Latas. Damals verwundete ( wir glauben zu Klagenfurt ) einer der Kadeten des Regiments, ein Jtaliener, mehrere seiner Kameraden, und Latas selbst bekam zwei Messerstiche in die Hand; denn Latas vertheitigte jenen deutschen Kadeten, den der Jtaliener wegen eines Liebeshandels ermorden wollte und am Ende auch erstach. Latas wurde deshalb von der Liste der zu Avancirenden gestri- chen. Dazu verlor sein Vater, ein Grenzoffizier, seinen Posten. Diese zwei Umstände verleideten dem jungen Latas seine Stellung so sehr, daß er nach Bosnien desertirte und Türke wurde. Berlin, 8 Nov. Die heutige Sitzung des Königlichen Obertribunals brachte die endgültige Entscheidung in der Untersuchungssache wider den ehemaligen Bürgermeister Zimmermann aus Span- dau, welcher Mitglied der Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. gewesen und demnächst in dem Rumpfparlamente zu Stuttgart mitgetagt hatte. Auf Grund dieser Vorgänge ward er un- ter die Anklage des versuchten Hochverraths ec. gestellt. Die Geschwornen sprachen den Angeklag- ten schuldig und der Gerichtshof verurtheilte ihn zu zwölfjähriger Freiheitsstrafe. Der Angeklagte legte hiergegen die Nichtigkeitsbeschwerde ein. Der Spruch des Obertribunals fiel dahin aus, die Nichtigkeitsbeschwerde zu verwerfen. ( D. R. ) Berlin, 9. Nov. Unter den deutschen politi- schen Flüchtlingen an der französischen Grenze zeigt sich seit kurzem eine auffallende Bewegung. Viele Flüchtlinge, die in das Jnnere von Frank- reich gebracht waren, sind in das Elsaß zurückge- kehrt; andere halten sich in Straßburg und der Umgegend heimlich auf und suchen auf jede Weise die Wachsamkeit der französischen Behörden zu täuschen. Gleiche Wahrnehmungen wurden im Kanton Basel gemacht. Es ist nicht unwahr- scheinlich, daß die Flüchtlinge die jetzigen Ver- hältnisse in Kurhessen zu einer neuen Schilderhe- bung zu benutzen versuchen möchten. ( C. C. ) Berlin, 9. Nov. Das C.=B. schreibt: „Der russische Gesandte, Baron von Budberg, hat an Hrn. v. Manteuffel als den jetzigen interimisti- schen Minister des Auswärtigen die Anfrage ge- richtet: welche Bedeutung die Mobilmachung der gesammten Armee unterzulegen sei? -- Hr. v. Manteuffel hat hierauf eine sehr entschiedene Ant- wort gegeben und insbesondere hervorgehoben, daß Preußen, angelangt an diesem entscheidenden Punkte, sich nicht durch auswärtige Einflüsse behindern lassen könne und seine Wehrkraft gegen die pro- vocirenden Anmaßungen ins Feld führen werde; er wünsche, daß das russische Cabinet hiervon Kenntniß erhalte.“ Berlin, 10. Nov. Unsere auswärtigen Be- ziehungen stellen sich, namentlich was die Allianz mit England betrifft, immer günstiger. Frank- reich, oder doch die französische Regierung, scheint sich immer mehr der österreich. russischen Politik zuzuneigen. So meldet eine Privatdepesche, daß die französische Regierung damit umgehe, offiziell sich für das Recht Oesterreichs und des Bundes- tags in der kurhessischen Frage zu erklären. -- Herr v. Radowitz hat erklärt, daß er in Rück- sicht auf die Zeitverhältnisse sein mehrerwähntes Memoire nicht veröffentlichen werde. Berlin, 10. Nov. Das C. B. sucht die Flucht Kinkel's durch folgende Phrase in politisches Dun- kel zu hüllen: „Nach Allem, was man über die näheren Umstände seiner Entweichung erfährt, ge- winnt es den Anschein, als sei dieselbe von einer Seite her begünstigt worden, auf welcher das Mit- gefühl mit den Kerkerleiden des unglücklichen Dich- ters nicht schwächer empfunden wurde, als das Gebot der strengen Pflichterfüllung gegen den mit den Waffen in der Hand ergriffenen Revolutionär. Es gibt wohl Wenige, die nicht eben so gern dem Entflohenen das Gelingen seiner Flucht, als den Behörden die Befreiung von der traurigen Last der Bewachung gönnen.“ -- Ueber die Art und Weise, in welcher die Flucht ermöglicht worden, hört man noch immer nichts Directes. Man er- zählt, daß es von außenher gelungen sei, eine vollständige Offiziers = Uniform mit Helm und Schärpe in Kinkel's Zelle zu schaffen. Mit die- ser bekleidet, soll der Gefangene unter dem An- schein eines Offiziers der Ronde unangefochten das Zuchthaus verlassen und das Fuhrwerk, das für ihn bereit stand, erreicht haben. Zur Zelle existirten zwei Schlüssel, von denen der eine in einem Schrank aufbewahrt wurde. Dieser soll erbrochen und mancherlei Anstalt getroffen worden sein, um auf falsche Spur der Art der Flucht zu leiten. Nach der „Voss. Z.“ soll ein Wärter be- reits arretirt sein. -- Bekanntlich wurden schon früher bedeutende Geldsummen von der Demokra- tie zusammengebracht, um bei Gelegenheit des Transports Kinkel's nach und von Köln dessen gewaltsame Befreiung zu versuchen, was die Ein- schlagung eines andern Weges durch die Eskorte zur Folge hatte. Man will wissen, daß für die jetzige Flucht eine sehr bedeutende Geldsumme, man sagt ca. 30,000 Thlr., beschafft worden sei. So viel steht fest, daß die Ermöglichung der Flucht ein neuer Beweis für das Zusammenhalten der Revolutionspartei und für das Fortbestehen der geheimen und ausgedehnten Verbindungen dersel- ben ist. England. London, 7. November. Das heutige Ta- gesereigniß ist ein von den hiesigen Blättern ver- öffentlichtes Schreiben Lord John Russels an den Lord=Bischoff v. Durham. Jm Verlauf des Schreibens werden die Schritte des heiligen Stuhls als unvereinbar bezeichnet mit der Su- prematie der Königin, mit den Rechten der angli- kanischen Bischöfe und Geistlichkeit und mit der geistigen Unabhängigkeit der Nation, die sogar in

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Zitationshilfe: Die Bayerische Presse. Nr. 272. Würzburg, 13. November 1850, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_bayerische272_1850/3>, abgerufen am 18.05.2021.