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Die Bayerische Presse. Nr. 241. Würzburg, 8. Oktober 1850.

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Die Bayerische Presse.

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Abonnement:
Ganzjährig 6 fl.
Halbjährig 3 fl.
Vierteljährig 1 fl. 30 kr.
Monatlich für die Stadt 30 kr.

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Eine constitutionell-monarchische Zeitung.

[Spaltenumbruch]

Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr
Nr. 533.

Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe-
titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe
und Gelder frei.

[Ende Spaltensatz]

Nr. 241.
Würzburg, Dinstag den 8. Oktober. 1850.


[Beginn Spaltensatz]
Amtliche Nachrichten.

Dem Schullehrer Balthasar Müller zu Greß-
hausen wurde die Schulstelle zu Löffelsterz kgl.
Ldg. Schweinfurt; dem Schuldienstexspektanten u.
dermaligen Schulverweser zu Löffelsterz J. Zehe
wurde die Schul= und Kirchendienerstelle zu Markt-
steinach k. Ldg. Schweinfurt und dem Schullehrer
Strasser zu Lohr die 1. Schulstelle zu Riedenberg
k. Ldg. Brückenau übertragen.



Die Steuerverweigerung.

Nun, ihr Herrn Demokrateu, dort in Darm-
stadt ist kein Hassenpflug von der Spitze des Mi-
nisteriums wegzuintrikiren -- ein Mann, "so un-
populär wie Graf Sedlnitzky in Wien". Alles
das, wessen die demokratische Kammer in Darm-
stadt das Ministerium beschuldigt, hat ein Mann
wie Jaup gethan, ein Mann, der vor dem März
das Jdeal der Liberalen in Hessen war, ein
Mann, an dessen Biederkeit und Redlichkeit laut
zu zweifeln noch heute selbst die Demokratie nicht
den Muth hat, ein Mann, dessen Thun und Las-
sen während der Zeit seiner Ministerpräsidentschaft
genau und ängstlich mit der Verfassung harmo-
nirte, der selbst zu Zeiten offener Rebellion sich
kaum einen Schritt von der Verfassung zu treu-
men wagte. -- Und dennoch verweigert man sei-
nem Nachfolger, der sich offen zu dem System
Jaup's bekannte, dem man noch keinen Vorwurf
machen kann, weil von ihm noch keine irgend be-
langreiche Regierungshandlung ausgegangen ist,
da er erst wenige Wochen an der Spitze des Mi-
nisteriums steht, -- wir sagen, dennoch verweigert
man dem Staatsminister v. Dallwigk die Steu-
ern, obgleich, oder vielmehr weil, er das System
Jaup's adoptirte!! -- Wer erkennt hier nicht die
Absicht, die günstige Gelegenheit zu ergreifen, um
in die Bahn der kurhessischen Kammer einzulenken
und an dem kurhessischen falschen Martyrerthum
theilzunehmen? Es ist ein Jubel im Lager der
Demokratie! Nur Eines übersieht man, nemlich,
daß diese zweite Steuerverweigerung zwar die
darmstädtische Regierung nicht in Verlegenheit
bringen wird, da die konservativen Bewohner sicher-
lich die Steuern bezahlen, daß aber dem Lande
diese Steuerverweigerung, diese große demokratische
That, das liberale Wahlgesetz kostet, und daß das
allgemeine Wahlgesetz zum letzten Male in Hes-
sen = Darmstadt zur Anwendung gekommen sein
wird. -- Es knüpfen sich aber noch andere Be-
trachtungen an dieses unsinnige Gebahren der
Kammern der Kleinstaaten, und an die Klein-
staaterei, so lange noch keine festgegliederte und
mächtige Centralregierung Deutschlands vorhanden
ist. Wir werden der Reihe nach in allen kleinen
Kammern diesen Scandal erleben; diese legalen
Zwerg=Propaganden in Kassel, in Darmstadt, in
Stuttgart, in Wiesbaden ec. sämmtlich an sich
unbedeutend, gewinnen dadurch an Bedeutung, daß
sie gleichsam die Revolution verewigen; man ge-
langt nicht zur Ruhe, noch weniger zu Organisa-
tionen, und das eben ist's, was die Demokratie
jetzt will. -- Von den Putschen auf offener
Straße hat man sich losgesagt, es genügt die
stets lebendige Agitation in den Kammern, und
[Spaltenumbruch] das Abhalten jeder wahrhaft wohlthätigen Orga-
nisation. Ueber den Stoff zur Klage kommt man
nie in Verlegenheit; die eine Kammer klagt die
Regierung an, weil sie sich bei dem engern Rathe
betheiligt, und nicht bei der Union; die andere
Kammer klagt, daß man sich bei der Union be-
theiligt, und nicht beim engern Rathe; die dritte
klagt über beides ( wie z. B. in Darmstadt ) , und
die vierte klagt, daß die Reichsverfassung des Par-
laments durch den Fürsten von Lippe = Detmold
noch keine Wahrheit geworden ist. Sie pfuschen
in die große allgemeine, und in die kleine lokale,
Politik; sie verlangen, daß durch eine Zauber-
ruthe aus einem Chaos ein neues Deutschland
konstruirt werde, und sie entziehen zugleich ihren
Regierungen die Geldmittel, ohne welche weder
im Kleinen noch im Großen etwas geschaffen wer-
den kann. -- Dieses Kammerunwesen muß auf-
hören, wenigstens so lange, bis über Deutschland
im Großen entschieden ist. Für die deutschen
Großmächte aber muß die legale Revolution in
den kleinständischen Kammern eine Mahnung sein,
keinen Augenblick mehr zu zögern, sondern rasch
und fest einen Bund zu schließen, der von diesem
unseligen Kammergeschrei nicht erreicht werden
kann. Das Gebiet der Theorie muß verlassen,
die Rechtsstreitigkeiten müssen bei Seite gelegt
werden. Die Zeit des Handelns ist gekommen,
die Verständigung ist eine Nothwendigkeit gewor-
den, und es kann sich bei dieser Verständigung
nicht mehr darum handeln, ob der eine oder der
andere Theil einen Vortheil mehr oder weniger
zieht, sondern nur darum, daß das Ganze gerettet
wird, denn die Monarchie ist in Gefahr, wenn
dieser trostlose Zwiespalt in Deutschland nur noch
Monate besteht. -- Jm Jahre 1815 drängte
Napoleon's Wiedererscheinen auf der Weltbühne
den Wiener=Kongreß zu Entschlüssen. Jetzt droht
kein Napoleon -- aber eine größere Gefahr klopft
an die Pforte; der Zerfall Deutschlands und die
sociale Revolution stehen vor der Thür. Möchte
mann begreifen, daß diese kleinen Kammerwirren,
in Kassel und in Darmstadt und überall, nur
Symptome eines kochenden Kraters sind!

Süd= und West=Deutschland und
Frankreich.

Je mehr die Verhältnisse in Deutschland und
folgeweise in Europa sich verwickeln, je mehr sich
insbesondere in dem Süden und Westen unsres
Vaterlandes der Zündstoff wieder aufhäuft für
eine zweite gefahrdrohendere Explosion, um so
aufmerksamer folgen wir den Bewegungen und
Zuckungen des von Parteien zerrissenen Frank-
reichs, wohl wissend, daß uns das Signal aber-
mals von dort kommen wird, und daß es wohl
nur eines Funkens und günstigen Windes bedarf,
den kaum gedämpften Brand der Revolution von
Neuem zu einer verzehrenden Glut zu entzunden.
Nur die kurzsichtigen Fanatiker der Ruhe können
sich darüber täuschen, daß die Revolution einen
neuen Schlag vorbereitet, und daß die verfassungs-
treue Steuerverweigerung und der patriotische
passive Widerstand in ähnlicher Weise ihre Rund-
reise an die Höfe der deutschen Fürsten machen
[Spaltenumbruch] werden, wie vordem die beiden Schüsse mit dem
blutigen Mißverständniß, freilich nur als Prolog
zu dem Schauspiel, was man in Frankreich in
Scene setzen wird. Was aber ist es, was wir
in Frankreich erblicken? Haß und Eifersucht nicht
nur unter den verschiedenen Fraktionen der " gro-
ßen Partei der Ordnung", sondern auch im Schooße
dieser Fraktionen selbst, Haß und Eifersucht ge-
steigert zu einer Höhe, daß man schon zweifeln
muß, ob die Furcht vor dem Communismus noch
stark genug ist, ihnen das Gleichgewicht zu hal-
ten. Daneben die rothe Republik thätiger und
hoffnungsreicher als je, und zwischen beiden Nichts
als ein Präsident, der unbeirrt durch irgendwelche
Prinzipien, kaum ein anderes Ziel kennt als seine
Person, und deshalb die Geschicke Frankreichs er-
füllen wird wie es seine Wähler verlangen. Und
die Armee, dieser "letzte Pfeiler der gesellschaft-
lichen Ordnung", ein treues Bild der Parteien
und geködert von diesen so wie von dem Prä-
sidenten der Republik durch die Lockerung der
Disziplin und durch die Anreizung des Partei-
geistes ihrer Führer. Was werden wir von diesen
Saaten ernten?

Deutschland.

München, 6. Okt. Der erste Sonntag --
der Haupttag des Oktoberfestes, die Preiseverthei-
lung des landwirthschaftlichen Centralfestes von
Bayern mit seinem herkömmlichen ( ersten ) Pferde-
rennen, wäre glücklich überstanden. Wir sagen
"glücklich überstanden," weil düstere Wolken, welche
jede Minute sich zu entladen und darüber das
ganze Volksfest zu stören drohten, diese Hauptzeit
über leidlich aushielten. Schon der frühe Mor-
gen weckte uns mit bis gegen Mittag währendem
Regen, und schon sollten Vormittags Vorkehrun-
gen zur Preisevertheilung an die Landwirthe ec.,
in der k. Hofreitschule -- statt auf der Festwiese
-- getroffen werden, als König Max, wohl ein-
gedenk der Tausend und Tausenden von Nah' u.
Ferne, welche sich bei solcher Gelegenheit gerne
herbeidrängen, um den geliebten Landesvater zu
sehen, die erfreuliche Bestimmung traf: jedenfalls
auf die Festwiese zu kommen, selbst wenn das
( Königs= ) Zelt ob Nässe durchschlagen sollte.
Maueranschläge verkündeten alsbald für 2 Uhr
die Ankunft des Königs auf der Festwiese. Trotz
drohender Wetterwolken wogte es schon um die
Mittagsstunden zu Tausenden aus allen Ständen
und Gegenden durch die dahin führenden Straßen,
und als nach 1 Uhr dorten das vor dem Königs-
zelt die Ehrenwache bildende ( 2. ) Jnf.=Bat. der
k. Landwehr anlangte, war bereits die Anhöhe
daselbst von unabsehbarer Volkszahl besetzt. Eine
halbe Batterie der k. Landwehr=Artillerie rückte
zur Salutirung bei dortiger Ankunft und Ab-
fahrt des Königs aus. Schon nahte die zweite
Stunde und alles drängte sich, um den König
kommen zu sehen, an welcher Seite ja auch des-
sen kgl. Bruder, König Otto von Griechenland
erwartet wurde. Mit der ersten Kanonensalve
-- welche die Abfahrt des Königs aus der Re-
sidenz verkündete, womit bis zur Ankunft auf der
Festwiese fortgesetzt wurde -- erhoben sich die
Blicke der Volksmasse in sichtlicher Freude nach

Die Bayerische Presse.

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Amtliche Nachrichten.

Dem Schullehrer Balthasar Müller zu Greß-
hausen wurde die Schulstelle zu Löffelsterz kgl.
Ldg. Schweinfurt; dem Schuldienstexspektanten u.
dermaligen Schulverweser zu Löffelsterz J. Zehe
wurde die Schul= und Kirchendienerstelle zu Markt-
steinach k. Ldg. Schweinfurt und dem Schullehrer
Strasser zu Lohr die 1. Schulstelle zu Riedenberg
k. Ldg. Brückenau übertragen.



Die Steuerverweigerung.

Nun, ihr Herrn Demokrateu, dort in Darm-
stadt ist kein Hassenpflug von der Spitze des Mi-
nisteriums wegzuintrikiren -- ein Mann, „so un-
populär wie Graf Sedlnitzky in Wien“. Alles
das, wessen die demokratische Kammer in Darm-
stadt das Ministerium beschuldigt, hat ein Mann
wie Jaup gethan, ein Mann, der vor dem März
das Jdeal der Liberalen in Hessen war, ein
Mann, an dessen Biederkeit und Redlichkeit laut
zu zweifeln noch heute selbst die Demokratie nicht
den Muth hat, ein Mann, dessen Thun und Las-
sen während der Zeit seiner Ministerpräsidentschaft
genau und ängstlich mit der Verfassung harmo-
nirte, der selbst zu Zeiten offener Rebellion sich
kaum einen Schritt von der Verfassung zu treu-
men wagte. -- Und dennoch verweigert man sei-
nem Nachfolger, der sich offen zu dem System
Jaup's bekannte, dem man noch keinen Vorwurf
machen kann, weil von ihm noch keine irgend be-
langreiche Regierungshandlung ausgegangen ist,
da er erst wenige Wochen an der Spitze des Mi-
nisteriums steht, -- wir sagen, dennoch verweigert
man dem Staatsminister v. Dallwigk die Steu-
ern, obgleich, oder vielmehr weil, er das System
Jaup's adoptirte!! -- Wer erkennt hier nicht die
Absicht, die günstige Gelegenheit zu ergreifen, um
in die Bahn der kurhessischen Kammer einzulenken
und an dem kurhessischen falschen Martyrerthum
theilzunehmen? Es ist ein Jubel im Lager der
Demokratie! Nur Eines übersieht man, nemlich,
daß diese zweite Steuerverweigerung zwar die
darmstädtische Regierung nicht in Verlegenheit
bringen wird, da die konservativen Bewohner sicher-
lich die Steuern bezahlen, daß aber dem Lande
diese Steuerverweigerung, diese große demokratische
That, das liberale Wahlgesetz kostet, und daß das
allgemeine Wahlgesetz zum letzten Male in Hes-
sen = Darmstadt zur Anwendung gekommen sein
wird. -- Es knüpfen sich aber noch andere Be-
trachtungen an dieses unsinnige Gebahren der
Kammern der Kleinstaaten, und an die Klein-
staaterei, so lange noch keine festgegliederte und
mächtige Centralregierung Deutschlands vorhanden
ist. Wir werden der Reihe nach in allen kleinen
Kammern diesen Scandal erleben; diese legalen
Zwerg=Propaganden in Kassel, in Darmstadt, in
Stuttgart, in Wiesbaden ec. sämmtlich an sich
unbedeutend, gewinnen dadurch an Bedeutung, daß
sie gleichsam die Revolution verewigen; man ge-
langt nicht zur Ruhe, noch weniger zu Organisa-
tionen, und das eben ist's, was die Demokratie
jetzt will. -- Von den Putschen auf offener
Straße hat man sich losgesagt, es genügt die
stets lebendige Agitation in den Kammern, und
[Spaltenumbruch] das Abhalten jeder wahrhaft wohlthätigen Orga-
nisation. Ueber den Stoff zur Klage kommt man
nie in Verlegenheit; die eine Kammer klagt die
Regierung an, weil sie sich bei dem engern Rathe
betheiligt, und nicht bei der Union; die andere
Kammer klagt, daß man sich bei der Union be-
theiligt, und nicht beim engern Rathe; die dritte
klagt über beides ( wie z. B. in Darmstadt ) , und
die vierte klagt, daß die Reichsverfassung des Par-
laments durch den Fürsten von Lippe = Detmold
noch keine Wahrheit geworden ist. Sie pfuschen
in die große allgemeine, und in die kleine lokale,
Politik; sie verlangen, daß durch eine Zauber-
ruthe aus einem Chaos ein neues Deutschland
konstruirt werde, und sie entziehen zugleich ihren
Regierungen die Geldmittel, ohne welche weder
im Kleinen noch im Großen etwas geschaffen wer-
den kann. -- Dieses Kammerunwesen muß auf-
hören, wenigstens so lange, bis über Deutschland
im Großen entschieden ist. Für die deutschen
Großmächte aber muß die legale Revolution in
den kleinständischen Kammern eine Mahnung sein,
keinen Augenblick mehr zu zögern, sondern rasch
und fest einen Bund zu schließen, der von diesem
unseligen Kammergeschrei nicht erreicht werden
kann. Das Gebiet der Theorie muß verlassen,
die Rechtsstreitigkeiten müssen bei Seite gelegt
werden. Die Zeit des Handelns ist gekommen,
die Verständigung ist eine Nothwendigkeit gewor-
den, und es kann sich bei dieser Verständigung
nicht mehr darum handeln, ob der eine oder der
andere Theil einen Vortheil mehr oder weniger
zieht, sondern nur darum, daß das Ganze gerettet
wird, denn die Monarchie ist in Gefahr, wenn
dieser trostlose Zwiespalt in Deutschland nur noch
Monate besteht. -- Jm Jahre 1815 drängte
Napoleon's Wiedererscheinen auf der Weltbühne
den Wiener=Kongreß zu Entschlüssen. Jetzt droht
kein Napoleon -- aber eine größere Gefahr klopft
an die Pforte; der Zerfall Deutschlands und die
sociale Revolution stehen vor der Thür. Möchte
mann begreifen, daß diese kleinen Kammerwirren,
in Kassel und in Darmstadt und überall, nur
Symptome eines kochenden Kraters sind!

Süd= und West=Deutschland und
Frankreich.

Je mehr die Verhältnisse in Deutschland und
folgeweise in Europa sich verwickeln, je mehr sich
insbesondere in dem Süden und Westen unsres
Vaterlandes der Zündstoff wieder aufhäuft für
eine zweite gefahrdrohendere Explosion, um so
aufmerksamer folgen wir den Bewegungen und
Zuckungen des von Parteien zerrissenen Frank-
reichs, wohl wissend, daß uns das Signal aber-
mals von dort kommen wird, und daß es wohl
nur eines Funkens und günstigen Windes bedarf,
den kaum gedämpften Brand der Revolution von
Neuem zu einer verzehrenden Glut zu entzunden.
Nur die kurzsichtigen Fanatiker der Ruhe können
sich darüber täuschen, daß die Revolution einen
neuen Schlag vorbereitet, und daß die verfassungs-
treue Steuerverweigerung und der patriotische
passive Widerstand in ähnlicher Weise ihre Rund-
reise an die Höfe der deutschen Fürsten machen
[Spaltenumbruch] werden, wie vordem die beiden Schüsse mit dem
blutigen Mißverständniß, freilich nur als Prolog
zu dem Schauspiel, was man in Frankreich in
Scene setzen wird. Was aber ist es, was wir
in Frankreich erblicken? Haß und Eifersucht nicht
nur unter den verschiedenen Fraktionen der „ gro-
ßen Partei der Ordnung“, sondern auch im Schooße
dieser Fraktionen selbst, Haß und Eifersucht ge-
steigert zu einer Höhe, daß man schon zweifeln
muß, ob die Furcht vor dem Communismus noch
stark genug ist, ihnen das Gleichgewicht zu hal-
ten. Daneben die rothe Republik thätiger und
hoffnungsreicher als je, und zwischen beiden Nichts
als ein Präsident, der unbeirrt durch irgendwelche
Prinzipien, kaum ein anderes Ziel kennt als seine
Person, und deshalb die Geschicke Frankreichs er-
füllen wird wie es seine Wähler verlangen. Und
die Armee, dieser „letzte Pfeiler der gesellschaft-
lichen Ordnung“, ein treues Bild der Parteien
und geködert von diesen so wie von dem Prä-
sidenten der Republik durch die Lockerung der
Disziplin und durch die Anreizung des Partei-
geistes ihrer Führer. Was werden wir von diesen
Saaten ernten?

Deutschland.

München, 6. Okt. Der erste Sonntag --
der Haupttag des Oktoberfestes, die Preiseverthei-
lung des landwirthschaftlichen Centralfestes von
Bayern mit seinem herkömmlichen ( ersten ) Pferde-
rennen, wäre glücklich überstanden. Wir sagen
„glücklich überstanden,“ weil düstere Wolken, welche
jede Minute sich zu entladen und darüber das
ganze Volksfest zu stören drohten, diese Hauptzeit
über leidlich aushielten. Schon der frühe Mor-
gen weckte uns mit bis gegen Mittag währendem
Regen, und schon sollten Vormittags Vorkehrun-
gen zur Preisevertheilung an die Landwirthe ec.,
in der k. Hofreitschule -- statt auf der Festwiese
-- getroffen werden, als König Max, wohl ein-
gedenk der Tausend und Tausenden von Nah' u.
Ferne, welche sich bei solcher Gelegenheit gerne
herbeidrängen, um den geliebten Landesvater zu
sehen, die erfreuliche Bestimmung traf: jedenfalls
auf die Festwiese zu kommen, selbst wenn das
( Königs= ) Zelt ob Nässe durchschlagen sollte.
Maueranschläge verkündeten alsbald für 2 Uhr
die Ankunft des Königs auf der Festwiese. Trotz
drohender Wetterwolken wogte es schon um die
Mittagsstunden zu Tausenden aus allen Ständen
und Gegenden durch die dahin führenden Straßen,
und als nach 1 Uhr dorten das vor dem Königs-
zelt die Ehrenwache bildende ( 2. ) Jnf.=Bat. der
k. Landwehr anlangte, war bereits die Anhöhe
daselbst von unabsehbarer Volkszahl besetzt. Eine
halbe Batterie der k. Landwehr=Artillerie rückte
zur Salutirung bei dortiger Ankunft und Ab-
fahrt des Königs aus. Schon nahte die zweite
Stunde und alles drängte sich, um den König
kommen zu sehen, an welcher Seite ja auch des-
sen kgl. Bruder, König Otto von Griechenland
erwartet wurde. Mit der ersten Kanonensalve
-- welche die Abfahrt des Königs aus der Re-
sidenz verkündete, womit bis zur Ankunft auf der
Festwiese fortgesetzt wurde -- erhoben sich die
Blicke der Volksmasse in sichtlicher Freude nach

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[0001] Die Bayerische Presse. Abonnement: Ganzjährig 6 fl. Halbjährig 3 fl. Vierteljährig 1 fl. 30 kr. Monatlich für die Stadt 30 kr. Eine constitutionell-monarchische Zeitung. Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr Nr. 533. Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe- titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe und Gelder frei. Nr. 241. Würzburg, Dinstag den 8. Oktober. 1850. Amtliche Nachrichten. Dem Schullehrer Balthasar Müller zu Greß- hausen wurde die Schulstelle zu Löffelsterz kgl. Ldg. Schweinfurt; dem Schuldienstexspektanten u. dermaligen Schulverweser zu Löffelsterz J. Zehe wurde die Schul= und Kirchendienerstelle zu Markt- steinach k. Ldg. Schweinfurt und dem Schullehrer Strasser zu Lohr die 1. Schulstelle zu Riedenberg k. Ldg. Brückenau übertragen. Die Steuerverweigerung. Nun, ihr Herrn Demokrateu, dort in Darm- stadt ist kein Hassenpflug von der Spitze des Mi- nisteriums wegzuintrikiren -- ein Mann, „so un- populär wie Graf Sedlnitzky in Wien“. Alles das, wessen die demokratische Kammer in Darm- stadt das Ministerium beschuldigt, hat ein Mann wie Jaup gethan, ein Mann, der vor dem März das Jdeal der Liberalen in Hessen war, ein Mann, an dessen Biederkeit und Redlichkeit laut zu zweifeln noch heute selbst die Demokratie nicht den Muth hat, ein Mann, dessen Thun und Las- sen während der Zeit seiner Ministerpräsidentschaft genau und ängstlich mit der Verfassung harmo- nirte, der selbst zu Zeiten offener Rebellion sich kaum einen Schritt von der Verfassung zu treu- men wagte. -- Und dennoch verweigert man sei- nem Nachfolger, der sich offen zu dem System Jaup's bekannte, dem man noch keinen Vorwurf machen kann, weil von ihm noch keine irgend be- langreiche Regierungshandlung ausgegangen ist, da er erst wenige Wochen an der Spitze des Mi- nisteriums steht, -- wir sagen, dennoch verweigert man dem Staatsminister v. Dallwigk die Steu- ern, obgleich, oder vielmehr weil, er das System Jaup's adoptirte!! -- Wer erkennt hier nicht die Absicht, die günstige Gelegenheit zu ergreifen, um in die Bahn der kurhessischen Kammer einzulenken und an dem kurhessischen falschen Martyrerthum theilzunehmen? Es ist ein Jubel im Lager der Demokratie! Nur Eines übersieht man, nemlich, daß diese zweite Steuerverweigerung zwar die darmstädtische Regierung nicht in Verlegenheit bringen wird, da die konservativen Bewohner sicher- lich die Steuern bezahlen, daß aber dem Lande diese Steuerverweigerung, diese große demokratische That, das liberale Wahlgesetz kostet, und daß das allgemeine Wahlgesetz zum letzten Male in Hes- sen = Darmstadt zur Anwendung gekommen sein wird. -- Es knüpfen sich aber noch andere Be- trachtungen an dieses unsinnige Gebahren der Kammern der Kleinstaaten, und an die Klein- staaterei, so lange noch keine festgegliederte und mächtige Centralregierung Deutschlands vorhanden ist. Wir werden der Reihe nach in allen kleinen Kammern diesen Scandal erleben; diese legalen Zwerg=Propaganden in Kassel, in Darmstadt, in Stuttgart, in Wiesbaden ec. sämmtlich an sich unbedeutend, gewinnen dadurch an Bedeutung, daß sie gleichsam die Revolution verewigen; man ge- langt nicht zur Ruhe, noch weniger zu Organisa- tionen, und das eben ist's, was die Demokratie jetzt will. -- Von den Putschen auf offener Straße hat man sich losgesagt, es genügt die stets lebendige Agitation in den Kammern, und das Abhalten jeder wahrhaft wohlthätigen Orga- nisation. Ueber den Stoff zur Klage kommt man nie in Verlegenheit; die eine Kammer klagt die Regierung an, weil sie sich bei dem engern Rathe betheiligt, und nicht bei der Union; die andere Kammer klagt, daß man sich bei der Union be- theiligt, und nicht beim engern Rathe; die dritte klagt über beides ( wie z. B. in Darmstadt ) , und die vierte klagt, daß die Reichsverfassung des Par- laments durch den Fürsten von Lippe = Detmold noch keine Wahrheit geworden ist. Sie pfuschen in die große allgemeine, und in die kleine lokale, Politik; sie verlangen, daß durch eine Zauber- ruthe aus einem Chaos ein neues Deutschland konstruirt werde, und sie entziehen zugleich ihren Regierungen die Geldmittel, ohne welche weder im Kleinen noch im Großen etwas geschaffen wer- den kann. -- Dieses Kammerunwesen muß auf- hören, wenigstens so lange, bis über Deutschland im Großen entschieden ist. Für die deutschen Großmächte aber muß die legale Revolution in den kleinständischen Kammern eine Mahnung sein, keinen Augenblick mehr zu zögern, sondern rasch und fest einen Bund zu schließen, der von diesem unseligen Kammergeschrei nicht erreicht werden kann. Das Gebiet der Theorie muß verlassen, die Rechtsstreitigkeiten müssen bei Seite gelegt werden. Die Zeit des Handelns ist gekommen, die Verständigung ist eine Nothwendigkeit gewor- den, und es kann sich bei dieser Verständigung nicht mehr darum handeln, ob der eine oder der andere Theil einen Vortheil mehr oder weniger zieht, sondern nur darum, daß das Ganze gerettet wird, denn die Monarchie ist in Gefahr, wenn dieser trostlose Zwiespalt in Deutschland nur noch Monate besteht. -- Jm Jahre 1815 drängte Napoleon's Wiedererscheinen auf der Weltbühne den Wiener=Kongreß zu Entschlüssen. Jetzt droht kein Napoleon -- aber eine größere Gefahr klopft an die Pforte; der Zerfall Deutschlands und die sociale Revolution stehen vor der Thür. Möchte mann begreifen, daß diese kleinen Kammerwirren, in Kassel und in Darmstadt und überall, nur Symptome eines kochenden Kraters sind! Süd= und West=Deutschland und Frankreich. Je mehr die Verhältnisse in Deutschland und folgeweise in Europa sich verwickeln, je mehr sich insbesondere in dem Süden und Westen unsres Vaterlandes der Zündstoff wieder aufhäuft für eine zweite gefahrdrohendere Explosion, um so aufmerksamer folgen wir den Bewegungen und Zuckungen des von Parteien zerrissenen Frank- reichs, wohl wissend, daß uns das Signal aber- mals von dort kommen wird, und daß es wohl nur eines Funkens und günstigen Windes bedarf, den kaum gedämpften Brand der Revolution von Neuem zu einer verzehrenden Glut zu entzunden. Nur die kurzsichtigen Fanatiker der Ruhe können sich darüber täuschen, daß die Revolution einen neuen Schlag vorbereitet, und daß die verfassungs- treue Steuerverweigerung und der patriotische passive Widerstand in ähnlicher Weise ihre Rund- reise an die Höfe der deutschen Fürsten machen werden, wie vordem die beiden Schüsse mit dem blutigen Mißverständniß, freilich nur als Prolog zu dem Schauspiel, was man in Frankreich in Scene setzen wird. Was aber ist es, was wir in Frankreich erblicken? Haß und Eifersucht nicht nur unter den verschiedenen Fraktionen der „ gro- ßen Partei der Ordnung“, sondern auch im Schooße dieser Fraktionen selbst, Haß und Eifersucht ge- steigert zu einer Höhe, daß man schon zweifeln muß, ob die Furcht vor dem Communismus noch stark genug ist, ihnen das Gleichgewicht zu hal- ten. Daneben die rothe Republik thätiger und hoffnungsreicher als je, und zwischen beiden Nichts als ein Präsident, der unbeirrt durch irgendwelche Prinzipien, kaum ein anderes Ziel kennt als seine Person, und deshalb die Geschicke Frankreichs er- füllen wird wie es seine Wähler verlangen. Und die Armee, dieser „letzte Pfeiler der gesellschaft- lichen Ordnung“, ein treues Bild der Parteien und geködert von diesen so wie von dem Prä- sidenten der Republik durch die Lockerung der Disziplin und durch die Anreizung des Partei- geistes ihrer Führer. Was werden wir von diesen Saaten ernten? Deutschland. München, 6. Okt. Der erste Sonntag -- der Haupttag des Oktoberfestes, die Preiseverthei- lung des landwirthschaftlichen Centralfestes von Bayern mit seinem herkömmlichen ( ersten ) Pferde- rennen, wäre glücklich überstanden. Wir sagen „glücklich überstanden,“ weil düstere Wolken, welche jede Minute sich zu entladen und darüber das ganze Volksfest zu stören drohten, diese Hauptzeit über leidlich aushielten. Schon der frühe Mor- gen weckte uns mit bis gegen Mittag währendem Regen, und schon sollten Vormittags Vorkehrun- gen zur Preisevertheilung an die Landwirthe ec., in der k. Hofreitschule -- statt auf der Festwiese -- getroffen werden, als König Max, wohl ein- gedenk der Tausend und Tausenden von Nah' u. Ferne, welche sich bei solcher Gelegenheit gerne herbeidrängen, um den geliebten Landesvater zu sehen, die erfreuliche Bestimmung traf: jedenfalls auf die Festwiese zu kommen, selbst wenn das ( Königs= ) Zelt ob Nässe durchschlagen sollte. Maueranschläge verkündeten alsbald für 2 Uhr die Ankunft des Königs auf der Festwiese. Trotz drohender Wetterwolken wogte es schon um die Mittagsstunden zu Tausenden aus allen Ständen und Gegenden durch die dahin führenden Straßen, und als nach 1 Uhr dorten das vor dem Königs- zelt die Ehrenwache bildende ( 2. ) Jnf.=Bat. der k. Landwehr anlangte, war bereits die Anhöhe daselbst von unabsehbarer Volkszahl besetzt. Eine halbe Batterie der k. Landwehr=Artillerie rückte zur Salutirung bei dortiger Ankunft und Ab- fahrt des Königs aus. Schon nahte die zweite Stunde und alles drängte sich, um den König kommen zu sehen, an welcher Seite ja auch des- sen kgl. Bruder, König Otto von Griechenland erwartet wurde. Mit der ersten Kanonensalve -- welche die Abfahrt des Königs aus der Re- sidenz verkündete, womit bis zur Ankunft auf der Festwiese fortgesetzt wurde -- erhoben sich die Blicke der Volksmasse in sichtlicher Freude nach

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Zitationshilfe: Die Bayerische Presse. Nr. 241. Würzburg, 8. Oktober 1850, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_bayerische241_1850/1>, abgerufen am 17.04.2021.