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Die Bayerische Presse. Nr. 232. Würzburg, 27. September 1850.

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Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr.
Nr. 533.

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titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe
und Gelder frei.

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Nr. 232.
Würzburg, Freitag den 27. September. 1850.


[Beginn Spaltensatz]
Kurhessen und Preußen.

Die Ereignisse in Kurhessen und die gleich-
zeitigen Nachrichten vom schleswig = holsteinischen
Kriegsschauplatz brachten einen bedeutenden Anstoß
in die politische Stimmung zu Berlin, die so
lange Zeit ziemlich träge in sich selbst ausruhte.
Es will uns bedünken, als wenn die preußische
Regierung oder wenigstens einzelne Organe der-
selben, die kurhessische Angelegenheit unter einem
zu kleinen und einseitigen Gesichtswinkel zu be-
messen geneigt wären. Dies würde um so bekla-
genswerther sein, als dann die einzig fruchtbrin-
gende Nutzanwendung, welche aus jener traurigen
Begebenheit für die allgemeine Angelegenheit
Deutschlands erzielt werden könnte, verloren gehen
müßte. Es herrscht nämlich, wie es scheint, die
Neigung vor, die kurhessische Krisis lediglich vom
Unionsstandpunkt aus zu betrachten und auszubeu-
ten, und darin eine gewisse Schadenfreude, als
handle es sich jetzt um die Strafe Kurhessens für
den Abfall von der Union, mit neuen Entschlie-
ßungen zur Definitivmachung dieser Union zu ver-
binden. Unseres Erachtens müßten in diesem dro-
henden Augenblick, der auf ein jammervolles und
weiter um sich greifendes Zerfallen der deutschen
Mittelstaaten, und damit der Organisation Deutsch-
lands überhaupt hinweiset, ganz andere Entschlüsse
reifen. Es gehört kein tiefer staatsmännischer Blick
dazu, um zu erkennen, welchen allgemeinen Grund
die Zerlösung der kurhessischen Staatsverhältnisse
hat. Jn vielen Artikeln wird bereits mehrfach
darauf hingewiesen, daß den Vorgängen in Kassel
bald auch ähnliche Scenen in Württemberg und
in Hessen=Darmstadt auf dem Fuße folgen wür-
den. Wenn unsere Presse den Zusammenhang
aller dieser Symptome vollkommen begreift, so
wäre es noch bei weitem immer mehr Pflicht,
endlich unumwunden die allgemeine Ursache dieser
Zerrüttung zu erkennen und sie einzugestehen.
Diese Ursache ist aber in nichts Anderem enthal-
ten, als in dem fortdauernden Bruch der beiden
deutschen Großmächte, und in dem dadurch her-
beigeführten Mangel einer leitenden Centralgewalt
in Deutschland. Der österreichischen Politik macht
man auch bereits nicht mehr die Anerkennung
streitig, daß sie durch ihr consequentes Hindringen
auf die Beschaffung einer neuen provisorischen Cen-
tralgewalt, dem gegenwärtigen Krankheitsprozeß
Deutschlands rechtzeitig und auf dem entscheiden-
den Punkt beizuspringen, bestrebt gewesen. Wäre
dies Bestreben nicht durch den Widerstand der in
ihren eigentlichen Jnteressen dabei gar nicht be-
theiligten Unionspolitik an seinen raschen Erfolgen
behindert gewesen, so würde den traurigen Des-
organisationen, die sich in der Mitte Deutschlands
jetzt bereiten, dadurch zeitig ein organischer Damm
entgegengestellt worden sein. Durch die Herstel-
lung einer neuen Centralgewalt für Deutschland
würden nicht nur die großen leitenden Prinzipien
der Zeit bereits ihre definitive Sicherung erfah-
ren haben, sondern es würde auch die Norm ge-
wonnen sein, solche allerdings weiter greifenden
Zerfallenheiten, wie sie in Kurhessen jetzt vorge-
hen, sofort mit zu treffenden und für die allge-
meine Sicherheit Deutschlands wirksamen Mitteln
zu behandeln. Statt dessen zeigt sich jetzt neben
und nach jenen Vorgängen das noch viel trauri-
[Spaltenumbruch] gere Schauspiel, daß die Jnstanzen verwirrt und
geschwächt sind, von denen allein die Hülfe und
Rettung bei einem neuen Gang der Revolution
durch Deutschland ausgehen kann. Es ist bereits
dahin gekommen, daß man in solchen Fällen nicht
mehr weiß, wer eigentlich der Helfer sein soll
und darf, und daß dann der Streit über die Hel-
ferfrage wichtiger zu werden scheint, als die Hülfe
selbst und ihre dabei auf dem Spiele stehenden
Prinzipien. Aus diesem Standpunkte müssen wir
die Kurzsichtigkeit tadeln, mit der man in den
Kasseler Verwirrungen einen Triumph der preu-
ßischen Unionspolitik erblicken und eine definitive
Bestätigung derselben daraus entnehmen will.
Auch die Union zeigt in ihrer jetzigen Hinfällig-
keit und Standpunktlosigkeit Preußen nur auf das
hin, was hier allein helfen kann: nämlich auf die
baldige Einverständigung von Oesterreich u. Preu-
ßen und auf die Einsetzung einer starken, auf dem
Niveau der europäischen Machtverhältnisse stehen-
den Regierung für Deutschland. Je schärfere
Aufmerksamkeit die preußische Regierung den Zu-
ständen in Kassel schenkte, um so mehr mußte
man sich wundern, daß der dortige preußische Ge-
schäftsträger, Herr von Thiele, in der letzten Zeit
fortdauernd von Kassel abwesend blieb und die
ganze verhängnißvolle Zeit ruhig im Seebade auf
Helgoland verweilte. Erst jetzt hat ihn die Re-
gierung dorthin zurückberufen, nachdem sie sich in
den letzten Tagen durch einen andern, jedoch ohne
offiziellen Charakter, nach Kassel gesandten Be-
amten hatte Bericht erstatten lassen. Die Jnter-
ventionsfrage, mit der man sich hier so viel und
so eifrig beschäftigt hat, wird vielleicht bald eine
ganz andere Gestalt gewinnen, als man Anfangs
gedacht hatte. Die kurhessischen Volkszustände
neigen sich an sich, wie man jetzt einsieht, keiner
bewaffneten Einmischung entgegen, aber sie erfor-
dern eine Organisation, die nur durch die Auto-
rität und die Mittel des deutschen Bundesorgans
bewerkstelligt werden könnte. Es kann nicht feh-
len, daß die preuß. Combinationslust nun auch
die hessen=darmstädtischen Zustände sofort unter
den Gesichtspunkt der im Namen der Union sich
vollziehenden Rache auffaßt. Die erfolgte Eröff-
nung der hessen=darmstädtischen Kammern stellt
allerdings auch dort Conflikte in Aussicht, welche
dem deutschen Krankheitsprozeß neue Nahrung bie-
ten dürften.

Deutschland.

München, 23. Sept. Jm Justizministerium
soll man gegenwärtig mit der Abfassung ei-
ner Verordnung beschäftigt sein, wonach in Zu-
kunft jene Staatsdienstaspiranten, welche den Ac-
ceß bei einem Appellationsgericht oder einer Re-
gierung zu erhalten wünschen, sich noch einer be-
sonderen Prüfung zu unterziehen haben sollen. --
Se Maj. der König Max hat die Maler Peter
Heß und Feodor Dietz aus München mit Arbei-
ten für die bekannte weltgeschichtliche Bildergalle-
rie beauftragt, einen ähnlichen Auftrag hat auch
die la Roche in Paris erhalten. -- Sr. Maj.
der König haben dem von beiden Kammern aus-
gesprochenen Wunsche gemäß die Reorganisation
der Porzellain=Manufaktur in Nymphenburg al-
[Spaltenumbruch] lergnädigst zu genehmigen geruht. Die Preise
der Erzeugnisse dieser berühmten Anstalt sind da-
durch bedeutend ermäßigt worden. -- Das Mi-
nisterium des Handels und der öffentlichen Arbei-
ten hat auf ein desfalls eingerichtetes Gesuch des
Münchner=Magistrats und des Collegiums der Ge-
meindebevollmächtigten hin, die Herabsetzung der
Personenfahrten auf der Eisenbahnstrecke zwischen
Nürnberg und München während der diesjährigen
Oktoberfestwoche bewilligt.

München, 25. Sept. Das Wühlerthum hat
an der Anarchie in Hessen eine fette Weide ge-
funden; die demokratischen Blätter überströmen
von constitutionellen Phrasen und werden nicht
satt mit Lobgesängen auf die herrliche Gestaltung
der Dinge in Hessen. Der Einsichtigere wird
sich nicht verwundern, daß eine große Zahl ver-
kappter Revolutionsblätter, welche aber sorgfältig
die Fahne nach dem Winde drehen und gewöhn-
lich sogar heuchlerisch eine gewisse Loyalitätshal-
tung zum Schein zu tragen sich angewöhnt hat-
ten, nun plötzlich ihre Maske abwerfen und mit
vollen Backen in das Revolutionsfeuer in Hessen
und in Schleswig hineinblasen. Man sieht es
auch hier den Demokraten in ihren Gesichtern,
in ihren Worten und Handlungen an, daß sie
eine baldige reiche Erndte für sich erwarten.

Von der Blies, 23. Sept. Zur Charakteri-
stik des Fabrikrathes von Zweibrücken, der die
bekannte Drohadresse zu Gunsten Tafel's an den
Hochw. Hrn. Bischof hat abgehen lassen, kann ich
Jhnen, so schreibt ein Correspondent dem M.
Journal, einige ergötzliche Thatsachen mitttheilen.
Es sind dies dieselben Männer, die, als der von
Tafel selbst auserwählte Pfarreiverwalter, Herr
Pfarrer Hohmann von Rünschweiler, im Jahre
1848 einem erklärten Deutschkatholiken die kirch-
liche Beerdigung verweigerte, weil derselbe nicht
mehr zur katholischen Kirche, also auch nicht in
den Kreis seiner Amtsthätigkeit gehöre, -- in ei-
nem Artikel des "Zweibrücker Wochenblattes"
sämmtliche Bewohner Zweibrückens zur Leichen-
feier, "dieses braven, allgemein geachteten Man-
nes " einluden. Die Folge dieser gegen den wür-
digen Pfarreiverwalter gerichteten Demonstration
war eine an demselben Abende noch dem pflicht-
getreu handelnden Priester gebrachte Katzenmusik
und Fenstereinwerfen, wobei die Steine mit zar-
ter Anfmerksamkeit so gelenkt wurden, daß sie die
Fenster nicht berührten, an denen die Blumenstöcke
Ehren=Tafels ausgestellt waren. Pfarrer Hoh-
mann verließ augenblicklich Zweibrücken. Es ist
derselbe Fabrikrath, der bei der Firmungsreise des
Hrn. Bischofs von Speyer im Jahre 1849 sich
weigerte, denselben entgegen zu gehen und durch
diese geringschätzende Verachtung den Hochw. Hrn.
zwang, in einem benachbarten Dorfe Absteige-
quartier zu nehmen und in einem anderen Hause als
in dem des Pfarres von Zweibrücken Gastfreund-
schaft zu suchen. Natürlich: es gehörte ja damals
zum guten Tone, mit Ehren=Tafel über den Druck der
Hierarchie auf die niedere Geistlichkeit zu schim-
pfen und die Träger dieser Hierarchie zu belei-
digen; und jetzt sucht diese Partei Schutz gegen
dieselbe niedere Geistlichkeit bei jenem von ihr
mit Verachtung behandelten und geschmähten
Tyrannen. Die Nemesis eilt schnell! Ein Mit-

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Die Ereignisse in Kurhessen und die gleich-
zeitigen Nachrichten vom schleswig = holsteinischen
Kriegsschauplatz brachten einen bedeutenden Anstoß
in die politische Stimmung zu Berlin, die so
lange Zeit ziemlich träge in sich selbst ausruhte.
Es will uns bedünken, als wenn die preußische
Regierung oder wenigstens einzelne Organe der-
selben, die kurhessische Angelegenheit unter einem
zu kleinen und einseitigen Gesichtswinkel zu be-
messen geneigt wären. Dies würde um so bekla-
genswerther sein, als dann die einzig fruchtbrin-
gende Nutzanwendung, welche aus jener traurigen
Begebenheit für die allgemeine Angelegenheit
Deutschlands erzielt werden könnte, verloren gehen
müßte. Es herrscht nämlich, wie es scheint, die
Neigung vor, die kurhessische Krisis lediglich vom
Unionsstandpunkt aus zu betrachten und auszubeu-
ten, und darin eine gewisse Schadenfreude, als
handle es sich jetzt um die Strafe Kurhessens für
den Abfall von der Union, mit neuen Entschlie-
ßungen zur Definitivmachung dieser Union zu ver-
binden. Unseres Erachtens müßten in diesem dro-
henden Augenblick, der auf ein jammervolles und
weiter um sich greifendes Zerfallen der deutschen
Mittelstaaten, und damit der Organisation Deutsch-
lands überhaupt hinweiset, ganz andere Entschlüsse
reifen. Es gehört kein tiefer staatsmännischer Blick
dazu, um zu erkennen, welchen allgemeinen Grund
die Zerlösung der kurhessischen Staatsverhältnisse
hat. Jn vielen Artikeln wird bereits mehrfach
darauf hingewiesen, daß den Vorgängen in Kassel
bald auch ähnliche Scenen in Württemberg und
in Hessen=Darmstadt auf dem Fuße folgen wür-
den. Wenn unsere Presse den Zusammenhang
aller dieser Symptome vollkommen begreift, so
wäre es noch bei weitem immer mehr Pflicht,
endlich unumwunden die allgemeine Ursache dieser
Zerrüttung zu erkennen und sie einzugestehen.
Diese Ursache ist aber in nichts Anderem enthal-
ten, als in dem fortdauernden Bruch der beiden
deutschen Großmächte, und in dem dadurch her-
beigeführten Mangel einer leitenden Centralgewalt
in Deutschland. Der österreichischen Politik macht
man auch bereits nicht mehr die Anerkennung
streitig, daß sie durch ihr consequentes Hindringen
auf die Beschaffung einer neuen provisorischen Cen-
tralgewalt, dem gegenwärtigen Krankheitsprozeß
Deutschlands rechtzeitig und auf dem entscheiden-
den Punkt beizuspringen, bestrebt gewesen. Wäre
dies Bestreben nicht durch den Widerstand der in
ihren eigentlichen Jnteressen dabei gar nicht be-
theiligten Unionspolitik an seinen raschen Erfolgen
behindert gewesen, so würde den traurigen Des-
organisationen, die sich in der Mitte Deutschlands
jetzt bereiten, dadurch zeitig ein organischer Damm
entgegengestellt worden sein. Durch die Herstel-
lung einer neuen Centralgewalt für Deutschland
würden nicht nur die großen leitenden Prinzipien
der Zeit bereits ihre definitive Sicherung erfah-
ren haben, sondern es würde auch die Norm ge-
wonnen sein, solche allerdings weiter greifenden
Zerfallenheiten, wie sie in Kurhessen jetzt vorge-
hen, sofort mit zu treffenden und für die allge-
meine Sicherheit Deutschlands wirksamen Mitteln
zu behandeln. Statt dessen zeigt sich jetzt neben
und nach jenen Vorgängen das noch viel trauri-
[Spaltenumbruch] gere Schauspiel, daß die Jnstanzen verwirrt und
geschwächt sind, von denen allein die Hülfe und
Rettung bei einem neuen Gang der Revolution
durch Deutschland ausgehen kann. Es ist bereits
dahin gekommen, daß man in solchen Fällen nicht
mehr weiß, wer eigentlich der Helfer sein soll
und darf, und daß dann der Streit über die Hel-
ferfrage wichtiger zu werden scheint, als die Hülfe
selbst und ihre dabei auf dem Spiele stehenden
Prinzipien. Aus diesem Standpunkte müssen wir
die Kurzsichtigkeit tadeln, mit der man in den
Kasseler Verwirrungen einen Triumph der preu-
ßischen Unionspolitik erblicken und eine definitive
Bestätigung derselben daraus entnehmen will.
Auch die Union zeigt in ihrer jetzigen Hinfällig-
keit und Standpunktlosigkeit Preußen nur auf das
hin, was hier allein helfen kann: nämlich auf die
baldige Einverständigung von Oesterreich u. Preu-
ßen und auf die Einsetzung einer starken, auf dem
Niveau der europäischen Machtverhältnisse stehen-
den Regierung für Deutschland. Je schärfere
Aufmerksamkeit die preußische Regierung den Zu-
ständen in Kassel schenkte, um so mehr mußte
man sich wundern, daß der dortige preußische Ge-
schäftsträger, Herr von Thiele, in der letzten Zeit
fortdauernd von Kassel abwesend blieb und die
ganze verhängnißvolle Zeit ruhig im Seebade auf
Helgoland verweilte. Erst jetzt hat ihn die Re-
gierung dorthin zurückberufen, nachdem sie sich in
den letzten Tagen durch einen andern, jedoch ohne
offiziellen Charakter, nach Kassel gesandten Be-
amten hatte Bericht erstatten lassen. Die Jnter-
ventionsfrage, mit der man sich hier so viel und
so eifrig beschäftigt hat, wird vielleicht bald eine
ganz andere Gestalt gewinnen, als man Anfangs
gedacht hatte. Die kurhessischen Volkszustände
neigen sich an sich, wie man jetzt einsieht, keiner
bewaffneten Einmischung entgegen, aber sie erfor-
dern eine Organisation, die nur durch die Auto-
rität und die Mittel des deutschen Bundesorgans
bewerkstelligt werden könnte. Es kann nicht feh-
len, daß die preuß. Combinationslust nun auch
die hessen=darmstädtischen Zustände sofort unter
den Gesichtspunkt der im Namen der Union sich
vollziehenden Rache auffaßt. Die erfolgte Eröff-
nung der hessen=darmstädtischen Kammern stellt
allerdings auch dort Conflikte in Aussicht, welche
dem deutschen Krankheitsprozeß neue Nahrung bie-
ten dürften.

Deutschland.

München, 23. Sept. Jm Justizministerium
soll man gegenwärtig mit der Abfassung ei-
ner Verordnung beschäftigt sein, wonach in Zu-
kunft jene Staatsdienstaspiranten, welche den Ac-
ceß bei einem Appellationsgericht oder einer Re-
gierung zu erhalten wünschen, sich noch einer be-
sonderen Prüfung zu unterziehen haben sollen. --
Se Maj. der König Max hat die Maler Peter
Heß und Feodor Dietz aus München mit Arbei-
ten für die bekannte weltgeschichtliche Bildergalle-
rie beauftragt, einen ähnlichen Auftrag hat auch
die la Roche in Paris erhalten. -- Sr. Maj.
der König haben dem von beiden Kammern aus-
gesprochenen Wunsche gemäß die Reorganisation
der Porzellain=Manufaktur in Nymphenburg al-
[Spaltenumbruch] lergnädigst zu genehmigen geruht. Die Preise
der Erzeugnisse dieser berühmten Anstalt sind da-
durch bedeutend ermäßigt worden. -- Das Mi-
nisterium des Handels und der öffentlichen Arbei-
ten hat auf ein desfalls eingerichtetes Gesuch des
Münchner=Magistrats und des Collegiums der Ge-
meindebevollmächtigten hin, die Herabsetzung der
Personenfahrten auf der Eisenbahnstrecke zwischen
Nürnberg und München während der diesjährigen
Oktoberfestwoche bewilligt.

München, 25. Sept. Das Wühlerthum hat
an der Anarchie in Hessen eine fette Weide ge-
funden; die demokratischen Blätter überströmen
von constitutionellen Phrasen und werden nicht
satt mit Lobgesängen auf die herrliche Gestaltung
der Dinge in Hessen. Der Einsichtigere wird
sich nicht verwundern, daß eine große Zahl ver-
kappter Revolutionsblätter, welche aber sorgfältig
die Fahne nach dem Winde drehen und gewöhn-
lich sogar heuchlerisch eine gewisse Loyalitätshal-
tung zum Schein zu tragen sich angewöhnt hat-
ten, nun plötzlich ihre Maske abwerfen und mit
vollen Backen in das Revolutionsfeuer in Hessen
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stik des Fabrikrathes von Zweibrücken, der die
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Tafel selbst auserwählte Pfarreiverwalter, Herr
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1848 einem erklärten Deutschkatholiken die kirch-
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mehr zur katholischen Kirche, also auch nicht in
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feier, „dieses braven, allgemein geachteten Man-
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digen Pfarreiverwalter gerichteten Demonstration
war eine an demselben Abende noch dem pflicht-
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und Fenstereinwerfen, wobei die Steine mit zar-
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Fenster nicht berührten, an denen die Blumenstöcke
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zwang, in einem benachbarten Dorfe Absteige-
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in dem des Pfarres von Zweibrücken Gastfreund-
schaft zu suchen. Natürlich: es gehörte ja damals
zum guten Tone, mit Ehren=Tafel über den Druck der
Hierarchie auf die niedere Geistlichkeit zu schim-
pfen und die Träger dieser Hierarchie zu belei-
digen; und jetzt sucht diese Partei Schutz gegen
dieselbe niedere Geistlichkeit bei jenem von ihr
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[0001] Die Bayerische Presse. Abonnement: Ganzjährig 6. Halbjährig 3 fl. Vierteljährig 1 fl. 30 kr. Monatlich für die Stadt 30 kr. Eine constitutionell-monarchische Zeitung. Expedition: Jm Schenkhofe 2. Distr. Nr. 533. Einrückungsgebühr: die gespaltene Pe- titzeile oder deren Raum 3 kr. Briefe und Gelder frei. Nr. 232. Würzburg, Freitag den 27. September. 1850. Kurhessen und Preußen. Die Ereignisse in Kurhessen und die gleich- zeitigen Nachrichten vom schleswig = holsteinischen Kriegsschauplatz brachten einen bedeutenden Anstoß in die politische Stimmung zu Berlin, die so lange Zeit ziemlich träge in sich selbst ausruhte. Es will uns bedünken, als wenn die preußische Regierung oder wenigstens einzelne Organe der- selben, die kurhessische Angelegenheit unter einem zu kleinen und einseitigen Gesichtswinkel zu be- messen geneigt wären. Dies würde um so bekla- genswerther sein, als dann die einzig fruchtbrin- gende Nutzanwendung, welche aus jener traurigen Begebenheit für die allgemeine Angelegenheit Deutschlands erzielt werden könnte, verloren gehen müßte. Es herrscht nämlich, wie es scheint, die Neigung vor, die kurhessische Krisis lediglich vom Unionsstandpunkt aus zu betrachten und auszubeu- ten, und darin eine gewisse Schadenfreude, als handle es sich jetzt um die Strafe Kurhessens für den Abfall von der Union, mit neuen Entschlie- ßungen zur Definitivmachung dieser Union zu ver- binden. Unseres Erachtens müßten in diesem dro- henden Augenblick, der auf ein jammervolles und weiter um sich greifendes Zerfallen der deutschen Mittelstaaten, und damit der Organisation Deutsch- lands überhaupt hinweiset, ganz andere Entschlüsse reifen. Es gehört kein tiefer staatsmännischer Blick dazu, um zu erkennen, welchen allgemeinen Grund die Zerlösung der kurhessischen Staatsverhältnisse hat. Jn vielen Artikeln wird bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß den Vorgängen in Kassel bald auch ähnliche Scenen in Württemberg und in Hessen=Darmstadt auf dem Fuße folgen wür- den. Wenn unsere Presse den Zusammenhang aller dieser Symptome vollkommen begreift, so wäre es noch bei weitem immer mehr Pflicht, endlich unumwunden die allgemeine Ursache dieser Zerrüttung zu erkennen und sie einzugestehen. Diese Ursache ist aber in nichts Anderem enthal- ten, als in dem fortdauernden Bruch der beiden deutschen Großmächte, und in dem dadurch her- beigeführten Mangel einer leitenden Centralgewalt in Deutschland. Der österreichischen Politik macht man auch bereits nicht mehr die Anerkennung streitig, daß sie durch ihr consequentes Hindringen auf die Beschaffung einer neuen provisorischen Cen- tralgewalt, dem gegenwärtigen Krankheitsprozeß Deutschlands rechtzeitig und auf dem entscheiden- den Punkt beizuspringen, bestrebt gewesen. Wäre dies Bestreben nicht durch den Widerstand der in ihren eigentlichen Jnteressen dabei gar nicht be- theiligten Unionspolitik an seinen raschen Erfolgen behindert gewesen, so würde den traurigen Des- organisationen, die sich in der Mitte Deutschlands jetzt bereiten, dadurch zeitig ein organischer Damm entgegengestellt worden sein. Durch die Herstel- lung einer neuen Centralgewalt für Deutschland würden nicht nur die großen leitenden Prinzipien der Zeit bereits ihre definitive Sicherung erfah- ren haben, sondern es würde auch die Norm ge- wonnen sein, solche allerdings weiter greifenden Zerfallenheiten, wie sie in Kurhessen jetzt vorge- hen, sofort mit zu treffenden und für die allge- meine Sicherheit Deutschlands wirksamen Mitteln zu behandeln. Statt dessen zeigt sich jetzt neben und nach jenen Vorgängen das noch viel trauri- gere Schauspiel, daß die Jnstanzen verwirrt und geschwächt sind, von denen allein die Hülfe und Rettung bei einem neuen Gang der Revolution durch Deutschland ausgehen kann. Es ist bereits dahin gekommen, daß man in solchen Fällen nicht mehr weiß, wer eigentlich der Helfer sein soll und darf, und daß dann der Streit über die Hel- ferfrage wichtiger zu werden scheint, als die Hülfe selbst und ihre dabei auf dem Spiele stehenden Prinzipien. Aus diesem Standpunkte müssen wir die Kurzsichtigkeit tadeln, mit der man in den Kasseler Verwirrungen einen Triumph der preu- ßischen Unionspolitik erblicken und eine definitive Bestätigung derselben daraus entnehmen will. Auch die Union zeigt in ihrer jetzigen Hinfällig- keit und Standpunktlosigkeit Preußen nur auf das hin, was hier allein helfen kann: nämlich auf die baldige Einverständigung von Oesterreich u. Preu- ßen und auf die Einsetzung einer starken, auf dem Niveau der europäischen Machtverhältnisse stehen- den Regierung für Deutschland. Je schärfere Aufmerksamkeit die preußische Regierung den Zu- ständen in Kassel schenkte, um so mehr mußte man sich wundern, daß der dortige preußische Ge- schäftsträger, Herr von Thiele, in der letzten Zeit fortdauernd von Kassel abwesend blieb und die ganze verhängnißvolle Zeit ruhig im Seebade auf Helgoland verweilte. Erst jetzt hat ihn die Re- gierung dorthin zurückberufen, nachdem sie sich in den letzten Tagen durch einen andern, jedoch ohne offiziellen Charakter, nach Kassel gesandten Be- amten hatte Bericht erstatten lassen. Die Jnter- ventionsfrage, mit der man sich hier so viel und so eifrig beschäftigt hat, wird vielleicht bald eine ganz andere Gestalt gewinnen, als man Anfangs gedacht hatte. Die kurhessischen Volkszustände neigen sich an sich, wie man jetzt einsieht, keiner bewaffneten Einmischung entgegen, aber sie erfor- dern eine Organisation, die nur durch die Auto- rität und die Mittel des deutschen Bundesorgans bewerkstelligt werden könnte. Es kann nicht feh- len, daß die preuß. Combinationslust nun auch die hessen=darmstädtischen Zustände sofort unter den Gesichtspunkt der im Namen der Union sich vollziehenden Rache auffaßt. Die erfolgte Eröff- nung der hessen=darmstädtischen Kammern stellt allerdings auch dort Conflikte in Aussicht, welche dem deutschen Krankheitsprozeß neue Nahrung bie- ten dürften. Deutschland. München, 23. Sept. Jm Justizministerium soll man gegenwärtig mit der Abfassung ei- ner Verordnung beschäftigt sein, wonach in Zu- kunft jene Staatsdienstaspiranten, welche den Ac- ceß bei einem Appellationsgericht oder einer Re- gierung zu erhalten wünschen, sich noch einer be- sonderen Prüfung zu unterziehen haben sollen. -- Se Maj. der König Max hat die Maler Peter Heß und Feodor Dietz aus München mit Arbei- ten für die bekannte weltgeschichtliche Bildergalle- rie beauftragt, einen ähnlichen Auftrag hat auch die la Roche in Paris erhalten. -- Sr. Maj. der König haben dem von beiden Kammern aus- gesprochenen Wunsche gemäß die Reorganisation der Porzellain=Manufaktur in Nymphenburg al- lergnädigst zu genehmigen geruht. Die Preise der Erzeugnisse dieser berühmten Anstalt sind da- durch bedeutend ermäßigt worden. -- Das Mi- nisterium des Handels und der öffentlichen Arbei- ten hat auf ein desfalls eingerichtetes Gesuch des Münchner=Magistrats und des Collegiums der Ge- meindebevollmächtigten hin, die Herabsetzung der Personenfahrten auf der Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und München während der diesjährigen Oktoberfestwoche bewilligt. München, 25. Sept. Das Wühlerthum hat an der Anarchie in Hessen eine fette Weide ge- funden; die demokratischen Blätter überströmen von constitutionellen Phrasen und werden nicht satt mit Lobgesängen auf die herrliche Gestaltung der Dinge in Hessen. Der Einsichtigere wird sich nicht verwundern, daß eine große Zahl ver- kappter Revolutionsblätter, welche aber sorgfältig die Fahne nach dem Winde drehen und gewöhn- lich sogar heuchlerisch eine gewisse Loyalitätshal- tung zum Schein zu tragen sich angewöhnt hat- ten, nun plötzlich ihre Maske abwerfen und mit vollen Backen in das Revolutionsfeuer in Hessen und in Schleswig hineinblasen. Man sieht es auch hier den Demokraten in ihren Gesichtern, in ihren Worten und Handlungen an, daß sie eine baldige reiche Erndte für sich erwarten. Von der Blies, 23. Sept. Zur Charakteri- stik des Fabrikrathes von Zweibrücken, der die bekannte Drohadresse zu Gunsten Tafel's an den Hochw. Hrn. Bischof hat abgehen lassen, kann ich Jhnen, so schreibt ein Correspondent dem M. Journal, einige ergötzliche Thatsachen mitttheilen. Es sind dies dieselben Männer, die, als der von Tafel selbst auserwählte Pfarreiverwalter, Herr Pfarrer Hohmann von Rünschweiler, im Jahre 1848 einem erklärten Deutschkatholiken die kirch- liche Beerdigung verweigerte, weil derselbe nicht mehr zur katholischen Kirche, also auch nicht in den Kreis seiner Amtsthätigkeit gehöre, -- in ei- nem Artikel des „Zweibrücker Wochenblattes“ sämmtliche Bewohner Zweibrückens zur Leichen- feier, „dieses braven, allgemein geachteten Man- nes “ einluden. Die Folge dieser gegen den wür- digen Pfarreiverwalter gerichteten Demonstration war eine an demselben Abende noch dem pflicht- getreu handelnden Priester gebrachte Katzenmusik und Fenstereinwerfen, wobei die Steine mit zar- ter Anfmerksamkeit so gelenkt wurden, daß sie die Fenster nicht berührten, an denen die Blumenstöcke Ehren=Tafels ausgestellt waren. Pfarrer Hoh- mann verließ augenblicklich Zweibrücken. Es ist derselbe Fabrikrath, der bei der Firmungsreise des Hrn. Bischofs von Speyer im Jahre 1849 sich weigerte, denselben entgegen zu gehen und durch diese geringschätzende Verachtung den Hochw. Hrn. zwang, in einem benachbarten Dorfe Absteige- quartier zu nehmen und in einem anderen Hause als in dem des Pfarres von Zweibrücken Gastfreund- schaft zu suchen. Natürlich: es gehörte ja damals zum guten Tone, mit Ehren=Tafel über den Druck der Hierarchie auf die niedere Geistlichkeit zu schim- pfen und die Träger dieser Hierarchie zu belei- digen; und jetzt sucht diese Partei Schutz gegen dieselbe niedere Geistlichkeit bei jenem von ihr mit Verachtung behandelten und geschmähten Tyrannen. Die Nemesis eilt schnell! Ein Mit-

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Zitationshilfe: Die Bayerische Presse. Nr. 232. Würzburg, 27. September 1850, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/nn_bayerische232_1850/1>, abgerufen am 28.06.2022.