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Mühlpfort, Heinrich: Teutsche Gedichte. Bd. 1. Breslau u. a., 1686.

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Leichen-Gedichte.
3.
Der Fortgang mit erwachsnen Jahren/
Jst nur ein Weg zu größrer Pein/
Diß was wir lesen und erfahren
Wird oft ein faul Geschwätze seyn.
Weil unser Wissen unvollkommen/
Und der Verstand voll Unverstand;
So ist/ was wir je für genommen
Auf nichts gebaut als Trübe-Sand.
4.
Wir mögen in die Frembde reisen/
Der Kummer zieht uns immer nach.
Bey Freuden/ Wollust/ Schertz und Speisen
Drückt uns manch heimlich Ungemach.
Der Welt verdammte Heucheleyen/
Die nehmen Tugend-Larven an.
Wie kan ein redlich Hertz sich freuen
Das unter ein solch Joch gethan?
5.
Und wenn wir nun viel zubesitzen/
Das Leben in Gefahr gewagt.
Was kan es bey dem Hintritt nützen/
Wenn uns die letzte Noth betagt?
Da sehen wir daß alles flüchtig/
So weit das Rad der Sonnen geht.
Daß unser Hände Wercke nichtig
Und bloß der Unbestand besteht.
6.
Und wünschen wir die grauen Haare?
Das Alter ist ein schwerer Gast.
Es prediget nur von der Bahre
Und nennt das Leben eine Last.
Das eben führt die jenen Tage/
So keinem nicht gefällig seyn.
Da man nur Jammer/ Angst und Plage
Vor Freuden-Früchte sammlet ein.
7.
Und ob es köstlich auch gewesen/
So hat es Müh und Noth verzehrt.
Wer wolt ihm nicht diß auserlesen
Was uns die wahre Ruh beschert?
Wer
Leichen-Gedichte.
3.
Der Fortgang mit erwachſnen Jahren/
Jſt nur ein Weg zu groͤßrer Pein/
Diß was wir leſen und erfahren
Wird oft ein faul Geſchwaͤtze ſeyn.
Weil unſer Wiſſen unvollkommen/
Und der Verſtand voll Unverſtand;
So iſt/ was wir je fuͤr genommen
Auf nichts gebaut als Truͤbe-Sand.
4.
Wir moͤgen in die Frembde reiſen/
Der Kummer zieht uns immer nach.
Bey Freuden/ Wolluſt/ Schertz und Speiſen
Druͤckt uns manch heimlich Ungemach.
Der Welt verdammte Heucheleyen/
Die nehmen Tugend-Larven an.
Wie kan ein redlich Hertz ſich freuen
Das unter ein ſolch Joch gethan?
5.
Und wenn wir nun viel zubeſitzen/
Das Leben in Gefahr gewagt.
Was kan es bey dem Hintritt nuͤtzen/
Wenn uns die letzte Noth betagt?
Da ſehen wir daß alles fluͤchtig/
So weit das Rad der Sonnen geht.
Daß unſer Haͤnde Wercke nichtig
Und bloß der Unbeſtand beſteht.
6.
Und wuͤnſchen wir die grauen Haare?
Das Alter iſt ein ſchwerer Gaſt.
Es prediget nur von der Bahre
Und nennt das Leben eine Laſt.
Das eben fuͤhrt die jenen Tage/
So keinem nicht gefaͤllig ſeyn.
Da man nur Jammer/ Angſt und Plage
Vor Freuden-Fruͤchte ſammlet ein.
7.
Und ob es koͤſtlich auch geweſen/
So hat es Muͤh und Noth verzehrt.
Wer wolt ihm nicht diß auserleſen
Was uns die wahre Ruh beſchert?
Wer
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[335/0567] Leichen-Gedichte. 3. Der Fortgang mit erwachſnen Jahren/ Jſt nur ein Weg zu groͤßrer Pein/ Diß was wir leſen und erfahren Wird oft ein faul Geſchwaͤtze ſeyn. Weil unſer Wiſſen unvollkommen/ Und der Verſtand voll Unverſtand; So iſt/ was wir je fuͤr genommen Auf nichts gebaut als Truͤbe-Sand. 4. Wir moͤgen in die Frembde reiſen/ Der Kummer zieht uns immer nach. Bey Freuden/ Wolluſt/ Schertz und Speiſen Druͤckt uns manch heimlich Ungemach. Der Welt verdammte Heucheleyen/ Die nehmen Tugend-Larven an. Wie kan ein redlich Hertz ſich freuen Das unter ein ſolch Joch gethan? 5. Und wenn wir nun viel zubeſitzen/ Das Leben in Gefahr gewagt. Was kan es bey dem Hintritt nuͤtzen/ Wenn uns die letzte Noth betagt? Da ſehen wir daß alles fluͤchtig/ So weit das Rad der Sonnen geht. Daß unſer Haͤnde Wercke nichtig Und bloß der Unbeſtand beſteht. 6. Und wuͤnſchen wir die grauen Haare? Das Alter iſt ein ſchwerer Gaſt. Es prediget nur von der Bahre Und nennt das Leben eine Laſt. Das eben fuͤhrt die jenen Tage/ So keinem nicht gefaͤllig ſeyn. Da man nur Jammer/ Angſt und Plage Vor Freuden-Fruͤchte ſammlet ein. 7. Und ob es koͤſtlich auch geweſen/ So hat es Muͤh und Noth verzehrt. Wer wolt ihm nicht diß auserleſen Was uns die wahre Ruh beſchert? Wer

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Zitationshilfe: Mühlpfort, Heinrich: Teutsche Gedichte. Bd. 1. Breslau u. a., 1686, S. 335. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/muehlpfort_gedichte01_1686/567>, abgerufen am 24.07.2024.