Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 7, St. 1. Berlin, 1789.Also ists überhaupt oft Befriedigung der Seele -- ein gewisses Ziel erreicht zu haben -- sey es auch, welches es wolle! -- Gestillte Rachsucht wird Wohlbehagen, da eine Last gehoben ist, welche uns drückte, -- das Blut wird ruhiger, -- die Vernunft und das Nachdenken tritt erst spät aus dem Hintergrunde hervor -- und die besten Menschen können, durch Rachsucht verleitet, die abscheulichsten Thaten thun. Wenn auch die guten moralischen Gesinnungen, die Verbrecher am Rande ihrer Bestrafung äußern, oft nichts als Folgen einer erzwungenen Besserung sind, die man zu leicht einer großen Einwirkung religiöser Begriffe zuschreibt, so unterscheidet sich doch Simmen auch dadurch sehr von dem Bösewicht Rüdgerodt, daß der letztere bis an sein Ende hart wie Eisen blieb, Simmen hingegen sehr deutliche Spuren seiner innigen Reue blicken ließ. Sein ganzes Verhalten im Gefängnisse war exemplarisch gut, und sein Abschied von seiner Familie gleicht der traurigen Scene des Calas, als er von den Seinigen Abschied nahm. Merkwürdig bleibt aber in der ganzen Erfahrungsgeschichte des Simmen ein heimlich verborgenliegender Gedanke, wenigstens anfangs, daß sein Schwager eine solche Behandlung verdient habe. Jmmer schob die Rachsucht hier den Gedanken unter: du hast deinen Feind ermordet, -- und darum ist die Hand- Also ists uͤberhaupt oft Befriedigung der Seele — ein gewisses Ziel erreicht zu haben — sey es auch, welches es wolle! — Gestillte Rachsucht wird Wohlbehagen, da eine Last gehoben ist, welche uns druͤckte, — das Blut wird ruhiger, — die Vernunft und das Nachdenken tritt erst spaͤt aus dem Hintergrunde hervor — und die besten Menschen koͤnnen, durch Rachsucht verleitet, die abscheulichsten Thaten thun. Wenn auch die guten moralischen Gesinnungen, die Verbrecher am Rande ihrer Bestrafung aͤußern, oft nichts als Folgen einer erzwungenen Besserung sind, die man zu leicht einer großen Einwirkung religioͤser Begriffe zuschreibt, so unterscheidet sich doch Simmen auch dadurch sehr von dem Boͤsewicht Ruͤdgerodt, daß der letztere bis an sein Ende hart wie Eisen blieb, Simmen hingegen sehr deutliche Spuren seiner innigen Reue blicken ließ. Sein ganzes Verhalten im Gefaͤngnisse war exemplarisch gut, und sein Abschied von seiner Familie gleicht der traurigen Scene des Calas, als er von den Seinigen Abschied nahm. Merkwuͤrdig bleibt aber in der ganzen Erfahrungsgeschichte des Simmen ein heimlich verborgenliegender Gedanke, wenigstens anfangs, daß sein Schwager eine solche Behandlung verdient habe. Jmmer schob die Rachsucht hier den Gedanken unter: du hast deinen Feind ermordet, — und darum ist die Hand- <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <div n="3"> <pb facs="#f0074" n="72"/><lb/> <p><hi rendition="#b">Also ists uͤberhaupt oft Befriedigung der Seele — ein gewisses Ziel erreicht zu haben — sey es auch, welches es wolle!</hi> — Gestillte Rachsucht wird Wohlbehagen, da eine Last gehoben ist, welche uns druͤckte, — das Blut wird ruhiger, — die Vernunft und das Nachdenken tritt erst <hi rendition="#b">spaͤt</hi> aus dem Hintergrunde hervor — und die besten Menschen koͤnnen, durch Rachsucht verleitet, die abscheulichsten Thaten thun.</p> <p>Wenn auch die guten moralischen Gesinnungen, die Verbrecher am Rande ihrer Bestrafung aͤußern, oft nichts als Folgen einer <hi rendition="#b">erzwungenen</hi> Besserung sind, die man <hi rendition="#b">zu leicht</hi> einer großen Einwirkung religioͤser Begriffe zuschreibt, so unterscheidet sich doch <hi rendition="#b">Simmen</hi> auch dadurch sehr von dem Boͤsewicht <hi rendition="#b">Ruͤdgerodt,</hi> daß der letztere bis an sein Ende hart wie Eisen blieb, <hi rendition="#b">Simmen</hi> hingegen sehr deutliche Spuren seiner innigen Reue blicken ließ. Sein ganzes Verhalten im Gefaͤngnisse war exemplarisch gut, und sein Abschied von seiner Familie gleicht der traurigen Scene des Calas, als er von den Seinigen Abschied nahm. Merkwuͤrdig bleibt aber in der ganzen Erfahrungsgeschichte des <hi rendition="#b">Simmen</hi> ein heimlich verborgenliegender Gedanke, wenigstens anfangs, daß sein Schwager eine solche Behandlung <hi rendition="#b">verdient</hi> habe. Jmmer schob die <hi rendition="#b">Rachsucht</hi> hier den Gedanken unter: du hast deinen Feind ermordet, — und darum ist die Hand-<lb/></p> </div> </div> </div> </body> </text> </TEI> [72/0074]
Also ists uͤberhaupt oft Befriedigung der Seele — ein gewisses Ziel erreicht zu haben — sey es auch, welches es wolle! — Gestillte Rachsucht wird Wohlbehagen, da eine Last gehoben ist, welche uns druͤckte, — das Blut wird ruhiger, — die Vernunft und das Nachdenken tritt erst spaͤt aus dem Hintergrunde hervor — und die besten Menschen koͤnnen, durch Rachsucht verleitet, die abscheulichsten Thaten thun.
Wenn auch die guten moralischen Gesinnungen, die Verbrecher am Rande ihrer Bestrafung aͤußern, oft nichts als Folgen einer erzwungenen Besserung sind, die man zu leicht einer großen Einwirkung religioͤser Begriffe zuschreibt, so unterscheidet sich doch Simmen auch dadurch sehr von dem Boͤsewicht Ruͤdgerodt, daß der letztere bis an sein Ende hart wie Eisen blieb, Simmen hingegen sehr deutliche Spuren seiner innigen Reue blicken ließ. Sein ganzes Verhalten im Gefaͤngnisse war exemplarisch gut, und sein Abschied von seiner Familie gleicht der traurigen Scene des Calas, als er von den Seinigen Abschied nahm. Merkwuͤrdig bleibt aber in der ganzen Erfahrungsgeschichte des Simmen ein heimlich verborgenliegender Gedanke, wenigstens anfangs, daß sein Schwager eine solche Behandlung verdient habe. Jmmer schob die Rachsucht hier den Gedanken unter: du hast deinen Feind ermordet, — und darum ist die Hand-
Suche im WerkInformationen zum Werk
Download dieses Werks
XML (TEI P5) ·
HTML ·
Text Metadaten zum WerkTEI-Header · CMDI · Dublin Core Ansichten dieser Seite
Voyant Tools ?Language Resource Switchboard?FeedbackSie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden. Kommentar zur DTA-AusgabeDieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen … Christof Wingertszahn, Sheila Dickson, Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, University of Glasgow: Erstellung der Transkription nach DTA-Richtlinien
(2015-06-09T11:00:00Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig, Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Konvertierung nach DTA-Basisformat
(2015-06-09T11:00:00Z)
UB Uni-Bielefeld: Bereitstellung der Bilddigitalisate
(2015-06-09T11:00:00Z)
Weitere Informationen:Anmerkungen zur Transkription:
|
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden. Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des § 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
2007–2024 Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Kontakt: redaktion(at)deutschestextarchiv.de. |