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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 2. Berlin, 1788.

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einem erstaunlichen Grade von Fanatism hinaufzuspannen, und es darin zu erhalten, so lange nicht jene Jdee verwischt wird, oder sich unter einer Menge ganz neuer anziehender Vorstellungen so verliert, daß die Seele nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit auf sie richten kann. Doch gewöhnlich kommen mehrere Hauptvorstellungen, und also auch mehrere Leidenschaften zusammen, die den Schwärmer bilden, und ihn zu jeder Seelenkur unfähig machen, sobald er sich in seiner Gemüthslage glücklich fühlt, und je größer er sich in einer Art von Weltverachtung vorkommt; -- denn eine versteckte Eitelkeit liegt doch gemeiniglich zum Grunde, die sich nicht selten bis auf gewisse glänzende Vorzüge des Schwärmers in einer andern Welt beziehen; nicht zu gedenken, daß sehr viele Enthusiasten, Fanatiker, fromme Brüder, und wie sie alle heissen mögen, sich deswegen aus der Welt zurückzogen, weil sie in derselben verkannt wurden, und darinn nicht glänzen konnten. Ueberdem hat der stille Umgang mit Gott und himmlischen Wesen, das Gefühl einer innern Erbauung, das Lesen ascetischer Schriften, das Bekämpfen äußerer Versuchungen, etwas erstaunlich Hinreissendes für den menschlichen Geist, sobald er sich von den Geschäften des geselligen Lebens abgesondert, und sich ganz in sich selbst hineingesenkt hat, und es hat Menschen genug gegeben, die bei aller Aufgeklärtheit des Geistes endlich, freilich wohl sehr oft durch einen gewissen äussern Umstand zur


einem erstaunlichen Grade von Fanatism hinaufzuspannen, und es darin zu erhalten, so lange nicht jene Jdee verwischt wird, oder sich unter einer Menge ganz neuer anziehender Vorstellungen so verliert, daß die Seele nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit auf sie richten kann. Doch gewoͤhnlich kommen mehrere Hauptvorstellungen, und also auch mehrere Leidenschaften zusammen, die den Schwaͤrmer bilden, und ihn zu jeder Seelenkur unfaͤhig machen, sobald er sich in seiner Gemuͤthslage gluͤcklich fuͤhlt, und je groͤßer er sich in einer Art von Weltverachtung vorkommt; — denn eine versteckte Eitelkeit liegt doch gemeiniglich zum Grunde, die sich nicht selten bis auf gewisse glaͤnzende Vorzuͤge des Schwaͤrmers in einer andern Welt beziehen; nicht zu gedenken, daß sehr viele Enthusiasten, Fanatiker, fromme Bruͤder, und wie sie alle heissen moͤgen, sich deswegen aus der Welt zuruͤckzogen, weil sie in derselben verkannt wurden, und darinn nicht glaͤnzen konnten. Ueberdem hat der stille Umgang mit Gott und himmlischen Wesen, das Gefuͤhl einer innern Erbauung, das Lesen ascetischer Schriften, das Bekaͤmpfen aͤußerer Versuchungen, etwas erstaunlich Hinreissendes fuͤr den menschlichen Geist, sobald er sich von den Geschaͤften des geselligen Lebens abgesondert, und sich ganz in sich selbst hineingesenkt hat, und es hat Menschen genug gegeben, die bei aller Aufgeklaͤrtheit des Geistes endlich, freilich wohl sehr oft durch einen gewissen aͤussern Umstand zur

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[17/0017] einem erstaunlichen Grade von Fanatism hinaufzuspannen, und es darin zu erhalten, so lange nicht jene Jdee verwischt wird, oder sich unter einer Menge ganz neuer anziehender Vorstellungen so verliert, daß die Seele nicht mehr die ganze Aufmerksamkeit auf sie richten kann. Doch gewoͤhnlich kommen mehrere Hauptvorstellungen, und also auch mehrere Leidenschaften zusammen, die den Schwaͤrmer bilden, und ihn zu jeder Seelenkur unfaͤhig machen, sobald er sich in seiner Gemuͤthslage gluͤcklich fuͤhlt, und je groͤßer er sich in einer Art von Weltverachtung vorkommt; — denn eine versteckte Eitelkeit liegt doch gemeiniglich zum Grunde, die sich nicht selten bis auf gewisse glaͤnzende Vorzuͤge des Schwaͤrmers in einer andern Welt beziehen; nicht zu gedenken, daß sehr viele Enthusiasten, Fanatiker, fromme Bruͤder, und wie sie alle heissen moͤgen, sich deswegen aus der Welt zuruͤckzogen, weil sie in derselben verkannt wurden, und darinn nicht glaͤnzen konnten. Ueberdem hat der stille Umgang mit Gott und himmlischen Wesen, das Gefuͤhl einer innern Erbauung, das Lesen ascetischer Schriften, das Bekaͤmpfen aͤußerer Versuchungen, etwas erstaunlich Hinreissendes fuͤr den menschlichen Geist, sobald er sich von den Geschaͤften des geselligen Lebens abgesondert, und sich ganz in sich selbst hineingesenkt hat, und es hat Menschen genug gegeben, die bei aller Aufgeklaͤrtheit des Geistes endlich, freilich wohl sehr oft durch einen gewissen aͤussern Umstand zur

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 2. Berlin, 1788, S. 17. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0602_1788/17>, abgerufen am 18.04.2024.