Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 1. Berlin, 1788.

Bild:
<< vorherige Seite


daß sie, ohne zu variiren, auf das allerpünktlichste noch mit einerlei Worten erzählen kann, was sie vor mehr als 20 Jahren vor Erscheinungen gehabt."

Noch muß ich erinnern:

Madam trinkt viel Kaffe, ist von starker Person, vollblütig, hat in ihrer Ehe sehr misvergnügt gelebt; was ihr etwa halb schlafend mag (ich schreibe mit Fleiß mag, weil etwas Zuversichtliches ich und viele andre gern aus der Seelenkunde lesen möchten, nämlich was Ew... von dieser ganzen Sache, so wie Sie davon benachrichtigt worden sind, halten) geträumt haben, hält sie vor wirklich gesehen und gehört.*) Freilich ein Lavater, der gleich überall lauter Wunder sieht, der einen Maler, welcher ihn ganz und gar nicht getroffen, plötzlich mit tausend Küssen soll umarmt haben, als jener sich entschuldigte - "er finde vor itzo freilich keine Aehnlichkeit, allein so und um kein Pünktlein anders werde er als ein Verklärter einmal im Himmel aussehen," - ein

*) Jch habe meine Meinung über Madam Beuter schon oben gesagt. Daß sie ihre Träumereien für etwas wirklich Gesehenes und Gehörtes hält, beweist nichts, da mir hundert Beispiele bekannt sind, daß lebhafte und vollblütige Leute ihre Träume für Wahrheit hielten, und, wegen der Lebhaftigkeit gewisser Vorstellungen, jene vom Wachen nicht unterscheiden# konnten, und - doch hatten sie offenbar geträumt. P.


daß sie, ohne zu variiren, auf das allerpuͤnktlichste noch mit einerlei Worten erzaͤhlen kann, was sie vor mehr als 20 Jahren vor Erscheinungen gehabt.«

Noch muß ich erinnern:

Madam trinkt viel Kaffe, ist von starker Person, vollbluͤtig, hat in ihrer Ehe sehr misvergnuͤgt gelebt; was ihr etwa halb schlafend mag (ich schreibe mit Fleiß mag, weil etwas Zuversichtliches ich und viele andre gern aus der Seelenkunde lesen moͤchten, naͤmlich was Ew... von dieser ganzen Sache, so wie Sie davon benachrichtigt worden sind, halten) getraͤumt haben, haͤlt sie vor wirklich gesehen und gehoͤrt.*) Freilich ein Lavater, der gleich uͤberall lauter Wunder sieht, der einen Maler, welcher ihn ganz und gar nicht getroffen, ploͤtzlich mit tausend Kuͤssen soll umarmt haben, als jener sich entschuldigte – »er finde vor itzo freilich keine Aehnlichkeit, allein so und um kein Puͤnktlein anders werde er als ein Verklaͤrter einmal im Himmel aussehen,« – ein

*) Jch habe meine Meinung uͤber Madam Beuter schon oben gesagt. Daß sie ihre Traͤumereien fuͤr etwas wirklich Gesehenes und Gehoͤrtes haͤlt, beweist nichts, da mir hundert Beispiele bekannt sind, daß lebhafte und vollbluͤtige Leute ihre Traͤume fuͤr Wahrheit hielten, und, wegen der Lebhaftigkeit gewisser Vorstellungen, jene vom Wachen nicht unterscheiden# konnten, und – doch hatten sie offenbar getraͤumt. P.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0042" n="40"/><lb/>
daß sie, ohne zu variiren, auf das allerpu&#x0364;nktlichste                   noch mit einerlei Worten erza&#x0364;hlen kann, was sie vor mehr als 20 Jahren vor                   Erscheinungen gehabt.«</p>
            <p>Noch muß ich erinnern:</p>
            <p>Madam trinkt viel Kaffe, ist von starker Person, <hi rendition="#b">vollblu&#x0364;tig,</hi> hat in ihrer Ehe sehr misvergnu&#x0364;gt gelebt; was                   ihr etwa halb schlafend mag (ich schreibe mit Fleiß <hi rendition="#b">mag,</hi> weil etwas Zuversichtliches ich und viele andre gern aus der Seelenkunde lesen                   mo&#x0364;chten, na&#x0364;mlich was Ew... von dieser ganzen Sache, so wie Sie davon                   benachrichtigt worden sind, halten) getra&#x0364;umt haben, ha&#x0364;lt sie vor wirklich gesehen                   und geho&#x0364;rt.*)<note place="foot"><p>*) Jch habe meine Meinung u&#x0364;ber Madam Beuter schon oben gesagt. Daß sie ihre                         Tra&#x0364;umereien fu&#x0364;r etwas wirklich Gesehenes und Geho&#x0364;rtes ha&#x0364;lt, beweist nichts,                         da mir hundert Beispiele bekannt sind, daß lebhafte und vollblu&#x0364;tige Leute                         ihre Tra&#x0364;ume fu&#x0364;r Wahrheit hielten, und, wegen der Lebhaftigkeit gewisser                         Vorstellungen, jene vom Wachen nicht unterscheiden# konnten, und &#x2013; doch                         hatten sie offenbar getra&#x0364;umt.</p><p rendition="#right"><hi rendition="#b"><persName ref="#ref0002"><note type="editorial">Pockels, Carl Friedrich</note>P.</persName></hi></p></note> Freilich ein <hi rendition="#b"><persName ref="#ref0027"><note type="editorial">Lavater, Johann Caspar</note>Lavater,</persName></hi> der gleich u&#x0364;berall lauter Wunder                   sieht, der einen Maler, welcher ihn ganz und gar nicht getroffen, plo&#x0364;tzlich mit                   tausend Ku&#x0364;ssen soll umarmt haben, als jener sich entschuldigte &#x2013; »er finde vor                   itzo freilich keine Aehnlichkeit, allein so und um kein Pu&#x0364;nktlein anders werde er                   als ein Verkla&#x0364;rter einmal im Himmel <choice><corr>aussehen,«</corr><sic>aussehen,</sic></choice> &#x2013; ein<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[40/0042] daß sie, ohne zu variiren, auf das allerpuͤnktlichste noch mit einerlei Worten erzaͤhlen kann, was sie vor mehr als 20 Jahren vor Erscheinungen gehabt.« Noch muß ich erinnern: Madam trinkt viel Kaffe, ist von starker Person, vollbluͤtig, hat in ihrer Ehe sehr misvergnuͤgt gelebt; was ihr etwa halb schlafend mag (ich schreibe mit Fleiß mag, weil etwas Zuversichtliches ich und viele andre gern aus der Seelenkunde lesen moͤchten, naͤmlich was Ew... von dieser ganzen Sache, so wie Sie davon benachrichtigt worden sind, halten) getraͤumt haben, haͤlt sie vor wirklich gesehen und gehoͤrt.*) Freilich ein Lavater, der gleich uͤberall lauter Wunder sieht, der einen Maler, welcher ihn ganz und gar nicht getroffen, ploͤtzlich mit tausend Kuͤssen soll umarmt haben, als jener sich entschuldigte – »er finde vor itzo freilich keine Aehnlichkeit, allein so und um kein Puͤnktlein anders werde er als ein Verklaͤrter einmal im Himmel aussehen,« – ein *) Jch habe meine Meinung uͤber Madam Beuter schon oben gesagt. Daß sie ihre Traͤumereien fuͤr etwas wirklich Gesehenes und Gehoͤrtes haͤlt, beweist nichts, da mir hundert Beispiele bekannt sind, daß lebhafte und vollbluͤtige Leute ihre Traͤume fuͤr Wahrheit hielten, und, wegen der Lebhaftigkeit gewisser Vorstellungen, jene vom Wachen nicht unterscheiden# konnten, und – doch hatten sie offenbar getraͤumt. P.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Christof Wingertszahn, Sheila Dickson, Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, University of Glasgow: Erstellung der Transkription nach DTA-Richtlinien (2015-06-09T11:00:00Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig, Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Konvertierung nach DTA-Basisformat (2015-06-09T11:00:00Z)
UB Uni-Bielefeld: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2015-06-09T11:00:00Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Die Umlautschreibung mit ›e‹ über dem Vokal wurden übernommen.
  • Die Majuskel I/J wurde nicht nach Lautwert transkribiert.
  • Verbessert wird nur bei eindeutigen Druckfehlern. Die editorischen Eingriffe sind stets nachgewiesen.
  • Zu Moritz’ Zeit war es üblich, bei mehrzeiligen Zitaten vor jeder Zeile Anführungsstriche zu setzen. Diese wiederholten Anführungsstriche des Originals werden stillschweigend getilgt.
  • Die Druckgestalt der Vorlagen (Absätze, Überschriften, Schriftgrade etc.) wird schematisiert wiedergegeben. Der Zeilenfall wurde nicht übernommen.
  • Worteinfügungen der Herausgeber im edierten Text sowie Ergänzungen einzelner Buchstaben sind dokumentiert.
  • Die Originalseite wird als einzelne Seite in der Internetausgabe wiedergegeben. Von diesem Darstellungsprinzip wird bei langen, sich über mehr als eine Seite erstreckenden Fußnoten abgewichen. Die vollständige Fußnote erscheint in diesem Fall zusammenhängend an der ersten betreffenden Seite.
  • Die textkritischen Nachweise erfolgen in XML-Form nach dem DTABf-Schema: <choice><corr>[Verbesserung]</corr><sic>[Originaltext]</sic></choice> vorgenommen.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0601_1788
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0601_1788/42
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 6, St. 1. Berlin, 1788, S. 40. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0601_1788/42>, abgerufen am 26.02.2024.