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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787.

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lich, daß wir sie von andern geistigen Wesen außer uns bekommen haben müssen? -- --

Und dieses sind die Hauptgründe, womit man die Hypothese von der Einwürkung anderer Geister auf uns unterstützt? Jch erstaune, wenn ich sogar oft von Philosophen diese und keine andere Argumente für jene Grille angeführt finde, und ich kann ohnmöglich glauben, daß sie hiebei über die Natur der menschlichen Seele ernsthaft nachgedacht haben können. Ob es irgend einmahl einen andern Communicationsweg zwischen uns und andern Geistern, auf einer viel höhern Stufe unserer Entwickelung, als symbolische Sprache, geben kann, will ich hier nicht bestreiten; ob mir gleich diese symbolische Sprache für jedwede Mittheilung unserer Begriffe auch in der Ewigkeit sehr nothwendig scheint; -- aber in der gegenwärtigen Epoche unseres Daseyns und unseres Denkens ist durchaus kein anderes Vehiculum einer gegenseitigen Mittheilung der Begriffe vermöge der bekannten Natur unserer Seele gedenkbar, als symbolische Zeichen, weil wir durchaus ohne diese Zeichen nicht deutlich und zusammenhängend denken können, wenn wir einmahl eine Sprache gelernt haben.

Jene schnell in uns entstandenen herzerhebenden, unerwarteten Gedanken und Gefühle, welche die Andacht so gern vom Himmel herableiten möchte, beweisen auch nichts, und können gewiß sehr natürlich erklärt werden, wenn man die Umstände


lich, daß wir sie von andern geistigen Wesen außer uns bekommen haben muͤssen? — —

Und dieses sind die Hauptgruͤnde, womit man die Hypothese von der Einwuͤrkung anderer Geister auf uns unterstuͤtzt? Jch erstaune, wenn ich sogar oft von Philosophen diese und keine andere Argumente fuͤr jene Grille angefuͤhrt finde, und ich kann ohnmoͤglich glauben, daß sie hiebei uͤber die Natur der menschlichen Seele ernsthaft nachgedacht haben koͤnnen. Ob es irgend einmahl einen andern Communicationsweg zwischen uns und andern Geistern, auf einer viel hoͤhern Stufe unserer Entwickelung, als symbolische Sprache, geben kann, will ich hier nicht bestreiten; ob mir gleich diese symbolische Sprache fuͤr jedwede Mittheilung unserer Begriffe auch in der Ewigkeit sehr nothwendig scheint; — aber in der gegenwaͤrtigen Epoche unseres Daseyns und unseres Denkens ist durchaus kein anderes Vehiculum einer gegenseitigen Mittheilung der Begriffe vermoͤge der bekannten Natur unserer Seele gedenkbar, als symbolische Zeichen, weil wir durchaus ohne diese Zeichen nicht deutlich und zusammenhaͤngend denken koͤnnen, wenn wir einmahl eine Sprache gelernt haben.

Jene schnell in uns entstandenen herzerhebenden, unerwarteten Gedanken und Gefuͤhle, welche die Andacht so gern vom Himmel herableiten moͤchte, beweisen auch nichts, und koͤnnen gewiß sehr natuͤrlich erklaͤrt werden, wenn man die Umstaͤnde

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[6/0006] lich, daß wir sie von andern geistigen Wesen außer uns bekommen haben muͤssen? — — Und dieses sind die Hauptgruͤnde, womit man die Hypothese von der Einwuͤrkung anderer Geister auf uns unterstuͤtzt? Jch erstaune, wenn ich sogar oft von Philosophen diese und keine andere Argumente fuͤr jene Grille angefuͤhrt finde, und ich kann ohnmoͤglich glauben, daß sie hiebei uͤber die Natur der menschlichen Seele ernsthaft nachgedacht haben koͤnnen. Ob es irgend einmahl einen andern Communicationsweg zwischen uns und andern Geistern, auf einer viel hoͤhern Stufe unserer Entwickelung, als symbolische Sprache, geben kann, will ich hier nicht bestreiten; ob mir gleich diese symbolische Sprache fuͤr jedwede Mittheilung unserer Begriffe auch in der Ewigkeit sehr nothwendig scheint; — aber in der gegenwaͤrtigen Epoche unseres Daseyns und unseres Denkens ist durchaus kein anderes Vehiculum einer gegenseitigen Mittheilung der Begriffe vermoͤge der bekannten Natur unserer Seele gedenkbar, als symbolische Zeichen, weil wir durchaus ohne diese Zeichen nicht deutlich und zusammenhaͤngend denken koͤnnen, wenn wir einmahl eine Sprache gelernt haben. Jene schnell in uns entstandenen herzerhebenden, unerwarteten Gedanken und Gefuͤhle, welche die Andacht so gern vom Himmel herableiten moͤchte, beweisen auch nichts, und koͤnnen gewiß sehr natuͤrlich erklaͤrt werden, wenn man die Umstaͤnde

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0502_1787/6>, abgerufen am 02.03.2024.