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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787.

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Geld und Brod einzubetteln. Peina (eine Stadt im Hildesheimschen) war für ihn vornehmlich ein wichtiger Ort, weil er von den vielen hier wohnenden Catholiken viele Gaben als ein herumstreichender Bettler erhielt. Um sich das Ansehn eines Bettlers zu geben, wandte er gemeiniglich seinen Rock um, so daß das Unterfutter zu oben lag, und schlug die Krempen seines Huths herunter. Er wußte die Fremden trefflich durch sein Wehklagen zu hintergehen, nannte sich gemeiniglich einen armen Kranken, der sich nichts verdienen könne, keinen Anverwandten habe, und von den Juristen um das Seinige gebracht worden sey. Sein blasses hageres Gesicht kam ihm hierbei vortrefflich zu statten, und seine weinerliche Sprache flößte schon Mitleiden ein. Oft lief er Tage lang in den Häusern der Stadt umher, und bath sich von dem Gesinde die übrig gebliebenen Knochen der Mahlzeit oder eine Tasse Caffe aus, nahm jede Brodrinde mit vielem Dank an; warf aber auch das Erbettelte manchmahl wieder weg, wenn er nur seine Begierde, etwas zu erbetteln, gestillt hatte.

Mit Anfange des jetztlaufenden Jahrs wurde der arme Mensch merklich kränker, als er bisher gewesen war. Sein Körper war nach und nach ganz zusammengeschrumpft, es hatte ihm schon seit einiger Zeit Mühe gemacht, zu Fuße zu gehen, und er merkte bald selbst, daß er nicht mehr lange würde leben können. Er sprach ganz ruhig von seinem be-


Geld und Brod einzubetteln. Peina (eine Stadt im Hildesheimschen) war fuͤr ihn vornehmlich ein wichtiger Ort, weil er von den vielen hier wohnenden Catholiken viele Gaben als ein herumstreichender Bettler erhielt. Um sich das Ansehn eines Bettlers zu geben, wandte er gemeiniglich seinen Rock um, so daß das Unterfutter zu oben lag, und schlug die Krempen seines Huths herunter. Er wußte die Fremden trefflich durch sein Wehklagen zu hintergehen, nannte sich gemeiniglich einen armen Kranken, der sich nichts verdienen koͤnne, keinen Anverwandten habe, und von den Juristen um das Seinige gebracht worden sey. Sein blasses hageres Gesicht kam ihm hierbei vortrefflich zu statten, und seine weinerliche Sprache floͤßte schon Mitleiden ein. Oft lief er Tage lang in den Haͤusern der Stadt umher, und bath sich von dem Gesinde die uͤbrig gebliebenen Knochen der Mahlzeit oder eine Tasse Caffe aus, nahm jede Brodrinde mit vielem Dank an; warf aber auch das Erbettelte manchmahl wieder weg, wenn er nur seine Begierde, etwas zu erbetteln, gestillt hatte.

Mit Anfange des jetztlaufenden Jahrs wurde der arme Mensch merklich kraͤnker, als er bisher gewesen war. Sein Koͤrper war nach und nach ganz zusammengeschrumpft, es hatte ihm schon seit einiger Zeit Muͤhe gemacht, zu Fuße zu gehen, und er merkte bald selbst, daß er nicht mehr lange wuͤrde leben koͤnnen. Er sprach ganz ruhig von seinem be-

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[41/0041] Geld und Brod einzubetteln. Peina (eine Stadt im Hildesheimschen) war fuͤr ihn vornehmlich ein wichtiger Ort, weil er von den vielen hier wohnenden Catholiken viele Gaben als ein herumstreichender Bettler erhielt. Um sich das Ansehn eines Bettlers zu geben, wandte er gemeiniglich seinen Rock um, so daß das Unterfutter zu oben lag, und schlug die Krempen seines Huths herunter. Er wußte die Fremden trefflich durch sein Wehklagen zu hintergehen, nannte sich gemeiniglich einen armen Kranken, der sich nichts verdienen koͤnne, keinen Anverwandten habe, und von den Juristen um das Seinige gebracht worden sey. Sein blasses hageres Gesicht kam ihm hierbei vortrefflich zu statten, und seine weinerliche Sprache floͤßte schon Mitleiden ein. Oft lief er Tage lang in den Haͤusern der Stadt umher, und bath sich von dem Gesinde die uͤbrig gebliebenen Knochen der Mahlzeit oder eine Tasse Caffe aus, nahm jede Brodrinde mit vielem Dank an; warf aber auch das Erbettelte manchmahl wieder weg, wenn er nur seine Begierde, etwas zu erbetteln, gestillt hatte. Mit Anfange des jetztlaufenden Jahrs wurde der arme Mensch merklich kraͤnker, als er bisher gewesen war. Sein Koͤrper war nach und nach ganz zusammengeschrumpft, es hatte ihm schon seit einiger Zeit Muͤhe gemacht, zu Fuße zu gehen, und er merkte bald selbst, daß er nicht mehr lange wuͤrde leben koͤnnen. Er sprach ganz ruhig von seinem be-

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787, S. 41. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0502_1787/41>, abgerufen am 27.02.2024.