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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787.

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ich hätte noch länger sollen anhalten und inbrünstiger werden. Nach der Zeit, weil ich doch noch zwei Jahr mit dergleichen und andern großen Leibes- und Gemüthsplagen zu ringen hatte, habe ich vielfältig bei mir gesprochen: wenn du doch an diesem grünen Donnerstage länger im Gebet hättest angehalten, du würdest den Teufel, deine Furcht und alle deine sowohl damalige als gegenwärtige Uebel aus deiner Seele hinweggebetet haben!"

Der Charfreitag, wovor sich der arme Bernd so erschrecklich furchte, weil er die nehmliche Seelenangst an dem nehmlichen Tage und vor mehrern Jahren erwartete, ging glücklicher vorüber, als er geglaubt hatte; aber seine hypochondrischen Zufälle ließen deswegen noch nicht nach. Er brauchte allerlei leibliche und geistliche Mittel sich zu helfen, und sang unter andern oft das Lied: Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir aus hochbetrübter Seelen! wodurch seine Angst natürlicherweise noch mehr befördert werden mußte. Es folgt noch ein langes Register seiner melancholischen Grillen, die ich nicht alle nennen kann, und wovon ich nur zum Beschluß noch einige ausheben will, die zunächst durch seine Suspension vom Amte veranlaßt wurden.

"Jch schrieb, fährt der Verfasser fort, anno 1728 einen Tractat: Einfluß der göttlichen Wahrheiten in den Willen und in das Leben der Menschen, nicht als ob ich unser Religionssystem vor so arg und böse angesehen, als ob man bei demselben


ich haͤtte noch laͤnger sollen anhalten und inbruͤnstiger werden. Nach der Zeit, weil ich doch noch zwei Jahr mit dergleichen und andern großen Leibes- und Gemuͤthsplagen zu ringen hatte, habe ich vielfaͤltig bei mir gesprochen: wenn du doch an diesem gruͤnen Donnerstage laͤnger im Gebet haͤttest angehalten, du wuͤrdest den Teufel, deine Furcht und alle deine sowohl damalige als gegenwaͤrtige Uebel aus deiner Seele hinweggebetet haben!«

Der Charfreitag, wovor sich der arme Bernd so erschrecklich furchte, weil er die nehmliche Seelenangst an dem nehmlichen Tage und vor mehrern Jahren erwartete, ging gluͤcklicher voruͤber, als er geglaubt hatte; aber seine hypochondrischen Zufaͤlle ließen deswegen noch nicht nach. Er brauchte allerlei leibliche und geistliche Mittel sich zu helfen, und sang unter andern oft das Lied: Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir aus hochbetruͤbter Seelen! wodurch seine Angst natuͤrlicherweise noch mehr befoͤrdert werden mußte. Es folgt noch ein langes Register seiner melancholischen Grillen, die ich nicht alle nennen kann, und wovon ich nur zum Beschluß noch einige ausheben will, die zunaͤchst durch seine Suspension vom Amte veranlaßt wurden.

»Jch schrieb, faͤhrt der Verfasser fort, anno 1728 einen Tractat: Einfluß der goͤttlichen Wahrheiten in den Willen und in das Leben der Menschen, nicht als ob ich unser Religionssystem vor so arg und boͤse angesehen, als ob man bei demselben

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[30/0030] ich haͤtte noch laͤnger sollen anhalten und inbruͤnstiger werden. Nach der Zeit, weil ich doch noch zwei Jahr mit dergleichen und andern großen Leibes- und Gemuͤthsplagen zu ringen hatte, habe ich vielfaͤltig bei mir gesprochen: wenn du doch an diesem gruͤnen Donnerstage laͤnger im Gebet haͤttest angehalten, du wuͤrdest den Teufel, deine Furcht und alle deine sowohl damalige als gegenwaͤrtige Uebel aus deiner Seele hinweggebetet haben!« Der Charfreitag, wovor sich der arme Bernd so erschrecklich furchte, weil er die nehmliche Seelenangst an dem nehmlichen Tage und vor mehrern Jahren erwartete, ging gluͤcklicher voruͤber, als er geglaubt hatte; aber seine hypochondrischen Zufaͤlle ließen deswegen noch nicht nach. Er brauchte allerlei leibliche und geistliche Mittel sich zu helfen, und sang unter andern oft das Lied: Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir aus hochbetruͤbter Seelen! wodurch seine Angst natuͤrlicherweise noch mehr befoͤrdert werden mußte. Es folgt noch ein langes Register seiner melancholischen Grillen, die ich nicht alle nennen kann, und wovon ich nur zum Beschluß noch einige ausheben will, die zunaͤchst durch seine Suspension vom Amte veranlaßt wurden. »Jch schrieb, faͤhrt der Verfasser fort, anno 1728 einen Tractat: Einfluß der goͤttlichen Wahrheiten in den Willen und in das Leben der Menschen, nicht als ob ich unser Religionssystem vor so arg und boͤse angesehen, als ob man bei demselben

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0502_1787/30>, abgerufen am 02.03.2024.