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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787.

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"Doch das war nur Scherz und Spiel gegen die grausamern Anfälle des Satans*) und des Fleisches, welche gleich darauf folgten. Weil ich wegen solcher Bekümmerniß in feurige Hitze des Haupts gerieth, und keinen Schlaf in meine Augen bringen konnte, so wurde der Kopf höchst schwach, und bei dieser großen Hitze des Haupts entstund nun das anderemahl in meinem Leben im Gehirne schnell das Bild von der Selbstberaubung meines Lebens,

*) Die Neigung der Menschen zum Wunderbaren; das ihnen unerklärlich scheinende an gewissen unmoralischen Phänomenen ihres Herzens und ihrer Leidenschaften; ein mißverstandener Werth der Tugend und Gottesfurcht, den sie durch den Kampf mit höhern bösen Wesen zu erlangen scheint; vornehmlich aber auch eine finstere Gemüthsstimmung feurig denkender Religiösen und andern phantasie-kranken Menschen -- haben von jeher das Jhrige dazu beigetragen, die Lehre vom Daseyn und den Wirkungen eines bösen Geistes in Schutz zu nehmen, und trotz aller Vernunftgründe dagegen, auszubreiten. Es ist hier der Ort nicht, von der Schädlichkeit einer Lehre zu reden, die so sehr den weisen Planen der Gottheit widerspricht und bei einer genauen Beleuchtung der menschlichen Natur ihren ganzen geträumten Werth verlieren muß; aber sonderbar kommt es mir vor, daß der Verfasser anderemahle seine Gemüthsplagen den Würkungen seiner verschrobenen Einbildung zuschreibt, und diesesmahl sie Anfälle des Satans nennt. P.

»Doch das war nur Scherz und Spiel gegen die grausamern Anfaͤlle des Satans*) und des Fleisches, welche gleich darauf folgten. Weil ich wegen solcher Bekuͤmmerniß in feurige Hitze des Haupts gerieth, und keinen Schlaf in meine Augen bringen konnte, so wurde der Kopf hoͤchst schwach, und bei dieser großen Hitze des Haupts entstund nun das anderemahl in meinem Leben im Gehirne schnell das Bild von der Selbstberaubung meines Lebens,

*) Die Neigung der Menschen zum Wunderbaren; das ihnen unerklaͤrlich scheinende an gewissen unmoralischen Phaͤnomenen ihres Herzens und ihrer Leidenschaften; ein mißverstandener Werth der Tugend und Gottesfurcht, den sie durch den Kampf mit hoͤhern boͤsen Wesen zu erlangen scheint; vornehmlich aber auch eine finstere Gemuͤthsstimmung feurig denkender Religioͤsen und andern phantasie-kranken Menschen — haben von jeher das Jhrige dazu beigetragen, die Lehre vom Daseyn und den Wirkungen eines boͤsen Geistes in Schutz zu nehmen, und trotz aller Vernunftgruͤnde dagegen, auszubreiten. Es ist hier der Ort nicht, von der Schaͤdlichkeit einer Lehre zu reden, die so sehr den weisen Planen der Gottheit widerspricht und bei einer genauen Beleuchtung der menschlichen Natur ihren ganzen getraͤumten Werth verlieren muß; aber sonderbar kommt es mir vor, daß der Verfasser anderemahle seine Gemuͤthsplagen den Wuͤrkungen seiner verschrobenen Einbildung zuschreibt, und diesesmahl sie Anfaͤlle des Satans nennt. P.
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[26/0026] »Doch das war nur Scherz und Spiel gegen die grausamern Anfaͤlle des Satans*) und des Fleisches, welche gleich darauf folgten. Weil ich wegen solcher Bekuͤmmerniß in feurige Hitze des Haupts gerieth, und keinen Schlaf in meine Augen bringen konnte, so wurde der Kopf hoͤchst schwach, und bei dieser großen Hitze des Haupts entstund nun das anderemahl in meinem Leben im Gehirne schnell das Bild von der Selbstberaubung meines Lebens, *) Die Neigung der Menschen zum Wunderbaren; das ihnen unerklaͤrlich scheinende an gewissen unmoralischen Phaͤnomenen ihres Herzens und ihrer Leidenschaften; ein mißverstandener Werth der Tugend und Gottesfurcht, den sie durch den Kampf mit hoͤhern boͤsen Wesen zu erlangen scheint; vornehmlich aber auch eine finstere Gemuͤthsstimmung feurig denkender Religioͤsen und andern phantasie-kranken Menschen — haben von jeher das Jhrige dazu beigetragen, die Lehre vom Daseyn und den Wirkungen eines boͤsen Geistes in Schutz zu nehmen, und trotz aller Vernunftgruͤnde dagegen, auszubreiten. Es ist hier der Ort nicht, von der Schaͤdlichkeit einer Lehre zu reden, die so sehr den weisen Planen der Gottheit widerspricht und bei einer genauen Beleuchtung der menschlichen Natur ihren ganzen getraͤumten Werth verlieren muß; aber sonderbar kommt es mir vor, daß der Verfasser anderemahle seine Gemuͤthsplagen den Wuͤrkungen seiner verschrobenen Einbildung zuschreibt, und diesesmahl sie Anfaͤlle des Satans nennt. P.

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787, S. 26. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0502_1787/26>, abgerufen am 03.03.2024.