Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787.

Bild:
<< vorherige Seite


kannt machen, schon erwiesen? -- und was ich billig hätte zuerst fragen sollen: giebt es denn würklich uns umgebende Genien überhaupt? Kann ich eine Hypothese, (die Ahndungen) mit einer andern Hypothese (uns umgebende Geister) beweisen, und darf ich nicht an der ganzen Sache zweifeln, so lange ich keine andere, als solche Gründe für sie habe? -- --

Jch komme zum letzten Zufluchtsorte derer, welche an Ahndungen und Vorgefühle des Zukünftigen glauben. Die Gottheit, sagen sie, kann vermöge ihrer Allmacht neue Jdeen in uns erwecken; sie kann uns also auch, freilich auf eine unbegreifliche Art, zukünftige Dinge bekannt machen und vorhersagen. Auch diesen Satz kann man nicht so geradezu annehmen. Man hat sich von jeher sehr schiefe und unrichtige Begriffe von der göttlichen Allmacht erträumt, man hat sich sogar nicht gescheut zu sagen: daß Gott auch das Sonderbarste, das Widernatürlichste, das, was gar nicht in der Natur der Dinge gegründet ist, würklich machen könne. Welch eine Gottheit! Gott macht nach den reinen Vernunftbegriffen, die wir von seinen Eigenschaften haben, nichts würklich, kann nichts würklich machen, was nicht in dem ewigen Wesen der Dinge gegründet ist. Dieses Wesen kann er nicht ändern, er kann also auch nicht machen, daß meine Seele Begriffe empfängt, die nicht in der Natur, in dem Wesen ihrer individuellen Denk-


kannt machen, schon erwiesen? — und was ich billig haͤtte zuerst fragen sollen: giebt es denn wuͤrklich uns umgebende Genien uͤberhaupt? Kann ich eine Hypothese, (die Ahndungen) mit einer andern Hypothese (uns umgebende Geister) beweisen, und darf ich nicht an der ganzen Sache zweifeln, so lange ich keine andere, als solche Gruͤnde fuͤr sie habe? — —

Jch komme zum letzten Zufluchtsorte derer, welche an Ahndungen und Vorgefuͤhle des Zukuͤnftigen glauben. Die Gottheit, sagen sie, kann vermoͤge ihrer Allmacht neue Jdeen in uns erwecken; sie kann uns also auch, freilich auf eine unbegreifliche Art, zukuͤnftige Dinge bekannt machen und vorhersagen. Auch diesen Satz kann man nicht so geradezu annehmen. Man hat sich von jeher sehr schiefe und unrichtige Begriffe von der goͤttlichen Allmacht ertraͤumt, man hat sich sogar nicht gescheut zu sagen: daß Gott auch das Sonderbarste, das Widernatuͤrlichste, das, was gar nicht in der Natur der Dinge gegruͤndet ist, wuͤrklich machen koͤnne. Welch eine Gottheit! Gott macht nach den reinen Vernunftbegriffen, die wir von seinen Eigenschaften haben, nichts wuͤrklich, kann nichts wuͤrklich machen, was nicht in dem ewigen Wesen der Dinge gegruͤndet ist. Dieses Wesen kann er nicht aͤndern, er kann also auch nicht machen, daß meine Seele Begriffe empfaͤngt, die nicht in der Natur, in dem Wesen ihrer individuellen Denk-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0010" n="10"/><lb/>
kannt machen, schon <hi rendition="#b">erwiesen</hi>? &#x2014; und was ich billig ha&#x0364;tte zuerst fragen sollen: <hi rendition="#b">giebt es denn wu&#x0364;rklich uns umgebende Genien u&#x0364;berhaupt?</hi> Kann                   ich eine Hypothese, <hi rendition="#b">(die Ahndungen)</hi> mit einer andern                   Hypothese <hi rendition="#b">(uns umgebende Geister)</hi> beweisen, und darf ich                   nicht an der ganzen Sache zweifeln, so lange ich keine andere, als <hi rendition="#b">solche</hi> Gru&#x0364;nde fu&#x0364;r sie habe? &#x2014; &#x2014;</p>
          <p>Jch komme zum letzten Zufluchtsorte derer, welche an Ahndungen und Vorgefu&#x0364;hle des                   Zuku&#x0364;nftigen glauben. <hi rendition="#b">Die Gottheit,</hi> sagen sie, kann <hi rendition="#b">vermo&#x0364;ge ihrer Allmacht neue Jdeen</hi> in uns erwecken; sie kann                   uns also auch, freilich auf eine unbegreifliche Art, zuku&#x0364;nftige Dinge bekannt                   machen und vorhersagen. Auch diesen Satz kann man nicht so geradezu annehmen. Man                   hat sich von jeher sehr schiefe und unrichtige Begriffe von der go&#x0364;ttlichen                   Allmacht ertra&#x0364;umt, man hat sich sogar nicht gescheut zu sagen: daß Gott auch das <hi rendition="#b">Sonderbarste,</hi> das <hi rendition="#b">Widernatu&#x0364;rlichste,</hi> das, was gar nicht in der Natur der Dinge <hi rendition="#b">gegru&#x0364;ndet</hi> ist, <hi rendition="#b">wu&#x0364;rklich</hi> machen                   ko&#x0364;nne. Welch eine Gottheit! Gott <hi rendition="#b">macht</hi> nach den reinen                   Vernunftbegriffen, die wir von seinen Eigenschaften haben, nichts wu&#x0364;rklich, <hi rendition="#b">kann</hi> nichts wu&#x0364;rklich machen, was nicht in dem <hi rendition="#b">ewigen Wesen</hi> der Dinge gegru&#x0364;ndet ist. Dieses Wesen kann er                   nicht a&#x0364;ndern, er kann also auch nicht machen, daß meine Seele Begriffe empfa&#x0364;ngt,                   die nicht in der Natur, in dem Wesen ihrer <hi rendition="#b">individuellen</hi> Denk-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[10/0010] kannt machen, schon erwiesen? — und was ich billig haͤtte zuerst fragen sollen: giebt es denn wuͤrklich uns umgebende Genien uͤberhaupt? Kann ich eine Hypothese, (die Ahndungen) mit einer andern Hypothese (uns umgebende Geister) beweisen, und darf ich nicht an der ganzen Sache zweifeln, so lange ich keine andere, als solche Gruͤnde fuͤr sie habe? — — Jch komme zum letzten Zufluchtsorte derer, welche an Ahndungen und Vorgefuͤhle des Zukuͤnftigen glauben. Die Gottheit, sagen sie, kann vermoͤge ihrer Allmacht neue Jdeen in uns erwecken; sie kann uns also auch, freilich auf eine unbegreifliche Art, zukuͤnftige Dinge bekannt machen und vorhersagen. Auch diesen Satz kann man nicht so geradezu annehmen. Man hat sich von jeher sehr schiefe und unrichtige Begriffe von der goͤttlichen Allmacht ertraͤumt, man hat sich sogar nicht gescheut zu sagen: daß Gott auch das Sonderbarste, das Widernatuͤrlichste, das, was gar nicht in der Natur der Dinge gegruͤndet ist, wuͤrklich machen koͤnne. Welch eine Gottheit! Gott macht nach den reinen Vernunftbegriffen, die wir von seinen Eigenschaften haben, nichts wuͤrklich, kann nichts wuͤrklich machen, was nicht in dem ewigen Wesen der Dinge gegruͤndet ist. Dieses Wesen kann er nicht aͤndern, er kann also auch nicht machen, daß meine Seele Begriffe empfaͤngt, die nicht in der Natur, in dem Wesen ihrer individuellen Denk-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Christof Wingertszahn, Sheila Dickson, Goethe-Museum Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung, University of Glasgow: Erstellung der Transkription nach DTA-Richtlinien (2015-06-09T11:00:00Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Matthias Boenig, Deutsches Textarchiv, Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Konvertierung nach DTA-Basisformat (2015-06-09T11:00:00Z)
UB Uni-Bielefeld: Bereitstellung der Bilddigitalisate (2015-06-09T11:00:00Z)

Weitere Informationen:

Anmerkungen zur Transkription:

  • Langes s (ſ) wird als rundes s (s) wiedergegeben.
  • Die Umlautschreibung mit ›e‹ über dem Vokal wurden übernommen.
  • Die Majuskel I/J wurde nicht nach Lautwert transkribiert.
  • Verbessert wird nur bei eindeutigen Druckfehlern. Die editorischen Eingriffe sind stets nachgewiesen.
  • Zu Moritz’ Zeit war es üblich, bei mehrzeiligen Zitaten vor jeder Zeile Anführungsstriche zu setzen. Diese wiederholten Anführungsstriche des Originals werden stillschweigend getilgt.
  • Die Druckgestalt der Vorlagen (Absätze, Überschriften, Schriftgrade etc.) wird schematisiert wiedergegeben. Der Zeilenfall wurde nicht übernommen.
  • Worteinfügungen der Herausgeber im edierten Text sowie Ergänzungen einzelner Buchstaben sind dokumentiert.
  • Die Originalseite wird als einzelne Seite in der Internetausgabe wiedergegeben. Von diesem Darstellungsprinzip wird bei langen, sich über mehr als eine Seite erstreckenden Fußnoten abgewichen. Die vollständige Fußnote erscheint in diesem Fall zusammenhängend an der ersten betreffenden Seite.
  • Die textkritischen Nachweise erfolgen in XML-Form nach dem DTABf-Schema: <choice><corr>[Verbesserung]</corr><sic>[Originaltext]</sic></choice> vorgenommen.



Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0502_1787
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0502_1787/10
Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 5, St. 2. Berlin, 1787, S. 10. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde0502_1787/10>, abgerufen am 27.02.2024.