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Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793.

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Vorstellung desselben von einem Buche das er wider den König von Preussen geschrieben haben sollte, eine Täuschung der Einbildungskraft war, die, wegen ihrer Lebhaftigkeit, seinen bloßen Vorsatz ein solches Buch zu schreiben ihm als eine schon vollbrachte Handlung vorspiegelte (wozu der Herausgeber dieses Aufsatzes geneigt zu seyn scheint). Oder (welches mir wahrscheinlicher zu seyn scheint) er hat wirklich dieses Buch geschrieben, und bloß diesen Umstand, daß der König von Preussen davon Notiz genommen, und des Verfassers Bestrafung beschlossen hatte, hinzu gedichtet. Daß man nach Herrn Klugs Tode weder Original noch Abschrift einer solchen Piece gefunden hatte, ist noch kein Beweis für die erste Erklärungsart, indem es sehr natürlich ist, daß so bald die Vorstellung von der sich durch dieses Buch zugezognen Ungnade des Königs von Preussen und der darüber anzustellenden Untersuchung in seiner Einbildungskraft lebhaft wurde, er (damit man zum wenigsten keine Belege seines Verbrechens finden könnte) fürs Erste dieses Buch aus dem Wege geräumt, und hernach sich gegen einen gewaltsamen Ueberfall in Vertheidigungsstand gesetzt hatte.

Jn der Geschichte des Musketirs Friedrich Wilhelm Majer (Seite 16.) sowohl, als des Kindermörders Seibel (Seite 26.) glaube ich eine geheime psychologische Triebfeder zu entdecken. Jener geräth, aus Lebensüberdruß, auf den Entschluß


Vorstellung desselben von einem Buche das er wider den Koͤnig von Preussen geschrieben haben sollte, eine Taͤuschung der Einbildungskraft war, die, wegen ihrer Lebhaftigkeit, seinen bloßen Vorsatz ein solches Buch zu schreiben ihm als eine schon vollbrachte Handlung vorspiegelte (wozu der Herausgeber dieses Aufsatzes geneigt zu seyn scheint). Oder (welches mir wahrscheinlicher zu seyn scheint) er hat wirklich dieses Buch geschrieben, und bloß diesen Umstand, daß der Koͤnig von Preussen davon Notiz genommen, und des Verfassers Bestrafung beschlossen hatte, hinzu gedichtet. Daß man nach Herrn Klugs Tode weder Original noch Abschrift einer solchen Piece gefunden hatte, ist noch kein Beweis fuͤr die erste Erklaͤrungsart, indem es sehr natuͤrlich ist, daß so bald die Vorstellung von der sich durch dieses Buch zugezognen Ungnade des Koͤnigs von Preussen und der daruͤber anzustellenden Untersuchung in seiner Einbildungskraft lebhaft wurde, er (damit man zum wenigsten keine Belege seines Verbrechens finden koͤnnte) fuͤrs Erste dieses Buch aus dem Wege geraͤumt, und hernach sich gegen einen gewaltsamen Ueberfall in Vertheidigungsstand gesetzt hatte.

Jn der Geschichte des Musketirs Friedrich Wilhelm Majer (Seite 16.) sowohl, als des Kindermoͤrders Seibel (Seite 26.) glaube ich eine geheime psychologische Triebfeder zu entdecken. Jener geraͤth, aus Lebensuͤberdruß, auf den Entschluß

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[2/0004] Vorstellung desselben von einem Buche das er wider den Koͤnig von Preussen geschrieben haben sollte, eine Taͤuschung der Einbildungskraft war, die, wegen ihrer Lebhaftigkeit, seinen bloßen Vorsatz ein solches Buch zu schreiben ihm als eine schon vollbrachte Handlung vorspiegelte (wozu der Herausgeber dieses Aufsatzes geneigt zu seyn scheint). Oder (welches mir wahrscheinlicher zu seyn scheint) er hat wirklich dieses Buch geschrieben, und bloß diesen Umstand, daß der Koͤnig von Preussen davon Notiz genommen, und des Verfassers Bestrafung beschlossen hatte, hinzu gedichtet. Daß man nach Herrn Klugs Tode weder Original noch Abschrift einer solchen Piece gefunden hatte, ist noch kein Beweis fuͤr die erste Erklaͤrungsart, indem es sehr natuͤrlich ist, daß so bald die Vorstellung von der sich durch dieses Buch zugezognen Ungnade des Koͤnigs von Preussen und der daruͤber anzustellenden Untersuchung in seiner Einbildungskraft lebhaft wurde, er (damit man zum wenigsten keine Belege seines Verbrechens finden koͤnnte) fuͤrs Erste dieses Buch aus dem Wege geraͤumt, und hernach sich gegen einen gewaltsamen Ueberfall in Vertheidigungsstand gesetzt hatte. Jn der Geschichte des Musketirs Friedrich Wilhelm Majer (Seite 16.) sowohl, als des Kindermoͤrders Seibel (Seite 26.) glaube ich eine geheime psychologische Triebfeder zu entdecken. Jener geraͤth, aus Lebensuͤberdruß, auf den Entschluß

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Zitationshilfe: Moritz, Karl Philipp (Hrsg.): Gnothi sauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde. Bd. 10, St. 1. Berlin, 1793, S. 2. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moritz_erfahrungsseelenkunde01001_1793/4>, abgerufen am 01.03.2024.