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Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 3: Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus. Leipzig, 1856.

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LEPIDUS UND SERTORIUS.
an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten entflammte,
auch der Bürgerkrieg sich entzünden; indess Pompeius Einfluss
und die Stimmung der sullanischen Veteranen bestimmten die
Opposition das Leichenbegängniss des Regenten ruhig vorüber-
gehen zu lassen. Allein nur um so offener traf man sodann die
Einleitung zur abermaligen Revolution. Täglich hallte der Markt
der Hauptstadt wieder von Anklagen gegen den ,karrikirten Ro-
mulus' und seine Schergen. Der Umsturz der sullanischen Ver-
fassung, die Wiedereinsetzung der Volkstribunen in den vorigen
Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig Verbannten, die
Rückgabe der confiscirten Ländereien wurden von Lepidus und
seinen Anhängern offen als das Ziel ihrer Bestrebungen bezeich-
net. Mit den Geächteten wurden Verbindungen angeknüpft; Mar-
cus Perpenna, in der cinnanischen Zeit Statthalter von Sicilien
(II, 318), fand sich ein in der Hauptstadt. Die Söhne der sulla-
nischen Hochverräther, auf denen die Restaurationsgesetze mit
unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die namhafteren
marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert;
nicht wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an;
andere folgten dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die
Nachricht von Sullas Tode und Lepidus Plänen aus Asien heim-
gekehrt war, aber nachdem er den Charakter des Führers und
der Bewegung genauer kennen gelernt hatte, vorsichtig sich zu-
rückzog. Unter den expropriirten etrurischen Grundeigenthü-
mern ward eine bald weit sich verzweigende Verschwörung gegen
die neue Ordnung der Dinge angezettelt. In der Hauptstadt ward
auf Lepidus Rechnung in den Weinhäusern und den Bordellen
gezecht und geworben. Alles dies geschah unter den Augen der Re-
gierung. -- Der Consul Catulus und die verständigeren Optimaten
drangen auf entschiedenes Einschreiten, allein die schlaffe Senats-
majorität konnte sich nicht entschliessen den unvermeidlichen
Kampf zu beginnen. Man begnügte sich die beiden Consuln eid-
lich zu verpflichten die Waffen nicht gegen einander zu kehren
und sie zu veranlassen rasch in die ihnen angewiesenen Provin-
zen abzugehen. Es war nicht möglich kopfloser zu verfahren; um
vor dem Strassenlärm Ruhe zu haben gab man dem Empörer ein
Heer. Lepidus verliess die Hauptstadt, aber statt in das narbo-
nensische Gallien sich zu begeben, wie er sollte, machte er unter-
wegs in Etrurien Halt * und rüstete daselbst zum Kampfe, höh-

* Vermuthlich geschah dies unter dem Vorwand, dass die sullanische

LEPIDUS UND SERTORIUS.
an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten entflammte,
auch der Bürgerkrieg sich entzünden; indeſs Pompeius Einfluſs
und die Stimmung der sullanischen Veteranen bestimmten die
Opposition das Leichenbegängniſs des Regenten ruhig vorüber-
gehen zu lassen. Allein nur um so offener traf man sodann die
Einleitung zur abermaligen Revolution. Täglich hallte der Markt
der Hauptstadt wieder von Anklagen gegen den ‚karrikirten Ro-
mulus‘ und seine Schergen. Der Umsturz der sullanischen Ver-
fassung, die Wiedereinsetzung der Volkstribunen in den vorigen
Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig Verbannten, die
Rückgabe der confiscirten Ländereien wurden von Lepidus und
seinen Anhängern offen als das Ziel ihrer Bestrebungen bezeich-
net. Mit den Geächteten wurden Verbindungen angeknüpft; Mar-
cus Perpenna, in der cinnanischen Zeit Statthalter von Sicilien
(II, 318), fand sich ein in der Hauptstadt. Die Söhne der sulla-
nischen Hochverräther, auf denen die Restaurationsgesetze mit
unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die namhafteren
marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert;
nicht wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an;
andere folgten dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die
Nachricht von Sullas Tode und Lepidus Plänen aus Asien heim-
gekehrt war, aber nachdem er den Charakter des Führers und
der Bewegung genauer kennen gelernt hatte, vorsichtig sich zu-
rückzog. Unter den expropriirten etrurischen Grundeigenthü-
mern ward eine bald weit sich verzweigende Verschwörung gegen
die neue Ordnung der Dinge angezettelt. In der Hauptstadt ward
auf Lepidus Rechnung in den Weinhäusern und den Bordellen
gezecht und geworben. Alles dies geschah unter den Augen der Re-
gierung. — Der Consul Catulus und die verständigeren Optimaten
drangen auf entschiedenes Einschreiten, allein die schlaffe Senats-
majorität konnte sich nicht entschlieſsen den unvermeidlichen
Kampf zu beginnen. Man begnügte sich die beiden Consuln eid-
lich zu verpflichten die Waffen nicht gegen einander zu kehren
und sie zu veranlassen rasch in die ihnen angewiesenen Provin-
zen abzugehen. Es war nicht möglich kopfloser zu verfahren; um
vor dem Straſsenlärm Ruhe zu haben gab man dem Empörer ein
Heer. Lepidus verlieſs die Hauptstadt, aber statt in das narbo-
nensische Gallien sich zu begeben, wie er sollte, machte er unter-
wegs in Etrurien Halt * und rüstete daselbst zum Kampfe, höh-

* Vermuthlich geschah dies unter dem Vorwand, daſs die sullanische
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[21/0031] LEPIDUS UND SERTORIUS. an der Fackel, die den Scheiterhaufen des Regenten entflammte, auch der Bürgerkrieg sich entzünden; indeſs Pompeius Einfluſs und die Stimmung der sullanischen Veteranen bestimmten die Opposition das Leichenbegängniſs des Regenten ruhig vorüber- gehen zu lassen. Allein nur um so offener traf man sodann die Einleitung zur abermaligen Revolution. Täglich hallte der Markt der Hauptstadt wieder von Anklagen gegen den ‚karrikirten Ro- mulus‘ und seine Schergen. Der Umsturz der sullanischen Ver- fassung, die Wiedereinsetzung der Volkstribunen in den vorigen Stand, die Zurückführung der gesetzwidrig Verbannten, die Rückgabe der confiscirten Ländereien wurden von Lepidus und seinen Anhängern offen als das Ziel ihrer Bestrebungen bezeich- net. Mit den Geächteten wurden Verbindungen angeknüpft; Mar- cus Perpenna, in der cinnanischen Zeit Statthalter von Sicilien (II, 318), fand sich ein in der Hauptstadt. Die Söhne der sulla- nischen Hochverräther, auf denen die Restaurationsgesetze mit unerträglichem Drucke lasteten, und überhaupt die namhafteren marianisch gesinnten Männer wurden zum Beitritt aufgefordert; nicht wenige, wie der junge Lucius Cinna, schlossen sich an; andere folgten dem Beispiele Gaius Caesars, der zwar auf die Nachricht von Sullas Tode und Lepidus Plänen aus Asien heim- gekehrt war, aber nachdem er den Charakter des Führers und der Bewegung genauer kennen gelernt hatte, vorsichtig sich zu- rückzog. Unter den expropriirten etrurischen Grundeigenthü- mern ward eine bald weit sich verzweigende Verschwörung gegen die neue Ordnung der Dinge angezettelt. In der Hauptstadt ward auf Lepidus Rechnung in den Weinhäusern und den Bordellen gezecht und geworben. Alles dies geschah unter den Augen der Re- gierung. — Der Consul Catulus und die verständigeren Optimaten drangen auf entschiedenes Einschreiten, allein die schlaffe Senats- majorität konnte sich nicht entschlieſsen den unvermeidlichen Kampf zu beginnen. Man begnügte sich die beiden Consuln eid- lich zu verpflichten die Waffen nicht gegen einander zu kehren und sie zu veranlassen rasch in die ihnen angewiesenen Provin- zen abzugehen. Es war nicht möglich kopfloser zu verfahren; um vor dem Straſsenlärm Ruhe zu haben gab man dem Empörer ein Heer. Lepidus verlieſs die Hauptstadt, aber statt in das narbo- nensische Gallien sich zu begeben, wie er sollte, machte er unter- wegs in Etrurien Halt * und rüstete daselbst zum Kampfe, höh- * Vermuthlich geschah dies unter dem Vorwand, daſs die sullanische

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Zitationshilfe: Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 3: Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus. Leipzig, 1856, S. 21. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische03_1856/31>, abgerufen am 23.04.2024.