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Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 3: Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus. Leipzig, 1856.

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FÜNFTES BUCH. KAPITEL I.
Falls durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der
halbe Rath war ihm verschuldet; seine Gewohnheit, den ,Freun-
den' Geld ohne Zinsen auf beliebige Rückforderung vorzuschies-
sen, machte eine Menge einflussreicher Männer von ihm abhängig,
um so mehr da er als echter Geschäftsmann keinen Unterschied
unter den Parteien machte, überall Verbindungen unterhielt und
bereitwillig jedem borgte, der zahlungsfähig oder sonst brauch-
bar war. Die verwegensten Parteiführer, die rücksichtslos nach
allen Seiten hin ihre Angriffe richteten, hüteten sich gegen Cras-
sus aufzutreten; man verglich ihn dem Stier der Heerde, den zu
reizen für keinen räthlich war. Dass ein solcher und so ge-
stellter Mann nicht nach niedrigen Zielen streben konnte, leuch-
tet ein; und, anders als Pompeius, wusste Crassus genau wie
ein Banquier, worauf und womit er politisch speculirte. Seit
Rom stand, war daselbst das Capital eine politische Macht; die
Zeit war von der Art, dass dem Golde wie dem Eisen alles zu-
gänglich schien. Wenn in der Revolutionszeit eine Capitalisten-
aristokratie daran hatte denken mögen die Oligarchie der Ge-
schlechter zu stürzen, so durfte auch ein Mann wie Crassus die
Blicke höher erheben als zu den Ruthenbündeln und dem ge-
stickten Mantel der Triumphatoren. Augenblicklich war er Sulla-
ner und Anhänger des Senats; allein er war viel zu sehr Finanz-
mann, um einer bestimmten politischen Partei sich zu eigen zu
geben und etwas anderes zu verfolgen als seinen persönlichen
Vortheil. Warum sollte Crassus, der reichste und der intrigan-
teste Mann in Rom und kein scharrender Geizhals, sondern ein
Speculant im grössten Massstab, nicht speculiren auch auf die
Krone? Vielleicht vermochte er allein es nicht dies Ziel zu errei-
chen; aber er hatte ja schon manches grossartige Gesellschafts-
geschäft gemacht; es war nicht unmöglich, dass auch hiefür ein
passender Theilnehmer sich darbot. Es gehört zur Signatur der
Zeit, dass ein mittelmässiger Redner und Offizier, ein Politiker,
der seine Rührigkeit für Energie, seine Begehrlichkeit für Ehr-
geiz hielt, der im Grunde nichts hatte als ein colossales Vermö-
gen und das kaufmännische Talent Verbindungen anzuknüpfen
-- dass ein solcher Mann, gestützt auf die Allmacht der Coterien
und Intriguen, den ersten Feldherren und Staatsmännern der
Zeit sich ebenbürtig achten und mit ihnen um den höchsten
Preis ringen durfte, der dem politischen Ehrgeiz winkt.

In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen
Conservativen als unter den Popularen, hatten die Stürme der
Revolution mit erschreckender Gründlichkeit aufgeräumt. Unter

FÜNFTES BUCH. KAPITEL I.
Falls durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der
halbe Rath war ihm verschuldet; seine Gewohnheit, den ‚Freun-
den‘ Geld ohne Zinsen auf beliebige Rückforderung vorzuschies-
sen, machte eine Menge einfluſsreicher Männer von ihm abhängig,
um so mehr da er als echter Geschäftsmann keinen Unterschied
unter den Parteien machte, überall Verbindungen unterhielt und
bereitwillig jedem borgte, der zahlungsfähig oder sonst brauch-
bar war. Die verwegensten Parteiführer, die rücksichtslos nach
allen Seiten hin ihre Angriffe richteten, hüteten sich gegen Cras-
sus aufzutreten; man verglich ihn dem Stier der Heerde, den zu
reizen für keinen räthlich war. Daſs ein solcher und so ge-
stellter Mann nicht nach niedrigen Zielen streben konnte, leuch-
tet ein; und, anders als Pompeius, wuſste Crassus genau wie
ein Banquier, worauf und womit er politisch speculirte. Seit
Rom stand, war daselbst das Capital eine politische Macht; die
Zeit war von der Art, daſs dem Golde wie dem Eisen alles zu-
gänglich schien. Wenn in der Revolutionszeit eine Capitalisten-
aristokratie daran hatte denken mögen die Oligarchie der Ge-
schlechter zu stürzen, so durfte auch ein Mann wie Crassus die
Blicke höher erheben als zu den Ruthenbündeln und dem ge-
stickten Mantel der Triumphatoren. Augenblicklich war er Sulla-
ner und Anhänger des Senats; allein er war viel zu sehr Finanz-
mann, um einer bestimmten politischen Partei sich zu eigen zu
geben und etwas anderes zu verfolgen als seinen persönlichen
Vortheil. Warum sollte Crassus, der reichste und der intrigan-
teste Mann in Rom und kein scharrender Geizhals, sondern ein
Speculant im gröſsten Maſsstab, nicht speculiren auch auf die
Krone? Vielleicht vermochte er allein es nicht dies Ziel zu errei-
chen; aber er hatte ja schon manches groſsartige Gesellschafts-
geschäft gemacht; es war nicht unmöglich, daſs auch hiefür ein
passender Theilnehmer sich darbot. Es gehört zur Signatur der
Zeit, daſs ein mittelmäſsiger Redner und Offizier, ein Politiker,
der seine Rührigkeit für Energie, seine Begehrlichkeit für Ehr-
geiz hielt, der im Grunde nichts hatte als ein colossales Vermö-
gen und das kaufmännische Talent Verbindungen anzuknüpfen
— daſs ein solcher Mann, gestützt auf die Allmacht der Coterien
und Intriguen, den ersten Feldherren und Staatsmännern der
Zeit sich ebenbürtig achten und mit ihnen um den höchsten
Preis ringen durfte, der dem politischen Ehrgeiz winkt.

In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen
Conservativen als unter den Popularen, hatten die Stürme der
Revolution mit erschreckender Gründlichkeit aufgeräumt. Unter

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[14/0024] FÜNFTES BUCH. KAPITEL I. Falls durch sein Gold auf die Richter einzuwirken verstand. Der halbe Rath war ihm verschuldet; seine Gewohnheit, den ‚Freun- den‘ Geld ohne Zinsen auf beliebige Rückforderung vorzuschies- sen, machte eine Menge einfluſsreicher Männer von ihm abhängig, um so mehr da er als echter Geschäftsmann keinen Unterschied unter den Parteien machte, überall Verbindungen unterhielt und bereitwillig jedem borgte, der zahlungsfähig oder sonst brauch- bar war. Die verwegensten Parteiführer, die rücksichtslos nach allen Seiten hin ihre Angriffe richteten, hüteten sich gegen Cras- sus aufzutreten; man verglich ihn dem Stier der Heerde, den zu reizen für keinen räthlich war. Daſs ein solcher und so ge- stellter Mann nicht nach niedrigen Zielen streben konnte, leuch- tet ein; und, anders als Pompeius, wuſste Crassus genau wie ein Banquier, worauf und womit er politisch speculirte. Seit Rom stand, war daselbst das Capital eine politische Macht; die Zeit war von der Art, daſs dem Golde wie dem Eisen alles zu- gänglich schien. Wenn in der Revolutionszeit eine Capitalisten- aristokratie daran hatte denken mögen die Oligarchie der Ge- schlechter zu stürzen, so durfte auch ein Mann wie Crassus die Blicke höher erheben als zu den Ruthenbündeln und dem ge- stickten Mantel der Triumphatoren. Augenblicklich war er Sulla- ner und Anhänger des Senats; allein er war viel zu sehr Finanz- mann, um einer bestimmten politischen Partei sich zu eigen zu geben und etwas anderes zu verfolgen als seinen persönlichen Vortheil. Warum sollte Crassus, der reichste und der intrigan- teste Mann in Rom und kein scharrender Geizhals, sondern ein Speculant im gröſsten Maſsstab, nicht speculiren auch auf die Krone? Vielleicht vermochte er allein es nicht dies Ziel zu errei- chen; aber er hatte ja schon manches groſsartige Gesellschafts- geschäft gemacht; es war nicht unmöglich, daſs auch hiefür ein passender Theilnehmer sich darbot. Es gehört zur Signatur der Zeit, daſs ein mittelmäſsiger Redner und Offizier, ein Politiker, der seine Rührigkeit für Energie, seine Begehrlichkeit für Ehr- geiz hielt, der im Grunde nichts hatte als ein colossales Vermö- gen und das kaufmännische Talent Verbindungen anzuknüpfen — daſs ein solcher Mann, gestützt auf die Allmacht der Coterien und Intriguen, den ersten Feldherren und Staatsmännern der Zeit sich ebenbürtig achten und mit ihnen um den höchsten Preis ringen durfte, der dem politischen Ehrgeiz winkt. In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen Conservativen als unter den Popularen, hatten die Stürme der Revolution mit erschreckender Gründlichkeit aufgeräumt. Unter

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Zitationshilfe: Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. Bd. 3: Von Sullas Tode bis zur Schlacht von Thapsus. Leipzig, 1856, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/mommsen_roemische03_1856/24>, abgerufen am 17.04.2024.