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Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 4. Berlin, 1786.

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Wie man zu einem guten Vortrage

Eher möchte ich sagen, daß Sie Jhre Empfindun-
gen und Gedanken selbst nicht genug entwickelt hätten,
wenn sie solche vortragen wollen. Die mehrsten unter
den Schreibenden begnügen sich damit, ihren Gegenstand
mit aller Gelassenheit zu überdenken, sodann eine so-
genannte Disposition zu machen, und ihren Satz darnach
auszuführen; oder sie nützen die Heftigkeit des ersten
Anfalls, und geben uns aus ihrer glühenden Einbildungs-
kraft ein frisches Gemählde, was oft bunt und stark
genug ist, und doch die Würkung nicht thut, welche sie
erwarteten. Aber so nöthig es auch ist, daß derjenige,
der eine große Wahrheit mächtig vortragen will, dieselbe
vorher wohl überdenke, seinen Vortrag ordne, und sei-
nen Gegenstand, nachdem er ist, mit aller Wärme be-
handle: so ist dieses doch noch der eigentliche Weg nicht,
worauf man zu einer kräftigen Darstellung seiner Em-
pfindungen gelangt.

Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich davon
aus Büchern und aus eignen Nachdenken unterrichtet
habe, noch so sehr einleuchten, und ich mag mich damit
noch so bekannt dünken: so wage ich es doch nicht, so-
gleich meine Disposition zu machen, und sie darnach zu
behandeln; vielmehr denke ich, sie habe noch unzählige
Falten und Seiten, die nur jetzt verborgen sind, und
ich müßte erst suchen, solche so viel möglich zu gewinnen,
ehe ich an irgend einen Vortrag, oder an Disposition
und Ausführung gedenken dürfe. Diesemnach werfe ich
zuerst, sobald ich mich von meinem Gegenstande begei-
stert und zum Vortragen geschickt fühle, alles was mir dar-
über beyfällt, aufs Papier. Des andern Tages verfahre
ich wieder so, wenn mich mein Gegenstand von neuem
zu sich reißt, und das wiederhole ich so lange, als das
Feuer und die Begierde zunimmt, immer tiefer in die

Sache
Wie man zu einem guten Vortrage

Eher moͤchte ich ſagen, daß Sie Jhre Empfindun-
gen und Gedanken ſelbſt nicht genug entwickelt haͤtten,
wenn ſie ſolche vortragen wollen. Die mehrſten unter
den Schreibenden begnuͤgen ſich damit, ihren Gegenſtand
mit aller Gelaſſenheit zu uͤberdenken, ſodann eine ſo-
genannte Diſpoſition zu machen, und ihren Satz darnach
auszufuͤhren; oder ſie nuͤtzen die Heftigkeit des erſten
Anfalls, und geben uns aus ihrer gluͤhenden Einbildungs-
kraft ein friſches Gemaͤhlde, was oft bunt und ſtark
genug iſt, und doch die Wuͤrkung nicht thut, welche ſie
erwarteten. Aber ſo noͤthig es auch iſt, daß derjenige,
der eine große Wahrheit maͤchtig vortragen will, dieſelbe
vorher wohl uͤberdenke, ſeinen Vortrag ordne, und ſei-
nen Gegenſtand, nachdem er iſt, mit aller Waͤrme be-
handle: ſo iſt dieſes doch noch der eigentliche Weg nicht,
worauf man zu einer kraͤftigen Darſtellung ſeiner Em-
pfindungen gelangt.

Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich davon
aus Buͤchern und aus eignen Nachdenken unterrichtet
habe, noch ſo ſehr einleuchten, und ich mag mich damit
noch ſo bekannt duͤnken: ſo wage ich es doch nicht, ſo-
gleich meine Diſpoſition zu machen, und ſie darnach zu
behandeln; vielmehr denke ich, ſie habe noch unzaͤhlige
Falten und Seiten, die nur jetzt verborgen ſind, und
ich muͤßte erſt ſuchen, ſolche ſo viel moͤglich zu gewinnen,
ehe ich an irgend einen Vortrag, oder an Diſpoſition
und Ausfuͤhrung gedenken duͤrfe. Dieſemnach werfe ich
zuerſt, ſobald ich mich von meinem Gegenſtande begei-
ſtert und zum Vortragen geſchickt fuͤhle, alles was mir dar-
uͤber beyfaͤllt, aufs Papier. Des andern Tages verfahre
ich wieder ſo, wenn mich mein Gegenſtand von neuem
zu ſich reißt, und das wiederhole ich ſo lange, als das
Feuer und die Begierde zunimmt, immer tiefer in die

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[4/0016] Wie man zu einem guten Vortrage Eher moͤchte ich ſagen, daß Sie Jhre Empfindun- gen und Gedanken ſelbſt nicht genug entwickelt haͤtten, wenn ſie ſolche vortragen wollen. Die mehrſten unter den Schreibenden begnuͤgen ſich damit, ihren Gegenſtand mit aller Gelaſſenheit zu uͤberdenken, ſodann eine ſo- genannte Diſpoſition zu machen, und ihren Satz darnach auszufuͤhren; oder ſie nuͤtzen die Heftigkeit des erſten Anfalls, und geben uns aus ihrer gluͤhenden Einbildungs- kraft ein friſches Gemaͤhlde, was oft bunt und ſtark genug iſt, und doch die Wuͤrkung nicht thut, welche ſie erwarteten. Aber ſo noͤthig es auch iſt, daß derjenige, der eine große Wahrheit maͤchtig vortragen will, dieſelbe vorher wohl uͤberdenke, ſeinen Vortrag ordne, und ſei- nen Gegenſtand, nachdem er iſt, mit aller Waͤrme be- handle: ſo iſt dieſes doch noch der eigentliche Weg nicht, worauf man zu einer kraͤftigen Darſtellung ſeiner Em- pfindungen gelangt. Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich davon aus Buͤchern und aus eignen Nachdenken unterrichtet habe, noch ſo ſehr einleuchten, und ich mag mich damit noch ſo bekannt duͤnken: ſo wage ich es doch nicht, ſo- gleich meine Diſpoſition zu machen, und ſie darnach zu behandeln; vielmehr denke ich, ſie habe noch unzaͤhlige Falten und Seiten, die nur jetzt verborgen ſind, und ich muͤßte erſt ſuchen, ſolche ſo viel moͤglich zu gewinnen, ehe ich an irgend einen Vortrag, oder an Diſpoſition und Ausfuͤhrung gedenken duͤrfe. Dieſemnach werfe ich zuerſt, ſobald ich mich von meinem Gegenſtande begei- ſtert und zum Vortragen geſchickt fuͤhle, alles was mir dar- uͤber beyfaͤllt, aufs Papier. Des andern Tages verfahre ich wieder ſo, wenn mich mein Gegenſtand von neuem zu ſich reißt, und das wiederhole ich ſo lange, als das Feuer und die Begierde zunimmt, immer tiefer in die Sache

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Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 4. Berlin, 1786, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien04_1786/16>, abgerufen am 16.04.2024.