Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778.

Bild:
<< vorherige Seite

ohne Gewissensscrupel folgen.
sehr erschreckt hätte, erzeugten plötzlich ganz andere Em-
pfindungen, die sich mit einer zärtlichen Umarmung, und
mit Bitten um Vergebung von beyden Seiten endigten.

Aber, werden Sie, meine Theureste, fragen, was war
denn nun endlich ihr gemeinschaftlicher Entschluß? Hier-
auf kann ich Ihnen vorerst nur so viel sagen, daß alle
Gründe auf beyden Seiten, welche von dem geschätzten
Nichts der eiteln Ehre, von dem Raupenstande, worinn
wir uns hier auf Erden befinden, von der Spanne Zeit

Worauf wir eben stehn,
Von der wir nichts, eh heute ward, gesehn,
Von der wir kaum die Spur, eh Morgen wird,
noch wissen:
Da von dem Augenblick, zu dem wir eben gehn,
Schon wieder unter unsern Füssen
Das Meer der Ewigkeit -- das unsern Schritt
umringt,
Stets vor ihm Land enthüllt und hinter ihm
verschlingt --
Den einen Theil hinabgerissen --

und andern dergleichen schönen poetischen Bilder entlehnt
wurden, gar nichts verfangen wollten. Ich verschanzte
mich blos, nachdem wir unser moralisches Pulver gegen
einander verschossen hatten, hinter den Einwurf: aber
wenn es nun der Wohlstand durchaus erfordert?
und
mein Mann blieb auf seiner Batterie: aber wenn ich es
nun nicht bezahlen kann?
In dieser Stellung, worinn
wir uns als Personenfreunde und Sachenfeinde die Hände
über die Verschanzungen reichten, standen wir beyde eine
lange Zeit ohne einen Schritt zu weichen.

Ich

ohne Gewiſſensſcrupel folgen.
ſehr erſchreckt haͤtte, erzeugten ploͤtzlich ganz andere Em-
pfindungen, die ſich mit einer zaͤrtlichen Umarmung, und
mit Bitten um Vergebung von beyden Seiten endigten.

Aber, werden Sie, meine Theureſte, fragen, was war
denn nun endlich ihr gemeinſchaftlicher Entſchluß? Hier-
auf kann ich Ihnen vorerſt nur ſo viel ſagen, daß alle
Gruͤnde auf beyden Seiten, welche von dem geſchaͤtzten
Nichts der eiteln Ehre, von dem Raupenſtande, worinn
wir uns hier auf Erden befinden, von der Spanne Zeit

Worauf wir eben ſtehn,
Von der wir nichts, eh heute ward, geſehn,
Von der wir kaum die Spur, eh Morgen wird,
noch wiſſen:
Da von dem Augenblick, zu dem wir eben gehn,
Schon wieder unter unſern Fuͤſſen
Das Meer der Ewigkeit — das unſern Schritt
umringt,
Stets vor ihm Land enthuͤllt und hinter ihm
verſchlingt —
Den einen Theil hinabgeriſſen —

und andern dergleichen ſchoͤnen poetiſchen Bilder entlehnt
wurden, gar nichts verfangen wollten. Ich verſchanzte
mich blos, nachdem wir unſer moraliſches Pulver gegen
einander verſchoſſen hatten, hinter den Einwurf: aber
wenn es nun der Wohlſtand durchaus erfordert?
und
mein Mann blieb auf ſeiner Batterie: aber wenn ich es
nun nicht bezahlen kann?
In dieſer Stellung, worinn
wir uns als Perſonenfreunde und Sachenfeinde die Haͤnde
uͤber die Verſchanzungen reichten, ſtanden wir beyde eine
lange Zeit ohne einen Schritt zu weichen.

Ich
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0025" n="11"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">ohne Gewi&#x017F;&#x017F;ens&#x017F;crupel folgen.</hi></fw><lb/>
&#x017F;ehr er&#x017F;chreckt ha&#x0364;tte, erzeugten plo&#x0364;tzlich ganz andere Em-<lb/>
pfindungen, die &#x017F;ich mit einer za&#x0364;rtlichen Umarmung, und<lb/>
mit Bitten um Vergebung von beyden Seiten endigten.</p><lb/>
          <p>Aber, werden Sie, meine Theure&#x017F;te, fragen, was war<lb/>
denn nun endlich ihr gemein&#x017F;chaftlicher Ent&#x017F;chluß? Hier-<lb/>
auf kann ich Ihnen vorer&#x017F;t nur &#x017F;o viel &#x017F;agen, daß alle<lb/>
Gru&#x0364;nde auf beyden Seiten, welche von dem ge&#x017F;cha&#x0364;tzten<lb/>
Nichts der eiteln Ehre, von dem Raupen&#x017F;tande, worinn<lb/>
wir uns hier auf Erden befinden, von der Spanne Zeit</p><lb/>
          <lg type="poem">
            <l>Worauf wir eben &#x017F;tehn,</l><lb/>
            <l>Von der wir nichts, eh heute ward, ge&#x017F;ehn,</l><lb/>
            <l>Von der wir kaum die Spur, eh Morgen wird,</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">noch wi&#x017F;&#x017F;en:</hi> </l><lb/>
            <l>Da von dem Augenblick, zu dem wir eben gehn,</l><lb/>
            <l>Schon wieder unter un&#x017F;ern Fu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en</l><lb/>
            <l>Das Meer der Ewigkeit &#x2014; das un&#x017F;ern Schritt</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">umringt,</hi> </l><lb/>
            <l>Stets vor ihm Land enthu&#x0364;llt und hinter ihm</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">ver&#x017F;chlingt &#x2014;</hi> </l><lb/>
            <l>Den einen Theil hinabgeri&#x017F;&#x017F;en &#x2014;</l>
          </lg><lb/>
          <p>und andern dergleichen &#x017F;cho&#x0364;nen poeti&#x017F;chen Bilder entlehnt<lb/>
wurden, gar nichts verfangen wollten. Ich ver&#x017F;chanzte<lb/>
mich blos, nachdem wir un&#x017F;er morali&#x017F;ches Pulver gegen<lb/>
einander ver&#x017F;cho&#x017F;&#x017F;en hatten, hinter den Einwurf: <hi rendition="#fr">aber<lb/>
wenn es nun der Wohl&#x017F;tand durchaus erfordert?</hi> und<lb/>
mein Mann blieb auf &#x017F;einer Batterie: <hi rendition="#fr">aber wenn ich es<lb/>
nun nicht bezahlen kann?</hi> In die&#x017F;er Stellung, worinn<lb/>
wir uns als Per&#x017F;onenfreunde und Sachenfeinde die Ha&#x0364;nde<lb/>
u&#x0364;ber die Ver&#x017F;chanzungen reichten, &#x017F;tanden wir beyde eine<lb/>
lange Zeit ohne einen Schritt zu weichen.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">Ich</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[11/0025] ohne Gewiſſensſcrupel folgen. ſehr erſchreckt haͤtte, erzeugten ploͤtzlich ganz andere Em- pfindungen, die ſich mit einer zaͤrtlichen Umarmung, und mit Bitten um Vergebung von beyden Seiten endigten. Aber, werden Sie, meine Theureſte, fragen, was war denn nun endlich ihr gemeinſchaftlicher Entſchluß? Hier- auf kann ich Ihnen vorerſt nur ſo viel ſagen, daß alle Gruͤnde auf beyden Seiten, welche von dem geſchaͤtzten Nichts der eiteln Ehre, von dem Raupenſtande, worinn wir uns hier auf Erden befinden, von der Spanne Zeit Worauf wir eben ſtehn, Von der wir nichts, eh heute ward, geſehn, Von der wir kaum die Spur, eh Morgen wird, noch wiſſen: Da von dem Augenblick, zu dem wir eben gehn, Schon wieder unter unſern Fuͤſſen Das Meer der Ewigkeit — das unſern Schritt umringt, Stets vor ihm Land enthuͤllt und hinter ihm verſchlingt — Den einen Theil hinabgeriſſen — und andern dergleichen ſchoͤnen poetiſchen Bilder entlehnt wurden, gar nichts verfangen wollten. Ich verſchanzte mich blos, nachdem wir unſer moraliſches Pulver gegen einander verſchoſſen hatten, hinter den Einwurf: aber wenn es nun der Wohlſtand durchaus erfordert? und mein Mann blieb auf ſeiner Batterie: aber wenn ich es nun nicht bezahlen kann? In dieſer Stellung, worinn wir uns als Perſonenfreunde und Sachenfeinde die Haͤnde uͤber die Verſchanzungen reichten, ſtanden wir beyde eine lange Zeit ohne einen Schritt zu weichen. Ich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Für das DTA wurde die „Neue verbesserte und verme… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778/25
Zitationshilfe: Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Bd. 3. 2. Aufl. Berlin, 1778, S. 11. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/moeser_phantasien03_1778/25>, abgerufen am 12.05.2021.