Lewald, Fanny: Adele. 2. Ausg. Berlin, 1864.Sie hatte den kleinen Hut und den leichten, ganz durchnäßten Shawl auf den ersten, besten Stuhl geworfen, und setzte sich ermattet in die Sophaecke nieder. Samuel sah, daß selbst ihre Kleider naß geworden waren, und daß Adele zusammenschauerte. Er machte ihr das freundlich bemerkbar, und bat sie an ihre Gesundheit zu denken. Sie schüttelte den Kopf. "Sein Sie unbesorgt!" sagte sie. "Wer seelisch recht viel gelitten hat, der ist körperlich gefeit. Ich habe eine eiserne Natur, ich bekomme mich nicht todt!" "Adele!" rief Samuel, "versündigen Sie sich nicht." "Was ist da zu versündigen!" entgegnete sie. "Das Leben ist ja Nichts werth, wenn man es nicht lebenwerth erfindet!" "Und Sie denken nicht, daß Ihre Eltern schon den einzigen Sohn verloren haben, daß Ihr Vater --" Sie hatte den kleinen Hut und den leichten, ganz durchnäßten Shawl auf den ersten, besten Stuhl geworfen, und setzte sich ermattet in die Sophaecke nieder. Samuel sah, daß selbst ihre Kleider naß geworden waren, und daß Adele zusammenschauerte. Er machte ihr das freundlich bemerkbar, und bat sie an ihre Gesundheit zu denken. Sie schüttelte den Kopf. “Sein Sie unbesorgt!” sagte sie. “Wer seelisch recht viel gelitten hat, der ist körperlich gefeit. Ich habe eine eiserne Natur, ich bekomme mich nicht todt!” “Adele!” rief Samuel, “versündigen Sie sich nicht.” “Was ist da zu versündigen!” entgegnete sie. “Das Leben ist ja Nichts werth, wenn man es nicht lebenwerth erfindet!” “Und Sie denken nicht, daß Ihre Eltern schon den einzigen Sohn verloren haben, daß Ihr Vater —” <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0082" n="72"/> Sie hatte den kleinen Hut und den leichten, ganz durchnäßten Shawl auf den ersten, besten Stuhl geworfen, und setzte sich ermattet in die Sophaecke nieder. Samuel sah, daß selbst ihre Kleider naß geworden waren, und daß Adele zusammenschauerte. Er machte ihr das freundlich bemerkbar, und bat sie an ihre Gesundheit zu denken. Sie schüttelte den Kopf.</p> <p> “Sein Sie unbesorgt!” sagte sie. “Wer seelisch recht viel gelitten hat, der ist körperlich gefeit. Ich habe eine eiserne Natur, ich bekomme mich nicht todt!”</p> <p> “Adele!” rief Samuel, “versündigen Sie sich nicht.”</p> <p> “Was ist da zu versündigen!” entgegnete sie. “Das Leben ist ja Nichts werth, wenn man es nicht lebenwerth erfindet!”</p> <p> “Und Sie denken nicht, daß Ihre Eltern schon den einzigen Sohn verloren haben, daß Ihr Vater —” </p> </div> </body> </text> </TEI> [72/0082]
Sie hatte den kleinen Hut und den leichten, ganz durchnäßten Shawl auf den ersten, besten Stuhl geworfen, und setzte sich ermattet in die Sophaecke nieder. Samuel sah, daß selbst ihre Kleider naß geworden waren, und daß Adele zusammenschauerte. Er machte ihr das freundlich bemerkbar, und bat sie an ihre Gesundheit zu denken. Sie schüttelte den Kopf.
“Sein Sie unbesorgt!” sagte sie. “Wer seelisch recht viel gelitten hat, der ist körperlich gefeit. Ich habe eine eiserne Natur, ich bekomme mich nicht todt!”
“Adele!” rief Samuel, “versündigen Sie sich nicht.”
“Was ist da zu versündigen!” entgegnete sie. “Das Leben ist ja Nichts werth, wenn man es nicht lebenwerth erfindet!”
“Und Sie denken nicht, daß Ihre Eltern schon den einzigen Sohn verloren haben, daß Ihr Vater —”
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