Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769].

Bild:
<< vorherige Seite

niß. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die Elisa-
beth des Corneille, über Kälte und Verachtung,
über Gluth und Schicksal; sie spricht von keinem
Gifte, das sie verzehre; sie jammert nicht, daß ihr
der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem
sie ihm doch deutlich genug zu verstehen gegeben,
daß er um sie allein seufzen solle, u. s. w. Keine
von diesen Armseligkeiten kömmt über ihre Lip-
pen. Sie spricht nie, als eine Verliebte; aber
sie handelt so. Man hört es nie, aber man
sieht es, wie theuer ihr Essex ehedem gewesen,
und noch ist. Einige Funken Eifersucht verra-
then sie; sonst würde man sie schlechterdings für
nichts, als für seine Freundinn halten können.

Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesin-
nungen gegen den Grafen in Action zu setzen
gewußt, das können folgende Scenen des drit-
ten Aufzuges zeigen. -- Die Königinn glaubt sich
allein, und überlegt den unglücklichen Zwang
ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der
wahren Neigung ihres Herzens zu handeln. In-
dem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr
nachgekommen. --

Die Königinn. Du hier, Nottingham?
Ich glaubte, ich sey allein.
Nottingham. Verzeihe, Königinn, daß
ich so kühn bin. Und doch befiehlt mir meine
Pflicht,
E 2

niß. Seine Eliſabeth klagt nicht, wie die Eliſa-
beth des Corneille, über Kälte und Verachtung,
über Gluth und Schickſal; ſie ſpricht von keinem
Gifte, das ſie verzehre; ſie jammert nicht, daß ihr
der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem
ſie ihm doch deutlich genug zu verſtehen gegeben,
daß er um ſie allein ſeufzen ſolle, u. ſ. w. Keine
von dieſen Armſeligkeiten kömmt über ihre Lip-
pen. Sie ſpricht nie, als eine Verliebte; aber
ſie handelt ſo. Man hört es nie, aber man
ſieht es, wie theuer ihr Eſſex ehedem geweſen,
und noch iſt. Einige Funken Eiferſucht verra-
then ſie; ſonſt würde man ſie ſchlechterdings für
nichts, als für ſeine Freundinn halten können.

Mit welcher Kunſt aber Banks ihre Geſin-
nungen gegen den Grafen in Action zu ſetzen
gewußt, das können folgende Scenen des drit-
ten Aufzuges zeigen. — Die Königinn glaubt ſich
allein, und überlegt den unglücklichen Zwang
ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der
wahren Neigung ihres Herzens zu handeln. In-
dem wird ſie die Nottingham gewahr, die ihr
nachgekommen. —

Die Königinn. Du hier, Nottingham?
Ich glaubte, ich ſey allein.
Nottingham. Verzeihe, Königinn, daß
ich ſo kühn bin. Und doch befiehlt mir meine
Pflicht,
E 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0041" n="35"/>
niß. Seine Eli&#x017F;abeth klagt nicht, wie die Eli&#x017F;a-<lb/>
beth des Corneille, über Kälte und Verachtung,<lb/>
über Gluth und Schick&#x017F;al; &#x017F;ie &#x017F;pricht von keinem<lb/>
Gifte, das &#x017F;ie verzehre; &#x017F;ie jammert nicht, daß ihr<lb/>
der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem<lb/>
&#x017F;ie ihm doch deutlich genug zu ver&#x017F;tehen gegeben,<lb/>
daß er um &#x017F;ie allein &#x017F;eufzen &#x017F;olle, u. &#x017F;. w. Keine<lb/>
von die&#x017F;en Arm&#x017F;eligkeiten kömmt über ihre Lip-<lb/>
pen. Sie &#x017F;pricht nie, als eine Verliebte; aber<lb/>
&#x017F;ie handelt &#x017F;o. Man hört es nie, aber man<lb/>
&#x017F;ieht es, wie theuer ihr E&#x017F;&#x017F;ex ehedem gewe&#x017F;en,<lb/>
und noch i&#x017F;t. Einige Funken Eifer&#x017F;ucht verra-<lb/>
then &#x017F;ie; &#x017F;on&#x017F;t würde man &#x017F;ie &#x017F;chlechterdings für<lb/>
nichts, als für &#x017F;eine Freundinn halten können.</p><lb/>
        <p>Mit welcher Kun&#x017F;t aber Banks ihre Ge&#x017F;in-<lb/>
nungen gegen den Grafen in Action zu &#x017F;etzen<lb/>
gewußt, das können folgende Scenen des drit-<lb/>
ten Aufzuges zeigen. &#x2014; Die Königinn glaubt &#x017F;ich<lb/>
allein, und überlegt den unglücklichen Zwang<lb/>
ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der<lb/>
wahren Neigung ihres Herzens zu handeln. In-<lb/>
dem wird &#x017F;ie die Nottingham gewahr, die ihr<lb/>
nachgekommen. &#x2014;</p><lb/>
        <floatingText>
          <body>
            <sp>
              <speaker><hi rendition="#g">Die Königinn</hi>.</speaker>
              <p>Du hier, Nottingham?<lb/>
Ich glaubte, ich &#x017F;ey allein.</p>
            </sp><lb/>
            <sp>
              <speaker><hi rendition="#g">Nottingham</hi>.</speaker>
              <p>Verzeihe, Königinn, daß<lb/>
ich &#x017F;o kühn bin. Und doch befiehlt mir meine<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">E 2</fw><fw place="bottom" type="catch">Pflicht,</fw><lb/></p>
            </sp>
          </body>
        </floatingText>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[35/0041] niß. Seine Eliſabeth klagt nicht, wie die Eliſa- beth des Corneille, über Kälte und Verachtung, über Gluth und Schickſal; ſie ſpricht von keinem Gifte, das ſie verzehre; ſie jammert nicht, daß ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem ſie ihm doch deutlich genug zu verſtehen gegeben, daß er um ſie allein ſeufzen ſolle, u. ſ. w. Keine von dieſen Armſeligkeiten kömmt über ihre Lip- pen. Sie ſpricht nie, als eine Verliebte; aber ſie handelt ſo. Man hört es nie, aber man ſieht es, wie theuer ihr Eſſex ehedem geweſen, und noch iſt. Einige Funken Eiferſucht verra- then ſie; ſonſt würde man ſie ſchlechterdings für nichts, als für ſeine Freundinn halten können. Mit welcher Kunſt aber Banks ihre Geſin- nungen gegen den Grafen in Action zu ſetzen gewußt, das können folgende Scenen des drit- ten Aufzuges zeigen. — Die Königinn glaubt ſich allein, und überlegt den unglücklichen Zwang ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres Herzens zu handeln. In- dem wird ſie die Nottingham gewahr, die ihr nachgekommen. — Die Königinn. Du hier, Nottingham? Ich glaubte, ich ſey allein. Nottingham. Verzeihe, Königinn, daß ich ſo kühn bin. Und doch befiehlt mir meine Pflicht, E 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/41
Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769], S. 35. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/41>, abgerufen am 26.01.2021.