Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769].

Bild:
<< vorherige Seite

faßt, und er schien fest entschlossen, sich der Kö-
niginn nie wieder zu nähern. Gleichwohl fin-
den wir ihn bald darauf wieder in ihrer völligen
Gnade, und in der völligen Wirksamkeit eines
ehrgeitzigen Lieblings. Diese Versöhnlichkeit,
wenn sie ernstlich war, macht uns eine sehr
schlechte Idee von ihm; und keine viel bessere,
wenn sie Verstellung war. In diesem Falle
war er wirklich ein Verräther, der sich alles ge-
fallen ließ, bis er den rechten Zeitpunkt gekom-
men zu seyn glaubte. Ein elender Weinpacht,
den ihm die Königinn nahm, brachte ihn am
Ende weit mehr auf, als die Ohrfeige; und der
Zorn über diese Verschmälerung seiner Einkünf-
te, verblendete ihn so, daß er ohne alle Ueber-
legung losbrach. So finden wir ihn in der
Geschichte, und verachten ihn. Aber nicht so
bey dem Banks, der seinen Aufstand zu der un-
mittelbaren Folge der Ohrfeige macht, und ihm
weiter keine treulosen Absichten gegen seine Kö-
niginn beylegt. Sein Fehler ist der Fehler einer
edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben
wird, und der blos durch die Bosheit seiner
Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm ge-
schenkt war.



Ham-

faßt, und er ſchien feſt entſchloſſen, ſich der Kö-
niginn nie wieder zu nähern. Gleichwohl fin-
den wir ihn bald darauf wieder in ihrer völligen
Gnade, und in der völligen Wirkſamkeit eines
ehrgeitzigen Lieblings. Dieſe Verſöhnlichkeit,
wenn ſie ernſtlich war, macht uns eine ſehr
ſchlechte Idee von ihm; und keine viel beſſere,
wenn ſie Verſtellung war. In dieſem Falle
war er wirklich ein Verräther, der ſich alles ge-
fallen ließ, bis er den rechten Zeitpunkt gekom-
men zu ſeyn glaubte. Ein elender Weinpacht,
den ihm die Königinn nahm, brachte ihn am
Ende weit mehr auf, als die Ohrfeige; und der
Zorn über dieſe Verſchmälerung ſeiner Einkünf-
te, verblendete ihn ſo, daß er ohne alle Ueber-
legung losbrach. So finden wir ihn in der
Geſchichte, und verachten ihn. Aber nicht ſo
bey dem Banks, der ſeinen Aufſtand zu der un-
mittelbaren Folge der Ohrfeige macht, und ihm
weiter keine treuloſen Abſichten gegen ſeine Kö-
niginn beylegt. Sein Fehler iſt der Fehler einer
edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben
wird, und der blos durch die Bosheit ſeiner
Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm ge-
ſchenkt war.



Ham-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0038" n="32"/>
faßt, und er &#x017F;chien fe&#x017F;t ent&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en, &#x017F;ich der Kö-<lb/>
niginn nie wieder zu nähern. Gleichwohl fin-<lb/>
den wir ihn bald darauf wieder in ihrer völligen<lb/>
Gnade, und in der völligen Wirk&#x017F;amkeit eines<lb/>
ehrgeitzigen Lieblings. Die&#x017F;e Ver&#x017F;öhnlichkeit,<lb/>
wenn &#x017F;ie ern&#x017F;tlich war, macht uns eine &#x017F;ehr<lb/>
&#x017F;chlechte Idee von ihm; und keine viel be&#x017F;&#x017F;ere,<lb/>
wenn &#x017F;ie Ver&#x017F;tellung war. In die&#x017F;em Falle<lb/>
war er wirklich ein Verräther, der &#x017F;ich alles ge-<lb/>
fallen ließ, bis er den rechten Zeitpunkt gekom-<lb/>
men zu &#x017F;eyn glaubte. Ein elender Weinpacht,<lb/>
den ihm die Königinn nahm, brachte ihn am<lb/>
Ende weit mehr auf, als die Ohrfeige; und der<lb/>
Zorn über die&#x017F;e Ver&#x017F;chmälerung &#x017F;einer Einkünf-<lb/>
te, verblendete ihn &#x017F;o, daß er ohne alle Ueber-<lb/>
legung losbrach. So finden wir ihn in der<lb/>
Ge&#x017F;chichte, und verachten ihn. Aber nicht &#x017F;o<lb/>
bey dem Banks, der &#x017F;einen Auf&#x017F;tand zu der un-<lb/>
mittelbaren Folge der Ohrfeige macht, und ihm<lb/>
weiter keine treulo&#x017F;en Ab&#x017F;ichten gegen &#x017F;eine Kö-<lb/>
niginn beylegt. Sein Fehler i&#x017F;t der Fehler einer<lb/>
edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben<lb/>
wird, und der blos durch die Bosheit &#x017F;einer<lb/>
Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm ge-<lb/>
&#x017F;chenkt war.</p>
      </div><lb/>
      <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      <fw place="bottom" type="catch"> <hi rendition="#b">Ham-</hi> </fw><lb/>
    </body>
  </text>
</TEI>
[32/0038] faßt, und er ſchien feſt entſchloſſen, ſich der Kö- niginn nie wieder zu nähern. Gleichwohl fin- den wir ihn bald darauf wieder in ihrer völligen Gnade, und in der völligen Wirkſamkeit eines ehrgeitzigen Lieblings. Dieſe Verſöhnlichkeit, wenn ſie ernſtlich war, macht uns eine ſehr ſchlechte Idee von ihm; und keine viel beſſere, wenn ſie Verſtellung war. In dieſem Falle war er wirklich ein Verräther, der ſich alles ge- fallen ließ, bis er den rechten Zeitpunkt gekom- men zu ſeyn glaubte. Ein elender Weinpacht, den ihm die Königinn nahm, brachte ihn am Ende weit mehr auf, als die Ohrfeige; und der Zorn über dieſe Verſchmälerung ſeiner Einkünf- te, verblendete ihn ſo, daß er ohne alle Ueber- legung losbrach. So finden wir ihn in der Geſchichte, und verachten ihn. Aber nicht ſo bey dem Banks, der ſeinen Aufſtand zu der un- mittelbaren Folge der Ohrfeige macht, und ihm weiter keine treuloſen Abſichten gegen ſeine Kö- niginn beylegt. Sein Fehler iſt der Fehler einer edeln Hitze, den er bereuet, der ihm vergeben wird, und der blos durch die Bosheit ſeiner Feinde der Strafe nicht entgeht, die ihm ge- ſchenkt war. Ham-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/38
Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769], S. 32. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/38>, abgerufen am 26.01.2021.