Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769].

Bild:
<< vorherige Seite

wissen Personen nothwendig so tragisch werden
muß, soll dennoch aus der Tragödie ausgeschlos-
sen seyn, weil es auch in der Komödie, weil es
auch in dem Possenfpiele Platz findet? Worüber
wir einmal lachen, sollen wir ein andermal nicht
erschrecken können?

Wenn ich die Ohrfeigen aus einer Gattung
des Drama verbannt wissen möchte, so wäre es
aus der Komödie. Denn was für Folgen kann
sie da haben? Traurige? die sind über ihrer
Sphäre. Lächerliche? die sind unter ihr, und
gehören dem Possenspiele. Gar keine? so ver-
lohnte es nicht der Mühe, sie geben zu lassen.
Wer sie giebt, wird nichts als pöbelhafte Hitze,
und wer sie bekömmt, nichts als knechtische
Kleinmuth verrathen. Sie verbleibt also den
beiden Extremis, der Tragödie und dem Possen-
spiele; die mehrere dergleichen Dinge gemein
haben, über die wir entweder spotten oder zit-
tern wollen.

Und ich frage jeden, der den Cid vorstellen
sehen, oder ihn mit einiger Aufmerksamkeit auch
nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder überlau-
fen, wenn der großsprecherische Gormas den
alten würdigen Diego zu schlagen sich erdreistet?
Ob er nicht das empfindlichste Mitleid für diesen,
und den bittersten Unwillen gegen jenen empfun-
den? Ob ihm nicht auf einmal alle die blutigen
und traurigen Folgen, die diese schimfliche Be-

geg-

wiſſen Perſonen nothwendig ſo tragiſch werden
muß, ſoll dennoch aus der Tragödie ausgeſchloſ-
ſen ſeyn, weil es auch in der Komödie, weil es
auch in dem Poſſenfpiele Platz findet? Worüber
wir einmal lachen, ſollen wir ein andermal nicht
erſchrecken können?

Wenn ich die Ohrfeigen aus einer Gattung
des Drama verbannt wiſſen möchte, ſo wäre es
aus der Komödie. Denn was für Folgen kann
ſie da haben? Traurige? die ſind über ihrer
Sphäre. Lächerliche? die ſind unter ihr, und
gehören dem Poſſenſpiele. Gar keine? ſo ver-
lohnte es nicht der Mühe, ſie geben zu laſſen.
Wer ſie giebt, wird nichts als pöbelhafte Hitze,
und wer ſie bekömmt, nichts als knechtiſche
Kleinmuth verrathen. Sie verbleibt alſo den
beiden Extremis, der Tragödie und dem Poſſen-
ſpiele; die mehrere dergleichen Dinge gemein
haben, über die wir entweder ſpotten oder zit-
tern wollen.

Und ich frage jeden, der den Cid vorſtellen
ſehen, oder ihn mit einiger Aufmerkſamkeit auch
nur geleſen, ob ihn nicht ein Schauder überlau-
fen, wenn der großſprecheriſche Gormas den
alten würdigen Diego zu ſchlagen ſich erdreiſtet?
Ob er nicht das empfindlichſte Mitleid für dieſen,
und den bitterſten Unwillen gegen jenen empfun-
den? Ob ihm nicht auf einmal alle die blutigen
und traurigen Folgen, die dieſe ſchimfliche Be-

geg-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0034" n="28"/>
wi&#x017F;&#x017F;en Per&#x017F;onen nothwendig &#x017F;o tragi&#x017F;ch werden<lb/>
muß, &#x017F;oll dennoch aus der Tragödie ausge&#x017F;chlo&#x017F;-<lb/>
&#x017F;en &#x017F;eyn, weil es auch in der Komödie, weil es<lb/>
auch in dem Po&#x017F;&#x017F;enfpiele Platz findet? Worüber<lb/>
wir einmal lachen, &#x017F;ollen wir ein andermal nicht<lb/>
er&#x017F;chrecken können?</p><lb/>
        <p>Wenn ich die Ohrfeigen aus einer Gattung<lb/>
des Drama verbannt wi&#x017F;&#x017F;en möchte, &#x017F;o wäre es<lb/>
aus der Komödie. Denn was für Folgen kann<lb/>
&#x017F;ie da haben? Traurige? die &#x017F;ind über ihrer<lb/>
Sphäre. Lächerliche? die &#x017F;ind unter ihr, und<lb/>
gehören dem Po&#x017F;&#x017F;en&#x017F;piele. Gar keine? &#x017F;o ver-<lb/>
lohnte es nicht der Mühe, &#x017F;ie geben zu la&#x017F;&#x017F;en.<lb/>
Wer &#x017F;ie giebt, wird nichts als pöbelhafte Hitze,<lb/>
und wer &#x017F;ie bekömmt, nichts als knechti&#x017F;che<lb/>
Kleinmuth verrathen. Sie verbleibt al&#x017F;o den<lb/>
beiden Extremis, der Tragödie und dem Po&#x017F;&#x017F;en-<lb/>
&#x017F;piele; die mehrere dergleichen Dinge gemein<lb/>
haben, über die wir entweder &#x017F;potten oder zit-<lb/>
tern wollen.</p><lb/>
        <p>Und ich frage jeden, der den Cid vor&#x017F;tellen<lb/>
&#x017F;ehen, oder ihn mit einiger Aufmerk&#x017F;amkeit auch<lb/>
nur gele&#x017F;en, ob ihn nicht ein Schauder überlau-<lb/>
fen, wenn der groß&#x017F;precheri&#x017F;che Gormas den<lb/>
alten würdigen Diego zu &#x017F;chlagen &#x017F;ich erdrei&#x017F;tet?<lb/>
Ob er nicht das empfindlich&#x017F;te Mitleid für die&#x017F;en,<lb/>
und den bitter&#x017F;ten Unwillen gegen jenen empfun-<lb/>
den? Ob ihm nicht auf einmal alle die blutigen<lb/>
und traurigen Folgen, die die&#x017F;e &#x017F;chimfliche Be-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">geg-</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[28/0034] wiſſen Perſonen nothwendig ſo tragiſch werden muß, ſoll dennoch aus der Tragödie ausgeſchloſ- ſen ſeyn, weil es auch in der Komödie, weil es auch in dem Poſſenfpiele Platz findet? Worüber wir einmal lachen, ſollen wir ein andermal nicht erſchrecken können? Wenn ich die Ohrfeigen aus einer Gattung des Drama verbannt wiſſen möchte, ſo wäre es aus der Komödie. Denn was für Folgen kann ſie da haben? Traurige? die ſind über ihrer Sphäre. Lächerliche? die ſind unter ihr, und gehören dem Poſſenſpiele. Gar keine? ſo ver- lohnte es nicht der Mühe, ſie geben zu laſſen. Wer ſie giebt, wird nichts als pöbelhafte Hitze, und wer ſie bekömmt, nichts als knechtiſche Kleinmuth verrathen. Sie verbleibt alſo den beiden Extremis, der Tragödie und dem Poſſen- ſpiele; die mehrere dergleichen Dinge gemein haben, über die wir entweder ſpotten oder zit- tern wollen. Und ich frage jeden, der den Cid vorſtellen ſehen, oder ihn mit einiger Aufmerkſamkeit auch nur geleſen, ob ihn nicht ein Schauder überlau- fen, wenn der großſprecheriſche Gormas den alten würdigen Diego zu ſchlagen ſich erdreiſtet? Ob er nicht das empfindlichſte Mitleid für dieſen, und den bitterſten Unwillen gegen jenen empfun- den? Ob ihm nicht auf einmal alle die blutigen und traurigen Folgen, die dieſe ſchimfliche Be- geg-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/34
Zitationshilfe: [Lessing, Gotthold Ephraim]: Hamburgische Dramaturgie. Bd. 2. Hamburg u. a., [1769], S. 28. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lessing_dramaturgie02_1767/34>, abgerufen am 26.01.2021.