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Lange, Helene: Die Frauen und das politische Leben. Berlin, 1909.

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Mittel gäbe, den Einfluß und die Erfahrung der Durchschnitts-
frau der Nation zur Geltung zu bringen."

Jn der Tat muß diese Betonung der Differenz der Ge-
schlechter heute ganz an die Stelle der Naturrechtstheorieen
treten, mit denen man im ersten Stadium der Bewegung das
Recht der Frau auf volle Vertretung im Staat stützte. Bei
uns wenigstens zieht sein Pathos nicht mehr. Die Declaration
des droits de la femme
, die amerikanische Declaration of
sentiments
, die auf diesem "Menschenrecht" der Frau fußen
und den bewußten bösen Willen des Mannes für die Unter-
drückung der Frau verantwortlich machen, haben nicht mehr
mitzusprechen in einem Staatsleben, das man als einen
Organismus anzusehen gelernt hat. Aber eben aus dieser
Anschauung erwächst der Frau jene neue, weit wirksamere Be-
gründung ihres Rechts: ihre Ausschließung vom öffentlichen
Leben schaltet Gesichtspunkte und Fähigkeiten aus, die schlechter-
dings von niemand anders zu ersetzen sind.

Und die nicht entbehrt werden können, wenn unser politisches
Jdeal ein Staatswesen ist, in dem jedes Kulturinteresse mit-
bestimmend werden soll. Jn der Kölnischen Zeitung hat vor
einigen Jahren einmal der Historiker Lamprecht ausgeführt, die
Aufgabe unserer Zeit sei nicht eine weitere Demokratisierung
des Wahlrechts, sondern eine innere Politisierung der Gesell-
schaft durch Erziehung der überpersönlichen, auf die Gemeinschaft
gerichteten Jnteressen. Er würde wohl aus diesem Grunde
den Gedanken an das Frauenwahlrecht in irgendeiner Form
weit von sich weisen, aber damit einverstanden sein, daß auch
die Frauen dazu erzogen werden, Gemeinschaftsinteressen zu
pflegen und Gemeinschaftsaufgaben in Angriff zu nehmen,
damit sie ihrerseits als Mütter und Erzieherinnen, aber auch
als soziale Arbeiterinnen an der Verstärkung des nationalen
Pflichtbewußtseins - jener lebendigen Seele, die den Volks-
körper erfüllen muß, wenn er nicht faulen soll - mitarbeiten.
Wir Frauen aber behaupten, daß das eine ohne das andere
nicht möglich ist. Wenn das Jnteresse der Frauen in der Tat
sich heute nicht mehr in der Familie und den Angelegen-

Mittel gäbe, den Einfluß und die Erfahrung der Durchschnitts-
frau der Nation zur Geltung zu bringen.“

Jn der Tat muß diese Betonung der Differenz der Ge-
schlechter heute ganz an die Stelle der Naturrechtstheorieen
treten, mit denen man im ersten Stadium der Bewegung das
Recht der Frau auf volle Vertretung im Staat stützte. Bei
uns wenigstens zieht sein Pathos nicht mehr. Die Déclaration
des droits de la femme
, die amerikanische Declaration of
sentiments
, die auf diesem „Menschenrecht“ der Frau fußen
und den bewußten bösen Willen des Mannes für die Unter-
drückung der Frau verantwortlich machen, haben nicht mehr
mitzusprechen in einem Staatsleben, das man als einen
Organismus anzusehen gelernt hat. Aber eben aus dieser
Anschauung erwächst der Frau jene neue, weit wirksamere Be-
gründung ihres Rechts: ihre Ausschließung vom öffentlichen
Leben schaltet Gesichtspunkte und Fähigkeiten aus, die schlechter-
dings von niemand anders zu ersetzen sind.

Und die nicht entbehrt werden können, wenn unser politisches
Jdeal ein Staatswesen ist, in dem jedes Kulturinteresse mit-
bestimmend werden soll. Jn der Kölnischen Zeitung hat vor
einigen Jahren einmal der Historiker Lamprecht ausgeführt, die
Aufgabe unserer Zeit sei nicht eine weitere Demokratisierung
des Wahlrechts, sondern eine innere Politisierung der Gesell-
schaft durch Erziehung der überpersönlichen, auf die Gemeinschaft
gerichteten Jnteressen. Er würde wohl aus diesem Grunde
den Gedanken an das Frauenwahlrecht in irgendeiner Form
weit von sich weisen, aber damit einverstanden sein, daß auch
die Frauen dazu erzogen werden, Gemeinschaftsinteressen zu
pflegen und Gemeinschaftsaufgaben in Angriff zu nehmen,
damit sie ihrerseits als Mütter und Erzieherinnen, aber auch
als soziale Arbeiterinnen an der Verstärkung des nationalen
Pflichtbewußtseins – jener lebendigen Seele, die den Volks-
körper erfüllen muß, wenn er nicht faulen soll – mitarbeiten.
Wir Frauen aber behaupten, daß das eine ohne das andere
nicht möglich ist. Wenn das Jnteresse der Frauen in der Tat
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[16/0022] Mittel gäbe, den Einfluß und die Erfahrung der Durchschnitts- frau der Nation zur Geltung zu bringen.“ Jn der Tat muß diese Betonung der Differenz der Ge- schlechter heute ganz an die Stelle der Naturrechtstheorieen treten, mit denen man im ersten Stadium der Bewegung das Recht der Frau auf volle Vertretung im Staat stützte. Bei uns wenigstens zieht sein Pathos nicht mehr. Die Déclaration des droits de la femme, die amerikanische Declaration of sentiments, die auf diesem „Menschenrecht“ der Frau fußen und den bewußten bösen Willen des Mannes für die Unter- drückung der Frau verantwortlich machen, haben nicht mehr mitzusprechen in einem Staatsleben, das man als einen Organismus anzusehen gelernt hat. Aber eben aus dieser Anschauung erwächst der Frau jene neue, weit wirksamere Be- gründung ihres Rechts: ihre Ausschließung vom öffentlichen Leben schaltet Gesichtspunkte und Fähigkeiten aus, die schlechter- dings von niemand anders zu ersetzen sind. Und die nicht entbehrt werden können, wenn unser politisches Jdeal ein Staatswesen ist, in dem jedes Kulturinteresse mit- bestimmend werden soll. Jn der Kölnischen Zeitung hat vor einigen Jahren einmal der Historiker Lamprecht ausgeführt, die Aufgabe unserer Zeit sei nicht eine weitere Demokratisierung des Wahlrechts, sondern eine innere Politisierung der Gesell- schaft durch Erziehung der überpersönlichen, auf die Gemeinschaft gerichteten Jnteressen. Er würde wohl aus diesem Grunde den Gedanken an das Frauenwahlrecht in irgendeiner Form weit von sich weisen, aber damit einverstanden sein, daß auch die Frauen dazu erzogen werden, Gemeinschaftsinteressen zu pflegen und Gemeinschaftsaufgaben in Angriff zu nehmen, damit sie ihrerseits als Mütter und Erzieherinnen, aber auch als soziale Arbeiterinnen an der Verstärkung des nationalen Pflichtbewußtseins – jener lebendigen Seele, die den Volks- körper erfüllen muß, wenn er nicht faulen soll – mitarbeiten. Wir Frauen aber behaupten, daß das eine ohne das andere nicht möglich ist. Wenn das Jnteresse der Frauen in der Tat sich heute nicht mehr in der Familie und den Angelegen-

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Zitationshilfe: Lange, Helene: Die Frauen und das politische Leben. Berlin, 1909, S. 16. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lange_frauen_1909/22>, abgerufen am 11.08.2022.