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Lange, Helene: Die Frauen und das politische Leben. Berlin, 1909.

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sich auch zur Förderung aller dieser Kulturbewegungen der
Macht und des Einflusses des Staates in steigendem Maße zu
bedienen versucht. Und wir fragen, wie stellt sich das Verhältnis
der Frau zum politischen Leben unter diesem Gesichtspunkt dar?

Es ist ein Satz, der gerade von den Gegnern der Frauen-
bewegung immer wieder in den Vordergrund gestellt und gegen
die Frauenbewegung ausgespielt wird, daß Männer und Frauen
fundamental verschieden seien und daß die fortschreitende Ent-
wicklung, Verfeinerung und Durchbildung ihres Wesens diese
Verschiedenheit immer stärker zum Ausdruck bringen müsse.
Wir akzeptieren diesen Satz; ja, wir haben es kaum nötig,
ihn ausdrücklich zu akzeptieren, denn die große Mehrzahl, die
eigentlichen Führerinnen der deutschen Frauenbewegung sind
nie von einer anderen psychologischen Voraussetzung ausgegangen.
Wir geben zu, daß in ihrer Stellung zur Kultur, in den An-
schauungen über das, was wertvoll ist, in der Abschätzung
zwischen den Rechten des einzelnen und der Ordnung für die
Gesamtheit, in der Beurteilung von Fragen des Familienlebens,
der Schule usw., in der Bewertung des Gefühlslebens auf der
einen, der Verstandesleistungen auf der andern Seite, daß in
all diesen Dingen feine, aber fundamentale Unterschiede zwischen
Mann und Frau bestehen, Verschiedenheiten der Auffassung,
die summiert so etwas wie eine männliche Kultur auf der einen,
eine weibliche Kultur auf der andern Seite ergeben. Wir geben
ferner zu, daß diese Verschiedenheit der Anlagen und Wesensart
sich verstärkt und entfaltet durch die besonderen Eindrücke, Er-
fahrungen und Anforderungen, die der Frau in ihrem spezifischen
Lebenskreis entgegentreten. Aber wir schließen aus dieser Tat-
sache gerade das Gegenteil wie unsere Gegner. Wir behaupten,
daß die Jnteressen der Frauen nicht von Männern vertreten
werden können, so wenig, wie umgekehrt die Jnteressen der
Männer von Frauen vertreten werden können. "Wenn es
keine Geschlechtsverschiedenheiten gäbe", sagt Thomas Higginson
in seinem Buche ,Common Sense about Women', "so würde
das Unrecht, das den Frauen durch ihre politische Rechtlosigkeit
geschieht, weit geringer sein. Gerade weil ihr Wesen, ihre

sich auch zur Förderung aller dieser Kulturbewegungen der
Macht und des Einflusses des Staates in steigendem Maße zu
bedienen versucht. Und wir fragen, wie stellt sich das Verhältnis
der Frau zum politischen Leben unter diesem Gesichtspunkt dar?

Es ist ein Satz, der gerade von den Gegnern der Frauen-
bewegung immer wieder in den Vordergrund gestellt und gegen
die Frauenbewegung ausgespielt wird, daß Männer und Frauen
fundamental verschieden seien und daß die fortschreitende Ent-
wicklung, Verfeinerung und Durchbildung ihres Wesens diese
Verschiedenheit immer stärker zum Ausdruck bringen müsse.
Wir akzeptieren diesen Satz; ja, wir haben es kaum nötig,
ihn ausdrücklich zu akzeptieren, denn die große Mehrzahl, die
eigentlichen Führerinnen der deutschen Frauenbewegung sind
nie von einer anderen psychologischen Voraussetzung ausgegangen.
Wir geben zu, daß in ihrer Stellung zur Kultur, in den An-
schauungen über das, was wertvoll ist, in der Abschätzung
zwischen den Rechten des einzelnen und der Ordnung für die
Gesamtheit, in der Beurteilung von Fragen des Familienlebens,
der Schule usw., in der Bewertung des Gefühlslebens auf der
einen, der Verstandesleistungen auf der andern Seite, daß in
all diesen Dingen feine, aber fundamentale Unterschiede zwischen
Mann und Frau bestehen, Verschiedenheiten der Auffassung,
die summiert so etwas wie eine männliche Kultur auf der einen,
eine weibliche Kultur auf der andern Seite ergeben. Wir geben
ferner zu, daß diese Verschiedenheit der Anlagen und Wesensart
sich verstärkt und entfaltet durch die besonderen Eindrücke, Er-
fahrungen und Anforderungen, die der Frau in ihrem spezifischen
Lebenskreis entgegentreten. Aber wir schließen aus dieser Tat-
sache gerade das Gegenteil wie unsere Gegner. Wir behaupten,
daß die Jnteressen der Frauen nicht von Männern vertreten
werden können, so wenig, wie umgekehrt die Jnteressen der
Männer von Frauen vertreten werden können. „Wenn es
keine Geschlechtsverschiedenheiten gäbe“, sagt Thomas Higginson
in seinem Buche ‚Common Sense about Women‘, „so würde
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[13/0019] sich auch zur Förderung aller dieser Kulturbewegungen der Macht und des Einflusses des Staates in steigendem Maße zu bedienen versucht. Und wir fragen, wie stellt sich das Verhältnis der Frau zum politischen Leben unter diesem Gesichtspunkt dar? Es ist ein Satz, der gerade von den Gegnern der Frauen- bewegung immer wieder in den Vordergrund gestellt und gegen die Frauenbewegung ausgespielt wird, daß Männer und Frauen fundamental verschieden seien und daß die fortschreitende Ent- wicklung, Verfeinerung und Durchbildung ihres Wesens diese Verschiedenheit immer stärker zum Ausdruck bringen müsse. Wir akzeptieren diesen Satz; ja, wir haben es kaum nötig, ihn ausdrücklich zu akzeptieren, denn die große Mehrzahl, die eigentlichen Führerinnen der deutschen Frauenbewegung sind nie von einer anderen psychologischen Voraussetzung ausgegangen. Wir geben zu, daß in ihrer Stellung zur Kultur, in den An- schauungen über das, was wertvoll ist, in der Abschätzung zwischen den Rechten des einzelnen und der Ordnung für die Gesamtheit, in der Beurteilung von Fragen des Familienlebens, der Schule usw., in der Bewertung des Gefühlslebens auf der einen, der Verstandesleistungen auf der andern Seite, daß in all diesen Dingen feine, aber fundamentale Unterschiede zwischen Mann und Frau bestehen, Verschiedenheiten der Auffassung, die summiert so etwas wie eine männliche Kultur auf der einen, eine weibliche Kultur auf der andern Seite ergeben. Wir geben ferner zu, daß diese Verschiedenheit der Anlagen und Wesensart sich verstärkt und entfaltet durch die besonderen Eindrücke, Er- fahrungen und Anforderungen, die der Frau in ihrem spezifischen Lebenskreis entgegentreten. Aber wir schließen aus dieser Tat- sache gerade das Gegenteil wie unsere Gegner. Wir behaupten, daß die Jnteressen der Frauen nicht von Männern vertreten werden können, so wenig, wie umgekehrt die Jnteressen der Männer von Frauen vertreten werden können. „Wenn es keine Geschlechtsverschiedenheiten gäbe“, sagt Thomas Higginson in seinem Buche ‚Common Sense about Women‘, „so würde das Unrecht, das den Frauen durch ihre politische Rechtlosigkeit geschieht, weit geringer sein. Gerade weil ihr Wesen, ihre

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Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2022-03-24T10:53:44Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt, Dennis Dietrich: Bearbeitung der digitalen Edition. (2022-03-24T10:53:44Z)

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Zitationshilfe: Lange, Helene: Die Frauen und das politische Leben. Berlin, 1909, S. 13. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lange_frauen_1909/19>, abgerufen am 19.08.2022.