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[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 3. Halle, 1769.

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Elfter Gesang.
Aber verlaß du mich nicht, wie dein Gott dich verließ! Jch vertiefe
Mich vergebens in diesen Gedanken, durchforsche vergebens:
Gott, dein Gott verließ dich! ... Erstaunungsvoller, als alles,
Was mich jemals erschreckt, ist dieser zu ernster Gedanke!
Könnt' ich nur noch stammeln; ihr treuen Wenigen, würdet
Mirs antworten, ob ihr ihn sahet, als er es zu Gott rief?
Ob ihr sahet sein Haupt empor ihn richten? sein Auge
Nach dem Himmel starren? des Rufenden Angesicht sahet?
Seine donnernde Stimme, mit der er rufte, vernahmt ihr!
Könnt' ichs euch stammeln! Um mich vergingen Himmel und Erde!
Und es entströmte mir heisseres Blut! ich glaubt', ich stürbe!
Ach! sie sehn mitleidig mich an! Jhr Sanften! ihr Frommen!
Weinen kann mein Auge nicht mehr; es würd euch beweinen!
Dich vor allen, o Mutter! Verlaß sie nicht, wie dein Vater
Dich verließ! Ach mich, verlaß mich so nicht, Erbarmer!

Also dacht er, und rang mit dem Tode. Gottes Erleuchtung
Ueberstrahlt' ihn jetzt heller. Den Zweck des göttlichen Opfers,
Daß des Geopferten Blut, in das ewige Leben gequollen!
Gott versöhnt sey! lehrt' ihn der Geist des Vaters und Sohnes!
Und er erstaunte, wie nur zu erstaunen vermag, wen Gott lehrt.
Von Pilatus, ihn hatten die Hohenpriester gebeten,
Nicht, bis die Uebelthäter den Tod der Kreuzigung stürben,
Nicht zu warten, sie jetzt zu tödten! sie jetzt zu begraben!
Daß der Verfluchten Gebein des Passa Fest nicht entweihte,
Drum kömmt jetzt von Pilatus ein Sclav, und eilet, und redet
Mit dem Hauptmann. Dieser gebeut. Schnell fasset der nächste
Eine Keule voll Bluts von vieler Gekreuzigten Tode,
Naht

Elfter Geſang.
Aber verlaß du mich nicht, wie dein Gott dich verließ! Jch vertiefe
Mich vergebens in dieſen Gedanken, durchforſche vergebens:
Gott, dein Gott verließ dich! … Erſtaunungsvoller, als alles,
Was mich jemals erſchreckt, iſt dieſer zu ernſter Gedanke!
Koͤnnt’ ich nur noch ſtammeln; ihr treuen Wenigen, wuͤrdet
Mirs antworten, ob ihr ihn ſahet, als er es zu Gott rief?
Ob ihr ſahet ſein Haupt empor ihn richten? ſein Auge
Nach dem Himmel ſtarren? des Rufenden Angeſicht ſahet?
Seine donnernde Stimme, mit der er rufte, vernahmt ihr!
Koͤnnt’ ichs euch ſtammeln! Um mich vergingen Himmel und Erde!
Und es entſtroͤmte mir heiſſeres Blut! ich glaubt’, ich ſtuͤrbe!
Ach! ſie ſehn mitleidig mich an! Jhr Sanften! ihr Frommen!
Weinen kann mein Auge nicht mehr; es wuͤrd euch beweinen!
Dich vor allen, o Mutter! Verlaß ſie nicht, wie dein Vater
Dich verließ! Ach mich, verlaß mich ſo nicht, Erbarmer!

Alſo dacht er, und rang mit dem Tode. Gottes Erleuchtung
Ueberſtrahlt’ ihn jetzt heller. Den Zweck des goͤttlichen Opfers,
Daß des Geopferten Blut, in das ewige Leben gequollen!
Gott verſoͤhnt ſey! lehrt’ ihn der Geiſt des Vaters und Sohnes!
Und er erſtaunte, wie nur zu erſtaunen vermag, wen Gott lehrt.
Von Pilatus, ihn hatten die Hohenprieſter gebeten,
Nicht, bis die Uebelthaͤter den Tod der Kreuzigung ſtuͤrben,
Nicht zu warten, ſie jetzt zu toͤdten! ſie jetzt zu begraben!
Daß der Verfluchten Gebein des Paſſa Feſt nicht entweihte,
Drum koͤmmt jetzt von Pilatus ein Sclav, und eilet, und redet
Mit dem Hauptmann. Dieſer gebeut. Schnell faſſet der naͤchſte
Eine Keule voll Bluts von vieler Gekreuzigten Tode,
Naht
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[31/0047] Elfter Geſang. Aber verlaß du mich nicht, wie dein Gott dich verließ! Jch vertiefe Mich vergebens in dieſen Gedanken, durchforſche vergebens: Gott, dein Gott verließ dich! … Erſtaunungsvoller, als alles, Was mich jemals erſchreckt, iſt dieſer zu ernſter Gedanke! Koͤnnt’ ich nur noch ſtammeln; ihr treuen Wenigen, wuͤrdet Mirs antworten, ob ihr ihn ſahet, als er es zu Gott rief? Ob ihr ſahet ſein Haupt empor ihn richten? ſein Auge Nach dem Himmel ſtarren? des Rufenden Angeſicht ſahet? Seine donnernde Stimme, mit der er rufte, vernahmt ihr! Koͤnnt’ ichs euch ſtammeln! Um mich vergingen Himmel und Erde! Und es entſtroͤmte mir heiſſeres Blut! ich glaubt’, ich ſtuͤrbe! Ach! ſie ſehn mitleidig mich an! Jhr Sanften! ihr Frommen! Weinen kann mein Auge nicht mehr; es wuͤrd euch beweinen! Dich vor allen, o Mutter! Verlaß ſie nicht, wie dein Vater Dich verließ! Ach mich, verlaß mich ſo nicht, Erbarmer! Alſo dacht er, und rang mit dem Tode. Gottes Erleuchtung Ueberſtrahlt’ ihn jetzt heller. Den Zweck des goͤttlichen Opfers, Daß des Geopferten Blut, in das ewige Leben gequollen! Gott verſoͤhnt ſey! lehrt’ ihn der Geiſt des Vaters und Sohnes! Und er erſtaunte, wie nur zu erſtaunen vermag, wen Gott lehrt. Von Pilatus, ihn hatten die Hohenprieſter gebeten, Nicht, bis die Uebelthaͤter den Tod der Kreuzigung ſtuͤrben, Nicht zu warten, ſie jetzt zu toͤdten! ſie jetzt zu begraben! Daß der Verfluchten Gebein des Paſſa Feſt nicht entweihte, Drum koͤmmt jetzt von Pilatus ein Sclav, und eilet, und redet Mit dem Hauptmann. Dieſer gebeut. Schnell faſſet der naͤchſte Eine Keule voll Bluts von vieler Gekreuzigten Tode, Naht

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Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 3. Halle, 1769, S. 31. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias03_1769/47>, abgerufen am 14.05.2021.