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[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 3. Halle, 1769.

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Der Messias.
Daß vor des Rufenden Stimme der Hain und die Felsen erbebten!
Hiob empfand es! Er war, nun war er von neuem erschaffen!
Hielt sich nicht, rief gen Himmel mit stürzenden Thränen gen Himmel,
Daß vor des Rufenden Stimme der Hain, und die Felsen erbebten:
Heilig! Heilig! Heilig ist der, der seyn wird, und seyn wird!

Trübe war noch der Himmel um Golgatha. Nächtliche Wolken
Ueberwölkten die Thäler und Höhn, des geschlachteten Opfers
Ganzen Schauplatz, so weit das Auge der Menschen den Hügel,
Wo das Kreuz des Getödteten stand, zu sehen vermochte.
Starr, mit tiefgesunkenem Haupte, die heilige Schläfe
Mit der Krone der Schmach bedeckt, im Blute, das auch starr
Stillstand, aufgehört hatte, dem Richter zu rufen um Gnade!
Jn die Himmel der Himmel hinauf, um Gnade des Vaters!
Hing dein Leichnam, o hätt ich Namen, dich würdig zu nennen,
Hing dein Leichnam, nicht Thränen, und nicht des Bebenden Stimme
Nennt dich! hing am hohen Kreuze dein Leichnam herunter.
Auch der leiseste Laut der Lüfte verstummt' um den Todten,
Himmel und Erde verstummten. Von Menschen verlassen, einsam
Lag der Hügel. So liegt ein Schlachtfeld von der Erschlagnen
Nun begnadigten oder gerichteten Seelen verlassen.
Unverwendet blickte der mitgekreuzigte Jüngling
Auf den Todten, obgleich in schwerem Schlummer sein Auge
Dunkel zu werden begann ... Du bist gestorben! gestorben!
Du, den meine Seele so sehr sie zu lieben vermag, liebt!
Und nun bin ich allein in diesem Tode der Marter!
Ach, gern will ich es leiden, will alles, alles erdulden,
Denn du hast vielmehr gelitten, vielmehr, wie ich leide,
Aber

Der Meſſias.
Daß vor des Rufenden Stimme der Hain und die Felſen erbebten!
Hiob empfand es! Er war, nun war er von neuem erſchaffen!
Hielt ſich nicht, rief gen Himmel mit ſtuͤrzenden Thraͤnen gen Himmel,
Daß vor des Rufenden Stimme der Hain, und die Felſen erbebten:
Heilig! Heilig! Heilig iſt der, der ſeyn wird, und ſeyn wird!

Truͤbe war noch der Himmel um Golgatha. Naͤchtliche Wolken
Ueberwoͤlkten die Thaͤler und Hoͤhn, des geſchlachteten Opfers
Ganzen Schauplatz, ſo weit das Auge der Menſchen den Huͤgel,
Wo das Kreuz des Getoͤdteten ſtand, zu ſehen vermochte.
Starr, mit tiefgeſunkenem Haupte, die heilige Schlaͤfe
Mit der Krone der Schmach bedeckt, im Blute, das auch ſtarr
Stillſtand, aufgehoͤrt hatte, dem Richter zu rufen um Gnade!
Jn die Himmel der Himmel hinauf, um Gnade des Vaters!
Hing dein Leichnam, o haͤtt ich Namen, dich wuͤrdig zu nennen,
Hing dein Leichnam, nicht Thraͤnen, und nicht des Bebenden Stimme
Nennt dich! hing am hohen Kreuze dein Leichnam herunter.
Auch der leiſeſte Laut der Luͤfte verſtummt’ um den Todten,
Himmel und Erde verſtummten. Von Menſchen verlaſſen, einſam
Lag der Huͤgel. So liegt ein Schlachtfeld von der Erſchlagnen
Nun begnadigten oder gerichteten Seelen verlaſſen.
Unverwendet blickte der mitgekreuzigte Juͤngling
Auf den Todten, obgleich in ſchwerem Schlummer ſein Auge
Dunkel zu werden begann … Du biſt geſtorben! geſtorben!
Du, den meine Seele ſo ſehr ſie zu lieben vermag, liebt!
Und nun bin ich allein in dieſem Tode der Marter!
Ach, gern will ich es leiden, will alles, alles erdulden,
Denn du haſt vielmehr gelitten, vielmehr, wie ich leide,
Aber
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[30/0046] Der Meſſias. Daß vor des Rufenden Stimme der Hain und die Felſen erbebten! Hiob empfand es! Er war, nun war er von neuem erſchaffen! Hielt ſich nicht, rief gen Himmel mit ſtuͤrzenden Thraͤnen gen Himmel, Daß vor des Rufenden Stimme der Hain, und die Felſen erbebten: Heilig! Heilig! Heilig iſt der, der ſeyn wird, und ſeyn wird! Truͤbe war noch der Himmel um Golgatha. Naͤchtliche Wolken Ueberwoͤlkten die Thaͤler und Hoͤhn, des geſchlachteten Opfers Ganzen Schauplatz, ſo weit das Auge der Menſchen den Huͤgel, Wo das Kreuz des Getoͤdteten ſtand, zu ſehen vermochte. Starr, mit tiefgeſunkenem Haupte, die heilige Schlaͤfe Mit der Krone der Schmach bedeckt, im Blute, das auch ſtarr Stillſtand, aufgehoͤrt hatte, dem Richter zu rufen um Gnade! Jn die Himmel der Himmel hinauf, um Gnade des Vaters! Hing dein Leichnam, o haͤtt ich Namen, dich wuͤrdig zu nennen, Hing dein Leichnam, nicht Thraͤnen, und nicht des Bebenden Stimme Nennt dich! hing am hohen Kreuze dein Leichnam herunter. Auch der leiſeſte Laut der Luͤfte verſtummt’ um den Todten, Himmel und Erde verſtummten. Von Menſchen verlaſſen, einſam Lag der Huͤgel. So liegt ein Schlachtfeld von der Erſchlagnen Nun begnadigten oder gerichteten Seelen verlaſſen. Unverwendet blickte der mitgekreuzigte Juͤngling Auf den Todten, obgleich in ſchwerem Schlummer ſein Auge Dunkel zu werden begann … Du biſt geſtorben! geſtorben! Du, den meine Seele ſo ſehr ſie zu lieben vermag, liebt! Und nun bin ich allein in dieſem Tode der Marter! Ach, gern will ich es leiden, will alles, alles erdulden, Denn du haſt vielmehr gelitten, vielmehr, wie ich leide, Aber

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Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 3. Halle, 1769, S. 30. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias03_1769/46>, abgerufen am 13.05.2021.