Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Klingemann, Ernst August Friedrich: Nachtwachen. Penig, 1805.

Bild:
<< vorherige Seite

Leib und Seele des Verstorbenen dem Teufel,
dem der Pfaff sie zugesprochen, zu entreißen.

Der Bruder des Abgeschiedenen allein, ein
Soldat, hielt im festen sichern Glauben an
den Himmel und an seinen eigenen Muth, der
es mit dem Teufel selbst aufzunehmen wagte,
Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig
und erwartend, und er schaute abwechselnd in
das starre Antlitz des Todten und in das Wet-
terleuchten, das oft feindlich durch den matten
Schein der Kerzen zuckte; sein Säbel lag ge-
zogen auf der Leiche, und glich mit seinem
wie ein Kreuz gestalteten Griffe einer geist-
lichen und weltlichen Waffe zugleich.

Uebrigens herrschte Todtenstille rings um,
und außer dem fernen Murren des Gewitters
und dem Knistern der Kerzen vernahm man
nichts.

So bliebs, bis in einzelnen ernsten Schlä-
gen die Klocke Mitternacht ankündigte; -- da
führte plözlich der Sturmwind hoch oben in

Leib und Seele des Verſtorbenen dem Teufel,
dem der Pfaff ſie zugeſprochen, zu entreißen.

Der Bruder des Abgeſchiedenen allein, ein
Soldat, hielt im feſten ſichern Glauben an
den Himmel und an ſeinen eigenen Muth, der
es mit dem Teufel ſelbſt aufzunehmen wagte,
Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig
und erwartend, und er ſchaute abwechſelnd in
das ſtarre Antlitz des Todten und in das Wet-
terleuchten, das oft feindlich durch den matten
Schein der Kerzen zuckte; ſein Saͤbel lag ge-
zogen auf der Leiche, und glich mit ſeinem
wie ein Kreuz geſtalteten Griffe einer geiſt-
lichen und weltlichen Waffe zugleich.

Uebrigens herrſchte Todtenſtille rings um,
und außer dem fernen Murren des Gewitters
und dem Kniſtern der Kerzen vernahm man
nichts.

So bliebs, bis in einzelnen ernſten Schlaͤ-
gen die Klocke Mitternacht ankuͤndigte; — da
fuͤhrte ploͤzlich der Sturmwind hoch oben in

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0020" n="18"/>
Leib und Seele des Ver&#x017F;torbenen dem Teufel,<lb/>
dem der Pfaff &#x017F;ie zuge&#x017F;prochen, zu entreißen.</p><lb/>
        <p>Der Bruder des Abge&#x017F;chiedenen allein, ein<lb/>
Soldat, hielt im fe&#x017F;ten &#x017F;ichern Glauben an<lb/>
den Himmel und an &#x017F;einen eigenen Muth, der<lb/>
es mit dem Teufel &#x017F;elb&#x017F;t aufzunehmen wagte,<lb/>
Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig<lb/>
und erwartend, und er &#x017F;chaute abwech&#x017F;elnd in<lb/>
das &#x017F;tarre Antlitz des Todten und in das Wet-<lb/>
terleuchten, das oft feindlich durch den matten<lb/>
Schein der Kerzen zuckte; &#x017F;ein Sa&#x0364;bel lag ge-<lb/>
zogen auf der Leiche, und glich mit &#x017F;einem<lb/>
wie ein Kreuz ge&#x017F;talteten Griffe einer gei&#x017F;t-<lb/>
lichen und weltlichen Waffe zugleich.</p><lb/>
        <p>Uebrigens herr&#x017F;chte Todten&#x017F;tille rings um,<lb/>
und außer dem fernen Murren des Gewitters<lb/>
und dem Kni&#x017F;tern der Kerzen vernahm man<lb/>
nichts.</p><lb/>
        <p>So bliebs, bis in einzelnen ern&#x017F;ten Schla&#x0364;-<lb/>
gen die Klocke Mitternacht anku&#x0364;ndigte; &#x2014; da<lb/>
fu&#x0364;hrte plo&#x0364;zlich der Sturmwind hoch oben in<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[18/0020] Leib und Seele des Verſtorbenen dem Teufel, dem der Pfaff ſie zugeſprochen, zu entreißen. Der Bruder des Abgeſchiedenen allein, ein Soldat, hielt im feſten ſichern Glauben an den Himmel und an ſeinen eigenen Muth, der es mit dem Teufel ſelbſt aufzunehmen wagte, Wache an dem Sarge. Sein Blick war ruhig und erwartend, und er ſchaute abwechſelnd in das ſtarre Antlitz des Todten und in das Wet- terleuchten, das oft feindlich durch den matten Schein der Kerzen zuckte; ſein Saͤbel lag ge- zogen auf der Leiche, und glich mit ſeinem wie ein Kreuz geſtalteten Griffe einer geiſt- lichen und weltlichen Waffe zugleich. Uebrigens herrſchte Todtenſtille rings um, und außer dem fernen Murren des Gewitters und dem Kniſtern der Kerzen vernahm man nichts. So bliebs, bis in einzelnen ernſten Schlaͤ- gen die Klocke Mitternacht ankuͤndigte; — da fuͤhrte ploͤzlich der Sturmwind hoch oben in

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/klingemann_nachtwachen_1805
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/klingemann_nachtwachen_1805/20
Zitationshilfe: Klingemann, Ernst August Friedrich: Nachtwachen. Penig, 1805, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klingemann_nachtwachen_1805/20>, abgerufen am 19.04.2024.